Sonntag, 6. Oktober 2019

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 1


Nur noch wenige Wochen und dann war das Schuljahr im Haus 4E herum. Doch bevor die Sommerferien beginnen konnten, lagen noch einige Prüfungen bevor. So stand auch die Jahresabschlussprüfung für die Elementaristen vor der Tür. Darüber waren die Schülerinnen und Schüler sehr aufgeregt.
Aber der siebzehnjährige Robin und seine Freunde Iggy, Aria, Marina und Jojo hatten noch ganz andere Probleme, die es zu bewältigen gab, denn stets war jemand hinter ihnen her.
Sie alle waren Elementaristen und konnten ein Element kontrollieren. Der rothaarige und ziemlich temperamentvolle Iggy konnte das Feuer kontrollieren. Der blonde Wirbelwind Arias beherrschte die Luft, Die braunhaarige, schlaue Marina konnte das Element Wasser beherrschen und das Element des muskulösen Jojo war die Erde. Nur der blonde Robin war etwas ganz Besonderes. Er war ein Elementum, was bedeutete, dass er alle vier Elemente kontrollieren konnte und demnach als sehr mächtig galt. Daher waren böse Elementaristen hinter ihm her. Denn sie hatten Angst, dass er ihre Pläne vereiteln würde.

Robin selbst, aber auch seine Freunde, waren aber noch Schüler des Internats für Elementaristen namens Haus 4E. Sie besuchten die elfte Klasse und waren demnach noch in der Ausbildung, was ihre Fähigkeiten betraf. Sie konnten das volle Ausmaß ihrer Kräfte noch gar nicht nutzen. Trotzdem mussten sie immer wieder auf die Probe stellen, wie talentiert sie waren und so konnten sie einige Verbrecher der E-Wehr ausliefern. Diese Behörde war quasi die Polizei für Elementaristen.
Bei den Kämpfen ist etwas ganz Außergewöhnliches passiert, wovon die Jugendlichen nur wissen, weil sie es nachgelesen haben: Sie wurden gezeichnet. Nach einem besonders harten Kampf erschienen Elementargeister und verliehen den Jugendlichen ein Symbol auf ihrer Brust. Iggy, Aria und Marina hatten jeweils das passende Symbol zu ihrem Element. Robin hatte sie alle drei auf seiner Brust. Nur Jojo hatte bisher keines.
Heute stand das Fach Gesellschaftslehrer bei der pummeligen, aber sehr netten Lehrerin Terra Bottenberg statt. Dieses Fach vereinte mehrere Unterrichtsdisziplinen wie Geschichte, Politik, Wirtschaft und Geografie. Meist waren es Themen, die für alle Menschen galten, aber teilweise wurden die Themen auch nur auf die Elementaristen bezogen, so wie es heute war.
Die Lehrerin ging auf die Geschichte der Elementaristen ein. Sie fragte die Klasse:
»Wer weiß, wie viele Elementaristen in Deutschland leben?«
Natürlich wusste die klügste Schülerin des Internats die Antwort und meldete sich eifrig. Marina wurde sodann drangenommen.
»Etwa 100 000«, antwortete sie.
»Richtig. Und wie schätzen wir diese Zahl ein? Ist das hoch oder niedrig?«
Einige Jugendlichen fingen zu grübeln an. Diese Frage war sehr interessant. Aber auch hier wusste Marina eine Antwort. Robin war stolz auf seine feste Freundin.
»Frau Hollenbach noch mal«, forderte Frau Bottenberg die Wasser-Elementaristin auf.
»Die Zahl ist schrumpfend«, erklärte sie. »Vor 200 Jahren gab es noch die doppelte Anzahl. Und Statistiken sagen aus, dass die Anzahl noch sinkt.«
»Sie sind gut informiert, Frau Hollenbach«, lobt die dicke Lehrerin. »Die Gründe hierfür erläutern wir später. Zunächst einmal möchte ich Ihnen erzählen, wie die Entwicklung bis heute war.«
Robin war sehr gespannt. Für ihn war diese Welt ja nach wie vor sehr neu. Er war der einzige, der nicht wusste, dass er ein Elementarist war. Er wurde als Baby von zwei Menschen adoptiert, die keine Elementaristen waren und auch nichts von dieser Welt wussten. Sie denken, ihr Sohn hätte ein Stipendium wegen besonderer Begabungen bekommen.
