Sonntag, 12. Mai 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 9


Es war noch früh am Morgen und alle Schülerinnen und Schüler machten sich gerade für den Unterricht fertig: Sie putzten sich die Zähne, duschten, suchten sich ihre Klamotten für den Tag raus oder genossen noch ein Viertelstunde extra im Bett so wie Robin. Er war jemand, der nur wenige Minuten brauchte, um sich morgens fertig für den Tag zu machen.
     Doch an Brisas Tür klopfte es heftig. Sie war gerade dabei, sich die Wimpern zu tuschen und war durch den Schreck verrutscht, sodass sie sich etwas verschmierte. Generell hatte sie morgens nicht die beste Laune, aber so ein Vorfall tat noch sein Übriges.
     Brisas Zimmergenossin war gerade im Badezimmer und die Luft-Elementaristin wunderte sich, wer denn am frühen Morgen schon was von ihr wollte.
     Als sie die Tür öffnete, stand ein Schüler mit schwarzen, halblangen Haaren davor. Er trug wie so häufig einen schwarzes Sakko über ein T-Shirt von einer teuren Designer-Marke.
     »Was willst du?«, fragte Brisa den Jungen, dessen Namen sie nicht einmal kannte. Sie wusste nur über die Gerüchte seiner Homosexualität, was sie nie besonders interessierte. Sobald sie diese Information über einen Jungen erhalten hatte, war er uninteressant für sie geworden und sie kümmerte sich nicht mehr um ihn. Ansonsten hatte sie sowieso nie etwas mit ihm zu tun gehabt.
     »Brisa Zügig?«, fragte er mit einer piepsigen Stimme.
     »Ja. Und jetzt? Was ist?«
     »Ich wollte mich nur rückversichern, ob es wirklich stimmt, dass du mit Jojo Keller zusammen bist. Es gehen Gerüchte herum. Ist es nun wahr oder nicht?«
     »Es ist wahr«, antwortete sie irritiert. »Warum interessiert dich das?«
     »Mir hatte man schon mal erzählt, dass er mit einem Mädchen zusammen sei und das hat dann nicht gestimmt. Ich hoffe, dieses Mal versucht man mich nicht hinters Licht zu führen.«
     »Ach, so weht der Wind«, sprach die hübsche Blondine, der nun ein Licht aufgegangen war. »Du stehst auf ihn. Aber ich muss dich enttäuschen. Jojo steht auf jeden Fall auf Mädchen. Das kann ich dir zu hundert Prozent versichern. Schmink ihn dir also mal lieber wieder ganz schnell ab.«
     Demonstrativ prustete Peter Luft aus, drehte sich um und stapfte den Flur hinunter. Brisa lachte nur in sich hinein, bis sie die Tür wieder schloss. Dieser Vorfall amüsierte sie und so war ihre Laune am Morgen ausnahmsweise einmal angestiegen.

In einem ganz anderen, noblen Stadtteil von Frankfurt gab es eine Villa mit einem riesigen Garten mit Pool und allem anderen Schnickschnack. Darin saßen gerade Elma von Zimmenthal und ihr Lebensgefährte Arno Mosel zusammen. Sie trug trotz der frühen Morgenstunden ein imposantes Kleid – diesmal in einem knalligen Grün. Es ging ihr bis zu den Knien und an den Beinen trug sie schwarze Netzstrumpfhosen. Über das Kleid trug sie einen glänzenden Blazer, der farblich zum Kleid passte. Natürlich hatte sie auch wieder High Heels an den Füßen. Ihr Haar hatte sie auftoupiert und sie war erneut stark geschminkt.
     Aber auch ihr Lebensgefährte Arno Mosel war schon in voller Montur, als ob sie gleich gemeinsam zu einer Hochzeitsfeier gehen würden. Dabei war es noch recht früh am Morgen. Er trug einen maßgeschneiderten, schwarzen Anzug mit silbernen Manschettenknöpfen und einer passenden schwarzen Seidenkrawatte. Sein grau meliertes Haar war ordentlich zurückgekämmt. Sein Gesicht war schon mit einigen Falten überzogen, die ihn aber eher weiser und erhabener aussehen ließen und nicht wie einen alten Mann. Er war ein Mann mit Erfahrung. Über dem rechten Mundwinkel hatte er eine auffällige Warze, die seine markanten Gesichtszüge allerdings nicht verunstalteten, da sie hautfarben und nicht irgendwie braun oder schwarz war.
