Sonntag, 26. Januar 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 16


Da sehr bald die Wahlen zum Vorsitz des E-Amts stattfanden, erachtete die Lehrerin Terra Bottenberg es für wichtig, sie im GL-Unterricht anzusprechen. Sie wollte die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, über die politische Lage nachzudenken und ein eigenes Urteil zu bilden.
»Die beiden Hauptkandidaten sind der Rechtsanwalt Arno Mosel und die Bankerin Anemone Puster«, erklärte die Erd-Elementaristin. »Was wisst ihr über die beiden?«

Die meisten Jugendlichen in der Klasse interessierten sich nicht so für Politik. Nur wenige meldeten sich. Frau Bottenberg nahm Brisa Zügig dran. Sie hübsche Luft-Elementaristin mit den langen, blond gewellten Haaren war für eine kurze Zeit Arias Zimmergenossin gewesen. Die beiden verstanden sich allerdings überhaupt nicht.
»Arno Mosel möchte uns Elementaristin zu alten Traditionen zurückführen und Elementaristen-Familien stärken«, sprach sie. »Anemone Puster hingegen ist total wischi waschi. Sie hat überhaupt keine richtigen Ziele.«
»Das stimmt doch gar nicht«, rief Robin einfach rein. Er konnte nicht an sich halten.
»Herr Held«, bat Frau Bottenberg, »melden Sie sich, bevor sie etwas sagen.«
Seine Hand ging in die Höhe. Die Lehrerin nickte ihm zu und gab ihm so zu verstehen, dass er was sagen durfte:
»Natürlich hat sie Ziele. Sie möchte unsere Freiheit gewährleisten und weiterhin dafür sorgen, dass wir beispielsweise heiraten dürfen, wen wir wollen.«
»Pah«, entgegnete Brisa abwertend. »Man sieht doch, wohin das führt.«
»Was meinen Sie damit?«, wollte die Lehrerin von der Luft-Elementaristin wissen.
»Die Anzahl der Elementaristen sinkt stetig. Das liegt doch nur daran, dass keine Nachkommen gezeugt werden. Das Thema hatten wir hier im Unterricht.«
Nun nahm die pummelige Lehrerin Marina dran, die sich schon die ganze Zeit gemeldet hatte.
»Warum findest du das denn so schlimm?«
Diese Fragen brachte die Klasse zum Raunen. Das war für einige Blasphemie, zu behaupten, dass es nicht schlimm war, dass die Anzahl der Elementaristen sank.
»Begreifst du denn nicht, dass wir aussterben werden, wenn das so weitergeht?«, klagte Brisa ihre Mitschülerin an.
»Ich habe eher eine Gegenfrage«, entgegnete Marina ruhig. »Wäre es denn so schlimm, wenn alle Menschen gleich wären und keine Kräfte besäßen?«
Die Klasse wurde erneut unruhig. Robin schaute seine Freundin beruhigend an. Auch Aria und Iggy versuchten sie mit Blicken zu ermutigen. Jojo saß gelassen in der letzten Reihe und hörte interessiert zu.
Dann fuhr Brisa fort:
»Also ja, ich fände das sogar sehr schlimm. Wir Elementaristen sind etwas Besonderes. Wir haben nicht umsonst eine Gabe erhalten. Ich würde sogar behaupten, dass wir den Menschen ohne Fähigkeiten überlegen sind.«
»Genau das finde ich gefährlich«, setzte Marina dagegen. »Diese Einstellung führt zu Gewalt und Krieg.«
Robin meldete sich erneut und wurde drangenommen.
»Und das möchte Frau Puster verhindern. Sie steht für den Frieden und Herr Mosel für das Gegenteil.«
Jetzt meldete sich Iggys ehemaliger Zimmergenosse Patrik und wurde ebenfalls drangenommen:
»Also ich habe keinen Bock mehr darauf, meine Kräfte zu verstecken. Ich möchte sie einsetzen, wann ich sie will. Ich glaube, wenn Mosel gewählt wird, wird das passieren.«
Da hatte es Iggy. Er wusste, dass sein ehemaliger Kumpel nicht bereute, seine Feuerkraft außerhalb der Schule eingesetzt zu haben. Er würde das sogar sehr gerne wieder tun. Wenn Mosel dafür sorgte, dass es möglich war, dann bräche Chaos aus. Solche Menschen wie Patrik würden ihre Fähigkeiten einsetzen, um anderen zu schaden. Schließlich hatte er bereits eine Mülltonne in Brand gesetzt, was Vandalismus glich und Polizisten angegriffen. Iggy sah schon vor seinen Augen, wie sich auf der Straße richtige Bandenkriege abspielten.
»Wenn solche Leute wie du draußen frei ihre Fähigkeiten einsetzen dürften, würde bestimmt viel Blut fließen«, warf das Elementum Patrik vor.
»Ach, halt doch dein Maul«, schimpfte Patrik zurück und ballte seine Faust.