Terra Bottenberg begann mit ihren Ausführungen
»Seit jeher gab es Elementaristen. Über Jahrhunderte gehörten sie zu den sehr geschätzten Leuten unter den Menschen oder zu denen, die von anderen Menschen als Teufel, Hexen oder Dämonen gejagt wurden. Irgendwann um 1000 vor Christus entstanden Städte und Dörfer, in denen sich die Elementaristen nach dem Element zusammenrotteten und neben der Gesellschaft der normalen Menschen lebten. Dies blieb ungefähr bis ins 7. Jahrhundert so. Danach kehrten die Elementaristen zurück in die Städte und Dörfer zu den anderen Menschen. Je nach Ortschaft, hielten die Elementaristen ihre Kräfte geheim, da sie sonst geächtet worden wären.«
Frau Bottenberg hielt kurz inne, damit die Schülerinnen und Schüler gedanklich mitkamen. Dann fuhr sie fort:
»Gegen Ende des Mittelalters entstand ein neues Selbstbewusstsein und immer mehr Elementaristen offenbarten sich. Da, wo die Religion einzog, wurden Elementaristen wieder geächtet. Im 16. Jahrhundert etablierte sich sodann die Gesellschaft der Elementaristen unter den normalen Menschen. Eine Subkultur entstand. Wer weiß, was eine Subkultur ist?«
Auch hier meldete sich Marina wieder.
»Vielleicht geben Sie jemand anderen die Chance«, schlug die freundliche Lehrerin vor. Doch als sie niemand weiteres meldete, nahm sie wieder die Wasser-Elementaristin dran:
»Jede Gesellschaft hat ihre eigene Kultur. Entwickelt sich innerhalb dieser Kultur eine weitere Gruppierung mit eigenen Regeln und Vorstellungen, nennt man dies eine Subkultur.«
»Wieder richtig. Und das passierte mit den Elementaristen. Allerdings wurden ihnen Regeln von Menschen ohne elementaren Fähigkeiten Regeln aufgedrängt, an die sie sich zu halten hatten. Sonst drohte eine harte Strafe. Um die Elementaristen klein und machtlos zu halten, wurde ihre Erscheinung aus allen offiziellen Geschichtsbüchern rausgehalten.«
Aria meldete sich.
»Ja, Frau Himmel?«, nahm die Lehrerin sie dran.
»Deshalb werden wir nie in offiziellen Geschichtsbüchern erwähnt, stimmt das?«
»Genauso ist es. Da Elementaristen zu einer Minderheit gehörten, wehrte sich niemand. Ende des 18. Jahrhunderts entstand aber dann eine Gruppe von Elementaristen, die sich gegen die Ordnung wehrte und sie verlangte, mehr Macht zu erhalten. Doch dies endete in einer Schlacht, bei der diese Gruppe getötet wurde.«
Ein entsetztes Raunen ging durch die Klasse.
»Aber wie kann das sein?«, rief Iggy einfach rein. Er konnte sich nicht zurückhalten, wenn ihn etwas innerlich reizte. »Elementaristen sind doch viel stärker als alle anderen Menschen. Sie hätten sie doch mit ihren Elementen zur Strecke bringen können.«
»Bitte melden Sie sich, Herr Brenner. Aber die Frage ist berechtigt. Zum einen befanden sich die anderen Menschen immer in der Überzahl und außerdem gab es mittlerweile schon starke Waffen, denen Elementaristen machtlos gegenüber stehen. Nicht einmal elementare Fähigkeiten können es mit Gewehrkugeln und Bomben aufnehmen.«
Betroffenheit war in den Gesichtern der Klasse zu sehen, doch Terra Bottenberg erklärte weiter:
»Anfang des 19. Jahrhunderts tauchte ein Elementarist auf, der alle Elemente beherrschen konnte. Er war das erste Elementum, von dem man weiß.«
Jetzt horchte ganz besonders Robin auf. Er hörte gerade zum ersten Mal von jemanden, der genauso war wie er.
