Sonntag, 18. August 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 22


Aria rannte wie eine Furie zum Verwaltungsgebäude. Brisa stand gerade mit ein paar Freundinnen auf dem Hof und beobachtete sie. Da sie neugierig war, wartete sie ab, was passierte.
     Als Aria Frau d’Airs Zimmer erreichte, klopfte sie bei ihr an. Ihr schien es vernünftig, die Lehrerin für das Element Luft zu alarmieren. Vielleicht konnte sie noch etwas tun.
     »Frau ‘immel, was ist los mit Ihnen?«, wollte die französische Lehrerin wissen.
     »Kommen Sie bitte schnell mit. Robin ist verschwunden.«
     »Ist er abge‘auen?«
     »Nein!«
     »Ist er entführt worden?«
     »Nein… das meine ich nicht. Er hat sich in Luft aufgelöst und ist nicht wieder aufgetaucht.«
     Frau d’Air kapierte es zwar nicht so richtig, aber sie folgte der Schülerin. Sie eilten wieder zurück zur Sporthalle. Brisa sah das und brachte ihre Freundinnen dazu, Aria und der Lehrerin zu folgen.
     »Da oben trainierten wir die Technik von Frau Cloud«, erklärte Aria panisch. »Und irgendwann hat es bei Robin geklappt. Er ist nicht wieder aufgetaucht.«
     »D’accord«, sagte Frau d’Air. »Bleiben sie rü’isch. Isch schaue mal nach.«
     Sie setzte ihre elementaren Fähigkeiten ein und flog mit einer Leichtigkeit auf das Dach. Aria konnte nur staunen. Nach einigen Sekunden kam sie wieder zurück.
     »Leider ‘abe isch ihn auch nischt se’en können, aber isch be’errsche diese Fä’ischkeit auch nischt. Wir müssen Frau Fünke alarmieren. Isch spresche mit ihr.«

     Dann sprach sie zu allen anwesenden Schülerinnen:
     »Und ihr sucht die ganze Schule nach Robin ab. Vielleischt finden wir ihn.«
     Sodann schwärmten alle aus. Aria rannte schnell zu ihren Freunden, die alle erschrocken reagierten. Nun suchten auch Iggy, Marina und Jojo nach ihrem Freund. Überall schauten sie nach: in den Zimmern, in der Schwimmhalle, in der Mensa, in den Klassenräumen, im Aufenthaltsraum und sogar in der Bibliothek. Aber das Elementum war nicht auffindbar.
     Die Rektorin rief sofort Florian Argon an, der eine Suchaktion in die Wege leitete. Alles musste ziemlich schnell gehen, denn jede Minute zählte.
     Niemand ahnte, dass der gleiche Mann dahintersteckte, der das Flugzeug zum Absturz gebracht hatte. Er hatte im Auftrag von Elma von Zimmenthal den Jungen entführt. Doch damit war die reiche Dame selbst in eine Falle getappt, mit der sie nicht gerechnet hatte.

Am nächsten Tag war noch immer keine Spur von Robin zu finden. Der Unterricht fand nicht statt und alle Schülerinnen und Schüler sollten zur Sicherheit in ihren Zimmern bleiben.
     Robins Freunde machten sich große Sorgen. Sie trafen sich wieder in Marina und Arias Zimmer, um die Lage zu besprechen.
     »Was war da nur passiert?«, wollte Marina wissen. Sie war total besorgt und verzweifelt.
     »Das wüsste ich auch gerne«, entgegnete ihr Aria. »Ich war sogar dabei und weiß nicht, was geschehen ist. Plötzlich war er einfach weg. Normalerweise hätte er sich ja noch melden können müssen.«
     »Richtig«, sagte Marina. »Ein Elementarist kann sich ja nicht wirklich in Luft auflösen, sondern das Element Luft nur dazu nutzen, sich zu tarnen. Das Sprechen und Bewegen hätte aber ganz normal funktionieren müssen.«
     »Ich habe ihn aber gar nicht mehr gehört«, erwiderte die Luft-Elementaristin darauf.
