Sonntag, 15. Dezember 2019

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 11


Obwohl es nicht erlaubt ist, verbringt Marina ein bisschen Zeit im Zimmer von Robin. Iggy hat sich speziell für die beiden vom Acker gemacht, damit sie wenigstens ein bisschen gemeinsame Zeit allein hatten. Marina lag im Arm von Robin, während er ihre Arme streichelte.
»Ich habe heute mit meinen Eltern telefoniert«, sagte sie.
»Und wie geht es ihnen?«
»Gut. Sie erzählten mir von der Gegenkandidatin von Arno Mosel. Sie hat sich jetzt aufstellen lassen.«
»Okay, wer ist sie?«, wolle das Elementum wissen. Er war neugierig und hoffte, dass sie zumindest eine andere Einstellung hat wie der zukünftige neue Ehemann von Elma von Zimmenthal.
»Ihr Name ist Anemone Puster und sie ist eine Luft-Elementaristin. Sie möchte im Sinne der geraden bestehenden Regelunge die Regierung fortführen.«
»Also so wie Helmut Holzmann.«
»Genau. Sie hatte in den letzten Jahren wohl eng mit ihm zusammengearbeitet«, erklärte die Wasser-Elementaristin. Sie richtete sich auf, bevor sie weiter sprach: »Sie ist überzeugt davon, dass jeder Elementarist das Recht haben sollte, jeden zu heiraten, den er möchte und nicht den Zwang haben muss, einen Menschen mit dem gleichen Element zu finden.«

