Sonntag, 15. Juli 2018

[Elementum 3] Lodernde Flamme - Kapitel 2

Noch vor der ersten Unterrichtsstunde wurde Robin in das Büro des Rektor zitiert. Der Siebzehnjährige wusste nicht, was er angestellt haben sollte. Aber dann dachte er, dass er bestimmt erfahren würde, wo er die nächsten zwei Wochen verbringen würde.
Als er den Raum betrat, war er allerdings überrascht, dass er nicht auf den älteren Herrn mit den weißen Haaren und dem weißen Rauschebart traf, wie er es sonst gewohnt war. Stattdessen saß ein anderer Mann an dem großen Konferenztisch. Seine Erscheinung war ungewöhnlich. Der Mann war ziemlich groß, hatte breite Schultern und musste um die Mitte Dreißig gewesen sein. Er hatte kurzes rotes Haar, welches an den Seiten komplett abrasiert war. Dafür trug er aber einen langen, roten Bart, der perfekt gestutzt war. Jetzt sah das Elementum, dass dieser Mann eine typische Uniform der E-Wehr trug: Einen schwarzen Anzug mit einem goldenen E auf der Brust.
Guten Tag“, begrüßte der Mann den Teenager. „Sie müssen Herr Held sein, richtig?“
Ja“, antwortete Robin und reichte dem Mann die Hand.
Anschließend setzte er sich zu ihm.
Mein Name ist Florian Argon und ich gehöre zur E-Wehr“, stellte der Mann sich vor. „Ich habe ein paar Fragen zu dem Mann, der Sie scheinbar mehrmals angegriffen hat.“

Verstehe“, entgegnete Robin. „Sie meinen diesen Wasser-Elementaristen.“
Genau“, bestätigte Herr Argon. „Haben Sie denn sein Gesicht gesehen.“
Ja, das habe ich.“
Könnten Sie ihn dann genau beschreiben? Einer meiner Kollegen würde dann ein Phantombild von ihm anfertigen.“
Selbstverständlich“, bestätigte der Siebzehnjährige.
Sehr gut. Was fällt Ihnen sonst noch zu ihm ein?“
Er ist sehr stark, aber mehr kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Ich würde gerne wissen, warum er es auf mich abgesehen hat.“
Wir geben unser Bestes, um das herauszufinden. Aber ich kann Ihnen schon einmal sagen, dass Sie als Elementum wohl oder übel immer wieder auf Neider oder andere Elementaristen stoßen, die eine Bedrohung in Ihnen sehen.“
Aber ich bin total harmlos“, wehrte Robin ab.
Das glaube ich Ihnen, aber nicht jeder sieht das so. In Ihnen schlummern mächtige Kräfte. Wenn Sie sie für niedere Zwecke einsetzen, könnte das unglaublich gefährlich werden.“
Das werde ich nicht“, beschwor der junge Elementarist.
Sehr gut“, lobte der Mann von der E-Wehr freundlich. „Übrigens habe ich Ihnen noch eine weitere Nachricht mitzuteilen.“
Robin war sehr gespannt, was nun folgen würde. Er hatte keine Ahnung, aber er freute sich, als Herr Argon weitersprach:
Sie werden in den kommenden zwei Wochen Zeit bei mir in der Wache verbringen. Ihr Schulleiter hat mich darum gebeten.“
Ehrlich? Ich werde mein Praktikum bei Ihnen machen?“ Robin konnte es kaum glauben. Das fand er super spannend und daher freute er sich ungemein.
Ja, mein Team und ich werden Sie währenddessen betreuen. Wir haben uns schon sehr viele Gedanken gemacht, was Sie alles bei uns lernen werden.“
Großartig“, jubelte das Elementum.
Für uns ist es auch eine große Ehre, Sie bei uns begrüßen zu dürfen.“
Ach was“, wehrte Robin ab, „ich bin doch ein ganz gewöhnlicher Junge.“
Natürlich wusste er im Innern, dass das nicht stimmte. Aber er wollte bescheiden herüberkommen.
Dann freuen wir uns auf nächste Woche!“
Herr Argon stand auf und reichte dem Elementum die Hand. Robin schlug ebenfalls zu und dann verabschiedeten sich die beiden. Am liebsten hätte er es gleich seinen Freunden erzählt, aber der Unterricht würde unmittelbar beginnen. Also musste er es ihnen später erzählen und sich so lange in Geduld üben.

