Sonntag, 24. November 2019

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 8


In Frankfurt gab es tatsächlich eine Art Gemeindehaus für Elementaristen. Dort konnten wichtige Ansprachen abgehalten oder sogar Feste gefeiert werden. Dort fand die Wahlveranstaltung von Arno Mosel statt. Er lud alle Elementaristen aus der Umgebung ein, aber er würde solche Veranstaltung noch in ganz Deutschland führen müssen, um genug Wähler zu akquirieren. Den Start legte er aber in seiner Heimatstadt hin.
Jojo betrat zum ersten Mal in seinem Leben dieses Haus. Darin befand sich ein recht großer Saal mit einer Bühne. Davor waren einige Reihen mit Stühlen aufgebaut. Der Erd-Elementarist entschied sich, eher hinten Platz zu nehmen. Immer mehr Elementaristen füllten den Raum und viele darunter kannten sich. Sie unterhielten sich angeregt miteinander. Jojo erkannte auch Florian Argon in einen der vorderen Reihen. Neben ihm saß tatsächlich Serafina Funke. Sie war also auch gekommen. Auch ein paar bereits volljährige Schülerinnen und Schüler aus dem Haus 4E nahm der Muskelprotz war, aber mit denen hatte er nichts zu tun gehabt. Deshalb ignorierte er sie.

Irgendwann war kein Stuhl mehr frei. Jojo hoffte, dass es nun beginnen würde, denn er wollte so schnell wie möglich wieder weg sein.
Dann ging es tatsächlich wirklich los. Ein Mann mit grau melierten Haar in einem dunkelblauen Designeranzug stiegt auf die Bühne. In der Mitte war Mikrofonständer aufgebaut. Es sah fast so aus, als ob hier ein Konzert stattfinden würde. Schließlich begann der Mann, den Jojo zuvor noch nie gesehen hatte:
»Liebe Damen und Herren, ich begrüße Sie ganz herzlich zu dieser politischen Veranstaltung. Ich dankte Ihnen, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Das ist eine große Ehre für mich.«
Nun war Jojo klar, wer es war.
»Mein Name ist Arno Mosel. Ich bin Rechtsanwalt und kandidiere für den Vorsitz im E-Amt. Heute möchte ich Ihnen gerne vorstellen, was meine Pläne für eine gesicherte Zukunft der Elementaristen sind.«
Der achtzehnjährige Erd-Elementarist war erstaunt darüber, dass der Mann nicht einmal einen Spickzettel vorbereitet hatte. Er sprach frei von der Leber weg und ohne zu stottern. Das würde die anderen Menschen bestimmt auch beeindrucken.
»Wie Sie sicherlich wissen, sinkt die Zahl der Elementaristen stetig. Wir werden immer weniger und das finde ich absolut schade. Da muss etwas dagegen getan werden. Und dies kann nur passieren, wenn wir unsere Traditionen wieder stärken.«
Das Publikum war mucksmäuschenstill und hörte aufmerksam zu.
»Es gab eine Zeit, da ist die Anzahl der Elementaristen gestiegen. In dieser Zeit verbündeten sich mehr Elementaristen ihres eigenen Elements und gründeten eine Familie. Das muss gefördert werden, denn Kinder sind unsere Zukunft.«
Zum ersten Mal applaudierten einige im Saal. Jojo hielt sich damit zurück, da er wusste, was damit gemeint war. Er wollte zwar auch eine Familie gründen und einen Sohn mit elementaren Fähigkeiten haben, aber nicht zum Preis dafür, dass andere dazu gezwungen waren, das gleiche zu tun.
»Mein Ziel ist es ganz klar, dass wir wieder zu neuer Stärke finden. Aber ich habe noch ein anderes Ansinnen. Ich möchte damit Schluss machen, dass wir uns diskriminieren lassen.«
Jojo wurde misstrauisch, aber er sah, dass auch viele andere um ihn herum einen skeptischen Blick im Gesicht hatten.
»Wir verstecken uns und schämen uns vor der Welt vor unseren Kräften. Darüber hinaus haben wir große Angst, dass uns ein Leid angetan wird, wenn wir entdeckt werden. Das ist schlimm genug. Doch darüber hinaus tun wir uns das Leid in unseren eigenen Reihen gegenseitig an.«
Arno Mosel machte eine Pause, um die Spannung zu halten.
