Sonntag, 24. März 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 3


Der Schulalltag hatte die Jugendlichen wieder. Im Großen und Ganzen verlief alles seinen gewohnten Gang, auch wenn Marina sichtlich unter ihrem Tutor litt.
     Sie saß mit Robin, Aria und Iggy gemeinsam beim Mittagessen, als sie über Herrn Dreizack klagte:
     »Herr von Zimmenthal erkannte meine Leistungen nicht an, aber Herr Dreizack ignoriert mich völlig. Er nimmt mich dran und ich kann mein Wissen nicht unter Beweis stellen. Im Praxisschwerpunkt nahm Herr von Zimmenthal mich meist als Vorzeigeschülerin, um mich dann hinterher doch wieder nieder zu machen. Bei Herrn Dreizack kann ich nicht mal meine Wasserfähigkeiten präsentieren. Ich habe das Gefühl, er sabotiert mich.«
     »Vielleicht nervt ihn auch nur deine Besserwisserei«, flüsterte Iggy leise.
     »Wie bitte?«, hakte Marina nach.
     »Ach nichts«, gab der Feuer-Elementarist kleinlaut zurück.
     »Rein objektiv kann er dir dafür aber keine schlechten Noten geben«, versuchte nun Aria ihre Freundin aufzumuntern.
     Marina nickte und seufzte dennoch:
     »Trotzdem ist das ziemlich demotivierend.«
     In diesem Moment kam Jojo in die Mensa. Doch der Muskelprotz kam nicht allein. Er lief Hand in Hand mit Arias ehemaliger Zimmergenossin Brisa. Den Jugendlichen fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als sie das sahen. Besonders Aria war schockiert.
     »Hallo, Freunde«, begrüßte sie die hübsche Luft-Elementaristin, als sie mit Jojo den Tisch erreicht hatte. »Wie geht es euch?«
     »Brisa?«, wunderte sich Aria. »Was soll das bedeuten.« Die blonde Luft-Elementaristin erhob sich, stellte sich direkt vor das Paar und deutete mit dem Zeigefinger wild auf die Hände der beiden.
     »Seid ihr zusammen?«, wollte Robin wissen.
     Der ruhige Jojo nickte lediglich, während Brisa freudestrahlend grinste.
     Aria konnte es nicht fassen, aber sie dachte sich, dass es zu Brisa passte. Sie machte sich an den muskulösesten Typen der Schule ran, was an ihrer Seite wie ein nettes Accessoire aussah.
     Zwischen Brisa und Aria hatte sich in jüngster Zeit eine gewisse Rivalität entwickelt. Beide waren zwei sehr hübsche Blondinen, wobei Arias Haar glatt über die Schulter fielen, während Brisas Haar länger und gewellt war. Als sie sich für kurze Zeit ein Zimmer teilen mussten, zeigte sich, dass Brisa viel Wert auf Markenklamotten und Schminke legte. Sie verbrachte Stunden im Bad und hielt sich für eine Prinzessin. Als sie beide gemeinsamen zum Tanzen in einen Club gingen, stahl Aria ihr vollkommen die Show und zog die Blicke der Jungs auf sich. Da wurde Brisa vollkommen eifersüchtig und seitdem hasste sie Aria. Warum also machte sie sich ausgerechnet an jemanden heran, der zu Arias Freundeskreis gehörte?
     »Dürfen wir uns zu euch setzen?«, fragte Brisa, wartete aber keine Antwort ab und zog Jojo mit sich, als sie ebenfalls an dem Tisch Platz nahmen.
     »Wie es das denn passiert?«, wollte Aria wissen, als sie sich ebenfalls wieder an ihren Platz setzte. Sie klang sehr schnippisch dabei.
     »Es war Liebe auf den ersten Blick«, posaunte Brisa mit großen Gesten aus und schaute mit ihren langen Wimpern klimpernd Jojo an.
     »Ach wirklich?«, stöhnte Aria. »Wir gehen seit letztem Sommer gemeinsam auf diese Schule und nicht erst seit gestern.«
     Brisa überspielte diese Aussage mit einem schrillen Lachen. Jojo zuckte nur mit den Schultern.
     »Na herzlichen Glückwunsch«, sprach nun Iggy und klopfte Jojo auf die Schulter.
     Innerlich musste der Rotschopf an Peter denken. Dieser Junge war ebenfalls ein Schüler des Haus 4E und Erd-Elementarist. Er teilte sich bis vor kurzem ein Zimmer mit Jojo und war tierisch in den Muskelprotz verschossen. Noch immer war er hinter ihm her. Was würde er nun sagen, wenn er erfuhr, dass Jojo nun eine Freundin hatte. Er würde zu Tode betrübt sein.
     Doch da wurde der Feuer-Elementarist aus seinen Gedanken gerissen. Über die Lautsprecher kam eine Durchsage von Rektorin Funke:
     »Ich bitte um die Aufmerksamkeit von Robin Held. Bitte kommen Sie sofort in mein Büro.«
     Alle am Tisch sahen das junge Elementum an. Er wunderte sich über den Ausruf und fragte sich, ob etwas passiert war. Er stand auf, entschuldigte sich bei seinen Freunden und bevor er sich auf den Weg, in das Büro von Serafina Funke machte, gab er seiner Freundin Marina noch einen Kuss.

Als er schon zum zweiten Mal in dieser Woche das Büro der Rektorin betrat, hätte er nicht damit gerechnet, dass eine ältere Dame mit etwa fünfzig Jahren in einem auffälligen blauen Kleid mit puffigen Ärmeln und funkelnden Schmuck darin saß und auf Robin wartete.