     »Und was ist, wenn er so stark ist, dass er sich tatsächlich in Luft auflösen kann«, gab Iggy zu bedenken. »Er ist schließlich ein Elementum.«
     »Dann meinst du etwas, er hat sich selbst damit umgebracht?«, hakte Aria irritiert nach.
     »Das geht nicht«, widersprach Marina. »Selbst wenn so etwas möglich wäre, würde der Selbsterhaltungstrieb des Menschen das verhindern. Nein, da muss was anderes abgelaufen sein.«
     »Ich habe vorhin kurz mit Herrn Argon kurz gesprochen«, sagte der Rotschopf mit den Sommersprossen. »Er sagte, dass sein Bruder und die E-Wehr alles Mögliche tun, um Robin zu finden. Sie haben wohl sogar Wendy Cloud in London festgenommen, weil sie als verdächtig gilt. Sie vermuten, dass sie vielleicht etwas damit zu tun hat.«
     »Aber sie ist London«, hakte Aria skeptisch ein. »Ich glaube kaum, dass mal so ganz schnell hier aufgetaucht ist, um Robin zu entführen.«
     »Na ja«, widersprach Iggy. »Wenn jemand so mächtig ist, eine solche Technik zu beherrschen, kann diese Person vielleicht auch blitzschnell von London nach Frankfurt fliegen.«
     »Das klingt zu weit hergeholt«, mischte sich Marina wieder ein.
     »Und was ist mit Frau von Zimmenthal?«, sagte Jojo plötzlich. Die anderen waren erstaunt, dass sich das Muskelpaket zu Wort meldete.
     »Vielleicht steckt auch Herr Dreizack dahinter«, fügte der Feuer-Elementarist hinzu.
     Da klopfte es plötzlich an der Tür. Aria öffnete sie und da stand Ilayda.
     »Hallo«, begrüßte die Luft-Elementaristin die ruhige Türken. »Komm doch rein.«
     Schüchtern betrat Ilayda das Zimmer.
     »Was ist los?«, wollte Marina wissen.
     »Ich wollte fragen, ob wir das Ritual jetzt durchführen könnten.«
     Die vier Freunde schauten das zurückhaltende Mädchen mit dem schwarzen Haar verdutzt an.
     Das ist doch nicht ihr ernst, dachte sich Iggy, hielt sich aber zurück, es laut auszusprechen.
     »Ilayda«, erklärte Marina, »das passt gerade ganz schlecht. Robin wird doch vermisst und ohne ihn können wir das Ritual sowieso nicht durchführen.«
     »Das heißt, ihr wollt es noch länger aufschieben«, sagte die Türkin nun etwas forscher.
     »Wir wollen es nicht aufschieben«, platzte es aus Iggy heraus. »Hörst du denn nicht zu? Unser Freund ist weg. Wir machen uns Sorgen. Außerdem geht es nicht ohne ihn. Bist du denn doof?«
     Diese Worte waren zu hart für die eigentliche Wasser-Elementaristin und sie wurde wütend:
     »Immer geht es nur um euch. Ihr seid vollkommene Egoisten, denen es egal ist, wie es anderen geht. Als ihr Hilfe brauchtet, war ich gut genug. Und jetzt lasst ihr mich links liegen.«
     »Darum geht es doch nicht«, versuchte Marina wieder einzulenken. »Wir werden das Ritual schon noch durchführen, sobald Robin wieder da ist und wir den Kopf dazu haben.«
     »Das ist doch eine blöde Ausrede«, schrie Ilayda. »Ihr wollt mir nicht helfen. Niemand will mir helfen.« Tränen brachen aus ihr heraus. Sie drehte sich um, rannte aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.
     »Die ist ja völlig plemplem«, äußerte Iggy genervt.
     »Lasst sie«, verteidigte sie Marina. »Sie ist einfach nur verzweifelt. Ich wüsste nicht, wie ich mich verhalten würde, wenn ich meine Kräfte verloren hätte. Wahrscheinlich kann sie gerade nicht mehr klar denken. Dabei hatte ich doch erklärt, wie wichtig es ist, dass Robin bei dem Ritual dabei ist. Dieses Mal müssen wir zu fünft sein, damit uns nicht wieder so ein Fehler passiert wie beim letzten Mal.«
     »Richtig«, stimmte Aria zu. »Wir sollten sie jetzt erst einmal beiseiteschieben. Wir müssen unseren Freund finden.«

Auch in der Villa von Arno Mosel und seiner Lebensgefährtin Elma von Zimmenthal brach Unruhe aus. Sie ließen Robin entführen, damit er aus dem Weg geräumt werden würde. Doch ihr Handlanger meldete sich einfach nicht mehr.
