Sonntag, 27. Mai 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 15

Die Schülerin mit dem weißen Haar entschied sich für ein rotes Top mit Spaghettiträgern und eine enge Jeans. Sie wusste ja, dass sie sich nur in einer Pizzeria trafen. Da musste man sich ja nicht so schick anziehen. Trotzdem wollte sie gut aussehen für ihren Schwarm und daher legte sie Make up auf, was sie für ihre Abonnenten auf Instagram per Live-Stream festhielt. Die Kommentare überschlugen sich. Lorena wusste selbst, dass sie das Schminken nicht perfekt beherrschte. Aber weil sie das charmant kommunizierte, kam das super bei ihren Zuschauern an und machte sie noch sympathischer.
Als sie den Live-Stream beendete, machte sie sich auch schon auf den Weg in die Pizzeria. Sie war so aufgeregt und voller Vorfreude. Wie würde ihr Schwarm sie begrüßen? Wie sah er wohl aus? So viele Gedanken schwirrten in ihrem Kopf.
Doch als sie der Pizzeria näher kam, sah sie, dass Nadja und Janine davor standen. Verwundert begrüßte sie ihre Schulkameradinnen:
„Hallo, ihr beiden! Was macht ihr denn hier?“
„Kai hat uns hierher bestellt“, antwortete Nadja.
„Er lädt uns auf eine Pizza ein“, ergänzte Janine. „Er will mit uns den Erfolg des Spendenlaufs feiern.“

Und da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Kai hatte garnicht sie um ein Date gebeten, sondern das ganze Organisationsteam eingeladen. Ihr war das so peinlich, dass sie errötete. Sie hoffte, dass es ihr die anderen nicht ansahen.
„Hallo“, kam es sodann von der Seite. Nun war Kai auch da und er brachte das rechtliche Team mit. „Schön, dass ihr alle da seid. Lasst uns reingehen.“

Pizzeria Luigi war ein beliebter Anlaufpunkt für die Jugendlichen, denn dort gab es die beste Pizza in der ganzen Stadt. Nach der Schule bis abends war es immer rappelvoll, sodass man am besten immer einen Tisch reservierte. Das hatte Kai zum Glück auch getan. Eine Kellnerin führte die Gruppe zu ihrem Tisch. Lorena las den Namen Stephanie auf ihrem Schildchen auf der Brust. Sie war ziemlich groß und sehr schlank, hatte kurzes, blondes Haar und ein Muttermal unter dem rechten Auge.
„Wollt ihr schon was trinken“, fragte sie lächelnd.
„Bringst du mir bitte eine Cola, Steffi?“, fragte sie Kai mit einer gewissen Vertrautheit. Schon wurde Lorena wieder etwas eifersüchtig. Kannten sie sich schon so gut, dass er sie bei ihrem Spitznamen nannte? War das der Grund, warum sie ausgerechnet dort aßen?
Als alle etwas zu trinken bestellt hatten und die Kellnerin die Jugendlichen alleine ließ, klärte Kai die anderen auf:
„Steffi ist übrigens meine Schwester. Sie macht uns einen guten Preis.“
Lorena fiel ein Stein vom Herzen und alle freuten sich darüber. Jetzt bemerkte die Fünfzehnjährige auch die Ähnlichkeit.
„Arbeitet sie hier Vollzeit?“, hakte Janine neugierig nach.
„Nein“, antwortete der Schulsprecher. „Sie studiert Japanologie und arbeitet hier nebenbei. Wir sind hier schon seit Jahren Stammkunden und kennen Luigi persönlich. Daher war es naheliegend, dass sie hier nach einem Job fragte. Ich will das auch machen, wenn ich studiere.“
„Das ist eine super Idee“, lobte Nadja.
„Ich könnte das ja nicht“, wandte Janine ein. „Ich würde jeden Tag Pizza essen und fett werden.“
Alle am Tisch fingen zu lachen an. Lorena genoss die ausgelassene Stimmung. Ihr wurde bewusst, dass sie zum ersten Mal, seit sie auf dieser Schule war, mit so vielen Mitschülerin privat was unternahm. Bisher hatte sie noch nicht so den Anschluss gefunden. Für sie war das ein großer Fortschritt und das wärmte ihr Herz.

