Mittwoch, 11. August 2021

[NACHGEDACHT] Wie Gendern unsere Sprache NICHT verhunzt


Ein Bekannter hat mir ein Video geschickt, in dem ein gewisser Dr. Tomas Kubelik einen Vortrag hält, in dem er die gendergerechte Sprache kritisiert. Es wird Menschen geben, die diesen Vortrag als Quelle verwenden, um ihre eigene Meinung zu untermauern. Meiner Ansicht nach ist dieser Vortrag allerdings völlig haltlos und dazu habe ich mir dann genauer Gedanken gemacht. Das Video könnnt ihr euch im Folgenden anschauen, aber bitte lest danach meine Anmerkungen dazu, denn diese relativieren seine Aussagen ungemein. 
 


 • Nach 8 Minuten: Er macht sich übers Gendern lustig. Das ist leider sehr unsachlich für einen angeblich wissenschaftlichen Vortrag. Er findet es lächerlich, wenn ausschließlich die weibliche Form benutzt wird und macht sich darüber lustig, dass dann Männer mitgemeint seien. Aber dass es seit jeher genau umgekehrt ist und generell die männliche Form verwendet wird, soll in Ordnung sein. Das finde ich ungerecht.

 • Minute 9: Nicht alles sagen zu dürfen, sei nach ihm also Verbot der Meinungsfreiheit. Dann wäre das N-Wort zu benutzen seiner Meinung nach auch okay. Wäre ja dann Meinungsfreiheit. Ich sehe das überhaupt nicht so.

 • Minute 10: Angeblich darf man, wenn man einen Satz mit 'wer' beginnt, nicht 'sie' verwenden. Wieso das nicht? Das hat nichts mit Grammatik zu tun, sondern mit Sprachgewohnheit. Man muss sich eventuell umgewöhnen, aber das ist doch nicht so schwer. "Wer nach einem Kochrezept kochen will, weiß, dass er/sie darin die Anleitung für die Zutatenliste findet." 'Wer' bezieht sich nicht nur auf 'er'. Oder wie fragt man nach dem Subjekt im Satz: "Sie kocht nach einem Rezept." (Wer kocht nach einem Rezept? - Sie.) Daher ist seine Aussage falsch.
 
 • Minute 11: Er behauptet, das Verstehen eines gegenderten Satzes sei (u.a. für Leute mit Sprachdefiziten) unmöglich. Das ist eine leere Behauptung. Wenn man sich daran gewöhnt, ist es kein Problem. Man muss es nur durch Wiederholungen üben. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es keine Hürde ist.

 • Minute 13: Er bezeichnet das Gendern als 'oben verordnete Sprachvorschriften'. Muss das was Schlechtes sein, wenn es soziale Ungerechtigkeiten verbessert? Nein! Darüber hinaus finde ich es wichtig, dass der Staat zu bestimmten Themen eine Position einnimmt - siehe zum Beispiel beim Thema Ehen gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Neutratlität finde ich fatal in so einem Punkt und wirft ein falsches Bild auf die Gesellschaft. Seit wann ist Politik übrigens neutral? Parteien haben ihre Programme und diese fahren eine bestimmte Linie. Sie sind doch nicht neutral.

 • Minute 14: Er behauptet, es gibt Studien, Meinungsumfragen etc. und 80 bis 90 Prozent lehnen angeblich das Gendern ab. Er nennt keine genauen Quellen und stellt leere Behauptungen auf. Wer wurde denn befragt? Wie wurden diese Studien aufgebaut? Wer hat das was untersucht? Sind die Studien, Meinungsumfragen valide? Wo finde ich sie? Man weiß doch: "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Es gibt sicherlich auch Studien und Meinungsumfragen, die das Gegenteil beweisen, wenn man nur die richtigen Leute fragt.

 • Minute 17: Er bezieht sich auf eine Linguistin und deren Zitate von vor 30 Jahren. Wenn ich das in irgendeiner Uni-Arbeit gebracht hätte, wäre es rot angestrichen worden, mit dem Hinweis, aktuelle Quellen zu verwenden. Aber scheinbar brauchte er genau dieses Negativ-Beispiel, um seine Behauptungen zu stützen. Leider ist das ebenfalls unsachlich wie seine ganze, mit Sarkasmus vorgetragene Präsentation.
 
 • Eine strukturelle Benachteiligung von Frauen existiert seiner Meinung nicht. Wie bitte? Wo lebt er? Ich bin fassungslos, dass da das Publikum klatscht. Er lebt fern von Realität. Sag mal einer Frau, die einen Job nicht bekommt, weil sie eine Frau ist, dass es keine strukturelle Benachteiligung gibt. Warum ist die Besetzung von Managerposten ungleich verteilt? Weil Frauen schlechter in den Berufen sind oder wie? Bei so einer Aussage werde ich wütend.
 
