Sonntag, 24. Mai 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 25


Es war der Tag gekommen, an dem Tara Jordan wieder zu einem Wettkampf antreten sollte. Siegessicher lief sie zum geheimen Ort. Der Tunneleingang für die Kämpfer war ein anderer als der für die Zuschauer, aber er war mindestens genauso gut versteckt.
Sie musste hierfür durch ein Waldstück, das über den stillgelegten Tunnel führte. Irgendwo war dann ein geheimer Schacht mit einer Leiter, die sie nach unten steigen musste. Genauso hatte Jojo seine Freunde vor wenigen Tagen dahin geführt, doch das wusste die Erd-Elementaristin nicht.

Als sie an der Stelle angekommen war, schaute sie sich sicherheitshalber noch einmal um, damit sie nicht gesehen wurde. Sie blickte nach vorn und sah eine massige Gestalt hinter einem dicken Baum.
»Jojo?«, rief sie. »Bist du das?«
Der Muskelprotz zeigte sich, stellte sich breitbeinig mit heruntergelassen Armen und geballten Fäusten vor ihr und schaute sie mit ernstem Blick an.
»Wie komme ich denn zu der Ehre?«, fragte sie ihn mit einem gehässigen Lächeln auf dem Lippen.
»Heute rechnen wir ab«, antwortete er ihr selbstbewusst.
»Das ich nicht lache. Ich habe dich doch schon einmal besiegt und dich nur aus Gnade nicht getötet.«
»Heute ist er aber nicht allein«, kam es plötzlich von rechts.
Tara blickte in die Richtung und sah ein hübsches blondes Mädchen, die ihre Hände in die Hüfte stemmte.
»Wir helfen ihm dabei«, kam es nun von hinten.
Sie drehte sich um und sah einen jungen mit roten Haaren und Sommersprossen. Er hatte seine Arme vor der Brust verschränkt.
»Denn wir haben auch noch eine Rechnung mit dir zu begleichen«, sagte eine weibliche Stimme von links.
Es war ein Mädchen mit langen braunen Haaren und einer großen Kunststoffbrille. Ihre Hände waren hinter dem Rücken.
Die fiese Erd-Elementaristin wusste, dass es ernst wurde.
»Und wo habt ihr euren Rudelführer gelassen?«, fragte sie sarkastisch nach. »Oder hat er etwa Angst vor mir?«
»Wenn du mich meinst, bin ich hier oben«, meldete sich Robin zu Wort.
Tara Jordan schaute über sich und da stand das Elementum auf einem dicken Ast eines Baumes, an dem er sich mit beiden Händen festhielt und schaute grinsend zu ihr hinunter.
»Na wartet«, drohte sie, hob ihre Hände und ließ den Wald erbeben.
Der Ast, auf dem Robin stand, brach und der Siebzehnjährige fiel zu Boden. Der Baum, hinter dem Jojo zuvor stand, drohte umzufallen und der muskulöse Erd-Elementarist musste ihn abstützen. Iggy fiel hingegen in ein Erdloch, bis er nur noch mit dem Kopf aus dem Boden schaute. Um Marinas Beine wuchsen ranken, die sie vollständig fesselten. Und Aria fiel ein großer Ast auf den Schädel. Als er sie traf, wurde ihr schwarz vor Augen und sie fiel hin.
Das Elementum konnte glücklicherweise seinen Sturz mit Hilfe des Elements Luft abfedern. Er stand schnell auf und suchte nach Tara. Sie war nicht zu sehen. Jojo kämpfte schwer mit dem dicken Baum, sodass ihm Robin zu Hilfe kam. Sie beide versuchten mit aller Kraft, den Baum wieder zur Ruhe zu bringen.
Marina konnte nichts gegen die Ranken ausrichten. Ihre Wasserkräfte stärkten die Pflanzen, sodass sie noch dicker wurden und sie enger umschlangen. Plötzlich hatte sie das Gesicht von Tara vor sich. Sie erschrak.
»Auf Wiedersehen«, verabschiede sich die böse Erd-Elementaristen und ließ die Schlinge um Marinas Hals mit einem Fingerschnipsen noch enger werden. Der Wasser-Elementaristin blieb die Luft weg und sie fiel ihn Ohnmacht. Die Ranken fielen schlaff neben dem Mädchen auf den Boden.
Iggy versuchte mit aller Kraft, sie aus dem Erdloch zu hieven. Aber er konnte sich nicht bewegen. Er sah nicht, wie sich Tara Jordan einen dicken Ast als Knüppel schnappte und ihm über den Kopf zog. Auch er war damit K.o.
Nur noch zwei, dachte sich der Champion der illegalen Kampfturniere.
Die beiden Jugendlichen hatten es geschafft. Der Baum stand wieder. Gerade wollten sie ihren Freunden zur Hilfe eilen, da sahen sie, wie bewusstlos Iggy, Aria und Marina auf den Boden lagen.
