Sonntag, 25. August 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 23


Einige Stunden später waren alle nach wie vor in heller Aufruhr. Robin war wie vom Erdboden verschluckt und konnte nicht gefunden werden. Florian Argon tauchte noch einmal im Haus 4E auf und befragte Aria. Doch sie konnte einfach nicht weiterhelfen.
     »Was ist mit dieser Frau aus London?«, wollte sie von dem Mann mit dem roten Haar und dem langen roten Bart wissen.
     »Wir mussten sie wieder gehen lassen. Sie hat nichts damit zu tun, da sie ein Alibi hat. Sie selbst machts sich wohl Sorgen um Robin. Aber sie konnte uns zumindest versichern, dass er nicht wirklich im Nirvana verschwunden war. Irgendwas muss passiert sein, dass er weggeholt wurde.«
     »Meinen Sie, es war eine Entführung?«
     »Frau Cloud gab zu Protokoll, dass es theoretisch auch möglich sei, nicht nur sich selbst zu tarnen, sondern auch andere. Dafür muss man aber sehr stark sein. Sie behauptet von sich selbst, es nicht zu können und hat bisher auch noch nie von jemanden gehört, der diese Technik beherrscht.«
     »Und Sie?«, hakte die Luft-Elementaristin nach.
     »Ich auch nicht. Nicht mal die Elementaristen vom Alpha-Team seien dazu in der Lage.«
     In diesem Moment wünschte sich das blonde Mädchen, dass es eine Art Kartei gäbe, in denen alle Elementaristen mit ihren Fähigkeiten eingetragen waren. Aber da widerspräche wahrscheinlich den Menschenrechten. Doch jetzt ärgerte sie sich, dass niemand etwas tun konnte.
     Sie bedankte sich trotzdem bei dem Feuer-Elementaristen und ging wieder zurück zu ihren Freunden, die noch immer verzweifelt grübelten.

     Sie saßen auf einer Bank auf dem Innenhof und schwiegen nachdenklich vor sich hin.
     »Warum nehmen sie eigentlich nicht Herrn Dreizack in die Mangel?«, fragte Iggy schließlich wütend in die Gruppe.
     »Er wird doch nur sagen, dass er keine Ahnung hat. Ihm kann man nichts nachweisen«, erklärte Marina.
     »Ach«, warf der Rotschopf schnippisch ein, »ich wüsste schon, wie ich ihn zum Reden bringe.«
     »Das ist illegal«, wehrte die Wasser-Elementaristin mit einer Handbewegung ab.
     »Wir können einfach nichts tun«, seufzte Aria. »Nur Abwarten und Tee trinken.«
     »Das ist doch so ein Miste«, regte sich der Feuer-Elementarist weiter auf.
     Da kam Brisa mit einem schiefen Grinsen auf die Gruppe zu.
     »Auch die noch«, jammerte Aria.
     »Na, ihr?«, begann die ehemalige Zimmergenossin von Aria. »Ist euer Freund endlich wieder aufgetaucht.«
     »Nein«, raunte Iggy als Antwort.
     »Oje«, sprach die Blondine weiter. »Er macht ja wieder eine ganz große Show daraus.«
     Da platzte es aus Aria:
     »Meinst du, er ist absichtlich verschwunden? Er steckt vielleicht in Lebensgefahr und du reißt hier so blöde Sprüche.«
     »Du regst dich aber auf. Bleib mal locker. So schlimm ist das doch gar nicht.«
     »Sag mal spinnst du?«, schrien nun Iggy und Aria im Chor.
     »Der Typ hat eine Technik angewendet, für die er anscheinend noch zu doof war. Selbst schuld würde ich mal sagen.« Die fiese Luft-Elementaristin lachte höhnisch.
     »Für dich ist es wohl ein großer Spaß«, mischte sich Marina verzweifelt ein. Sie war den Tränen nahe. Jojo nahm sie tröstend in den Arm.
     »Hau ab«, sprach der Muskelprotz sodann.
     »Ach, da kann er plötzlich reden«, sagte Brisa neckend. »Bevor ich gehe, möchte ich noch etwas auf die Nase binden.«
     »Wir möchten es aber nicht hören«, erwiderte Aria wütend.
     »Ich sage es euch trotzdem. Meine Eltern beherrschen diese Technik auch, aber ich werde sie nicht um Hilfe bitten, denn ich bin ganz froh, dass sich euer bescheuerter Zirkel wohl gerade auflöst.«
     »Wie bitte?«, schrie Aria wutentbrannt und wollte gerade auf Brisa losgehen. Doch Iggy und Jojo hielten sie schnell zurück.
     »Das ist es nicht wert, Aria«, sagte der große Erd-Elementarist beruhigend. »Lass sie gehen. Sie ist ein schlechter Mensch.«
     Da begann Brisa wieder, ein Grinsen aufzusetzen. Sie drehte sich um, stolzierte davon und lachte dabei laut.
     Aria schwor sich in diesem Augenblick, es ihr heimzuzahlen.

Mit der Ausrede, dass sie Kopfschmerzen hätte, verabschiedete sie sich von ihren Freunden. Marina wollte sie begleiten, doch sie erklärte, dass sie ein oder zwei Stunden gerne alleine auf dem Zimmer wäre. In Wirklichkeit schrieb sie ihrer verhassten Mitschülerin eine Nachricht, um sich mit ihr gleich in der Sporthalle zu treffen und endgültig ihre Rivalität aus der Welt zu schaffen.

Erscheine, wenn du keine Angst vor mir hast.

