Sonntag, 10. März 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 1


Der Frühling nahm Einzug und die Bäume und Sträucher erblühten langsam wieder in wundervoller Farbenpracht. Im Haus 4E – einer besonderen Schule für Menschen, die die Elemente beherrschen können – kehrte nach und nach wieder Normalität ein.
Vor wenigen Wochen wurde der hoch geachtete Schulleiter Benedikt Quinn von einem der Lehrer ermordet. Dieser Lehrer war der Wasser-Elementarist Tiberius von Zimmenthal, der seinen eigenen Sohn in seine Pläne einbezog. Nun sitzen beide im Gefängnis der E-Wehr – einer ganz besonderen Behörde. Sie stellt quasi die Polizei für Elementaristen dar.
Nachfolgerin für den Posten der Schulleitung übernahm die gewissenhafte Lehrerin für das Element Feuer. Der Name der Frau mit der roten Lockenpracht war Serafina Funke. Nun aber mussten aber deshalb zwei neue Lehrerstellen neu besetzt werden. Alle Schülerinnen und Schüler waren gespannt darauf. Besonders die Gruppe um Robin Held.
In der Vergangenheit war er das Ziel vieler Angriffe, die von Tiberius von Zimmenthal geleitet wurden. Er war nämlich ein Elementum. Das ist ein sehr starker Elementarist, der alle vier Elemente beherrschen konnte, was sehr selten vorkam. Um ihn hatten sich wertvolle Freunde gefunden, die Robin in allen Belangen unterstützen: Die schlaue Wasser-Elementaristin, die mittlerweile auch Robins Freundin war, der temperamentvolle Feuer-Elementarist Iggy, mit dem sich Robin ein Zimmer teilte, der muskulöse Erd-Elementarist Jojo, der als Ruhepol der Gruppe zählt und die quirlige Luft-Elementaristin Aria, die einst in Robin verliebt war, aber mittlerweile über ihn hinweggekommen war.
Diese fünf Jugendlichen bildeten einen gemeinsamen Zirkel, was sie vor Erwachsenen geheim hielten. Ein Zirkel kann durch gemeinsame Rituale ganz besonders starke Elementarkräfte entfalten. Doch dies ist für ungeübte Schüler sehr gefährlich und einiges kann dabei schief gehen.
Jedenfalls trafen sich die vier jungen Menschen zum Frühstück an ihrem gewohnten Tisch in der Mensa des Internats.
»Heute werden die neuen Lehrkräfte vorgestellt«, eröffnete Marina das Gespräch am Tisch. »Ich hoffe, dieses Mal bekommen wir einen guten Lehrer für das Element Wasser.«
»Ich bin auch schon sehr gespannt«, fuhr Iggy fort. »Auch wir Feuer-Elementaristen bekommen einen neuen Tutor. Frau Funke ist die Beste und es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir wieder so viel Glück haben.«
»Sag doch sowas nicht«, unterbrach ihn Aria. »Wir haben doch auch mit allen anderen Lehrern recht viel Glück. Frau Bottenberg und Frau d'Air sind ebenfalls sehr sympathische, gerechte Lehrerinnen. Von Zim-menthal stellte eher die Ausnahme dar.«
»Und was ist mit Sky?«, hakte Robin nach. »Und Kelvin?«
»Sky war nur ein Referendar und Sky zählt nicht, weil er von Zimmenthals Sohn ist«, antwortete Aria abwehrend.
»Wir müssen es einfach abwarten«, sprach nun Marina wieder. »Wir können sowieso nur spekulieren. Gleich werden wir es sowieso erfahren. Bis dahin müssen wir etwas Geduld haben.«

Nach dem Frühstück und vor dem Unterricht versammelten sich alle Schülerinnen und Schüler im Innenhof des Internats. Von außen her hatte man darauf keine Einsicht, weil es von den Internatsgebäuden umschlossen war. Nur der Haupteingang bestand aus einem Tor aus Gitterstäben, durch das man aber von der Straße aus recht weit blicken musste, um die Geschehnisse im Hof nachvollziehen zu können.
            Bei besonderen Verkündungen wurde ein Podest mit einem Mikrofonständer auf dem Hof aufgebaut. Die Schülerschaft versammelte sich dann davor mit dem Blick zum Podest. So war das auch jetzt der Fall. Die Rektorin stand in der Mitte des Podests. Jeweils rechts und links von ihr standen die beiden Lehrerinnen, die bereits länger im Haus 4E unterrichten. Die Erd-Elementaristin Terra Bottenberg war eine dicke Frau mit einem starken Gesichtsausdruck. Heute trug sie einen schwarzen Hosenanzug und ihr braunes Haar fiel ihr glatt über die Schultern. Die zierliche Luft-Elementaristin Aurélie d'Air stand trotz des frischen Frühlingswindes mit einem kurzen, schwarzen Kleid neben der Rektorin. Sie lächelte und ihre weißen Zähne strahlten dank ihrer dunklen Hautfarbe noch heller. Ihr krauses langes Haar hatte sie hinter die Ohren nach hinten zurückgekämmt. Die Schulleiterin war immer ordentlich gekleidet, aber als Rektorin war nun ein dunkelroter Blazer über einer schlichten schwarzen Bluse zu ihrem Markenzeichen geworden. Die neuen Lehrkräfte waren allerdings noch nicht zu sehen.
