Sonntag, 7. April 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 5


Seit Tiberius von Zimmenthal und sein Sohn eingebuchtet worden waren, durften die Schülerinnen und Schüler aus dem Haus 4E auch wieder nach Unterrichtsschluss das Internat verlassen. Marina und Robin hatten sich bereits vor ein paar Tagen vorgenommen, gemeinsam einen Spaziergang zu machen und die erste Frühlingssonne zu genießen.
     Da sie schlechte Erfahrungen am Main gesammelt haben, vermieden sie dieses Mal den Fluss und schlenderten durch den chinesischen Garten im Ostend von Frankfurt. Dort befand sich eine kleine Anlage, deren identisches Abbild ebenfalls in China existierte. Es war wunderschön mit einem kleinen Bach, asiatischem Gemäuer und sogar ein kleiner Wasserfall war vorhanden.
     Marina und Robin liefen Arm in Arm, blieben aber eher still. Als sie sich auf eine Parkbank setzten, äußerte die Wasser-Elementaristin ihre Gedanken:
     »Heute war Ilayda im Praxisschwerpunkt total komisch. Sie hat alles verweigert und war auch gemein zu mir. So kenne ich sie gar nicht.«
     »Woran liegt das?«, hakte Robin nach.
     »Wenn ich das nur wüsste. Ich habe sie darauf angesprochen, aber sie ging ab wie eine Furie.«
     »Dabei ist sie doch so schüchtern.«
     »Genau das dachte ich auf. Aber irgendwas ist mit ihr.«
     »Vielleicht hat sie familiäre Probleme.«
     »Das könnte gut sein, aber verhält man sich so?«
     »Du weißt es doch am besten, denn deine Eltern sind Ärzte. Jeder Mensch geht unterschiedlich mit psychischen Problemen um.«
     »Wow, mein Schatz. Ich bin beeindruckt. So schlaue Worte aus deinem Mund.«
     Marina schnappte sich ihren Freund und küsste ihn herzlich. Er erwiderte ihn jedoch nur sehr halbherzig. Die Wasser-Elementaristin war irritiert:
     »Was ist?«
     »Ich bin wahrscheinlich auch nicht ganz auf der Höhe.«
     »Wieso?«, fragte sie nach.
     »Ich mache mir derzeit sehr viele Gedanken. Ich bin ein Elementum und ich weiß, dass es echt selten in der Welt der Elementaristen ist. Es ist eine Besonderheit. Aber was ist mit mir?«
     »Wie meinst du das?«
     Marina verstand nicht, was ihr Freund meinte. Normalerweise kannte sie ihn gar nicht so nachdenklich. Er war immer so positiv und nicht der Grübler.
     »Ich frage mich, ob ich noch so besonders wäre, wenn ich ein Elementarist wäre, der nur ein Element beherrschen würde, so wie du und all die anderen.«
     »Natürlich, Robin. Du wirst immer etwas Besonderes sein.«
     »Marina, bitte hör auf mit diesen Floskeln und sprich ernsthaft mit mir. Ich stehe im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – und nicht nur bei denjenigen, die mich umbringen wollen. Eigentlich geht es nicht um Robin Held, sondern um die Tatsache, dass ich ein Elementum bin. Die Leute verehren mich teilweise und sind neugierig auf mich. Sie wollen vielleicht sogar mit mir befreundet sein. Aber mögen sie denn auch meinen Charakter, meine Persönlichkeit?«
     »Schatz, jetzt mache ich mir ernsthaft Sorgen.« Die Schülerin umarmte ihren Freund und drückte ihn fest an sich. Er kämpfte damit, seine Tränen zu unterdrücken.
     »Das klingt ja wirklich wie eine Lebenskrise«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Dann gab sie ihm einen Kuss auf die Wange und setzte sich wieder aufrecht hin, bevor sie fortfuhr:
     »Hör mir jetzt gut zu. Ich liebe dich nicht, weil du ein Elementum bist. Ich liebe dich noch nicht mal, weil du ein Elementarist bist, sondern weil du eben du bist. Ich mag deinen Mut, deine positive und lustige Art, du bist hilfsbereit und ein echter Freund. Manchmal bist du auch ein bisschen übermütig und taktlos, aber auch deine Fehler liebe ich, denn sie machen dich zu dem Menschen, der du bist.«
     »Das sagst du doch nur so«, wehrte Robin ab und wurde aber gleichzeitig rot dabei.
