Sonntag, 21. April 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 7


Aria betrat den Aufenthaltsraum, in dem nicht mehr so viel los war, wie noch vor ein paar Wochen. In den kalten Wintermonaten war dies ein beliebter Rückzugsort der Schülerinnen und Schüler. Jetzt, da die Sonne wieder öfter schien und die Wärme des Frühlings die Kälte des Winters ablöste, gingen die meisten lieber nach draußen.
     Doch der Zirkel um Robin, Marina, Aria, Iggy und Jojo liebte den Aufenthaltsraum. Sie saßen gerne in der Sofaecke und quatschten miteinander. In der Vergangenheit war es auch ein beliebter Ort für sie geworden, die Lage zu besprechen. Außerdem wusste alle instinktiv, dass sie sich dort finden würden, wenn man sie suchte.
     Doch nur Iggy saß auf der Couch in der einen Ecke des großen Raumes. Vertieft blickte er auf das Display seine Smartphones.
     »Hey Iggy«, begrüßte die Luft-Elementaristin den Jungen mit den roten Haaren und den Sommersprossen.
     Er sah auf und entgegnete:
     »Hi Aria! Endlich mal jemand aus unserer Truppe.«
     »Wo sind denn die anderen?«
     »Wahrscheinlich turteln Robin und Marina irgendwo herum und Jojo... na ja, er turtelt sicherlich ebenso mit Brisa.«
     »Oh bitte erwähne ihren Namen nicht. Ich kann sie nicht ausstehen.«
     »Das haben wir gemerkt«, entgegnete der Feuer-Elementarist nickend.
     Aria setzte sich neben ihn und seufzte:
     »Sie ist so ein Biest. Anfangs dachte ich noch, wir könnten Freundinnen werden. Aber sie ist immer so gemein und schreckt auch nicht davor zurück, andere körperlich zu verletzen.«
     »Wie meinst du das?«
     »Schon mehrfach hat sie ihre Elementarfähigkeiten eingesetzt, um mich buchstäblich zu Fall zu bringen. Und neulich attackierte sie mich auch im Praxisschwerpunkt.«
     »Wirklich? Und was hat Frau d'Air dazu gesagt?«
     Aria stöhnte:
     »Brisa stellt es so an, dass es keiner mitbekommt und dann kann Frau d'Air auch nichts tun.«
     »Das gibt es ja nicht«, entgegnete Iggy verständnisvoll.
     »Was findet Jojo nur an ihr?«
     »Sie ist blond, schlank, sehr hübsch...«
     »Iggy! Du bist mir keine Hilfe!«, spottete die Luft-Elementaristin.
     »Wir können eben nichts machen. Wir müssen akzeptieren, dass sie jetzt Jojos Freundin ist.«
     »Ich will das aber nicht akzeptieren. Unser Freund stürzt sich ins Unglück.«
     Iggy wusste nicht, ob er seiner Freundin recht geben sollte oder ob er dachte, dass sie übertreibe. Doch glücklicherweise musste er diesbezüglich keine Entscheidung treffen, denn er sah, wie Patrik den Raum betrat.
     Patrik war ebenfalls ein Feuer-Elementarist und ein kleiner Rebell. Seine Haare waren kirschrot gefärbt und er hatte neben schwarzen Tunnels in den Ohren ein Piercing in den Augenbrauen. Natürlich trug er wie immer seine schwarze Lederjacke. Er kam direkt auf Iggy und Aria zu.
     »Hallo, ihr beiden!«, begrüßte er sie.
     »Hi«, antwortete Iggy kleinlaut.
     Die beiden Feuer-Elementaristen hatten schon eine Weile nicht mehr miteinander geredet. Als Tiberius von Zimmenthal die Schülerschaft nach ihren Elementen unterteilte, mussten sich Iggy und Patrik ein Zimmer teilen. Sie freundeten sich an und Patrik stellte ihm seine Freunde vor, die keine Elementaristen waren, aber dennoch verbotenerweise von seinen Kräften wussten. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit im Park und hatten eine Menge Spaß. Aber Patrik hielt sich nicht an die Regeln und setzte seine Elementarfähigkeiten außerhalb der Schule ein. Als das herauskam, bekamen die beiden sehr viel Ärger und wurden sogar von der E-Wehr in Gewahrsam genommen. Glücklicherweise kamen sie noch glimpflich davon.
     »Kann ich mal mit dir sprechen, Iggy?«, fragte der Punker seinen alten Kumpel.
     »Dann schaue ich mal, wo die anderen sind«, warf Aria sofort ein, machte Platz auf der Couch und verabschiedete sich von den beiden Jungen. Dann setzte sich Patrik neben Iggy.
     Schließlich sagte der Punker:
     »Ich wollte dich bloß mal fragen, ob du mal wieder Lust hättest, mit uns abzuhängen? Das war doch eine coole Zeit.«
     »Lieber nicht, Patrik«, antwortete Iggy sachlich. »Ich möchte mich lieber wieder auf die Schule konzentrieren.«
     »Aber wir hatten doch so viel Spaß. Dela und Oliver würden sich auch freuen.«
     Bei diesem Satz verkrampfte Iggy innerlich. Ausgerechnet auf diese beiden hatte er gar keine Lust. Sie waren die beiden Freunde von Patrik, die keine elementaren Fähigkeiten besaßen. Oliver war ein hübscher Kerl und Iggy entwickelte langsam Gefühle für ihn. Sie küssten sich sogar. Doch dann erwischte Iggy ihn knutschend mit Dela. Das brach ihm das Herz und deshalb wollte er nichts mehr mit ihnen zu tun haben.