     Dann begann Serafina Funke:
     »Liebe Schülerinnen und Schüler, schwere Zeiten liegen hinter uns und nun ist es soweit, dass wir nach vorne schauen. Heute möchte ich Ihnen Ihre neuen Lehrer als offizielle Nachfolger von Herrn von Zim-menthal und mir selbst vorstellen.«
     Marina fiel sofort auf, dass die Rektorin das kurze Intermezzo der Lehrkräfte verschwieg, die Tiberius von Zimmethal eingesetzt hatte, als er dafür sorgte, dass die anderen Lehrkräfte versetzt wurden. Auch seinen Sohn Kelvin von Zimmenthal verschwieg sie.
     »Für das Element Feuer und den Fächern Naturwissenschaft, Mathematik und Informatik wird ab heute Herr Gerit Argon das Lehrerkollegium verstärken.«
     Aus der Tür des Verwaltungsgebäudes, in dem sich die Räume und Büros der Lehrkräfte befanden, kam ein großer, stattlicher Mann im Alter von ungefähr dreißig Jahren. Er hatte eine Glatze und sein kantiges Gesicht war ebenfalls haarlos. Er trug eine schwarze Anzughose und ein glänzendes Seidenhemd. Die obersten Knöpfe waren aufgeknöpft, sodass man einen Blick auf seine ebenfalls haarlose Brust werfen konnte.
     Robin war überrascht, da er den Nachnamen des Lehrers sehr gut kannte. Sein Mentor auf der E-Wehr und mittlerweile guter Freund Florian hieß ebenfalls Argon mit Nachnamen.
     Sind sie verwandt?
     Gerit Argon stiegt zu Frau Funke auf das Podest und sprach mit freundlicher, aber ernster Stimme in das Mikrofon:
     »Liebe Schülerinnen und Schüler, ich freue mich ab heute hier an diesem Internat lehren zu dürfen. Es ist mir eine große Ehre und ein Bedürfnis.«
     Die Schülerschaft applaudierte. Dann begrüßte die Rektorin den nächsten Lehrer.
     »Das Element Wasser und die Fächer Literatur und Grammatik wird Herr Narius Dreizack unterrichten.«
     Robin, Iggy, Marina, Aria und Jojo erstarrten vor Schreck.  Sie drehten sich gleichzeitig zur Tür um, um sich zu vergewissern, dass ihr Albtraum wahr wurde.
     Und tatsächlich stolperte ein dicker, sehr ungepflegt wirkender, alter Mann mit fettigen Haaren in einem viel zu großen, dunkelgrauen Anzug aus dem Gebäude.
     Narius Dreizack war den Jugendlichen schon bekannt. Er gab Robin Privatunterricht, als er aus Sicherheitsgründen eine Zeit lang bei der E-Wehr bleiben musste. Allerdings vermutete er, dass er als Handlanger für Herrn von Zimmenthal arbeitete, was nicht nachgewiesen werden konnte. Dabei war er es stets gewesen, der Robin zu Herrn von Zimmenthals Fallen führte.
     Bei dem Gang auf das Podest, musste der dicke Wasser-Elementarist darauf aufpassen, nicht über seine eigenen Füße zu fallen. Nass geschwitzt und keuchend kam er oben and und sprach lediglich ein krächzendes »Hallo« in das Mikrofon. Die Schülerinnen und Schüler klatschten zurückhaltend. Robin und seine Freunde schauten sich lediglich an und schüttelten die Köpfe.
     Die Schulleiterin nickte dem neuen Lehrer zu und sprach nun selbst weiter zur Schülerschaft:
     »Somit kann der Unterricht von nun an wieder wie gewohnt weitergeführt werden. Bitte gehen Sie jetzt in Ihre Klassenräume und bereiten sich auf die nächste Stunde vor. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für die nächsten Wochen und Monate.«
     Daraufhin trotteten alle langsam zum Gebäude mit den Klassenräumen. Nur Robin und sein Zirkel wollten das nicht auf sich beruhen lassen. Sie wollten noch einmal mit Frau Funke sprechen. Daher warteten sie, bis alle weg waren und fingen die Rektorin auf dem Hof ab.