Sonntag, 7. Juli 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 16


Heute war die letzte Stunde im Praxisschwerpunkt vor den Osterferien und es gab Zwischennoten, um den Schülerinnen und Schülern mitzuteilen, welche Zensur sie erwarten würde, falls es jetzt schon Zeugnisse gab.
     Im Praxisschwerpunkt Feuer konnte sich Robin besonders freuen. Er hatte eine glatte Eins. Iggy war etwas aufgeregt, da er im vergangenen Halbjahr ja nicht so gut abgeschnitten hatte. Aber dank seines neu gewonnen Mutes und die Hilfe seines besten Freundes, konnte er sich auf eine Drei hocharbeiten. Als er dies hörte, griff er sich an seine Brust, wo sich das Symbol des Feuers befand, das er geheim hielt. Seit er von dem magischen Salamander gezeichnet worden war, wurde er stärker und er bezweifelte nicht, dass dies ebenfalls für seine Verbesserungen sorgte.
     Im Praxisschwerpunkt Erde konnte sich Jojo ebenfalls nicht beklagen. Er bekam die Note Zwei und freute sich darüber. Peter Töpfer, der nach wie vor auf den Muskelprotz stand, umarmte ihn sogar dafür, was ihm sehr unangenehm war. Peter wollte nämlich nicht mehr loslassen.
     Aria war gespannt, welche Note sie im Praxisschwerpunkt Luft erhalten würde. Frau d’Air erklärte ihr, dass oftmals völlig durch den Wind wäre in letzter Zeit und sich daher ihre Note etwas verschlechtert hatte. Demnach stünde sie momentan auf einer Drei, was Enttäuschung in Aria aufrief. Das hätte sie nicht geahnt. Währenddessen bekam ihre verhasste Ex-Zimmergenossin eine Zwei und freute sich. Sie grinste Aria sogar überlegen an, was sie innerlich aufregte. Am liebsten hätte sie laut geschrien, dass Brisa es nicht verdient hatte und sie sich ihretwegen verschlechtert hatte. Doch sie beließ es dabei und nahm sich vor, in Zukunft härter zu arbeiten und es Frau d’Air, aber auch Brisa zu beweisen. Sie wollte die bessere Luft-Elementaristin sein.
     Im Praxisschwerpunkt Wasser war es eindeutig für Marina. Sie hatte in allen Fächern eine glatte Eins und demnach auch im Schwerpunkt Wasser. Da konnte nicht einmal Narius Dreizack etwas dagegen tun, wenn es Tiberius von Zimmenthal sogar nicht geschafft hatte. Aber dann verkündete der Lehrer die Note ihrer Mitschülerin Ilayda:
     »Sie haben nicht einmal richtig mitgemacht, seitdem ich hier unterrichte. Sie haben sich stets verweigert. Deshalb kann ich Ihnen nur eine Sechs geben.«
     Die Schülerin schaute ihren Lehrer mit großen Kulleraugen an. Dann wurden ihre Augen plötzlich wässrig und die Tränen brachen wie Dämme aus ihr heraus.
     Marina sah das Ganze mit an und hatte total Mitleid mit ihrer ehemaligen Zimmergenossin. Am liebsten hätte sie sie getröstet, aber sie wusste, dass Ilayda sie ablehnen würde. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als hilflos zuzusehen.
     »Bitte«, flehte sie tränenerstickt. »Geben Sie mir keine Sechs. Meine Eltern werden wütend sein.«
     »Aber was soll ich Ihnen denn sonst geben?«, fragte Narius Dreizack streng. »Sie haben keine Leistung gezeigt, also können Sie auch keine bessere Note bekommen.«
     Das Mädchen schluchzte und schluchzte. Sie kriegte sich kaum ein. Der Lehrer sah sie an und man hatte fast den Eindruck, als würde es ihm selbst leidtun. Das traute Marina ihm gar nicht zu, denn schließlich vermutete sie, dass er ein Handlanger von Tiberius von Zimmenthal war.
     Dann sprach der dicke Lehrer spontan:
     »Okay, ich gebe Ihnen noch eine allerletzte Chance. Erfüllen Sie die folgende Aufgabe und ich kann Ihnen noch eine Vier geben.«
     Ilayda sah dem Mann stumm in die Augen. Sie überlegte kurz und nickte dann lediglich.
     »Gut«, sprach Dreizack weiter. »Ihre Aufgabe sieht folgendermaßen aus: Sie werden in die Mitte des Pools schwimmen und alle anderen Schülerinnen und Schüler werden Wasserfontänen auf Sie einprasseln lassen. Wenn Sie es schaffen, aus eigener Kraft aus dem Pool zu steigen, bekommen Sie noch eine Vier.«
     Ein großes Raunen ging durch das Schwimmbad. Diese Aufgabe war sehr schwer. Selbst die guten Wasser-Elementaristen würden daran zu knabbern haben. Die Aufgabe klang fast wie »Alle gegen einen« und war nahezu unlösbar. Marina nahm sich vor Schreck die Hand vor den Mund.
     Ilayda hingegen blieb stumm, drehte sich um und sprang in den Pool. Sie schwamm bis zur Mitte des Beckens und wartete auf die weiteren Schritte.
