Sonntag, 17. März 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 2


 »Frau Funke, wir müssen mit Ihnen reden«, begann Robin, als sich die fünf Jugendlichen vor die Rektorin stellten.
     »Bitte gehen Sie in Ihren Unterricht. Das Gespräch kann doch bestimmt bis heute Nachmittag warten.«
     »Nein«, wiedersprach Iggy unbeherrscht. »Warum arbeitet dieser Kerl hier?«
     »Sie meinen Herr Dreizack?«, hakte die Schulleiterin nach.
     »Genau«, bestätigte Robin. »Er arbeitet für Herrn von Zimmenthal.«
     »Folgen Sie mir bitte in mein Büro. Ich möchte das nicht hier besprechen.«
Die fünf jungen Elementaristen folgten Serafina Funke in das Verwaltungsgebäude. Als sie das Büro der Rektorin betraten, erinnerten sie sich an die Male, bei denen Rektor Quinn noch hinter dem wuchtigen Schreibtisch saß. Heute setzte sich Frau Funke dahin.
     »Ich kann Ihren Unmut verstehen«, begann die Feuer-Elementaristin, »denn ich habe auch Bedenken in dieser Sache.«
     »Dann tun Sie bitte was dagegen«, flehte Aria und blickte dabei ihre Freundin Marina bemitleidend an. Sie wusste, was das besonders für Marina bedeuten würde. Nach der ganzen Tortur mit dem schrecklichen Tiberius von Zimmenthal hatte die Wasser-Elementaristin jetzt endlich einen besseren Tutor verdient. Doch Frau Funke hatte schlechte Nachrichten.
     »Das kann ich nicht. Herrn Dreizack konnte nichts nachgewiesen werden und demnach gilt er als unschuldig. Zudem ist er gerade der einzige verfügbare Lehrer, der ein Elementarist ist und das Element des Wassers beherrschen kann. Die Auswahlmöglichkeiten sind sehr begrenzt gewesen. Nein, eigentlich gab es gar keine Auswahlmöglichkeiten. Herr Dreizack wurde mir einfach zugeteilt.«
     »Das darf doch nicht wahr sein«, beschwerte sich Iggy mürrisch.
     »Nun geht alles von vorne los«, fügte Aria bedauernd hinzu.
     »Das ist bedauerlich«, fuhr die Rektorin fort, »aber ich werde ein Auge darauf haben. Das verspreche ich Ihnen. Ich lasse es nicht zu, dass sich die Ereignisse wiederholen.«
     »Vielen Dank«, entgegnete Robin. Er wusste, dass Frau Funke die Wahrheit sprach. Auf ihr war Verlass, auch wenn leichte Zweifel weiterhin im Raum blieben.
     Die fünf Jugendlichen verließen das Büro, nachdem Frau Funke sie erneut dazu aufgefordert hatte, in den Unterricht zu gehen. Auf dem Weg bedauerten sich die Schüler erneut gegenseitig.
     »Er wird uns sicherlich das Leben zur Hölle machen«, vermutete Iggy.
     »Und Marina erst«, fügte Aria hinzu.
     »Mir ist es wohl nicht gegönnt«, ergänzte die Wasser-Elementaristin.
     Jojo schwieg mal wieder nur die ganze Zeit, aber es ratterte in seinem Kopf. Er wusste keine aufmunternden Worte. Doch Robin versuchte etwas Positives in dem ganzen Schlamassel zu sehen.
     »Leute, wir müssen einen kühlen Kopf bewahren. Habt ihr Dreizack vorhin gesehen? Das ist ein Obertrottel.«
     »Ja«, stimmte Iggy lachend zu, »wie er da vorhin über den Hof gestolpert ist. Er kann nicht mal geradeaus laufen.«
     »So sieht es aus«, fuhr Robin fort. »Ich hatte ja schon mal das Vergnügen, von ihm unterrichtet worden zu sein. Scheinbar hat er nicht viel drauf. Er musste nur die niederen Arbeiten von Tiberius von Zimmenthal erledigen. Er selbst ist zu schwach und zu doof, um uns zu bekämpfen.«
     Bei diesen Worten erhellten sich die Gesichter der Jugendlichen.
     »Du hast recht. Er kriegt doch alleine gar nichts hin«, sagte Aria fröhlich.
