Sonntag, 29. März 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 21


Mit einem fest gefassten Vorsatz trat Jojo in den Untergrund. Es sah ganz genauso aus wie beim letzten Mal. Die Seiten des Kampffeldes waren mit Menschen befüllt. Wetten wurden abgeschlossen und man konnte die Vorfreude der Zuschauer spüren.
Der Erd-Elementarist fragte sich, wie er sich darauf einlassen konnte. Er ließ zu, dass er bei so einer ominösen Veranstaltung teilnahm und solchen abartigen Leuten eine Show lieferte. Das war barbarisch.

Als er Karl Töpfer sah, stampfte er mit festen Schritten auf ihn zu. Absolut entschlossen wollte er ihm jetzt klarmachen, dass er nicht mehr kämpfen würde.
»Hallo, Muskelberg«, begrüßte ihn der gut aussehende Mann mit den schwarzen Haaren und reichte ihm die Hand.
Jojo erwiderte den Handschlag nicht und platzte einfach mit seinem Anliegen heraus:
»Ich werde nicht mehr kämpfen.«
Herr Töpfer hielt inne, schaute skeptisch und zog Jojo dann auf die Seite. Er legte seine Hand um seine Schulter und sprach:
»Was ist denn plötzlich los? Dein letzter Kampf war doch super. Du kannst jetzt nicht aufhören.«
»Ich muss aber«, antwortete er. »Es war ein Fehler.«
»Mein Junge, heute ist deine Chance. Du trittst gegen den aktuellen Champion an. Wenn du es schaffst, steigen deine Quoten rapide.«
»Was sagen denn schon Quoten aus?«, hinterfragte der muskulöse Schüler. »Sie sagen überhaupt nichts aus. Ich kann diese Show nicht unterstützen. Sie widersprechen meinen Prinzipien.«
»Papperlapapp«, wehrte Peters Vater leichtfertig ab. »Was für Prinzipien? Wir Elementaristen zum Kämpfen geboren oder warum denkst du, haben wir diese Kräfte? In anderen Ländern gelten solche Turniere als Sport. Nur in Deutschland ist es verboten. Ich hoffe, das ändert sich, wenn wir endlich einen neuen Vorsitz im E-Amt haben.«
Jojo hoffte nicht, dass er von Arno Mosel sprach.
»Überall auf der Welt müssten wir uns nicht verstecken und könnten die Kämpfe sogar öffentlich machen. Jeder würde sehen, wer der stärkste Elementarist ist.«
»Der stärkste Elementarist?«, hakte der Achtzehnjährige nach.
»Natürlich ist mein Champion der stärkste Elementarist. Davon bin ich überzeugt«, lachte Töpfer gut gelaunt.
Jojo schüttelte den Kopf. Er war anderer Meinung.
»Ich muss jetzt gehen«, sagte er.
»Nicht so schnell«, hielt ihn Karl Töpfer auf. »Wenn du jetzt gehst, bist du für alle Verluste verantwortlich. Dann trägst du alle Kosten.«
»Wie bitte?«, reagierte Jojo schockiert.
»Du hast richtig gehört, mein Junge. Du steigst da jetzt ins Kampffeld oder du schuldest mir eine Menge Kohle.« Der Mann verstand wohl keinen Spaß.
Der junge Erd-Elementarist wusste nicht, was er tun sollte. Da hatte er sich ja noch mal schön in die Scheiße geritten. Er wollte nicht noch mehr Ärger haben, also sagte er schließlich:
»Das ist aber mein letzter Kampf.«
»In Ordnung«, stimmte der Moderator zu. »Dann zieh dich um, damit es endlich losgehen kann.«