»Wir lassen alle einsperren, die sich den Menschen ohne Fähigkeiten offenbaren. Wir haben Gesetze, die uns verbieten, unsere Kräfte einzusetzen, wann immer wir wollen.«
»Dafür gibt es auch Gründe«, rief eine dicke Frau einfach rein.
»Ja, meine Liebe. Da haben Sie sicherlich recht. Es geht darum, dass niemand verletzt wird. Wir sollen zum einen unsere Kräfte nicht gegen andere einsetzen, um diese zu verletzen. Das ist auch gut so und da stehe ich voll dahinter. Aber gleichzeitig soll das Gesetz zu unserem Schutz sein, dass wir nicht von den Menschen ohne Fähigkeiten verletzt werden, indem man beispielsweise Versuche an uns durchführt oder uns aufgrund von Angst bekriegt.«
Die Frau im Publikum nickte stumm. Auch andere nickten zustimmend.
»Aber das ist eine Farce«, rief der Rechtsanwalt nun mit einer etwas lauteren Stimme. »Damit diskreditieren wir uns selbst. Wir sollten doch eher dafür kämpfen, akzeptiert zu werden. Wir sollten rausgehen, für uns einstehen und allen begreiflich machen, dass man mit uns eben keine Experimente durchführen darf, weil wir ebenfalls Menschen sind.«
Hier klatschten einige im Publikum erneut. Sie fanden diese Aussage wohl sehr gut.
»Und wenn wir auf Widerstand stoßen, müssen wir für unsere Rechte kämpfen. Was wäre Frankreich ohne die Französische Revolution?«
»Genau«, kam es vereinzelt aus allen Ecken.
Scheinbar schaffte Mosel es, Zuspruch zu erhalten. Wenn er noch andere Städte besuchte, würde er bestimmt viele Wählerstimmen sammeln können. Das war gefährlich.
»Um noch mal darauf zurückzukommen, dass wir als Volk der Elementaristen wachsen müssen, möchte ich es etwas deutlicher machen. Ich weiß, dass die Liebe ein wertvolles Gut ist und wir alle glücklich sind, wenn wir unseren Partner fürs Leben an unserer Seite haben. Bei dieser Findung möchten wir nicht eingeschränkt sein. Das kann ich gut verstehen. Und wenn es nicht um uns ginge, würde nichts dagegen sprechen.«
Jetzt wusste Jojo, worauf der Wasser-Elementarist hinaus wollte.
»Aber wir sind nun einmal anders. Unsere elementaren Fähigkeiten werden nur an unsere Kinder vererbt, wenn die Liebe unter Elementaristen mit dem gleichen Element bleibt. Das fällt uns aber schwer, denn wir können uns oftmals nicht frei entscheiden, in wen wir uns verlieben. Daher muss ein strukturelles Gerüst geschaffen werden, in denen die Elementaristen unter den Elementen teilweise getrennt werden.«
Jetzt fingen die Menschen im Saal an zu tuscheln. Jeder hatte wohl seine eigene Meinung zu diesem Thema. Jojo freute sich, dass die Leute sich nicht einig waren. Dadurch würde Arno Mosel wieder Wähler verlieren. Hier fasste er ein heißes Eisen an.
»Liebe Damen und Herren, ich weiß, dass dieses Thema schwierig ist. Ich versichere Ihnen, dass es nicht mein Anliegen ist, die Liebe zwischen zwei Elementaristen unterschiedlichen Elements zu verbieten. Das Gefühl der Liebe lässt sich nicht verbieten. Aber man kann zumindest von außen dafür sorgen, dass es weniger Möglichkeiten gibt, sich in jemanden des anderen Elements zu verlieben, wenn man hauptsächlich mit den Elementaristen des eigenen Elements zu tun hat. So zum Beispiel in der Schule oder in den Clubs. Auch beispielsweise die Stationen der E-Wehr könnte man so gestalten.«
Das kommt mir bekannt vor, dachte sich Jojo.