Im ersten Unterrichtsblock war Gesellschaftslehre bei der Erd-Elementaristin Frau Bottenberg angesetzt. Sie war eine mütterliche, vielleicht etwas rundlichere Frau, die aber stets adrett im Hosenanzug gekleidet war. In diesem Fach lernten sie nicht nur allgemeine Dinge über die Gesellschaft Deutschlands, sondern auch etwas zur Gesellschaft der Elementaristen. Das Thema war dieses Mal sehr spannend und besonders Robin fand es interessant, da er ja am wenigstens Ahnung von den Elementaristen hatte. Schließlich war er bei gewöhnlichen Menschen aufgewachsen und wusste selbst bis zum letzten Jahr nicht, dass er besondere Fähigkeiten hatte.
Hatten Sie eigentlich das Thema Genetik im Naturwissenschaftsunterricht?“, fragte die Lehrerin die Klasse. Alle stimmten ein gemeinsames Ja ein. Daraufhin fragte sie weiter:
Und wissen Sie, wie es sich bei Elementaristen verhält?“
Marinas Hand ging als erste nach oben und so wurde sie auch drangenommen.
Elementaristen können ihre Fähigkeiten nur an die nächste Generation weitergeben, wenn der Partner ebenfalls dem selben Element entspricht. Verbinden sich Elementaristen unterschiedlicher Elemente, haben ihre Kinder keinerlei Fähigkeiten mehr.“
Robin war erstaunt über diese Neuigkeit. Das hatte er bisher nicht gewusst. Dann ist es ja kein Wunder, dass die Eltern seiner Freunde alle die gleichen elementaren Kräfte hatten wie ihre Kinder.
Sehr gut, Frau Hollenbach. Genau darüber möchten wir heute sprechen. Aber nicht aus biologischer, sondern aus gesellschaftlicher Sicht. Was heißt das denn für die Elementaristen?“
Die ganze Klasse schaute fragend zur Lehrerin. Nur Marina hob erneut ihre Hand. Sie war die einzige, die etwas dazu sagen konnte:
Das bedeutet entweder, dass die Elementaristen ihrem Element treu blieben und nur Partner ihres Elements entsprechend suchen oder sie legen darauf keinen Wert und suchen sich einen Partner ihrer Wahl, müssen aber damit rechnen, dass Elementaristen ihres Elements irgendwann aussterben werden.“
Ein Raunen ging durch die Klasse.
Ist das wirklich wahr?“, rief Aria entsetzt rein.
Ja“, bestätigte Frau Bottenberg, „Frau Hollenbach hat ganz recht. So verhält es sich tatsächlich. Und wissen Sie zufällig, wie die Gesellschaft der Elementaristen damit umgeht?“
Wieder war Marina die Einzige:
Unterschiedlich würde ich behaupten.“
Ja, das ist wahr. Hat jemand Vermutungen darüber?“
Da meldete sich Iggy:
Also meine Eltern haben mir mal erzählt, dass für sie nie jemand von einem anderen Element oder gar ein Mensch ohne Kräfte in Frage gekommen wäre.“
Viele denken so“, bestätigte Frau Bottenberg. „Aber bei weitem nicht alle und deshalb scheinen Elementaristen auf lange Sicht gesehen tatsächlich irgendwann einmal auszusterben.“
Marina meldete sich, weil ihr eine Frage auf den Lippen brannte:
Gibt es statistisch gesehen Zahlen, die eine Tendenz belegen?“
Das ist eine gute Frage, Frau Hollenbach. Also statistisch gesehen sind die Wasser-Elementaristen diejenigen, die am ehesten unter sich bleiben. Daher werden sie wohl am längsten fortbestehen. Hingegen werden die Feuer-Elementaristen wohl keine hundert Jahre mehr bestehen. Sie scheinen die leidenschaftlichsten Elementaristen zu sein, die sich gerne auch anderweitig verlieben. Die Luft- und Erd-Elementaristen liegen irgendwo dazwischen.“
Diese Information erschütterte die ganze Klasse. Gerade die Feuer-Elementaristen schauten ziemlich entsetzt. Sogar Iggy wusste nicht, wie es um seinesgleichen eigentlich stand. Darüber hatte er sich zuvor niemals Gedanken gemacht. Für ihn spielte es bislang keine Rolle, in wen er sich verliebt hätte. Doch nun wusste er: Erstens müsste er eine Partnerschaft innerhalb seines Elements eingehen. Und zweitens sollte es am besten eine Frau sein, denn sonst könnte er keine Nachkommen zeugen. Innerlich begann ihn sein schlechtes Gewissen zu plagen. Denn beide Sachen waren irgendwie eine Bürde für ihn.
Lasst uns einmal diskutieren“, fuhr die Lehrerin fort, „wie Sie nun darüber denken. Frau Himmel, Sie möchten etwas dazu sagen?“
Also mir ist es ehrlich gesagt egal“, begann Aria, „welchem Element mein Zukünftiger angehört. Ich fühle mich nicht verantwortlich, mein Element fortzuführen. Ich finde nur wichtig, dass es Liebe ist.“
Das ist doch Blödsinn“, mischte sich nun eine Mitschülerin ein, die sonst nicht gerade viel Interesse am Unterricht zeigte. Brisa Zügig war dafür bekannt, dass ihr Kleider und Schminke viel wichtiger waren als ihr schulischer Werdegang. Sie kam immer perfekt gestylt in den Unterricht, was zur Folge hatte, dass sie deshalb gerne ein paar Minuten Verspätung in Kauf nahm. Sie war sehr schlank, hatte ausgeprägte Wangenknochen und sehr lange Beine. Ihre blonde Mähne fiel ihr mit leichten Welllen über den Rücken. Die Mitschüler hatten schon einmal vermutet, dass ein Chirurg bei ihrer perfekten schmalen Nase nachgeholfen hatte.
Was meinen Sie damit, Frau Zügig?“, wollte Frau Bottenberg von der schönen Schülerin wissen.
Wenn wir nicht aufpassen, wird unsere Gesellschaft aussterben. Wir müssen dafür sorgen, dass die Elementaristen auch weiter fortbestehen.“
Das denke ich aber nicht so“, widersprach Aria verhement. „Was ist denn schon dabei, wenn es irgendwann keine Menschen mit elementaren Kräften mehr gäbe? Es ist doch nicht schlimm, ein normaler Mensch zu sein. Wir sind nicht besser als alle anderen Leute auf der Welt.“
Ein leises Geplapper folgte auf diese Aussage. Anscheinend war dieses Thema sehr diskussionswürdig und jeder hatte eine andere Meinung dazu.
Marina war die einzige, die sich meldete und brav darauf wartete, bis sie offiziell an der Reihe war:
Also ich muss Aria zustimmen. Manchmal denke ich sogar, dass die Menschheit ohne uns besser dran wäre.“
Erneut ging ein Raunen durch die Klasse, doch die schlaue Wasser-Elementaristin ließ sich nicht aus dem Konzept bringen:
Ich meine, unsere Kräfte können ziemlich gefährlich sein. Zum einen können wir damit andere verletzen und zum anderen können wir auch die normalen Menschen gegen uns aufbringen, wenn sie von uns erfahren. Wie viele Elementaristen wurden von der amerikanischen Armee entführt? Wer weiß, welche Experimente die NASA an uns durchführt? Ich würde mich sicherer fühlen, wenn meine Kinder irgendwann mal ein ganz normales Leben führen dürften.“
Vielen Dank für Ihren Beitrag“, Frau Hollenbach.
Pah“, rief Brisa einfach rein, „du sagst das doch nur, weil du mit Robin zusammen bist und deine Kinder wahrscheinlich keine Elementaristen sein werden.“
Robin spitzte seine Ohren. Er wusste nicht, worauf Brisa anspielte. Er selbst konnte ja alle vier Elemente beschwören. Heißt das nicht, dass er freie Wahl bei seinen Partnerinnen hatte? Das machte ihn stutzig und da fragte er die Lehrerin:
Wie sieht es denn bei mir aus, Frau Bottenberg?“
Das ist eine gute Frage, Herr Held. Wie es bei einem Elementum aussieht, ist leider noch nicht ausreichend erforscht. Damit meine ich, dass bisher noch nicht klar ist, wie die Gene bei der Entstehung eines Elementum zusammenspielen. Allerdings gibt es bekannte Fälle, die aufzeigten, dass Kinder von einem Elementum gewöhnliche Menschen ohne elementare Kräfte geworden sind.“
Das war eine Überraschung. Also würden seine Kinder, falls er mal welche bekäme, keine Kräfte haben, egal wer seine zukünftige Frau werden würde. Das war eine wichtige Information, die ihn ein wenig enttäuschte. Er fand es im Haus 4E sehr cool und zu wissen, dass seine zukünftigen Nachkommen wohl nicht in den Genuss dieses Internats kommen würden, fand er sehr schade.