Der Jugendliche zog sich um und überlegte dabei, wie er den Kampf schnell beenden konnte. Gerne hätte er sich einfach auf den Boden geworfen und so getan, als wäre er K.o. – wahrscheinlich würde man es aber bemerken. Oder sein Gegner würde keine Rücksicht nehmen und ihn in diesem Zustand töten.
Wohl oder übel musste er den Kampf ordentlich durchführen. Mit hängenden Schultern lief er zum Feld. Gerade ließ sich sein Gegner von der Menge feiern. Als er der Person näher kam, sah er, dass es eine Frau war, die ihm den Rücken zugewandt hatte.
Sie hat ja genau so langes, braunes Haar wie Tara, dachte er.
Kaum spuckte sein Gehirn diesen Gedanken aus, drehte die Frau sich um. Jojo verfiel in Schockstarre. Es war tatsächlich seine feste Freundin.
»Tara?«
»Was machst du denn hier?«, fragte sie ihn, ebenfalls mit großen Augen.
Da fiel es dem Achtzehnjährigen wie Schuppen von den Augen. In Wirklichkeit hatte er sich etwas vorgemacht. Nichts wusste er von der dreißigjährigen Erd-Elementaristin. Sie hatte ihn die ganze Zeit an der Nase herumgeführt. Es war wie ein Stich ins Herz, als er sie so sah. Karl Töpfer sagte, er würde heute gegen den Champion antreten. Also war sie der Champion. Schließlich fand er seine Worte wieder und sprach:
»Gib es zu, du hast mich die ganze Zeit belogen.«
»Ups«, entgegnete sie ihm mit einem frechen Grinsen. »Jetzt hast du mich aber erwischt.« Dann lachte sie gehässig.
Der Moderator stellte sich zwischen sie.
»Scheinbar kennt ihr euch«, sagte er. Dann wendete er sich ans Publikum:
»Meine Damen und Herren, heute folgt ein spannender Kampf zwischen zwei Erd-Elementaristen. Auf der einen Seite haben wir den aktuellen Champion und ungeschlagene Siegerin vieler Kämpfe: ERDBEBEN!«
Das Publikum tobte erneut und jubelte der Frau zu, was Jojo tief verletzte. Auch die Worte von Peters Vater trugen dazu bei. Sie war noch unbesiegt, weshalb sie wirklich stark sein musste.
»Auf der linken Seite haben wir allerdings ein vielversprechendes Talent. Sein Kampfname ist… MUSKELBERG!«
Auch für ihn klatschten die Zuschauer, aber es war deutlich, dass Tara die Favoritin war.
»Nun zeigt uns mal, was ihr drauf habt«, ordnete der Moderator an, als er das Kampffeld verließt. Und dann ertönte auch schon die Glocke. Der Kampf hatte begonnen.
»Tara, was soll das?«, flehte er seine Freundin an. »Wir müssen das nicht tun.«
»Nenn mich hier gefälligst Erdbeben!«, befahl sie ihm mit gereizter Stimme. »Und ob wir das tun müssen.«
Dann startete sie ihren ersten Angriff.
Die Erde unter Jojo begann zu beben und plötzlich flog ihm alles um die Ohren. Steine, Erde und Staub umgaben ihn. Er nahm seine Arme schützend vors Gesicht. Da trafen ihn gröbere Steine schon von allen Seiten. Als sie ihn an ihm abprallten, schmerzte es ihn. Das Publikum jubelte der Erd-Elementaristin zu.
Doch er konzentrierte sich, schloss die Augen und brüllte laut los. Dabei fiel alles wieder auf die Erde. Ein Staunen ging durch die Menge.
»Sehr gut«, lobte sie ihn. »Aber das war erst der Anfang.«
Sie schlug mit der Faust auf die Erde und öffnete so einen Spalt, der rasend schnell auf dem Muskelprotz zu kam. Diesen Angriff kannte er von der Gestalt nach dem Besuch im Club. Somit hatte Tara sich komplett verraten. Nun war sich Jojo hundertprozentig sicher, dass sie es die ganze Zeit war und er war ein naiver Trottel.
Er wankte und sprang auf eine Seite. Da flog von hinten ein Felsbrocken in der Größe eines Basketballs auf ihn zu. Er traf ihn direkt auf dem Rücken, sodass der muskulöse Schüler nach vorne geschubst wurde und beinahe in den Spalt gefallen wäre. In letzter Sekunde konnte er sein Gleichgewicht halten. Er drehte sich zu seiner Gegnerin und schleuderte einen Strahl aus Erde auf sie. Wieder applaudierte das Publikum für ihn. Leider war Tara nicht von gestern. Sie ließ einen Erdwall vor sich wachsen, an dem die Erde abprallte. Dann lief sie durch den Wall, als ob er aus Luft bestünde.
Jojo war schockiert, als er das sah. Zuvor hatte er so etwas noch nie gesehen. Die Erd-Elementarstin blieb breitbeinig stehen und streckte ihre Hände nach vorne aus. Plötzlich wuchs eine Schlingpflanze unter Jojo aus dem Boden. Sie umrankte ihn und hielt ihn schließlich an den Armen fest.
»Jetzt habe ich dich«, rief die Frau und ließ einen weiteren Felsblock schweben. Diesen wollte sie den jungen Elementaristen auf den Kopf werfen.
Jojo strengte seine ganze Muskelkraft an, um sich aus der Schlingpflanze zu befreien. Der Fels flog direkt auf ihn zu. In letzter Sekunde zerriss er die Pflanze und bückte sich, was die Zuschauer mit einem Jubeln belohnten. Der Felsblock flog über ihn hinweg. Dann löste er ein Erdbeben aus. Seine Gegnerin schwankte leicht, aber sie fiel nicht hin.
»Das ist ein alter Hut, Muskelberg«, belächelte sie ihn. »Jetzt lass uns mal zum Ende kommen. Mir dauert es heute zu lange.«
Sie hob ihre Hände in die Luft, aber nichts passierte. Jojo schaute umher, aber er sah nichts. Dann fielen plötzlich ganz viele Steine von der Decke und begruben ihn unter sich. Im Publikum setzte Stille ein, die ein paar Sekunden andauerte. Als sich der kleine Hügel nicht mehr bewegte, ertönte die Glocke. Karl Töpfer stieg in die Mitte des Felds und erklärte den Kampf für beendet:
»Siegerin ist wie immer… ERDBEBEN!«
Die Zuschauer rasteten aus.