     »Was ist los?«, fragte Arno Mosel seine Partnerin. »Ist irgendetwas schief gelaufen?«
     »Das kann ich mir kaum vorstellen«, entgegnete die Wasser-Elementaristin. »Herr Känn wird für seine Dienste gut bezahlt.«
     In diesem Moment klingelte das Smartphone der Dame des Hauses. Es war eine unterdrückte Nummer. Sie wusste schon, wer dran war:
     »Endlich melden Sie sich.«
     »Ich habe ihn«, sprach eine kratzige Stimme am anderen Ende.
     »Sehr gut. Dann vollenden Sie die Tat.«
     Plötzlich blieb es still am anderen Ende. Dann sprach der Kerl weiter:
     »Ich möchte die doppelte Summe.«
     »Wie bitte?« Elma von Zimmenthal traute ihren Ohren nicht.
     »Was ist?«, wollte ihr Lebensgefährte wissen.
     Sie hielt das Mikrofon zu und sprach zu ihm:
     »Er will plötzlich die doppelte Summe, wenn er ihn umbringen soll.«
     »Das war aber so nicht abgemacht«, reagierte Arno Mosel gereizt. »Ich glaube, er spinnt.«
     Dann sprach die Dame wieder ins Gerät:
     »Damit sind wir nicht einverstanden.«
     »Dann werde ich ihn am Leben lassen«, gab der Mann am anderen Ende energisch zurück.
     »Geben Sie uns ein paar Stunden, um darüber nachzudenken«, verhandelte die ehemalige Ehefrau von Tiberius von Zimmenthal.
     »Also gut«, gab der Mann nach. »Ich melde mich in drei Stunden wieder. Aber dann will ich eine endgültige Antwort.«
     Als sie auflegten, schaute die Wasser-Elementaristen ihren Partner entsetzt an. Er schüttelte den Kopf und sagte:
     »Ich wusste, er würde Ärger machen. Solche Menschen kenne ich. Sie riechen Geld und werden dann zu gierig.«
     »Was sollen wir jetzt tun, Arno?«
     »Wenn wir nachgeben, wird er in Zukunft immer mehr Geld verlangen. Wir können ihn eigentlich abschreiben. Dann haben wir eben einen Super-Elementaristen weniger.«
     »Dann haben wir ihn aber nicht mehr auf unserer Seite und das könnte gefährlich werden.«
     »So ein Miste«, fluchte Arno. »Wir müssen ihn aufhalten. Er hat sich mit den Falschen angelegt.«
     »Was hast du vor?«
     »Wir müssen der E-Wehr einen Tipp geben, wo sie ihn finden können.«
     »Und wie machen wir das«, fragte Elma von Zimmenthal.
     Der Wasser-Elementarist dachte kurz nach. Dann hatte er einen Plan gefasst, den er seiner Lebensgefährtin mitteilte:
     »Wir werden der doppelten Summe zustimmen und für morgen einen Übergabeort ausmachen. Doch wir werden da nie auftauchen. Stattdessen wird die E-Wehr dort einmarschieren und den Kerl festnehmen. Selbst wenn er ein Super-Elementarist ist, kommt er gegen die E-Wehr nicht an.«
     »Das ist ein guter Plan, Liebling«, freute sich Elma von Zimmenthal. »Er wird es bereuen, sich gegen uns gestellt zu haben. Mit uns und unseren anderen Super-Elementaristen hätte er die Welt erobern können. Alleine ist er nur ein kleiner Verbrecher. Hoffentlich denkt er in seiner Zelle darüber nach.«
            Das reiche Paar lachte herzhaft darüber und freute sich, dass ihnen mal wieder nichts in die Quere gekommen war.