Sonntag, 26. Mai 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 10


Serafina Funke war eine super Lehrerin und besonders im Praxisschwerpunkt konnte sie den Feuer-Elementaristen viel beibringen. Der neue Lehrer Gerit Argon hatte aber einen ganz anderen Ansatz:
     »Ich möchte nicht nur, dass Sie Ihr Element sehr gut beherrschen. Meine Meinung nach ist es auch sehr wichtig, körperlich fitt zu sein.«
     Die Schülerinnen und Schüler hörten gespannt zu, was sie heute erwarten würde.
     »Zirkeltraining ist das Stichwort«, posaunte es der Lehrer heraus. Die Jugendlichen aus der 11. Klasse stöhnten.
     Iggy und Robin schauten sich an und verdrehten die Augen. Sie liebten es, im Praxisschwerpunkt Feuerbälle zu werfen oder irgendwas in Brand zu setzen. Diese Unterrichtsstunden sind meist die einzige Gelegenheit, ihre Kräfte einzusetzen. Daher freuten sie sich heute nicht auf einen mehr oder minder gewöhnlichen Sportunterricht.
     Doch sie wurden schnell eines Besseren belehrt. Zwar standen in der ganzen Sporthalle Sportgeräte wie Barren, Ringe, ein Bock oder einfache Seile zum Seilspringen herum. Aber alles loderte in großen Flammen.
     »Ich habe alle Geräte angezündet«, erklärte Herr Argon. »Keine Sorge, sie sind an dieser Schule speziell präpariert und dadurch zerstöre ich kein Inventar.«
     Einige Schülerinnen und Schüler kicherten.
     »Sie werden alle Stationen durchlaufen und trainieren. Dabei müssen Sie sich aber konzentrieren, damit Ihnen das Feuer nichts anhaben kann.«
     Das klang außergewöhnlich und interessant. Robin hatte dabei keine Bedenken. Schon als Kind kam er oft mit Feuer in Berührung und wunderte sich darüber, sich dabei nicht verletzt zu haben. Zuletzt brannte seine alte Schule ab und während einige unter schweren Verbrennungen litte, kam er unversehrt aus dem Inferno. So wurde auch der ehemalige Schulleiter Quinn auf Robin aufmerksam und lud ihn dazu ein, Schüler im Haus 4E zu werden, das nur Elementaristen besuchten.
     Robin Held ist der einzige, der nicht wusste, dass er ein Elementarist war, bevor in das Internat kam. Er wurde adoptiert und seine Eltern hatten keine Ahnung – auch heute nicht. Unter des Vorwands eines Stipendiums wurde seinen Eltern erklärt, dass er nun das Internat in Frankfurt besuchen würde. Sie ahnten nichts von seinen Fähigkeiten und das sollte auch so bleiben. Er wollte sie nicht beunruhigen.
     Dann begann das Zirkeltraining und die Feuer-Elementaristen verteilten sich auf die Geräte. Robin und sein bester Freund blieben zusammen und gingen als erstes zu den Springseilen, weil sie am unbeliebtesten schienen. Robin fing sofort mit dem Hüpfen an. Iggy traute sich zuerst nicht, die Seile in die Hand zu nehmen. Doch dann fasste er Vertrauen und schnappte sich die brennenden Seile.
     »Das tut ja gar nicht weh«, freute sich der Rotschopf.
     »Uns kann Feuer nichts anhaben«, entgegnete Robin ihm. »Daher brauchst du dir keine Sorgen zu machen.«
     Herr Argon sorgte dafür, dass das Feuer sich nicht komplett ausbreitete und bei den Geräten blieb, was eine umfassende und anstrengende Aufgabe war. Er musste die ganze Zeit durch die Gegend rennen und konnte das Training seiner Schülerinnen und Schüler quasi nur im Vorbeigehen begutachten.
     »Bald geht es los nach London«, äußerte Iggy beim Springen. »Freust du dich schon?«
     »Und wie«, antwortete das Elementum. »Aber ich mach mir auch ein bisschen Sorgen, was mich dort erwartet. Ich vermute ja nach wie vor, dass das wieder eine Falle ist.«
     »Aber Tiberius von Zimmenthal sind hinter Gittern und seine Exfrau ist bestimmt nicht so wie er. Sonst wären sie ja noch zusammen. Die Trennung wird seinen Grund gehabt haben.«
     »Das sagen alle, aber mir ist dennoch nicht wohl dabei. Es hat einen üblen Beigeschmack.«
     Iggy hatte genug und legte die Seile nieder. Dann sagte er:
     »Vorsicht ist besser als Nachsicht und daher schadet es ja nicht, wenn du auf der Hut bist.«
     »Genauso denke ich auch«, bestätigte Robin. Dann gingen sie gemeinsam zum nächsten Gerät.

Die anderen Elementaristen hatten zeitgleich ihren Praxisschwerpunkt. Die Erd-Elementaristen sind dafür heute in den Wald gegangen. Wenn im Frühling die Pflanzen wieder blühen, ist die Energie besonders stark. Das wollte Frau Bottenberg ausnutzen. Die Wasser-Elementaristen waren wie immer in ihrer Schwimmhalle. Die Luft-Elementaristen trainierten heute an der freien Luft – und zwar im Innenhof des Internats.