 • Minute 13: Er bringt tatsächlich das Beispiel mit dem N-Wort und meint, es hätte sich nichts geändert, dadurch, dass man es nicht mehr sagt. Es stimmt, dass es leider noch immer Rassismus gibt, auch nach der Änderung des Wortes. Aber Sprachbewusstsein fördert  überhaupt das Bewusstsein über gewisse Begriffe. Außerdem ist das N-Wort an sich ein beleidigender Begriff und steht im Zusammenhang mit der Sklaverei etc. Dass man es nicht mehr sagt und neutralere Begriffe verwendet, ist auf jeden Fall besser. Das untermauert sogar noch die Argumentation, Sprache zu gendern.

 • Minute 20: Er bezeichnet das Gendern als einen "Angriff auf die Sprache und die Grammatik". Dabei benennt er selbst den Sprachwandel. Sprache ändert sich nun mal. Hierzu ein Beispiel: Präpositionen werden sich über kurz oder lang auflösen. Höchstwahrscheinlich wird der Satz 'Ich geh Schule' irgendwann grammatikalisch als korrekt angesehen werden. "Viele der aktuellen Regelverstöße machen einen Trend sichtbar, der schon seit Jahrhunderten schleichend wirkt: die Verschleifung und Vereinfachung der indogermanischen Sprachen." (Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/sprachwissenschaft-vollkommen-nutzlos-fuer-den-unterricht-1844279.html vom 11.08.2021). Das ist also kein Argument, was er bringt. 

 • "Toller" Gag bei Minute 21: "Frauen sind die besseren Autofahrer und Autofahrerinnen." Da ist es gar nicht nötig, 'Autofahrer' zu sagen, weil Frauen IMMER Autofahrerinnen sind. Er hat es wirklich nicht verstanden. Und der Witz zeigt auch, was das für ein Chauvinist ist.
 
 • Minute 22: Er vermischt Genus und Sexus. Damit macht er erneut deutlich, dass er es nicht verstanden hat. Es wird ja nicht verlangt, dass man von nun an "Stuhl*in" sagt. Der Stuhl bleibt "der Stuhl".
 
 • Minute 28: Er stellt die ganzen 'Forderungen' von Feministinnen so dar, als wären sie der Weisheit letzter Schluss. Stattdessen sind es Vorschläge, Sprache gerechter zu gestalten. In den Beispielen, die er nennt, bei denen eine gegenderte Form nicht möglich sei, sollte man eventuell über Alternativen nachdenken, statt sie gleich zu verteufeln. Er spricht auch von 'Lehrern' in seinem Beispiel. Da gibt es die Alternative 'Lehrkräfte' oder 'Lehrpersonal'. Und so kann man das auch für andere Wörter finden. 'Lehrlinge' als Gegenargument zu verwenden, weil man daraus kein Femininum bilden kann, ist einfach nur kindisch und lächerlich, ergo erneut unsachlich. Zudem spricht man heutzutage nicht mehr von "Lehrlingen", sondern von Auszubildenen und da funktioniert es wieder sehr gut mit dem Gendern.

 • Minute 29: Gendern sei u.a. unpraktikabel und unästhetisch, sagt er. Unpraktikabel ist es nicht. Da gibt es Gegenbeispiele und mittlerweile sogar Literatur, die so verfasst wird - siehe "Wasteland" von Judith und Christian Vogt. "Das Besondere: in „Wasteland“ gibt es zu 100% gendergerechte Sprache. Soll heißen, wenn in einer Gruppe Männer und Frauen vorhanden sind, dann werden auch beide benannt. Das generische Maskulinum ist Vergangenheit." (Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/gendergerechter-roman-aus-fuer-das-generische-maskulinum.807.de.html?dram:article_id=472670 vom 11.08.2021). Ästethik ist streitbar. Was wer wie ästethisch findet, ist Geschmackssache und in der Kunst ist ja sowieso alles erlaubt. Also kann das die/der Künster*in selbst entscheiden.
 
 • Minute 30: Das Binnen-I ist ein Vorschlag wie das Gender-Sternchen. Wie in jeder Wissenschaft muss natürlich auch erst einmal geforscht werden, was am sinnhaftesten ist. Vielleicht haben wir ja in ein oder zwei Jahren den heiligen Gral gefunden, wie man es am besten macht, wenn man weiter forscht. Es von vornherein zu verneinen, würde ich einfach als Verweigerung bezeichnen. 
 
"Das ist kein Argument, sondern eine Verweigerung. Genauso könnte jemand sagen: Texte im generischen Maskulinum lese ich nicht, das ist mir zu diskriminierend." (Quelle: https://www.gespraechswert.de/gendern-argumente/#gendern-sternchen vom 11.08.2021).

 • Minute 31: Er behauptet, das Binnen-I fügt sich nicht dem Grammatiksystem. Falsch! Es ist durchaus möglich: 
Nominativ: der/die LehrerIn
Genitiv: des/der Lehrers/In
Dativ: dem/der LehrerIn
Akkusativ: den/die LehrerIn
Nur im Genitiv ist es nicht perfekt, aber zum einen kann man ja Alternativen überlegen, zum anderen wandelt sich der Genitiv seit Jahrhunderten schon (siehe https://ids-pub.bsz-bw.de/frontdoor/deliver/index/docId/8317/file/Szczepaniak_Sprachwandel_und_sprachliche_Unsicherheit_2014.pdf). 
 