     »Auf sie kann ich getrost verzichten«, gab der Rotschopf nun trotzig zur Antwort.
     »Was ist denn los?«, hakte Patrik nach. »Liegt es daran, dass wir beinahe einsitzen mussten? Das tut mir echt leid. Ich habe daraus gelernt und setzte meine Kräfte nicht mehr außerhalb der Schule ein. Versprochen!«
     Iggy wusste nicht, ob man den Versprechen von Patrik vertrauen konnte. Er war sehr spontan und handelte sprunghaft.
     »Nein, daran liegt es nicht«, entgegnete Iggy. »Jedenfalls nicht nur. Und jetzt lass mich bitte in Ruhe.«
     »Mensch, Iggy. Was ist denn los? Wir könnten doch mal wieder zusammen im Park chillen. Vermisste du Oliver denn nicht?« Hierbei zwinkerte Patrik doppeldeutig und boxte Iggy freundschaftlich auf die Schulter.
     »Hey!«, schrie Iggy und schlug Patriks Hand weg. »Nein, ich vermisse diesen Kerl überhaupt nicht. Ich will mit ihm und mit Dela nichts mehr zu tun haben. Kapier das doch endlich!«
     Die Blicke der wenigen Schüler, die sich ebenfalls im Aufenthaltsraum befanden, flogen nun auf die beiden Feuer-Elementaristen, was Patrik sehr unangenehm war. Er versuchte sein Gegenüber zu beschwichtigen:
     »Jetzt bleib mal ruhig, Iggy. Was ist denn los? Wir haben uns doch so gut verstanden. Ich dachte, wir wären Freunde.«
     Iggy schüttelte den Kopf und sprach nun leiser, aber weiterhin mit Nachdruck weiter:
     »Wir sind keine Freunde. Freunde verarschen ihre Freunde nicht.«
     »Was willst du denn damit sagen. Ich habe dich nicht verarscht.«
     »Nicht du, aber Oliver. Und Dela«, ergänzte er.
     »Wieso? Ich dachte, du verstehst dich gerade mit Oli ganz besonders gut.«
     »Das dachte ich auch«, sprach Iggy verächtlich. »Aber dann habe ich sie im Park gesehen, wie sie miteinander rumknutschten.«
     »Ach so, das meinst du«, wehrte es der Punker mit einer lapidaren Handbewegung ab. »Jetzt halt doch mal den Ball flach und zieh deinen Stock aus dem Arsch, Iggy. Wir sind jung und frei. Wir müssen uns doch nicht aneinanderfesseln. Wir sollten Spaß haben.«
     »Das sehe ich nicht so«, erwiderte der Rotschopf vehement.
     »Jetzt nimm das doch nicht so ernst. Gönn ihnen und auch dir selbst den Spaß. Das ist alles nicht so ernst gemeint. Ich hab auch schon öfter mit Dela rumgeknutscht. Da ist nichts dabei.«
     Iggy konnte die Ansichtsweise gar nicht nachvollziehen. Für ihn bedeutete Küssen mehr. Es war ein Akt des Gefühls und er wollte nicht einfach mit jedem x-beliebigen Menschen rumknutschen.
     »Dann knutscht doch alle einfach miteinander rum und lasst mich da raus. Für mich ist das nichts.«
     Mit diesen Worten stand er von der Couch auf und lief in Richtung Tür.
     »Und was heißt das jetzt?«, rief ihm Patrik noch hinterher.
     Iggy drehte sich um und antwortete:
     »Ich lehne eine Fortsetzung der Freundschaft mit euch ab.«
     Dann verschwand er aus dem Raum.
     Er lief nach draußen an die frische Luft und schaute in den Himmel. Es waren ein paar Wolken zu sehen, aber ansonsten war das Wetter sehr gut.
     Der Feuer-Elementarist machte sich selbst Vorwürfe, dass er sich überhaupt auf sie eingelassen hatte. Wie konnte er nur so viel in eine Sache hineininterpretieren, in der nichts steckte. Er fühlte sich gedemütigt und beschämt.
     Wenn die anderen davon wüssten, halten sie mich bestimmt für einen Volltrottel.
     Er nahm sich vor, in Zukunft Abstand von Patrik und seinen Freunden zu nehmen und sich lieber an seine Freunde zu halten. Robin, Marina, Aria und Robin waren seine wahren Freunde, auf die er bauen konnte und die ihn nicht so verletzen würden.
     Da sah er auch schon Aria. Die ganze Zeit saß sie bereits auf einer Bank im Innenhof des Internats. Er ging auf sie zu und fragte sie fröhlich:
     »Und hast du die anderen gefunden?«
     Die Luft-Elementaristin drehte sich um sah den Rotschopf mit genervten Blick an.
     »Anscheinend sind sie wirklich gerade am Rumturteln.«
     Dann setzte er sich neben sie und sprach:
     »Vielleicht sollten wir das auch machen.«
     Er umarmte sie und drückte sie an sich, woraufhin das blonde Mädchen lachen musste.
     »Was ist denn mit dir plötzlich los?«, fragte sie verwundert nach.
     »Ach nichts«, antwortete er lediglich mit einem schiefen Grinsen im Gesicht.