     »Setzen Sie sich, Herr Held«, forderte die Schulleiterin das Elementum auf. Er nahm auf dem Stuhl neben der scheinbar sehr noblen Dame Platz. Mit ihrem auftoupierten, dunkelbraunen Haar und dem stark geschminkten Gesicht sah sie aus, als ob sie auf eine feine Cocktailparty ging. Daneben sah Robin mit seinem alten, weißen T-Shirt und ungekämmten blonden Haaren ein wenig underdressed aus.
     »Herr Held, dass ist Frau Elma von Zimmenthal.«
     Bei dem Namen erschrak das Elementum. Er traute seinen Ohren nicht. Wieder jemand mit dem Namen seines verhassten Ex-Lehrers, der sich seinen Tod wünschte. Wer war sie und was wollte sie von ihm?
     »Machen Sie sich keine Sorge«, sprach nun die Dame selbst. Sie klang sehr würdevoll, aber eben auch ein wenig arrogant. »Tiberius ist mein Exmann. Ich hatte mich schon vor einiger Zeit von ihm scheiden lassen, weil sich unsere Einstellungen sehr unterscheiden. Ich bedaure sehr, was er Ihnen angetan hat.«
     Robin blickte sie skeptisch an.
     »Ach, das gilt übrigens auch für meinen Sohn Kelvin. Tiberius hat ihn leider auf die schiefe Bahn gebracht und ich konnte das nicht verhindern.« Theatralisch fuhr sie ihre Rückhand zur Stirn.
     »Und was wollen Sie nun von mir?«, wollte Robin wissen, der noch immer an die Glaubwürdigkeit dieser Frau zweifelte.
     »Als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten habe ich Ihrer Schulleiterin erklärt, dass ich zukünftig ihre Wochenendlehrgänge vollständig finanziere. Ich möchte Sie dabei unterstützen, stärker zu werden und solchen Menschen wie meinem Exmann das Handwerk zu legen.«
     »Das ist sehr großzügig von ihnen«, entgegnete Serafina Funke der Dame.
     Doch Robin glaubte, dass die Sache einen Haken hatte, obwohl er jetzt noch nicht wissen könnte, was dies sein könnte. Die Ausflüge werden von der Schule organisiert und daher hat sie wohl kaum Einfluss. Trotzdem blieb er skeptisch.
     Die Rektorin blickte den Schüler erwartungsvoll an, doch er kapierte nicht, was sie wollte. Elma von Zimmenthal bemerkte dies und daher sagte sie einfach:
     »Sie müssen sich nicht dafür bei mir bedanken. Ich kann verstehen, dass sie eine gewisse Abneigung den von Zimmenthals gegenüber hegen. Ich erwarte daher nichts von Ihnen.«
     »Frau von Zimmenthal...«, begann nun Serafina Funke.
     »Nein«, unterbrach sie die Dame, »es ist schon gut. Ich muss nun auch weiter.«
     Sie erhob sich, schüttelte zunächst der Rektorin die Hand und reichte sie dann Robin. Erst zögerte er, schlug aber dann doch ein. Dann begleitete Frau Funke sie zur Tür und die Dame verschwand.
     Die Schulleiterin ging zurück zu ihrem Schreibtisch, setzte sich hin und funkelte Robin böse an.
     »Was?«, fragte er gespielt unschuldig nach.
     »Sie hätten mehr Dankbarkeit zeigen können, Herr Held. Ich weiß, dass Sie normalerweise sehr respektvoll sind, aber das war nicht die feine englische Art.«
     »Entschuldigen Sie, Frau Funke«, gab er patzig zurück, »aber ihr Ehemann hat mich mehrfach versucht zu töten. Bei Herrn Quinn hatte er es sogar geschafft.«
     »Robin, Sie können ihr nicht die Schuld für die Taten ihres Mannes geben. Sie hat sich von ihm scheiden lassen und das wahrscheinlich nicht ohne Grund. Sie ist wahrscheinlich auf unserer Seite.«
     »Und was ist mit ihrem Sohn Kelvin? Mutterliebe übersteigt alles.«
     »Das bedeutet aber nicht, dass Mütter alles gutheißen, was ihre Kinder anstellen.«
     »Das sehe ich anders«, entgegnete Robin mit einer derartigen Vehemenz, dass er sich selbst erschrak, sich so seiner Schulleiterin gegenüber zu verhalten.
     »Nun, gut«, sprach Frau Funke nach einigen Sekunden weiter. »Wir sollten uns beruhigen. Ich bin sehr dankbar, dass Frau von Zimmenthal einige Kosten übernimmt. Das müssen Sie ja nicht so sehen. Sie dürfen jetzt gehen.«
     Robin nickte, stand auf und verließ das Büro der Schulleiterin. Nach all den Vorkommnissen in der Vergangenheit konnte er nicht begreifen, warum Frau Funke derart naiv war. Zuerst stellte sie Narius Dreizack als neuen Lehrer ein und dann ließ sie sich auf ein Geschäft mit einer ein, die den von Zimmenthal trug. Diese Familie hatte in der Vergangenheit nur für Katastrophen gesorgt. Und nun war sein Schicksal noch immer mit einer Person verknüpft, die aus dieser Sippe stammte. Das passte dem Siebzehnjährigen überhaupt nicht. Er nahm sich vor, stets seine Augen offen zu halten und genau zu beobachten, was passierte. Er würde sich nicht so einfach einlullen lassen. Er bereitete sich innerlich darauf vor, dass man ihm nach wie vor an den Kragen wollte und er entschloss sich, vorbereitet zu sein.