Er erinnerte sich daran, wie Tiberius von Zimmen-thal kurzzeitig Rektor im Haus 4E war und die Schülerinnen und Schüler nach dem Element trennte. Deshalb musste er sich ein Zimmer mit Peter Töpfer teilen. Also war Arno Mosel nicht besser. Er hatte quasi die gleichen Ziele wie der Ex-Ehemann von Elma von Zimmenthal. Nur dachte er gleich größer und wollte es im ganzen Land durchsetzen und nicht nur in einem Internat.
»Ich selbst«, fuhr der Rechtsanwalt fort, »möchte mit gutem Beispiel voran gehen. Daher stelle ich Ihnen heute Abend eine ganz besondere Wasser-Elementaristin vor. In naher Zukunft werde ich sie zur Frau nehmen. Begrüßen Sie bitte meine geliebte Elma.«
Da betrat Elma von Zimmenthal die Bühne. Sie trug ein langes, türkises Kleid mit Puffärmeln. Es hatte silberne Verzierungen. Dazu trug sie gleichfarbige Handschuhe und silberne High-Heels. Ihre braunen Haare waren zu eine voluminösen Mähne gestylt. Sie war stark geschminkt, um wahrscheinlich ihr wahres Alter etwas zu vertuschen.
Das Publikum klatschte. Manche Menschen darunter nur aus Höflichkeit, andere mit voller Inbrunst. Jojo klatschte gar nicht. Für ihn war spätestens jetzt die Veranstaltung vorbei.

Jojo verließ den Saal. Er hatte genug von Arno Mosel und Elma von Zimmenthal. Außerdem hatte er genug Informationen für Robin gesammelt.
Er war gerade aus dem Gemeindehaus getreten, als eine Stimme von hinten rief:
»Jojo, warte!«
Es war eine weibliche Stimme und als sich der muskulöse Elementarist umdrehte, war er vollkommen überrascht. Er blickte in die Augen von Tara, die er in der Disko kennengelernt hatte.
»Du bist hier?«, fragte er irritiert.
»Ja, ich hatte auch eine Einladung bekommen.«
»Du bist eine Elementaristin?«, fragte er noch einmal sicherheitshalber nach.
»Ja, mein Element ist die Erde«, antwortete sie voller Stolz.
»Das gibt es doch nicht!«, freute sich Jojo. Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Und dann hatten sie auch noch das selbe Element. Sein Herz schlug plötzlich wie wild.
»Lass uns eine Runde spazieren gehen«, schlug sie vor.
Die beiden Erd-Elementaristen schlenderten die Straße entlang. Jojo war sowieso ein ruhiger Typ, aber jetzt war noch ruhiger, weil er so verlegen war.
»Sag mal«, begann sie, »was machst du so?«
»Ich bin Schüler im Haus 4E.«
»Wie bitte? Schüler? So jung bist du noch?«
»Gerade achtzehn geworden«, erwiderte er.
»Und dann gibst du dich mit so einer alten Tante wie mir ab?«
»Du bist doch keine alte Tante«, widersprach er.
»Immerhin bin ich schon dreißig. Du solltest dich mit Mädchen in deinem Alter treffen.«
»Das ist doch Quatsch«, wehrte er ab. »Es kommt nicht aufs Alter an.«
»Das ist schön, wenn du das sagst«, hauchte sie ihm zärtlich zu.
»Und wie fandst du die Ansprache von dem Typen?«, wollte sie von dem Muskelprotz wissen.
»Hm…«, antwortete er knapp.
»Also ich fand sie super. Er ist endlich mal jemand, der was für uns tun will. Außerdem finde ich es mutig, dass er Sachen ausspricht, die sich keiner traut. Freiheit und Liebe sind ja ganz tolle Dinge. Aber die Elementaristen sterben de facto aus.«
Jojo traute sich nicht, seiner Begleiterin zu widersprechen. Dafür war er zu verlegen. Stattdessen sagte er:
»Politik ist eigentlich nicht so mein Thema. Lass uns über etwas anderes sprechen.«
»Warum sprechen? Ich weiß da etwas Besseres.«
Tara blieb stehen und stellte sich vor den hünenhaften Jojo. Dann streckte sie ihren Kopf nach oben und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Er nahm sie daraufhin in den Arm und erwiderte ihren Kuss leidenschaftlich. So blieben sie noch eine Weile mitten auf der Straße stehen.