Sonntag, 22. Dezember 2019

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 12


»Es ist schön, dich mal wieder zu sehen, Tara«, sprach Jojo, als sie gemeinsam im Park spazieren gingen.
»Ich freue mich auch«, entgegnete die Dreißigjährige.
Dann gaben sie sich einen kleinen Kuss auf dem Mund.
»Es wäre auch mal schön, eine Nacht mit dir zu verbringen«, hauchte sie zart und schaute ihn dabei zweideutig an.
»Das darf ich leider nicht«, entgegnete der Muskelprotz beschämt. »Die Regeln des Internats besagen, dass ich die Nacht dort zu sein habe.«
»Aber du bist erwachsen. Du kannst tun und lassen, was du willst.«
»Leider nicht. Ich muss mich trotzdem an die Hausregeln halten oder ich fliege vom Internat. Es tut mir leid.«
Tara machte eine wegwerfende Handbewegung.
»Das muss dir nicht leid tun, Schätzchen. Es ist nur sehr schade. Was machen wir denn dann nur?«
Jojo dachte darüber nach. Er war im Internat einer der wenigen, der ein Einzelzimmer besaß. Damit hatte er keinen störenden Zimmergenossen.
Wenn ich es schlau anstelle…

»Was denkst du?«, unterbrach sie seine Gedanken.
»Ich überlege gerade, ob ich dich irgendwie ins Haus 4E schmuggeln kann. Ich habe ein Einzelzimmer und wenn ich dich unentdeckt dahin führe, können wir die Nacht ungestört miteinander verbringen.«
»Das klingt super«, freute sich die Erd-Elementaristin und klatschte in die Hände. »Ich liebe Nervenkitzel. Lass es uns tun.«
Jojo grinste, als er das freudige Gesicht seiner Freundin sah. Dann warteten sie ab, bis es dunkel wurde und gingen zum Internat.