     »Wie kommst du überhaupt auf diesen ganzen Schwachsinn?«
     »Neulich habe ich Herrn Argon angesprochen, ob er mit Florian von der E-Wehr verwandt sei. Er sagte mir, er sei sein Bruder und habe schon viel über mich gefreut. Erst freute ich mich, aber dann erklärte mir, dass ein Elementum eine große Sache in der Welt der Elementaristen sei. Verstehst du? Eine Sache! Ich bin eine Sache!«
     »Oh Robin...«
     »Da wurde mir bewusst, dass Florian und alle anderen sich nur für mich interessierten, weil ich ein Elementum bin.«
     »Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Vielleicht war das nur so daher gesagt. Du solltest nicht so viel darauf geben. Es sind nur Worte.«
     »Diese Worte haben mich aber getroffen. Und ich dachte, Florian sei mein Freund. Ich weiß nicht mehr, ob ich ihm vertrauen kann. Ob ich überhaupt jemanden vertrauen kann.«
     »Also mir kannst du hundertprozentig vertrauen und daher sage ich dir, dass du das Gespräch mit Florian suchst. Ruf ihn heute Abend gleich an.«
     »Ich weiß nicht, ob ich das kann.«
     »Mach es!«, forderte Marina ihn auf. »Du wirst sehen, dass danach die Welt schon wieder ganz anders aussehen wird.«
     Robin seufzte, aber versprach seiner Freundin, dass er mit Florian sprechen würde. Innerlich fürchtete er sich vor dem Telefonat, aber er wusste auch, dass Marina recht hatte. Er musste Florian gegenüber offen und ehrlich sein. Nur so konnten sie über Unstimmigkeiten sprechen.

Als die beiden wieder im Haus 4E waren, brachte Marina Robin auf sein Zimmer. Iggy war da, hatte Kopfhörer auf den Ohren und hörte Musik.
     »Hallo, ihr beiden Turteltauben«, rief er und lauschte weiter den aktuellen Hits aus den Charts.
     Marina gab Iggy zu verstehen, dass er die Kopfhörer abnehmen sollte und sagte ihm:
     »Komm mal bitte mit mir mit. Robin hat einen wichtigen Anruf zu erledigen und sollte ungestört dabei sein.«
     »Was ist denn los«, wollte der Rotschopf wissen.
     »Das erkläre ich dir draußen«, antwortete die Wasser-Elementaristin.
     »In Ordnung.«
     Iggy stellte die Musik ab und folgte Marina nach draußen. Nun war Robin allein im Zimmer und konnte ungestört das Telefonat mit Florian Argon erledigen. Ein wenig fürchtete er sich vor dem Gespräch. Er schätzte Florian als einen wahrhaften Menschen ein, der bestimmt nicht um den heißen Brei reden würde. Wenn es tatsächlich keine Hirngespinste waren, würde Florian ihm die Wahrheit sagen und ihm damit gleichzeitig das Herz brechen. Aber da musste er durch.
     Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und suchte in der Kontaktliste nach der Nummer von E-Wehrmann. Schließlich tippte er mit dem Finger auf die grüne Taste. Es klingelte ein paar Mal, bis Florian schließlich ranging.
     »Hey, Robin! Sorry, dass ich mich die letzten Tage nicht gemeldet hatte. Hier bei der E-Wehr gab es viel zu tun.«
     »Hallo Florian, ich muss mal mit dir sprechen.«
     »Oh, das klingt aber ernst. Um was geht es denn?«
     »Ich habe mit deinem Bruder gesprochen...«
     »Ist das nicht super?«, unterbrach ihn Florian. »Ich habe ihn gebeten, bei euch anzufangen. Hoffentlich ist er nicht zu streng mit dir. Oder ist er das? Rufst du deshalb an?«
     »Nein«, erwiderte der Siebzehnjährige, »er ist ein guter Lehrer. Aber er ließ das etwas fallen, was mich nachdenklich stimmt.«
     »Was denn?« Nun wurde Florian auch bewusst, dass es dem jungen Elementum ernst war.
