Sonntag, 31. März 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 4


Die Luft-Elementaristen trainierten heute in der Sporthalle. Die französische Lehrerin Aurélie d'Air forderte die Schülerinnen und Schüler auf, sich in zwei Teams aufzuteilen. Die eine Hälfte, in der sich Aria befand stellte sich auf die eine Seite der Halle. Die andere Hälfte, unter denen auch Brisa war, stellte sich auf die gegenüberliegenden Seite.
     »'eute spielen wir eine Spiel«, erklärte Frau d'Air. »In der Lüft befinden sisch die beiden Basketballkörbe, die isch nicht ‘eruntergelassen habe. So stehen sie senkrescht züm Boden in einigen Metern ‘öhe.«
     Die Schülerinnen und Schüler hörten interessiert zu.
     »Gleisch bekommt ihr mehrere Basketbälle, die es gilt allein mit den elementaren Kräften in den gegnerischen Korb zu bekommen. Dabei dürfen die Lüftkräfte nur auf die Bälle einwirken und niemals auf Personen. Wer mehr Körbe macht, gewinnt am Ende das Spiel.«
     Alle Jugendlichen in der Halle freuten sich lautstark, aber Aria bemerkte, dass Brisa sie mit funkelnden Augen ansah.
     Was hat sie vor?, fragte sich die hübsche Blondine.
     Dann begann das Spiel. Die Lehrerin pfiff mit ihrer Trillerpfeife und ließ mit ihren eigenen Fähigkeiten bestimmt zehn Basketbälle in die Mitte der Halle fliegen. Und dann begann das Chaos.
     Alle Luft-Elementaristen versuchten mit ihren Kräften die Bälle in die Körbe zu befördern. Jeder zerrte an den Bällen, sodass sie nur so durch die Gegend flogen. Einige prallten auch auf den Boden, sodass Schüler ihnen ausweichen mussten. Der ein oder andere traf sogar in den Korb. Manche verharrten aber auch in der Luft, weil zwei Elementaristen mit ihren Kräften von beiden Seiten daran zerrten. Aria wirbelte umher und schnappte sich einen Basketball. Sie lenkte ihn in Richtung des gegnerischen Korbes. Da stellte sich allerdings Brisa in den Weg. Aria wusste, dass sie ihr den Ball abnehmen wollte und so konzentrierte sie ihre ganze Energie in die Luft, die sich um den Basketball befand.
     Doch plötzlich kam ein starker Windstoß, der Aria an den Beinen traf und sie umstieß. Damit verlor sie denn Ball, den sich dann ein Junge aus dem gegnerischen Team schnappte. Doch er kam nicht weit, denn Frau d'Air pfiff in ihre Pfeife und stoppte das Spiel. Sie rief:
     »Foul!« Als sie zu Aria rannte, wollte sie wissen, wer dies verursachte. Doch alle blieben stumm.
     »Das war Brisa«, sagte Aria, während sie sich wieder aufrichtete.
     »Sie lügt«, entgegnete ihre Widersacherin sofort. »Ich habe fair gespielt.«
     »Wer soll es sonst gewesen sein?«, blaffte Aria zurück. »Du warst diejenige, die mir im Weg stand.«
     »Das ist eine Unverschämtheit. Du kannst mich nicht leiden und daher hast du das nur vorgespielt, damit Frau d'Air mir eine schlechte Note gibt.«
     »Das ist doch völliger Humbug!«, schrie Aria noch lauter.
     »Du bist eifersüchtig, dass ich mit einem Freund von dir zusammen bin. Wahrscheinlich stehst du selbst auf Jojo.«
     »Erzähl doch nicht so einen Quatsch, Brisa!«
     »Du willst immer im Mittelpunkt stehen und dieses Mal bin ich diejenige, die es geschafft hat. Das passt dir nicht.«
     »Das sagt genau die richtige«, gab Aria wütend zurück. »Du bist doch eine, die von allen bewundert werden will. Das sieht man doch an deinen Markenklamotten und dem teuren Schmuck, das du ständig trägst.«
     »Ach, darauf bist du auch noch eifersüchtig. Das ist der Beweis«, kreischte Brisa zurück.
     Die anderen Schüler beobachten das Hin und Her mit Spannung.
     »Halt einfach deinen Mund, Brisa! Da kommt eh nichts Gutes raus.«
     »Verbiete mir nicht den Mund, du Schnepfe!«
     »Schlüss jetzt!«, befahl die Lehrerin. »Isch will nischts mehr 'ören. Es wird 'ier absolüt fair gespielt. Keine Attacken mehr. Weiter geht’s!«
     Dann pfiff sie erneut und das Spiel wurde fortgesetzt. Aber die beiden Mädchen blickten sich weiterhin böse an.