Als sie dort ankamen, dachte Jojo laut nach:
»Wie machen wir es? Wie kommen wir an alle ungesehen vorbei?«
»Das ist doch eine einfache Übung«, schmunzelte Tara. »Du musst sie ablenken. Stell dich on die eine Ecke des Hofes und mach was Verrücktes. Alle werden dich anschauen. Ich schleiche mich dann hinter ihnen ins Gebäude.«
»Dann muss ich dir nur verraten, welche Tür du nehmen muss. Allerdings…«, zögerte der Muskelprotz.
»Was ist?«
»Ich bin kein Entertainer. Normalerweise bin ich sehr zurückhaltend und ruhig. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«
»Das ist ja noch besser. Wenn du was Verrücktes macht, werden das die Aufmerksamkeit erst recht auf dich lenken. Tanz ihnen doch was vor oder bereite ihnen eine Gesangseinlage.«
Jojo errötete bei dem Gedanken.
»Das ist nicht so mein Ding.«
»Was ist denn dein Ding?«
Er überlegte kurz. Dann kam ihm die Idee.
»Ich hab’s!«
Dann öffnete er das Tor und Tara schlüpfte mit ihm hinein. Dann stellte er sich direkt vor die Tür des Schulgebäudes, welches sich gegenüber des Eingangstores und des Verwaltungsgebäudes befand. Auf dem Hof waren gerade mal ein Dutzend Schülerinnen und Schüler, die in Gruppen zusammen standen oder saßen und quatschten. Wenn er die Aufmerksamkeit von ihnen hatte, würden sie sich zu ihm drehen und im besten Falle zu ihm kommen. Dann könnte sich Tara hinter ihrem Rücken an sie vorbeischleichen und rechts ins Gebäude der Jungen schlüpfen.
Er nahm allen Mut zusammen für seine Vorstellung. Er zog sich sein Shirt über den Kopf und stand nun mit freiem Oberkörper auf dem Hof. Schon jetzt flogen alle Blicke auf ihn.
»Was soll denn das, Alter?«, rief ein Junge aus dem dreizehnten Schuljahr.
Jojo antwortete lautstark:
»Kommt her, meine Freunde. Ich präsentiere euch… MEINEN KÖRPER!«
Alle Schülerinnen und Schüler begannen zu lachen. Dann machte Jojo tatsächlich ein paar Moves, um seine Muskeln zu präsentierten. Er spannte seinen Bizeps und Trizeps an, zuckte mit seinen Brustmuskeln und führte weitere Posen durch. Tatsächlich schauten alle hin.
»Kommt ruhig näher, ich beiße nicht«, lud er sie ein, womit er wieder einen Lacher kassierte. Aber tatsächlich liefen sie auf ihn zu.
Tara schmunzelte, als sie das sah. Dann schlich sie ganz schnell an den Häuserwänden entlang und flitzte zum Eingang des Jungengebäudes. Als sie drinnen war, beendete der Erd-Elementarist seine Vorführung.
»Vielen Dank fürs Zusehen«, rief er, verbeugte sich und zog sein Shirt wieder an.
Die Mitschüler riefen zwar lachend »Zugabe! Zugabe!« und klatschten in die Hände, aber das konnte Jojo nicht dazu bewegen, weiter zu machen. Er rannte ebenfalls in den Jungentrakt.
Als er drinnen war, wartete Tara hinter der Tür. Sie grinste und gab ihm einen Kuss. Dann sagte sie:
»Und wie geht es jetzt weiter? Was ist, wenn wir anderen Jungen begegnen?«
»Ich gehe vor«, erwiderte Jojo angespannt. »Wenn ich jemanden entdecke, warne ich dich.«
Er stieg die Treppen nach oben und wenn die Luft rein war, bat er sie mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Tatsächlich schafften sie es ungesehen in sein Zimmer.
»Du warst großartig«, lobte die Erd-Elementaristin ihn und küsste ihn sogleich wieder auf dem Mund.
»Danke«, antwortete er mit rotem Kopf.
Aber er war wirklich stolz auf sich. Er hätte nie erwartet, dass er sich mal traut, eine derartige Aktion durchzuführen. Irgendwie fühlte er sich, als ob er über sich hinaus gewachsen war. Das war ein tolles Gefühl und brachte ihn zu neuem Selbstbewusstsein. Er glaubte fest daran, dass er das nur geschafft hatte, weil Tara die Frau seines Lebens war. Dies war irgendwie für ihn die Bestätigung und er wollte sie nie wieder loslassen.
Sie knutschten heftig miteinander rum, bis Jojo sie schließlich in seine Arme hob und sie auf sein Bett trug. Dann legte er sich zu ihr und sie küssten sich leidenschaftlich weiter.
»Für einen Achtzehnjährigen bist du ein richtiger Mann«, hauchte sie ihm zärtlich ins Ohr. Daraufhin schob sie ihre Hände unter sein T-Shirt und zog es ihm über den Kopf. »Kann ich jetzt bitte eine Privatvorstellung bekommen?«
»Sehr gerne«, antwortete der Schüler zweideutig und begann, die Knöpfe seiner Jeans zu öffnen.
Mitten in der Nacht löst sich die Dreißigjährige von ihrem jugendlichen Liebhaber. Durch das Fenster dringt zartes Licht des Mondes. Still zieht sie sich ihre Kleidung an und schlich auf leisen Sohlen aus dem Zimmer.
Das ganze Haus war in völliger Ruhe. Alles schlief und die Erd-Elementaristin war die einzige, die sich in den Gängen herumtrieb.
Hier muss er irgendwo sein, dachte sie sich.
Sie ärgerte sich innerlich, dass sie den muskulösen Schüler nicht gefragt hatte, wo der andere hauste. Aber er musste im selben Gebäude sein.
Auf gut Glück öffnete sie eine der Zimmertüren. Sie blickte hinein und sah zwei Jungen, wie sie in ihren Betten schliefen. Der eine hatte eine dunkle Hautfarbe und der andere war sehr dick. Keiner von ihnen war derjenige, den sie suchte.
Also stieg sie die Treppen hinunter und schlich durch die nächsten Gänge. Wieder öffnete sie wahllos eine Tür. Aber auch darin befand er sich nicht.
Mist! Das hat doch keinen Sinn.
Sie war zu leichtfertig damit umgegangen. Sie hätte es besser durchdenken müssen. Wenn sie jede Tür öffnete, würde sie irgendwann entdeckt werden. Sie hatte nur Glück, dass die Schüler aus den Zimmern, deren Türen sie geöffnet hatte, nicht wach waren. Ihr blieb nichts anderes übrig, als es in einer anderen Nacht noch einmal zu versuchen. Nur dann musste sie vorbereitet sein.
Sie beschloss, das Haus 4E wieder zu verlassen. Sie ging die Treppen hinunter, öffnete die Tür zum Innenhof und schaute, ob irgendwo jemand war. Aber auch das war alles ruhig. Kein einziges Licht brannte in den Fenstern. Sie lief mit schnellen Schritten, wieder an der Häuserwand entlang, zum Tor. Dann öffnete sie das Tor. Es war nicht abgeschlossen, damit die Schülerinnen und Schüler sich zum einen nicht aussperren konnten, falls jemand zu trotz Zapfenstreichs zu spät ins Internat kam, und zum anderen sich nicht eingesperrt fühlten. Das Tor diente auch als Notausgang, falls ein Feuer ausbrach. Deshalb durfte es schon per Feuerschutzrichtlinien nicht abgeschlossen werden.
Als sie sich auf der Straße befand, zog sie das Tor hinter sich zu und lief davon. Dann holte sie ihr Handy aus der Hosentasche und schrieb dem jungen Mann, neben dem sie bis vor kurzem noch im Bett lag, eine Nachricht:

Bin in der Nacht gegangen, damit ich morgen Früh nicht erwischt werde. HDL Tara

So würde Jojo keinen Verdacht schöpfen, wenn er am nächsten Morgen erwachte und niemand mehr neben ihm lag.

Und es kam tatsächlich so. Als der Muskelprotz aufwachte, erschrak er. Tara war weg. Er schnellte aus dem Bett und öffnete die Tür. Er schaute den Flur hinunter, wo bereits ein paar Jungen auf dem Weg nach unten zum Frühstück waren. Dann schloss er die Tür schnell wieder und schaute sich im Zimmer um. Er entdeckte sein Smartphone. Er schnappte es sich und sah, dass er eine Nachricht von ihr bekommen hatte.
Als er sie gelesen hatte, fiel er erleichtert ins Bett. Dann dachte er an den vergangenen Abend mit ihr und musste unwillkürlich lächeln. Für ihn war es ein wunderschönes Erlebnis und er freute sich ungemein. Er hoffte, dass er dies wiederholen durfte. Diese Frau hatte wohl sein Herz im Sturm erobert.