     Als die Doppelstunde vorüber war, begegneten sich Aria und Marina auf dem Hof. Die Wasser-Elementaristin musste unbedingt ihre Sorgen loswerden und so sprach sie mit der Luft-Elementaristin über Ilayda:
     »Kannst du dich noch an sie erinnern?«
     »Ja, das ist doch die ganz Schüchterne und deine ehemalige Zimmergenossin.«
     »Genau. In letzter Zeit verweigert sie die Übungen im Praxisschwerpunkt. Heute hat sie auch nur Ärger bekommen, weil sie keine Übung ausgeübt hat. Ich mache mir Sorgen.«
     »Ich hätte gar nicht gedacht, dass sie so rebellisch ist«, sprach Aria anerkennend.
     »Das ist es nicht. Irgendwas stimmt nicht.«
     »Aber was hast du damit zu tun? Du bist doch nicht ihr Kindermädchen.«
     Marina schüttelte den Kopf und sagte:
     »Trotzdem fühle ich mich irgendwie verantwortlich. Wir waren ja Zimmergenossinnen und haben uns ja auch ganz gut verstanden. Mir tut es etwas leid, als ich sie gegen dich eintauschte. Ich hatte gar nicht mit ihr darüber geredet.«
     »Jetzt hast du Schuldgefühle? Das musst du nicht haben. Ihr wurdet von Tiberius von Zimmenthal in ein Zimmer gelegt. Als das wieder aufgehoben war, müsste doch jedem bewusst sein, dass er sich wieder seine Freunde als Zimmergenossen sucht.«
     Marina nickte bestätigend, widersprach aber dann dennoch:
     »Vielleicht dachte sie, ich sei ihre Freundin. Ich glaube, sie hat sonst niemanden. Sie ist immer allein.«
     »Mensch, Marina, das ist doch nicht dein Problem.«
     Das sah die Wasser-Elementaristin irgendwie anders. Sie wusste, wie es sich anfühlt, allein zu sein und daher hatte sie Mitgefühl mit Ilayda gehabt. Trotzdem hatte sie sie dann einfach so fallengelassen. Das war gemein.
     Doch Aria versuchte ihre Freundin aufzumuntern:
     »Ich weiß, dass du ein herzensguter Mensch bist und am liebsten das Leid der Menschheit aufhalten würdest. Aber manchmal kannst du das nicht. Du kannst ihr nur anbieten, ihr zu helfen.«
     »Das lehnt sie aber ab. Sie wird patzig. Wahrscheinlich ist sie noch sauer auf mich.«
     »Dann kannst du nichts daran ändern. Du hast es versucht und ihr die Hand gereicht. Wenn sie sie nicht annimmt, dann musst du dich damit abfinden. Konzentriere dich mehr auf dich selbst.«
     Diese Worte waren leichter gesagt als getan. Marina war nicht so. Aus irgendwelchen Gründen konnte sie es nicht aushalten, wenn sie jemand nicht leiden mochte. Noch schwieriger war es für sei, wenn sie jemand aus unerfindlichen Gründen ablehnte. Wenn sie wenigstens den Grund kannte, warum Ilayda so wütend auf sie war.
     »Hallo, ihr beiden«, rief plötzlich eine schrille Stimme hinter ihnen. Marina und Aria drehten sich um und sahen Brisa.
     »Hatten wir nicht eben zwei Stunden lang das Vergnügen miteinander«, entgegnete ihr Aria schnippisch.
     »Du bist ja heute wieder lustig«, sprach Brisa und lachte laut auf. Aria verdrehte dabei die Augen.
     »Was willst du von uns?«, fragte Aria ohne Umschweife.
     »Ihr beiden seid gute Freunde meines Freundes und da dachte ich mir, dass wir uns vielleicht auch anfreunden sollten. Schließlich sehen wir uns ja jetzt öfter und ich will nicht, dass die Stimmung irgendwie komisch ist.«
     Marina nickte verständnisvoll, während Aria genervt seufzte.
     »Deshalb habe ich mir überlegt, dass wir drei doch einen gemeinsamen Mädelsabend verbringen könnten.«
     »Ja gerne«, sagte Marina sofort.
     »Auf gar keinen Fall«, rief Aria gleichzeitig.
     »Was ist denn, meine Liebe?«
     »Das letzte Mal, als wir zusammen aus waren, endete es in einer Katastrophe. Darauf habe ich keine Lust mehr.«
     »Jetzt lass doch mal die alten Geschichten beiseite«, wehrte sich die Luft-Elementaristin. »Lass uns einen Neustart begehen.«
     »Ich finde das eigentlich eine gute Idee«, bestätigte die Wasser-Elementaristin.
     »Siehst du«, sprach Brisa freudig, »deine Freundin sieht das ähnlich.«
     »Ich könnte ja auch mal Ilayda fragen«, ergänzte Marina. »Vielleicht kann ich sie so aus der Reserve locken.«
     Dagegen konnte Aria nun nichts mehr sagen, da sie ihrer Freundin nicht in den Rücken fallen wollte. Sie wusste ja jetzt, was es Marina bedeutete, sich wieder mit Ilayda gut zu verstehen. Und wenn es dazu einen Abend mit Brisa benötigte, konnte sie ja schlecht Nein sagen. Also stimmte sie trotz negativer Gefühle zu, was Brisa sehr erfreute:
     »Toll! Dann lasst uns am Samstagabend ausgehen. Ich weiß schon, wohin wir gehen. Macht euch schick! Wir sehen uns!«
     Mit diesen Worten stürmte sie davon wie ein Wirbelwind. Aria war erleichtert, dass sie nun mit Marina wieder alleine war. Sie hasste die Anwesenheit der anderen Luft-Elementaristin.
     »Ich suche dann mal Ilayda und frage sie«, erklärte Marina. »Bis später!«