»Oh nein«, kam es aus Robins Mund.
»Oh doch«, entgegnete Tara. Sie warf sich zu Boden und mit einem Schlag auf die Erde, bäumte sich die Erde unter den Füßen der beiden Freunde auf und schleuderte sie in die Luft. Die Äste des Baumes schnappten nach ihnen und schlugen auf sie ein, sodass sie vor Schmerz schrien.
Laut lachend sah sich das Tara mit Freude an. Ihr war es ein Genuss, sie leiden zu sehen. Heute würde sie es schaffen und den Plan zu Ende führen. Der Tod des Elementums stand bevor.
Mit einem großen Krach landeten Jojo und Robin wieder auf dem Boden. Ihre Knochen brannten, aber sie ließen sich nicht unterkriegen.
»Wir müssen sie aufhalten«, sprach Robin seinem Kumpel zu.
»Aber wie? Sie ist so stark?«
»Was plappert ihr beiden denn da?«, unterbrach sie die Erd-Elementaristin. Dann ließ sie ganz viele Steine schweben und feuerte sie auf die ihre Gegner. Sie prasselten auf sie ein und hinterließen viele blaue Flecken.
Robin hatte es satt. Er schloss seine Augen und konzentrierte sich.
Was sie kann, kann ich schon lange.
Nun wuchsen Ranken aus dem Boden unter Tara und umschlangen sie, was Robin neuen Mut gab. Er richtete sich auf und lief siegessicher auf die Dreißigjährige zu.
»Meinst du, mit diesen Kinderspielchen hältst du mich auf.« Mit Leichtigkeit sprengte sie ihre Fesseln und war wieder frei.
»Mist«, fluchte der blonde Schüler.
Dann schleuderte sie einen größeren Felsen auf ihn, doch das Elementum sprang mit Hilfe des Elements Luft in die Höhe und wich der Gefahr aus.
Der muskulöse Erd-Elementarist war verzweifelt. Er dachte angestrengt nach, wie er diese Frau aufhalten konnte. Aber sie schien unbesiegbar zu sein, so gut, wie sie das Element Erde beherrschte. Im Vergleich zu ihr war er ein blutiger Anfänger und so würde er nie gezeichnet werden. Ihm musste schnell was einfallen. In diesem Moment schnappte ihn eine Wurzel am Fuß. Er wollte ihn noch wegziehen, schaffte es aber nicht.
Die Elementaristin mit dem durchtrainierten Körper kontrollierte gleichzeitig die  Wurzel und ließ die Bäume des Waldes nach dem Elementum ausschlagen. Dieser wich den Ästen mit aller Macht aus.
Wie schafft sie es, uns zwei gleichzeitig auf Trab zu halten?, fragte sich Jojo. In diesem Moment kam ihm ein Einfall. Wenn sie zwei Angriffe gleichzeitig ausführte, konnte sie sich nicht auch noch zusätzlich verteidigen. Seine einzige Chance, war selbst einen Angriff auszuführen. Er spannte seinen ganzen Körper an, sodass die Wurzel ihn nicht wegreißen konnte. Anschließend berührte er die Erde mit der Handfläche und konzentrierte sich. Er ließ seine Energie durch den Erdboden fließen, bis sie genau unter Tara war. Mit einem kräftigen Stoß, tat sich die Erde auf und Tara fiel in ein Loch. In dieser Sekunde hörten die Äste auf, auf Robin einzuschlagen und die Wurzel zerrte nicht mehr an Jojos Bein.
Die beiden Jungen wussten, dass sie keine Zeit verlieren durften und rannten zu dem Loch. Aus dem kam bereits die Erd-Elementaristin wieder herausgeschossen, doch schon traf das Elementum sie mit einem großen Stein mitten ins Gesicht.
Schmerzerfüllt warf sie ihre Hände ins Gesicht und schrie. Da schlug Jojo ebenfalls schon wieder zu, aber dieses Mal nahm er seine eigene Faust. Die Frau stürzte zu Boden. Sofort bedeckte er sie bis zum Hals mit Erde und Robin zerrte sie mit Ranken fest. Benommen versuchte die böse Erd-Elementaristin ihre Augen zu öffnen und sich zu orientieren.
»Sag uns, wer dich beauftragt hat, mich zu ermorden!«, forderte Robin die Elementaristin auf, doch sie war zu geschwächt, um etwas zu antworten.
Da nichts Sinnvolles aus ihrem Mund kam, erzeugte der muskulöse Schüler ein kleines Beben, um sie durchzuschütteln, bis sie bewusstlos war.
»Das war’s«, stellte er sodann zufrieden fest.
Das Elementum atmete erleichtert auf. Jedoch erzitterte die Erde sofort wieder.