     Sie befanden sich im riesigen Wohnzimmer der Villa, in dem alle Wände mit Stuck verziert waren. Die beiden saßen auf der schwarzen Ledersofa und hielten den passenden Sessel für ihren Besuch frei. Auf dem Boden befand sich ein schwerer Perserteppich und im ganzen Raum waren einige kleine Beistelltische mit teuren Kristallvasen oder anderer hochpreisiger Dekoration verteilt. An den Wänden hingen Gemälde von bekannten, bereits vor langer Zeit verstorbenen Künstlern. Sogar ein Klavier stand in der einen Ecke des Raumes.
     Schließlich läutete es an der Tür. Einen Moment später führte das Hausmädchen Narius Dreizack ins Wohnzimmer. Arno Mosel wies den Lehrer an, sich auf den Sessel ihnen gegenüber zu setzen.
     Dann begann Elma von Zimmenthal:
     »Guten Tag, Herr Dreizack. Wir möchten heute mit ihnen die genaue Vorgehensweise besprechen.«
     »Ich weiß«, bestätigte der Wasser-Elementarist. »Doch ich muss Ihnen gleich zu Anfang sagen, dass ich es nicht bin, der Herrn Held auf der Reise nach London begleitet. Das übernimmt meine Kollegin Frau d'Air, weil sie für das Element Luft verantwortlich ist.«
     »Das ist in Ordnung«, entgegnete ihm die Exfrau von Tiberius von Zimmenthal. »Wir wollten auch nicht, dass Sie ihn begleiten, denn das hätte Sie ihr Leben gekostet. So muss eben diese komische Lehrerin sterben, aber das ist ja nur ein geringer Verlust.«
     Narius Dreizack erschrak. Was hatte das zu bedeuten? Da mischte sich Arno Mosel ein.
     »Wir sind keine Amateure so wie der Ex-Ehemann meiner Lebensgefährtin. Wenn wir etwas in die Hand nehmen, dann richtig. Wir werden dafür sorgen, dass Robin Held London nie erreicht. In einem Flugzeug wird er vollkommen schutzlos sein.«
     »Sie.. Sie... werden...«, stotterte der dicke Mann und ihm brach plötzlich der Schweiß aus.
     »Ja, das Flugzeug wird abstürzen«, bestätigte Frau von Zimmenthal. »Das ist etwas radikal, aber wir müssen es ja wie einen Unfall aussehen lassen. Es wird zwar einige Kollateralschäden geben, aber damit müssen wir eben rechnen.«
     Die Dame grinste dabei und es schien so, als ob sie dieser Gedanke innerlich befriedigte. Selbst Narius Dreizack befand dieses Vorgehen für sehr böse.
     »Und was ist dann meine Aufgabe?«, hakte der dicke Lehrer nach.
     »Sie sollen uns nur mitteilen, wie sich Herrn Helds Fähigkeiten entwickelt haben. Meinen Sie, er könnte das Flugzeug von innen, ohne dass es jemand bemerken würde, auffangen?«
     »Wer kann das schon?«, wollte Herr Dreizack wissen. Dies war eine außerordentliche Meisterleistung, da ein Flugzeug ein gigantisches Fortbewegungsmittel war, dass es per Kräften der Luft zu bewegen galt.
     »Wir haben da jemanden gefunden«, lächelte Arno Mosel. »Er ist ein Meister seines Elements und er wird dafür sorgen, dass das Flugzeug in starke Turbulenzen gerät.«
     »Das ist doch... das ist... das ist ein Selbstmordkommando«, rief der verschwitzte Lehrer entgeistert aus.
     »Mitnichten«, verneinte Elma von Zimmenthal. »Er wird vor dem Absturz die Maschine verlassen und sich retten.