     »Sehr gut«, lobte Dreizack. »Nun stellen Sie sich alle um den Pool herum. Auf mein Kommando, schießen Sie Ihre Wasserstrahlen auf Frau Göksu ab.«
     Alle taten wie befohlen, nur Marina zögerte zunächst. Dann schritt sie ganz langsam auf ihre Position. Ihr war nicht wohl bei der Sache und sie hätte sich am liebsten davor gedrückt. Aber hatte sie eine Wahl? Sie musste es tun und so stellte sie sich auf.
     »Sind Sie bereit«, fragte er die Schülerin in der Mitte des Pools.
     Sie streckte ihren Daumen nach oben als Zeichen dafür, dass sie es war.
     »Dann auf mein Kommando! Wasser marsch!«
     Alle streckten sogleich ihre Hände aus und schossen einen Wasserstrahl auf das Mädchen. Marina war die letzte, die begann, aber sogleich auch die erste, die wieder aufhörte. Ilayda schrie und dann war sie unter den Wassermassen verschwunden. Die Wasser-Elementaristin war wie erstarrt und blickte in die Mitte des Pools, aber nichts tat sich. Ilayda tauchte einfach nicht auf und wehrte sich auch nicht gegen die Wassermassen.
     »Aufhören!«, schrie sie.
     »Nein!«, widersprach Narius Dreizack. »Warten Sie noch einen Augenblick. Vielleicht passiert noch was.«
     Die Schülerinnen und Schüler waren sich unsicher, ob sie nun weitermachen oder aufhören sollten. Einige ließen von Ilayda ab, aber andere machten einfach weiter, wie es ihr Lehrer angeordnet hatte. Doch das Mädchen war nicht zu sehen oder zu hören. Marina wusste, dass da nichts mehr passieren würde. Panik stieg in ihr auf. Sie hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen. Sie sprang selbst in den Pool und schwamm zu ihrer Schulkameradin. Als die anderen das bemerkten, hörten sie auch sofort auf, ihre Wasserstrahlen abzufeuern.
     Marina war in der Mitte des Beckens angekommen, aber Ilayda war nicht zu sehen. Da tauchte das Mädchen ab und sah ihre Mitschülerin leblos auf dem Grund des Beckens. Sie holte sie schnell und zog sie wieder nach oben. Jetzt sprangen noch andere in den Pool und mit gemeinsamen Kräften holten sie das zurückhaltende Mädchen wieder an Land.
     »Sie atmet nicht mehr«, schrie ein Junge.
     »Schnell«, rief ein anderer. »Jemand muss erste Hilfe machen.«
     Da Marinas Eltern Ärzte waren, hatten sie sie auf so etwas gut vorbereitet. Marina wusste, was zu tun war. Sie führte geistesgegenwärtig eine Herzdruckmassage durch und blies ihr gleichzeitig immer wieder Luft in die Lunge. Irgendwann regte sich das Mädchen und spuckte Wasser aus.
     »Sie lebt«, riefen die Mitschülerinnen und Mitschüler erleichtert.
     »Sehr gut gemacht«, lobte Dreizack Marina.
     Doch sie drehte sich zu ihm um und entgegnete ihm bissig:
     »Beinahe wäre sie ertrunken. Um Haaresbreite hätten wir sie getötet. Wie konnten Sie das zulassen?«
     »Sie wollte doch noch eine Chance«, verteidigte sich der Lehrer. »Ich verbitte mir diesen Ton. Und nun ziehen Sie sich alle um. Ich kümmere mich um das weitere.«
     »Ich bleibe bei ihr«, raunte Marina.
     »Also gut«, gab der dicke Wasser-Elementarist  nach.
     Der Lehrer rief einen Krankenwagen, der ein paar Minuten später eintraf und die Erstversorgen bei dem Mädchen übernahm. Dann sollte sie ins Krankenhaus gebracht werden und Marina wollte sie begleiten. Da sie aber keine Angehörige war, durfte sie nicht. Sie konnte nur noch mit ansehen, wie der Krankenwagen davon fuhr. Sie stand am Straßenrand und sah es traurig hinterher.
     Bitte werde schnell wieder gesund, Ilayda.
     Die Wasser-Elementaristin machte sich Vorwürfe, dass sie das zuließ. Sie hätte sie nicht ins Wasser springen lassen. Warum sollte sie dieser Aufgabe gewachsen gewesen sein, wenn sie die vorherigen Aufgaben nicht bewältigen konnte.
     Warum hat sie nur zugestimmt?, fragte sie sich selbst und dachte angestrengt darüber nach.
     Plötzlich kam ihr etwas Böses in den Sinn und sie erschrak. Sie hoffte, dass Ilayda nicht damit gerechnet hatte, getötet zu werden. Vielleicht war es Absicht und ein Selbstmordversuch. Das wäre schrecklich.
     In Marina stiegt Verzweiflung auf. Sie wusste nicht mehr, was sie denken oder fühlen sollte. Wenn ihr Verdacht wahr wäre, dann wüsste sie nicht, wie sie damit umgehen sollte. Das war ihrer Meinung nach ein absoluter Albtraum.
            Als sie wieder zurück ins Internat und auf ihr Zimmer gehen, wollte Aria ganz genau wissen, was passiert war, doch Marina machte ihr klar, dass sie Zeit für sich bräuchte. Sie war gerade nicht in Stimmung zu reden. So tief saß der Schock über die Geschehnisse im Schwimmbad. Sie wollte sich nur noch hinlegen und die Decke über den Kopf ziehen. Sie versprach ihrer Zimmergenossin, ihr alles später zu erzählen. Aria akzeptierte dies und ließ die Wasser-Elementaristin erst einmal in Ruhe.