     »Er sagte, dass du viel über mich sprichst, weil ein Elementum eine große Sache in der Welt der Elementaristen ist. Bin ich denn nur eine Sache?«
     »Wovon redest du? Was hat das zu bedeuten?«
     »Ich kam in das Haus 4E als Elementarist. Es stellte sich heraus, dass ich ein Elementum bin und dann stand ich im Fokus. Die Schule musste mir ein Sonderprogramm liefern, das mich an viele tolle Orte brachte und durch das ich viele tolle Persönlichkeiten kennenlernen durfte. Auf diese Weise kam ich auch zur E-Wehr. Ich genoss immer eine Extrawurst. Auch Tiberius von Zimmenthal war hinter mir her, weil ich ein Elementum bin. Angeblich würde die Presse sich um mich reißen, wenn sie von mir wüssten.«
     »Worauf willst du hinaus?«
     »Das alles passiert, weil ein Elementum eine große Sache ist und nicht weil Robin Held eine tolle Person ist«, versuchte sich der Siebzehnjährige zu erklären.
     »Robin«, entgegnete Florian ernst, »worüber du dir Gedanken machst, ist sinnlos und unnötig. Ja, es ist wahr, bei den Elementaristen wärst du wahrscheinlich ein Star, wenn man dich kennen würde. Aber für diejenigen, die dich wirklich kennen, bist du ein Star, aber nicht aufgrund der Tatsache, dass du alle vier Elemente beherrscht, sondern weil du so bist, wie du bist.«
     »Ernsthaft?«
     »Ja, ernsthaft! Du hast mich so beeindruckt, wie du dich ins Zeug gelegt hast, um die Wahrheit zu erfahren. Mutig hast du dich Tiberius von Zimmenthal in den Weg gestellt und trotzdem hast du dir immer Mühe gegeben, auf dem Boden zu bleiben und ein guter Freund für alle zu sein.«
     »Hm...«
     »Und darüber hinaus hast du an dir gearbeitet und die Schule nicht vernachlässigt.«
     »Aber ohne meine Kräfte wäre das nicht möglich gewesen«, erwiderte der Schüler.
     »Jetzt hast du es!«, freute sich Florian Argon.
     »Wie meinst du das?«
     »Deine Fähigkeiten helfen dir dabei, der zu sein, der du bist. Aber du bist nicht die Summe deiner Fähigkeiten.«
     »Okay, jetzt wird es zu hoch für mich.«
     »Stell dir doch mal vor, jemand anderes wäre ein Elementum. Kennst du irgendjemanden, der sich so mutig Tiberius entgegengestellt hätte? Kennst du jemanden, der sich nicht beim ersten Angriff eines Feindes verkrochen hätte?«
     »Ähm...«, kam es nur aus Robin heraus. Er grübelte.
     »Siehst du! Du bist etwas Besonderes, aber deswegen noch lange keine Sache. Ein Elementum ist tatsächlich nichts Alltägliches und ganz klar eine Sensation für die Welt der Elementaristen. Wahrscheinlich wollte mein Bruder das sagen. Aber wer dich kennt, schätzt dich aufgrund vieler anderer positiver Eigenschaften.«
     Der Junge atmete erleichtert aus. Florian Argon hatten seine Befürchtungen in Luft aufgelöst. Nun war er wieder voller guter Dinge.
     »Danke, Florian. Es war schön, mal wieder mit dir zu reden.«
     »Immer wieder gerne, mein Freund. Und wenn dich mein Bruder schlecht behandelt, ruf mich bitte wieder an. Dann versohle ich ihm den Hintern.«
     Beide fingen zu lachen an und das löste den Knoten in Robins Brust. Sein Mentor bei der E-Wehr hatte es geschafft, dass er sich wieder gut fühlte.
     Warum habe ich ihn nicht gleich angerufen?
            Als Robin aufgelegt hatte, rannte er schnell aus dem Zimmer zurück zu Marina und Iggy. Freudestrahlend warf er sich ihnen um den Hals. Da wusste die Wasser-Elementaristin, dass nun wieder alles in Ordnung war und ihr Freund sich mit Florian Argon ausgesprochen hatte. Das beruhigte sie wieder einigermaßen.