»Dahinter steckt laut Herrn Holzmann mehr. Er wäre froh darüber, wenn die Elementaristen nicht mehr existieren würden. Mit den Kräften geschieht nur Unheil.«
»Das kann ich gut verstehen«, stimmte Marina zu. »Wir mussten den Tod unseres Schulleiters erleben. Das war schon schlimm genug. Und wer weiß, welche Kämpfe wir noch austragen müssen.«
»Eigentlich ist es schade, denn wir Elementaristen könnten so viel Gutes für die Welt bringen. Aber überall gibt es schwarze Schafe.«
»Wir können nur hoffen, dass Anemone Puster gewählt wird«, entgegnete die Wasser-Elementaristin. »Sie muss die neue Hoffnung sein.«
»Meinst du, sie hat eine Chance?«
»Ich denke ehrlich gesagt nicht so«, antwortete sie resigniert. »Gerade möchten viele Elementaristen etwas anderes. Meine Eltern finden Arno Mosel auch besser. Sie glauben an die alten Traditionen.«
»Aber deine Eltern sind sehr altmodisch. Sie haben sicherlich auch nur jemanden heiraten wollen, der das gleiche Element hatte wie sie selbst. So konnten sie ja zwei weitere Wasser-Elementaristen auf die Welt setzen.«
»Ähm, Robin«, unterbrach die Schülerin mit der Nerdbrille ihren Freund, »du weißt schon, dass alle Eltern von allen hier so gedacht haben mussten. Vielleicht war es bei ein paar wenigen ein Zufall, dass sie jemanden mit dem gleichen Element gefunden haben. Aber der Großteil wird sich dahingegen eingeschränkt haben.«
»Stimmt«, erwiderte er peinlich berührt. »Sonst wärt ihr ja alle gar nicht hier.«
Marina nickte.
»In dieser Sache ist Anemone Puster kein gutes Vorbild«, sprach Marina weiter. »Sie hat einen Feuer-Elementaristen geheiratet und sie haben zwei Kinder ohne Fähigkeiten bekommen.«
»Wie läuft das dann?«, wollte Robin wissen. »Die Kinder dürfen dann nichts von der Existenz der Elementaristen erfahren oder wie?«
»Offiziell nicht, das stimmt. Natürlich werden die Eltern das meist nicht vor ihren Kindern geheim halten. Wahrscheinlich geben sie ihnen aber auf den Weg, mit niemanden darüber zu sprechen, sonst würden die Eltern in Schwierigkeiten geraten. Und wenn die Eltern dann irgendwann tot sind, gibt es keinen Beweis mehr dafür, dass die Kinder von Elementaristen abstammen.«
»Das ist aber schon ziemlich heftig. Das ist bestimmt für diese Familien nicht sehr leicht, oder?«
»Die meisten Familien entscheiden sich dann meistens sowieso dafür, ihre Kräfte nicht mehr zu benutzen und wie ganz normale Menschen weiter zu leben«, fuhr Marina mit ihren Erklärungen fort. »In manchen Situationen werden sie bestimmt mal ihre Kräfte nutzen, aber eher in seltenen Fällen. Sie beteiligen sich dann auch nicht mehr an den gesellschaftlichen Themen der Elementaristen und schließen sich selbst auf eine gewisse Art und Weise aus.«
»Und wie reagieren Freunde und Bekannte darauf?«, hakte der Siebzehnjährige nach. »Also ich meinte damit auch Elementaristen.«
»Wahrscheinlich nicht so gut. Manche werden aus der Gesellschaft ausgestoßen. Ich habe sogar schon von Familien gehört, die ihre Kinder verstießen, weil sie sich entschieden haben, einen Elementaristen eines anderen Elements zu heiraten.«
»Was ist dann eigentlich Anemone Puster für eine Perspektive? Ihre Kinder sind keine Elementaristen. Was wird sie ihnen erzählen, wenn sie erwachsen sind und sie hat den Vorsitz im E-Amt? Will sie ihr ganzes Leben lang lügen?«
»Ich glaube, das spricht auch gegen sie. Die Wähler wissen, dass sie nur den Vorsitz übergangsweise übernehmen kann und sie keine Dauerlösung ist. Warum sollte man sie dann erst wählen?«
»Das ist richtig doof«, rief Robin enttäuscht aus.
»Gerade wurden noch mal die offiziellen Zahlen veröffentlicht und tatsächlich nimmt die Anzahl der Elementaristen in Deutschland stetig ab.«
»Das ist schlechte Werbung für Frau Puster«, seufzte das Elementum.
»Und gute Werbung für Herrn Mosel«, entgegnete Marina.
Robin warf sich wieder zurück in  sein Kissen und nahm die Arme hinter den Kopf. Er starrte die Decke an und dachte darüber nach, wie schlechte die Lage war. Er befürchtete, dass es bald Krieg geben würde, wenn Arno Mosel an die Macht käme. Wenn er das durchsetzen wollte, was er ankündigte, wird er vielleicht auch bald nicht mehr im Haus 4E bleiben dürfen. Die Schülerinnen und Schüler würden nach Elementen getrennt auf vier unterschiedliche Schulen aufgeteilt werden. Und wo würde er landen? Wahrscheinlich hatte man nicht vor, dass er zumindest bei den Feuer-Elementaristen blieb und Nachhilfe in den anderen Elementen bekommen würde. Da hatte man bestimmt andere Pläne für ihn. Die Frage war allerdings, ob er denn überhaupt überleben sollte. Er war immer noch davon überzeugt, dass jemand hinter ihm her war und Arno Mosel und Elma von Zimmenthal dahinter steckten. Sie wollten seinen Tod und damit hatte sich dann automatisch die Frage erledigt, wo er landen würde. Er würde nirgendwo landen.
»Lass mich an deinen Gedanken teilhaben«, sprach Marina liebevoll. »Du siehst sehr besorgt aus.«
»Ich male mir gerade Dinge aus, wie die Zukunft unter dem Einfluss von Arno Mosel werden könnte. Und das ist nicht schön. Besser lass uns nicht darüber sprechen und das verdrängen.«
Dann zog er seine Freundin zu sich und küsste sie auf dem Mund.
»Das willst du lieber stattdessen tun?«, fragte Marina neckend nach.
»Ja«, antwortete Robin lächelnd und küsste sie erneut.