Als alle Zuschauerinnen und Zuschauer weg waren, befreite Tara ihn aus dem Felsengrab. Ohnmächtig lag Jojo darunter. Sie grinste, als sie ihn sah. Dann beugte sie sich über ihn und schüttelte ihn wach.
Langsam öffnete er seine Augen und sagte:
»Was… was ist los?«
»Ich habe dich am Leben gelassen. Der Kampf ist vorbei.«
Als der Muskelprotz registrierte, wo er war, hievte er sich langsam auf.
»Was soll das?«, fragte er. »Warum hilfst du mir?«
»Glaub ja nicht, dass ich Mitleid mit dir habe«, entgegnete sie ihm überheblich. »Ich mag es nur, dir zuzusehen, wie du leidest. Sorry, dass ich dein Herz gebrochen habe und dich nun auch noch im Kampf besiegt habe.« Dann lachte sie laut und hämisch los.
Der Achtzehnjährige knurrte:
»Du bist eine durchtriebene Hexe!«
»Jetzt triffst du mich aber«, antwortete sie ihm und lachte weiterhin schallend.
Jojo wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er schwankte los, was ihm schwer fiel. Er lief zu dem abgetrennten Bereich, zog sich sein T-Shirt über und machte sich auf den Weg zurück ins Haus 4E. Tara wollte er nie wieder sehen.

Als er im Internat ankam, schauten ihm alle hinterher. Iggy und Robin trafen ihn auf dem Flur des Jungengebäudes.
»Jojo, wie siehst du denn aus?«, fragte ihn das Elementum.
Doch er gab keine Antwort und lief einfach an ihm vorbei. Er musste aufpassen, dass er nicht zu weinen begann. Man hatte ihm nicht nur das Herz gebrochen, sondern auch komplett gedemütigt. Damit konnte der Muskelprotz nicht umgehen. Er wollte nur noch alleine sein.
Seine Freunde schauten ihm solange hinterher, bis er in seinem Zimmer verschwunden war.
»Was war das jetzt?«, fragte Iggy.
»Ich weiß nicht«, antwortete Robin. »Er hatte sich doch gestern schon so komisch verhalten. Und jetzt sieht er aus, als ob er durch den Reißwolf gedreht wurde. Irgendetwas stimmt da nicht.«
»Vielleicht sollten wir mal mit ihm sprechen.«
»Lassen wir ihn erst einmal in Ruhe«, schlug Robin vor. »Er sieht nicht so aus, ob er gerade jetzt mit uns sprechen möchte.«
Damit ließen es fürs erste dabei, nahmen sich aber vor, ihn noch einmal darauf anzusprechen. Irgendwas war passiert und sie mussten es wissen, um ihrem Freund zu helfen.