»Meine Herren«, sprach Frau Bottenberg dazwischen. »Bitte lassen Sie uns bei einer sachlichen Diskussion bleiben.«
Nun wollte Brisa wieder etwas sagen:
»Robin, du gehst ja automatisch davon aus, dass wir Elementaristen Unmenschen sind. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst.«
Robin schüttelte den Kopf, während Marinas Hand wieder nach oben schnellte. Sie kam dran und reagierte auf Brisas Aussage:
»Natürlich sind nicht alle  Elementaristen so. Aber wir haben doch am eigenen Leib erfahren, dass in manchen Gewaltpotential herrscht. Denk mal bitte an unseren ehemaligen Schulleiter Herr Quinn. Er wurde ermordet.«
»So was passiert doch nicht jeden Tag«, wehrte Brisa leichtfertig ab.
»Doch«, behauptete Marina vehement. »Und derzeit werden Elementaristen noch einigermaßen gezügelt. Wenn die Gesetze gelockert werden, kann das schnell kippen. Ich möchte nicht in einer derartig gewalttätigen Welt leben.«
Die zurückhaltende Schülerin Ilayda Göksu meldete sich nicht oft im Unterricht, aber jetzt hatte sie ausnahmsweise das Bedürfnis, doch etwas zum Thema beizutragen. Sie meldete sich zaghaft. Sogar Frau Bottenberg war überrascht und ergriff die Gelegenheit, um sie sogleich dranzunehmen.
»Also«, begann die schüchterne Jugendliche mit der sehr hellen Haut und dem schwarzen Bob, »meiner Meinung nach kann jeder Mensch in gewisser Weise Gewalt verüben, wenn er es möchte. Dafür braucht es keine Fähigkeiten. Die Polizei hat das im Griff und darauf vertraue ich.«
»Sie meinen also auch, dass die Gesetze gelockert werden sollten, damit Elementaristen ihre Fähigkeiten offen einsetzen könnten?«, hakte die Lehrerin nach.
Ilayda nickte zustimmend.
»Dennoch besäßen dann einige Menschen vom Kräfteverhältnis einen deutlichen Vorteil«, argumentierte Marina weiter. »Diesen werden bestimmt einige ausnutzen.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Terra Bottenberg nach.
»Ich stelle mir da beispielsweise irgendwelche Verhandlungen vor, sei es um einen Arbeitsplatz oder Bankkredite. Elementaristen würden Menschen ohne Fähigkeiten sicherlich deutlich machen, dass sie überlegen seien.«
»Das ist eine Behauptung ohne Hand und Fuß«, rief nun Brisa rein. Dabei wedelte sie mit ihrem Zeigefinger hin und her.
»Lassen Sie und noch einmal zur Liebe zurückkommen«, ordnete die Lehrerin an. »Möchten Sie in der Wahl ihrer Partner eingeschränkt werden?«
Wieder schnellten sofort Brisas und Marinas Hände in die Höhe. Zunächst ist Brisa dran:
»Ich will unbedingt einen Mann finden, der ebenfalls Luft-Elementarist ist. Für mich käme kein anderer in Frage, weil meine Kinder ebenfalls elementare Fähigkeiten haben sollten.«
Anschließend kam Marina dran:
»Ich bin von großer Überzeugung, dass man sich nicht aussuchen kann, wohin die Liebe hinfällt. Wenn ich dann nicht mit meiner Liebe zusammen sein dürfte, weil er kein Wasser-Elementarist ist, würde es mir das Herz brechen.« Bei diesen Worten sah sie ihren Freund Robin lächelnd an. Er erwiderte es. »Außerdem«, fuhr Marina fort und schaute nun rüber zu Brisa, »warst du doch mit Jojo zusammen. Er ist aber kein Luft-Elementarist, Brisa. Wie erklärst du das?«
»Für mich war das sowieso nichts Ernstes«, gab die blonde Schönheit leichtfertig zu. »Es war von Anfang an klar, dass aus uns nichts wird.«
Jojo verdrehte die Augen. Aber innerlich wusste er, dass sie die Wahrheit sagte. Sie hatte sich an ihn herangemacht, um Teil des Zirkels zu werden, den Robin, Marina, Iggy, Aria und er gegründet hatten. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie verliebt war.
»Also für mich spielen Gefühle die größte Rolle«, warf Aria ein. »Da möchte ich mich nicht einschränken lassen.«
»Wie man sieht«, sprach die Lehrerin, »gibt es auch hier in der Klasse unterschiedliche Meinungen. Die einen sehen es so und die anderen so. Wir haben jetzt auch viele Argumente für beide Seiten gehört. Ich würde mir wünschen, dass sie diese Argumente gegeneinander abwiegen und zu ihrer eigenen Entscheidung kommen. Lassen Sie sich keine Meinung aufzwängen.« Damit beendete die pummelige Erd-Elementaristin den Unterricht für diesen Tag.