Nur wenige Sekunden später kam die erwartete Antwort von Brisa:

Ich werde da sein, da ich keine Angst vor dir habe. Bis später.

Und dann machte sich die selbstbewusste Luft-Elementaristin auf den Weg in die Sporthalle. Sie war so sauer auf Brisa und nun hatte sie den Bogen völlig überspannt. Sie würde jetzt an ihr ihren kompletten Frust rauslassen.
     Als sie die Sporthalle betrat, war es still darin. Heute hatte ja kein Unterricht stattgefunden und daher war die Halle nicht benutzt worden. Ein wenig dunkel war es in der Halle, aber Aria schaltete absichtlich nicht das Licht an, denn dann würde sie Aufmerksamkeit erregen. Doch draußen war es noch hell genug, damit man zumindest etwas sehen konnte. Die Fenster in der Sporthalle des Internats waren ziemlich weit in der Höhe und für den Unterricht wurde dann stets das Licht angemacht. Für die Auseinandersetzung mit Brisa war das nicht nötig.
     Die blonde Luft-Elementaristin lief in die Mitte der Halle und schaute sich um. Sie fragte sich, ob Brisa schon da war und nur auf sie wartete. Doch sprach sie jemand von hinten:
     »Hallo, Aria!«
     Die Elementaristin drehte sich um und tatsächlich war ihre Mitschülerin gekommen. Überheblich stand sie mit einer Hand in der Hüfte da und grinste schief.
     »Und was hast du jetzt vor, meine Liebe?«, wollte Brisa wissen. »Warum hast du mich hierher bestellt?«
     Aria antwortete nicht, sondern ließ sofort Taten folgen. Sie ballte die Fäuste und bündelte darin den Wind. Dann rannte sie auf Brisa zu und stieß sie mit einem Wirbelwind um. Brisa schrie, als sie zu Boden fiel. Doch dann sagte sie:
     »Das werde ich dir heimzahlen.«
     Das Mädchen stand schnell auf und sprang mit den Kräften der Luft über Aria drüber. Dann drehte sie sich im Flug und kickte ihre Gegnerin gegen den Rücken. Auch Aria fiel zu Boden. Sie stützte sich mit ihren Händen ab, erhob sich wieder und machte sich für den nächsten Angriff bereit.
     Sie drehte sich wie ein Wirbelsturm und wurde dadurch zu einem menschlichen Tornado. Doch das hatten sie vor kurzem im Unterricht gelernt und daher konnte das Brisa auch. Sie tat es ihr gleich und die beiden kleinen Tornados rasten aufeinander zu. Als sie sich trafen, flogen beide nach hinten.
     »Autsch!«, riefen sie beide im Chor.
     Doch die Luft-Elementaristinnen gaben nicht auf, rappelten sich auf und rannten wieder auf sich zu.
     Brisa nutzte die Kräfte der Luft um Aria nach oben zu schleudern, doch sie wich rechtzeitig aus, sprang seitlich auf dem Boden und schleuderte im Rollen einen Windstoß zu Brisas Füßen. Dieser traf sie unvorbereitet und brachte sie erneut zu Fall. Da ergriff Aria die Chance und stürzte sich auf ihre Gegnerin. Mit einer Faust schlug sie ihr ins Gesicht.
     Brisa schrie schmerzerfüllt. Sie drückte Aria von sich, in dem sie wieder einen Windstoß auslöste. Aria flog von ihr herunter und landete gerade noch strauchelnd auf beiden Füßen. Das kam ihr zugute, denn dann konnte sie gleich wieder einen Angriff starten. Sie nahm all ihre Energie zusammen und schleuderte einen mächtigen Wind auf Brisa. Diese schaffte es dadurch nicht, sie wieder aufzurichten. Schließlich hob es sie von den Socken und sie wurde quer durch Halle geworfen.
     Als sie aufkam, blieb sie leblos liegen.
     In diesem Augenblick bemerkte Aria, dass sie ihre Mitschülerin wohl ernsthaft verletzte. Sie rannte auf sie zu und wollte sich zu ihr nach unten beugen. Da regte sich Brisa wieder und krächzte:
     »Du blöde Kuh! Ich hasse dich!«
     So stieg erneut der Ärger in Aria auf, weshalb sie sich auf ihre Mitschülerin warf und sie mit ihrem ganzen Körper am Boden festhielt.
     »Jetzt reicht es mir, Brisa«, brüllte Aria wütend. »Du wirst heute noch deine Eltern darum bitten, uns bei der Suche um Robin zu helfen.«
     Brisa quälte sich unter der Last ihrer Gegnerin. Ihr tat wirklich alles weh und daher gab sie letztendlich auf:
     »Ist ja gut. Es tut mir leid, aber ich habe gelogen. Meine Eltern können diese Technik gar nicht. Ich wollte euch nur ärgern.«
     »Wie bitte?«
     Aria sprang entsetzt von Brisa auf und griff sich an die Stirn.
     »Das war vollkommene Zeitverschwendung«, jammerte sie.
     Brisa stöhnte, als sie den Versuch unternahm, wieder aufzustehen.
     »Das war echt gemein von mir«, gab Brisa zu. »Aber ich war so eifersüchtig. Ich wollte auch in eurem Zirkel sein, aber ihr habt mich nicht gelassen.«
     »Trotzdem hättest du das nicht tun dürfen«, ermahnte sie Aria grimmig.
     »Ich weiß. Wie gesagt: Nichts für Ungut.«
     Doch Aria schüttelte nur den Kopf und lief in Richtung Ausgang. Sie verschwand ohne weitere Worte aus der Sporthalle und ließ Brisa einfach zurück.