     »Und meinen Sie nicht, dass Herr Held und Frau d'Air das gleiche machen werden?«
     »Das sind doch ewige Gutmenschen«, spuckte die Wasser-Elementaristin verächtlich aus. »Sie werden sich höchstwahrscheinlich an die Regeln halten. An die Regeln der Menschen, sich nicht bei Turbulenzen abzuschnallen und an die Regeln der Elementaristen, ihre Kräfte in Gegenwart normaler Menschen einzusetzen. Selbst wenn es um Leben und Tod geht, werden sie sich nicht die Blöße vor den Menschen geben. Außerdem würden sie die unschuldigen Menschen nicht einfach zurücklassen.«
     »Das bezweifle ich«, widersprach Narius Dreizack. »Herr Held bewies in der Vergangenheit einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und Beschützerinstinkt. Er wird alles tun, um die Menschen zu retten.«
     »Das werden wir noch sehen«, entgegnete Arno Mosel. »Eine Rettungsaktion würde wahrscheinlich bedeuten, dass er sich als Elementarist outete. Und das durfte er nicht. Damit würde er einen Skandal auslösen und die ganze Menschheitsordnung durcheinander bringen. Dann wäre alles zerstört, was sich die Welt der Elementaristen aufgebaut hat. Das darf er nicht riskieren.«
     Seine Partnerin fügte lachend hinzu:
     »Und wenn sie es tun, dann gehen meine Träume in Erfüllung und wir sind endlich frei. Zusätzlich mussten wir uns dabei die Finger nicht schmutzig machen. Das wäre phänomenal.«
     »Und was ist mit seinen Freunden?«, warf Narius Dreizack ein. »Er hat vier starke Freunde, die ihm bei seinen Taten immer wieder unterstützt haben. Auch sie werden wahrscheinlich wieder zur Hilfe eilen
     Elma von Zimmenthal machte eine abwehrende Handbewegung und fuhr fort:
     »Wie sollen sie denn bitte in diese derartige Höhe kommen und ihrem Freund helfen? Das wird nicht funktionieren. Dieses Mal ist das Elementum ganz auf sich allein gestellt.«
     »Und die Lehrerin?«
     »Na gut, er hat noch diese Lehrerin an seiner Seite, aber sie wird ebenfalls nichts anrichten können. Über sie mache ich mir auch keine Sorgen«, sprach die Wasser-Elementaristin weiter. »Nur die wenigsten Luft-Elementaristen sind so stark, um ein Flugzeug mit den Kräften der Luft steuern zu können. Das wäre ein Wunder, wenn sie das leisten könnte.«
     Narius Dreizack schluckte. Ihm fühlte sich unwohl bei diesem Plan. Andererseits freute er sich, dieses Mal keine allzu aktive Rolle in der Sache zu haben. Seine Arbeit war mit diesem Gespräch quasi erledigt. Aber er hätte am liebsten auch nichts darüber gewusst. So war er eingeweiht und in einem Dilemma. Tiberius von Zimmenthal war seiner Meinung ja schon ein skrupelloser Mann, aber diese beiden Herrschaften übertrafen ihn erheblich.
     »Gut«, sprach er und erhob sich von dem Ledersessel, »dann werde ich mal wieder zurück ins Haus 4E kehren.«
     »Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Dreizack«, sprach Arno Mosel und reichte ihm die Hand. »Bitte halten Sie sich aber bereit, falls wir Ihre Dienste vielleicht doch unwahrscheinlicher Weise noch einmal benötigen. Wir würden sie dann anrufen.«
     Der dicke Mann nickte und schüttelte dann auch Frau von Zimmenthal die Hand. Danach machte er sich wieder auf dem Weg ins Internat.
     Als er aus der Tür war, sah Elma von Zimmenthal ihren Lebensgefährten liebevoll an.
     »Schatz«, sagte sie, »wenn das Elementum aus dem Weg geräumt ist, wird uns niemand mehr im Weg stehen. Dann können wir unsere Super-Elementaristen auf die Menschen loslassen.«
     »Richtig, mein Liebling«, bestätigte Arno Mosel. »Ich habe es satt, dass wir Elementaristen uns verstecken müssen. Wir sind rein von der Evolution her die mächtigere Spezies und müssen uns die Menschen unterwerfen. Nicht einmal die E-Wehr mit ihrem Alpha-Team kann uns aufhalten.«
     Beide begannen zu lachen.
     »Mein Exmann wollte die alten Traditionen wieder herstellen und somit die Elementaristen stärken. Wir werden eine neue Ära auslösen, in der wir beide als Herrscher hervorgehen.«
     »Glücklicherweise gibt es viele Elementaristen, die genauso denken wie wir und nur von unserer Regierung mundtot gehalten werden. Sie warten nur darauf, endlich frei zu sein und ihre Überlegenheit zu demonstrieren.«
     »Aber erst muss dieses Elementum weg«, ergänzte die Wasser-Elementaristin. »Auch wenn er noch ein Schüler ist und sein volles Potential nicht ausschöpfen kann, könnte er eine Bedrohung sein. Er ist wie eine wandelnde Zeitbombe.«
     »Da hast du recht, meine Liebe. Schließlich verdanken wir unser jetziges System einem Elementaristen. Vor mehr als zweihundert Jahren trat er auf und zwang alle Elementaristen, ihre Kräfte geheim zu halten. Langsam wurde eine Subkultur der Elementaristen etabliert, die im Geheimen unter den normalen Menschen lebte. Wer sich zuwider handelte, wurde von diesem Elementum ausgelöscht. Eigentlich war er das pure Böse und wird aber von den heutigen Elementaristen gefeiert, als ob er ein großer Held gewesen war.«
     Elma von Zimmenthal fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, bevor sie fortfuhr:
     »Doch diese Zeiten sind vorbei, denn ein Elementum lebt auch nicht ewig. Und ein bestehendes System könnte auch mal wieder überarbeitet werden.«
     »Und das ist unsere Aufgabe«, sprach ihr Lebensgefährte siegessicher.