     Marina sprach weiter:
     »Und Herr von Zimmenthal sitzt im Gefängnis der E-Wehr. Er hat auch keine Macht mehr über uns.«
     »Richtig«, stimmte Robin zu. »Daher sollten wir uns nicht so viele Sorgen machen und uns auf den Unterricht konzentrieren. In der nächsten Zeit müssen wir ja einige Klausuren schreiben.«
     »Hört hört«, lachte Marina. »Da hat sich ja jemand mal eine Scheibe von mir abgeschnitten.«
     Nun klärte sich bei allen die Stimmung auf und sie lachten lautstark los. Eilig rannten sie rüber zum Schulgebäude, damit sie nicht noch mehr vom Unterricht verpassten.
     Als sie den Klassenraum betraten, stand Herr Argon vor der Klasse. Es war gerade Mathematikunterricht. Mit strenger Miene schaute er die Jugendlichen an.
     »Entschuldigen Sie bitte die Verspätung«, sprach Marina für alle.
     »Wir mussten noch etwas mit Frau Funke klären«, ergänzte Aria mit einem charmanten Wimpernschlag, mit dem sie eigentlich jeden Mann um den Finger wickeln konnte.
     »Setzt euch«, sagte Herr Argon. »Wir haben sowieso noch nicht angefangen. Wir sind noch bei der Vorstellungsrunde.«
     Die fünf Jugendlichen nahmen im Klassenraum Platz und warteten darauf, bis sie sich vorstellen sollten. Als die Stunde vorbei war, erklärte der Lehrer, dass sie das nächste Mal mit richtigem Matheunterricht fortfahren würden.
     Robin fragte sich noch immer, ob Herr Argon mit Florian verwandt war. Ähnlich sahen sie sich nicht, denn Florian hatte rotes Haar und vor allem einen gewaltigen Hipster-Bart. Der neue Lehrer hingegen wirkte ziemlich haarlos. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Der Siebzehnjährige war so neugierig und konnte es nicht mehr abwarten. Als alle dabei waren, ihre Mathesachen zu verstauen und die Sachen für den nächsten Unterrichtsblock auszupacken, ging Robin nach vorne zum Lehrerpult, wo Herr Argon gerade ins Klassenbuch schrieb.
     »Herr Argon«, begann das junge Elementum. »darf ich Sie was fragen?«
     Der Lehrer sah auf und schaute Robin interessiert an.
     »Ja bitte?«
     »Kennen Sie Florian Argon? Er arbeitet für die E-Wehr.«
     »Natürlich«, bestätigte der Lehrer. »Das ist mein Bruder. Er hatte mir die Stelle hier empfohlen und da habe ich sie mir gleich geschnappt.«
     »Das ist ja großartig«, freute sich Robin. »Hat er Ihnen von mir erzählt?«
     »Natürlich, Robin. Mein Bruder schwärmt viel von dir. Ein Elementum ist außerdem eine große Sache in der Welt der Elementaristen.«
     Robin lächelte weiter, obwohl es ihm nicht gefiel als Sache angesehen zu werden.
     »Er bat mich auch darum, ein Auge auf euch und die Schule zu haben. So schlugen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich arbeite ab jetzt in der Nähe von meinem Bruder und kann ihn öfter sehen und mein Bruder ist beruhigt, dass jemand hier aufpasst.«
     »Richten Sie ihm bitte Grüße von mir aus.«
     Robin bedankte sich und ging wieder zurück zu seinem Platz. Damit hatte er die Bestätigung. Allerdings wollte er ein ernstes Wörtchen mit Florian sprechen. Er dachte, sie seien Freunde, weil sie sich mögen und nicht, weil Robin ein Elementum war. Irgendwie hatte ihn die Aussage des neuen Lehrers getroffen.
     Ein Elementum ist außerdem eine große Sache in der Welt der Elementaristen.
     Er war keine Sache, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. Immer öfter bekam Robin das Gefühl, dass alle um ihn herum ihn nur mochten, weil er ein Elementum war. Er genoss besondere Aufmerksamkeit aus diesem Grunde. Aber wegen seiner Selbst und seiner Persönlichkeit schien sich niemand für ihn zu interessieren. Das fand er nicht gut und das traf ihn sehr. Er fragte sich mittlerweile selbst, wer er überhaupt war. Vor dem Eintritt ins Haus 4E ging er ganz anderen Sachen nach und hatte demzufolge auch ganz andere Hobbys und Interessen. Hier war alles darauf gemünzt, dass er als Elementum lernte, seine Fähigkeiten unter Kontrolle zu bringen. Aber was war mit seinen anderen Fähigkeiten, die nichts damit zu tun hatten, dass er ein Elementarist war? Und was war mit seinem Charakter?
     »Robin«, rief ihn Marina. »Kommst du mit zum Mittagessen?«
     Der Siebzehnjährige wurde aus seinen Gedanken gerissen, nickte seiner Freundin zu und folgte ihr in die Mensa.