»Ist sie immer noch nicht fertig?«, fragte Jojo irritiert.
Da erschien eine leuchtende Gestalt aus der Erde. Sie sah aus wie ein kleiner, braungrüner Mann mit spitzen Ohren und einer langen Nase. Robin erschrak, doch sein muskulöser Kumpel erahnte sofort, was das bedeutete.
»Der Gnom!«, rief Jojo erfreut.
Der leuchtende, kleine Erdgeist tänzelte um die beiden Elementaristen herum, bis etwas auf der Brust der beiden zu glühen begann. Der hünenhafte Erd-Elementarist lächelte zufrieden. Er hatte es endlich geschafft und war gezeichnet worden.
Mit einem Male verschwand das Männchen wieder und die Erde war wieder ruhig.
Um sich selbst zu vergewissern, hob Jojo sein T-Shirt hoch. Auf seiner Brust befand sich nun ein Dreieck, dessen Spitze nach unten zeigte. Von links nach rechts durchzog es einen Strich. Das war das Symbol für das Element der Erde. Robin tat es ihm gleich und er hatte das Symbol ebenfalls vom Gnom erhalten. Es befand sich allerding unter den anderen drei Symbolen, die er schon vorher besessen hatte.
Allerdings hatten die beiden Schüler keine Zeit, sich noch länger zu freuen. Hinter sich hörten sie ein Stöhnen. Aria war wieder aufgewacht. Jojo rannte schnell zu ihr und half ihr. Robin hingegen half seiner Freundin Marina. Er löste sie von den Schlingen und pumpte ihr mit Hilfe seiner Fähigkeiten Luft in die Lunge. So wachte sie ebenfalls wieder auf. Anschließend kümmerten sie sich um Iggy, den sie aus der Erde befreiten.

Einige Minuten später waren alle wieder bei Bewusstsein, auch wenn es Aria, Iggy und Marina noch schwindelig war. Sie saßen auf einem liegenden Baumstamm unweit von der nach wie vor ohnmächtige Tara.
»Was machen wir nun mit ihr?«, wollte Marina wissen. »Wir können ja schlecht die E-Wehr rufen. Dann bekommen wir richtigen Ärger.«
»Außerdem gibt es keinen Beweis, dass sie ins Haus 4E eingebrochen war«, fügte Aria keuchend hinzu.
»Wir müssen sie wohl liegen lassen«, gestand Iggy. »Glaubt mir, das täte mir nicht leid.«
»Etwas anderes bleibt uns nicht übrige«, stimmte Robin zu. »Auch wenn ich sie gerne hinter Gittern sehen würde. Lasst uns abhauen. Wenn sie aufwacht, befreit sie sich selbst schnell wieder aus ihrer Lage.«
Jojo stützte Aria und Iggy, während Robin seiner Freundin Marina half. Langsam liefen sie aus dem Wald.
»Irgendwas müssen wir doch gegen sie unternehmen können«, ärgerte sich der Feuer-Elementarist. »Sie kann doch nicht einfach so davonkommen.«
»Ich habe schon eine Idee«, erklärte der muskulöse Schüler.
Darauf waren seine Freunde sehr gespannt. Als sie sich wieder in der Zivilisation unter Leuten befanden, erklärte Jojo, dass er der E-Wehr einen anonymen Tipp von dem illegalen Turnierkampf geben wird. Ich werde dafür sorgen, dass sie dort genau an dem Tag eine Razzia durchführen, wenn Tara kämpft. Dann schnappen sie sich diese Frau eben auf diese Weise.«
»Das klingt gut«, stimmte Aria zu. »Und dieser Töpfer wird gleich mit eingeliefert. Das tut mir zwar für Peter leid, aber irgendwie auch nicht. Sein Vater ist ein Mistkerl.«
»Außerdem muss dem ein Ende gesetzt werden«, schlussfolgerte der Erd-Elementarist, der es zutiefst bereute, jemals daran teilgenommen zu haben. »Jetzt kann ich verstehen, warum diese Turniere in Deutschland verboten sind. Sie sollten in allen Ländern abgeschafft werden.«
In einem Einkaufszentrum richteten sich die fünf Freunde auf der Toilette einigermaßen wieder her. Aria befühlte die dicke Beule auf ihrem Kopf und Marina untersuchte die roten Striemen an ihrem Hals. Das alles durfte man im Haus 4E nicht sehen. Sie mussten einigermaßen fit ins Internat zurückkehren, damit niemand Verdacht schöpfte.
Als sie es geschafft hatten und in ihren Zimmern angekommen waren, ohne dass jemand ihnen blöde Fragen stellten, duschte Jojo ausgiebig und ließ sich dann müde und zufrieden in sein Bett fallen. Er war wieder glücklich. Sein Leben war in die richtige Bahn gekommen und zu allem Überfluss war er gezeichnet worden.
Endlich!