»Er etablierte eine Art Herrschaftssystem und galt als König der Elementaristen. Er hatte Angst vor einer Ausrottung der Elementaristen, da sie immer weniger wurden. Und jetzt kommen wir zu den Gründen, warum Elementaristen immer weniger werde. Es hat etwas mit der Biologie zu tun.
Diesmal meldeten sich mehrere Jugendliche in der Klasse, weil sie das Thema schon durchgenommen hatten. Aria wurde drangenommen. Sie sagte:
»Ein Elementarist entsteht aus der Verbindung zweier Elementaristen, die das selbe Element kontrollieren können. Verbündet sich ein Feuer-Elementarist beispielsweise mit einer Wasser-Elementaristin oder gar einer Person, die keine elementaren Fähigkeiten hat, werden sie nur Kinder ohne Kräfte zeugen können.«
»So ist das«, bestätigte Frau Bottenberg. »Aus diesem Grund befahl der König die Geheimhaltung der Fähigkeiten und es entstand die erste E-Wehr, die zur Überwachung dieses Gesetzes eingesetzt wurden. Mit der Zeit fielen dem Elementum immer mehr Gesetze ein und es wurde eine Art Meldebehörde gegründet. Dort wurden Elementaristenfamilien registriert, sodass man wusste, wer zu dem Volk gehörte. Die ersten Schulen für Elementaristen wurden als Internate wie das Haus 4E eröffnet. Diese waren allerdings nach Elementen unterteilt, damit die Kinder und Jugendlichen lediglich Freunde unter sich fanden. Auch Liebesbeziehungen unter Elmentaristen des gleichen Elements wurden häufiger und die Anzahl der Elementaristen wuchs wieder.«
Gespannt hörten die Schülerinnen und Schüler den Ausführungen der Lehrerin zu. Es war sehr spannend.
»Im letzten Drittel des 19. Jahrhundert starb das Elementum und die Herrschaft ging an die Meldebehörde über, das sich nun das E-Amt nannte. In jedem Land der Erde gibt es einen Ableger des E-Amts.«
Ein auffälliger Schüler mit kirschroten zerzausten Haaren und einem Piercing in der Augenbraue meldete sich:
»Ja bitte, Herr Flint.«
»Mein Vater arbeitet im E-Amt. Das ist total der öde Bürojob.«
»Danke für den Beitrag«, entgegnete die Lehrerin leicht belustigt. »Jedenfalls setzte das E-Amt weiterhin die Geheimhaltung der Fähigkeiten durch, was bis heute gilt.
Nun wollte Robin noch was wissen, weshalb er sich meldete und drangenommen wurde. Er fragte:
»Wie sieht es denn heute mit dem Austausch von Elementaristen aus? Sie dürfen sich ja im Internet nicht zu erkennen geben. Aber wie kommuniziert man? Wie werden große Ankündigungen des E-Amts oder der E-Wehr unter die Leute gebracht?«
»Bei uns läuft es noch teilweise recht altmodisch zu. Es gibt eine Zeitung, die die Elementaristen zugeschickt bekommen, in denen die wichtigsten Informationen stehen. Man kann auch stets die E-Wehr oder das E-Amt telefonisch erreichen. Für den Austausch zwischen den Elementaristen gibt besondere Orte und teilweise auch Feste.«
Interessant, dachte sich der Siebzehnjährige und hörte weiterhin gespannt zu.
»Wie Frau Hollenbach vorhin erwähnte, leben etwa 100 000 Elementaristen in Deutschland. Im täglichen Leben ist der Einsatz der Fähigkeiten nur erlaubt, wenn kein Mensch ohne Fähigkeiten zugegen ist. Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist der Einsatz der Kräfte nur unter Aufsicht erwachsener Elementaristen gestattet. Ihnen ist die Aufsicht in diesem Internat gewährleistet, da sich ja immer Lehrkräfte im Haus befinden.«
Robin wollte erneut etwas nachhaken, aber dann war die Doppelstunde schon wieder vorbei. Die Schülerinnen und Schüler packten ihre Sachen zusammen und holten die Materialien für den nächsten Unterrichtsblock heraus.