     Den Rest der Stunde gab es keinen besonderen Vorkommnisse mehr, aber Aria behielt Brisa im Auge. Dadurch war sie zwar abgelenkt und konnte keinen Treffer für ihn Team erzählen. Aber Brisa ging es genauso und das war es wert.

Zur gleichen Zeit passierten auch merkwürdige Dinge bei den Wasser-Elementaristen, die im internatseigenen Schwimmbad trainierten. Herr Dreizack legte heute Wert darauf, jeden einzelnen ein paar Übungen machen zu lassen und diese zu begutachten.
     Er hatte eine Zielscheibe aufgestellt und die Schülerinnen und Schüler sollten einen Wasserstrahl auf das Ziel feuern. Sie stellten sich hierfür in einer Reihe an das Becken. Gegenüber befand sich das Ziel. Alle hatten ihre Badesachen an. Auch Marina trug einen blauen Badeanzug. Ihre langen, glatten braunen Haare verbarg sie unter einer weißen Badekappe. Ihre große Brille mit eckigem Kunststoffrahmen tauschte sie heute gegen eine Taucherbrille ein.
     Das Erzeugen eines Wasserstrahls gehörte mittlerweile zum festen Standartprogramm der Wasser- Elementaristen, weshalb es den meisten sehr leicht fiel. Marina traf selbstverständlich genau die Mitte der Zielscheibe, wofür Dreizack nicht mal ein Lob oder überhaupt irgendwelche Worte übrig hatte. Wie bei allen anderen nickte er es einfach ab.
     Irgendwann kam er zu Ilayda Göksu. Die bleiche, schüchterne Türkin mit einem dunklen Bob stand einfach da und hatte ihre Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ihr Blick war auf den Boden gerichtet.
     »Sie sind an der Reihe«, forderte sie Dreizack auf, doch Ilayda rührte sich nicht. Ungeduldig wiederholte der Lehrer, dass sie nun beginnen sollte. Doch sie tat nichts.
     Marina fragte sich, was los war. Ilayda war immer sehr ruhig, aber sie war eigentlich eine recht fleißige und gute Schülerin. Dass sie sich jetzt weigerte, passte garnicht zu ihr.
     »Wenn Sie nicht sofort beginnen, bedeutet das die Note Sechst«, brüllte Dreizack nun ungehalten. Die komplette Schwimmhalle erbebte, sodass sich die Schüler erschraken. Aber Ilayda bewegte sich nicht.
     »Gut«, sprach der Lehrer nun wieder etwas ruhiger, aber nicht minder wütend, »dann bekommen Sie die Sechs.« Damit wendete er sich an den nächsten Schüler in der Reihe.
     Bei der nächsten Übung sollten die Schüler einen Wasserwirbel im Pool erzeugen. Auch das schaffte Marina mit Bravour. Ilayda weigerte sich erneut.
     Was ist mit ihr los?, fragte sich die Wasser-Elementaristin.
     So ging das die ganze Doppelstunde und Marina war sehr verwirrt. Sie mochte Ilayda, seitdem sie sich für kurze Zeit ein Zimmer geteilt haben. Außerdem half die Türkin ihr bei einem schwierigen Ritual, dass Marina mit dem Zirkel durchgeführt hatte – und leider recht schief ging. Eigentlich wollten sie Ilayda für kurze Zeit die Kräfte entziehen, taten dies aber auch leider bei sich selbst. So hätten sie beinahe gegen Tiberius von Zimmenthal verloren und wären besiegt worden.
     Als das Training vorüber war, marschierten alle in die Umkleidekabinen. Beim Umziehen sprach Marina Ilayda darauf an:
     »Was war denn heute mit dir los?«
     »Lass mich in Ruhe«, reagierte das Mädchen leicht gereizt.
     »Geht es dir nicht gut?«
     Ilayda schwieg.
     »Bedrückt dich irgendetwas?«
     Keine Reaktion.
     »Du kannst ruhig mit mit reden.« Bei diesem Satz fasste Marina Ilayda tröstend an die Schulter. Doch die Türkin schlug ihre Hand weg und brüllte los:
     »Hör auf damit! Lass mich einfach in Ruhe! Ich will nicht mit dir reden. Hast du das kapiert?«
     So einen Ausbruch hatte Marina bei ihr noch nie erlebt. Auch die anderen Mädchen in der Umkleide schauten die beiden erschrocken an. Ilayda packte ihre Tasche und rannte aus dem Raum. Marina blickte ihr lediglich verwirrt hinterher. Mit so einer Reaktion hatte sie niemals gerechnet. Was war mit ihr los? Warum verhielt sie sich so? Marina fand das beunruhigend. Innerlich spürte sie auf irgendeine Art und Weise Schuldgefühle. Sie wollte ihr helfen, aber das musste ihre Mitschülerin zunächst einmal zulassen.
     Was soll ich nur tun?, fragte sich die Wasser-Elementaristin.