Dieses Thema beschäftigte den Siebzehnjährigen noch den ganzen Tag. Am späten Nachmittag saß er mit seiner Freundin Marina im Aufenthaltsraum und starrte Löcher in die Luft. Die Wasser-Elementaristin merkte sofort, dass ihn etwas beschäftigte:
Was hast du?“
Ich muss über das Thema der heutigen GL-Stunde nachdenken.“
Wieso?“ Marina war sehr interessiert zu wissen, was los war.
Wenn wir mal Kinder haben sollten, würden sie keine Kräfte haben.“
Die Wasser-Elementaristin senkte traurig ihren Kopf.
Du findest das auch doof?“, hakte Robin nach.
Na ja“, druckste das Mädchen herum, „ich finde das jetzt nicht so schlimm, aber meine Eltern legen sehr viel wert darauf, dass unsere Linie eingehalten wird. Für sie käme es niemals in Frage, dass Marin oder ich ein Kind mit jemanden zeugen, welcher kein Wasser-Elementarist ist.“
Oh“, entgegnete der blonde Schüler leicht entsetzt. „Was würden sie dann sagen, wenn sie hören, dass wir ein Paar sind?“
Damit wären sie wahrscheinlich nicht einverstanden.“
Robin musste bei dieser Antwort schlucken. Das war definitiv keine gute Nachricht.