 • Minute 34: Hier obliegt er der Erkenntnis, dass ein Computerprogramm nicht immer 100% sinnvoll gendergerecht übersetzt. Hat er noch nie den Google-Übersetzer verwendet? Dieser übersetzt die Sprache auch niemals 100%. Da muss von menschlicher Hand auch nachgeholfen werden. Also dieses Argument ist leider ebenfalls haltlos.
 
 • Minute 36: Da kann ich ihm nicht folgen. Wählende statt Wähler zu sagen, ist doch kein Problem. Und wenn eine Täterin eine Frau ist, warum sollte man dann 'Der Täter war eine Frau' sagen?
 
 • Minute 37: Sprache wird durchs Gendern sexualisiert. Aber das ist sie doch schon. Genau das ist ja der Punkt. Er behauptet jetzt wieder nur, sie sei bisher nicht sexualisiert gewesen. Dies ist haltlos.
 
"Die ersten Dokumente, die darüber sprechen, dass Personenbezeichnungen wie Bürger oder Müller in verallgemeinernder Weise für beide Geschlechter stehen können, berufen sich gerade nicht auf eine angebliche Geschlechtsneutralität der Maskulinformen, sondern ganz explizit darauf, dass sie geschlechtsspezifisch männlich sind. Dabei wird – in offen sexistischer Manier – mit der „natürlichen“ Rangordnung der Geschlechter argumentiert: Männer seien das erste, privilegierte und würdigere Geschlecht, daher muss bei verallgemeinernder Bedeutung die männliche Sprachform, zum Beispiel Bürger (semantisch männlich, grammatisch Maskulinum), gewählt werden. Da Frauen an sich nachrangig sind, muss man sie nicht nennen." (Quelle: https://www.tagesspiegel.de/wissen/streit-um-das-generische-maskulinum-mitgemeint-aber-ausgeschlossen/23077686.html vom 11.08.2021)
 
 • Ebd.: Er liest nicht deutlich vor. Mit dem Glotisschlag ist der Satz "Nur 20% aller ManagerInnen sind Frauen" richtig. Ohne die Pause ist es natürlich doof. Man sieht hier, dass er es absichtlich ins Lächerliche zieht. Das ist wieder unsachlich.
 
 • Minute 38: Hier spricht er um die Daseinsberechtigungen von Redewendungen, die nicht geschlechterneutral sind. Nur weil es Redewendungen über eine lange Zeit gibt, rechtfertigt ihre Existenz nicht. Es gibt genug sprachliche Wednungen, die ausgestorben sind. Man kann ja auch neue erfinden.

 • Minute 39: Hier führt er sein eigenes Argument ad absurdum. Sprache muss seiner Meinung nach konservativ sein. Wir würden sonst die Sachen von vor 200 Jahren nicht mehr verstehen. Das scheint aber für Schriftsprache wohl nicht zu gelten, denn die hat sich verändert. Mir fällt das Lesen der altdeutsche Schrift schwer.

 • Minute 43: Er schließt provokativ mit einem Zitat einer Journalistin ab. Wieso macht er das? Er will wohl damit sagen, dass SOGAR eine Frau, die darüber hinaus gebildet ist, das Gendern ablehnt. Soll das jetzt DAS absolute Argument sein, das Gendern abzulehnen? Manipulation nenne ich das. Er benutzt eine Frau, um seine These zu untermauern und das ist sexistisch.

 • Fazit: Der Vortrag beinhaltet leere Behauptungen eines Chauvinisten ohne Quellen und Beweise, unsachlich sowie sarkastisch dargelegt, was nur zeigt, dass man dagegen halten muss, damit so etwas nicht in die Welt getragen und als richtig befunden wird.
 
Das einzige Argument, was ich eventuell gelten lassen würde, ist der Blick auf andere 'genderneutrale' Sprachen. Allerdings nur teilweise, denn dass das Gendern alle sozialen Ungleichheiten aufhebt, wurde niemals behauptet. Es soll die Sichtbarkeiten von Frauen verbessern. Das bedeutet nicht, dass sofort alle Frauen vollständige Gleichberechtigung erlangen, wenn gegendert wird. Das wäre ja utopisch.
 
"Das wäre auch krass, wenn Sprache allein so mächtig wäre, dass sie den Gehaltszettel ganzer Gruppen korrigiert oder dafür sorgt, dass sich Männer und Frauen zu gleichen Anteilen um die Haushalts- und Pflege-Aufgaben kümmern. Dazu gehört mehr, als nur gendersensibel zu formulieren." (Quelle: https://www.gespraechswert.de/gendern-argumente/#gendern-sternchen vom 11.08.2021)
 
Deshalb kann der Blick auf andere Sprachen, in denen es das  genere Maskulinum nicht gibt, keinen kompletten Rückschluss bieten. Da spielen ja noch andere Faktoren mit hinein (z.B. die Geschichte, Religion oder Kultur). 
 
Wie man sieht, sollte das Video mit diesem Vortrag keine Stütze für die Argumentation gegen gendergerechte Sprache sein, denn alle Argumente sind haltlos und nicht valide. Es sind lediglich Behauptungen und Äußerungen der Meinung eines Mannes.