An einen anderen Tisch setzten sich vier Herren. Einer hatte schwarzes, gewelltes Haar, der zweite eine Glatze, der dritte langes, glattes, schwarzes Haar und der letzte eine strubbelige Kurzhaarfrisur. Sie trugen alle eine feine Stoffhose und Hemden in verschiedenen Farben – rot, blau, grün und gelb.
„Hallo!“, begrüßte sie Steffi. „Kann ich Ihnen schon mal etwas zu trinken bringen?“
Alle vier bestellten schwarzen Kaffee.
Als die Kellnerin losging, um ihnen ihren Kaffee zu bringen, schauten sich die Männer vielsagend an.
„Das ist sie“, sprach der erste.
„Wie wollen wir es machen?“, fragte der zweite.
„Lasst es meine Sorge sein“, sprach der dritte. „Ich habe eine Idee.“
„Dann leg los“, forderte der vierte auf.
Als Steffi mit den vier Tassen auf einem Tablett anmarschiert kam, zielte der Mann mit der Glatze mit einem Finger unter die Füße der Kellnerin. Ein dünner Strahl aus kühlem Eis schnellte auf den Boden zu und erzeugte eine glatte Fläche. Kais Schwester rutschte darauf aus, stolperte und kippte den Kaffee über den Schoß von dem Herrn mit den langen Haaren.
„Oh nein!“, rief sie. „Das tut mir leid!“
Der Herr stand auf und die Kellnerin stürzte sofort auf ihn zu, um den Kaffee mit einem Tuch von seinen Beinen zu wischen.
„Das macht doch nichts“, sagte er ruhig. „Alles gut. Mir ist nichts passiert.“
Steffi wunderte sich, dass der Herr nicht vor Schmerz schrie. Der Kaffee war kochend heiß und er tat so, als ob nichts geschehen war.
Noch immer kniete sie vor ihm und versuchte, seine Hose zu säubern. Da nahm er sie an den Armen und zog sie nach oben.
„Das muss Ihnen nicht leid tun. Mir geht es gut.“
Er sah ihr tief in die Augen, zog sie zu sich und kam ihren Lippen immer näher. Steffi wusste nicht, was mit ihr geschah. Sie erröte, schloss ihre Augen und ließ es mit sich geschehen.

Kai, schau mal!“, rief Janine plötzlich. „Deine Schwester knutscht da drüben mit einem Mann.“
„Was?“, erschrak der Schulsprecher, drehte sich um und erblickte gerade noch, wie sich Steffis Lippen auf denen des Fremden befanden.
„Krass“, sprach ein anderer Junge an ihrem Tisch.
„Was geht denn da ab?“, fügte ein anderes Mädchen hinzu.
Kai stand auf und lief direkt zu seiner Schwester hin.
„Was machst du da, Steffi?“, schnauzte er sie an.
Steffi drehte sich zu ihrem Bruder und seufzte genervt. Sie antwortete:
„Das geht dich nichts an, Kai. Geh wieder zurück zu deinem Tisch. Ich bringe euch gleich euer Essen.“
Doch der Jugendliche ließ sich nicht abbringen und sprach den Herrn mit den langen Haaren an:
„Wer sind Sie überhaupt?“
Doch der Mann und auch die anderen drei, die dabeisaßen, ignorierten den Jungen einfach.
„Jetzt hau ab, Kai!“, forderte ihn Steffi leicht verärgert auf. Dann ging sie einfach in Richtung Küche und ließ ihren Bruder ebenfalls stehen.
Kai ärgerte sich so sehr, dass er wutentbrand zu seinen Schulkameraden zurückkehrte und sie bat, das Restaurant zu verlassen.
„Jetzt beruhige dich doch mal, Kai“, sagte Janine. „Deine Schwester ist alt genug. Sie kann machen, was sie will.“
„Genau“, fügte Nadja hinzu. „Bleib cool!“
Lorena hielt sich aus dieser Sache völlig raus. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Heimlich schaute sie immer wieder zu den vier Männern. Sie war misstrauisch. Die Männer strahlten etwas Kühles aus und weckten ein mulmiges Gefühl in ihr.

Ein paar Minuten später brachte ihnen Steffi ihre Pizzen und knallte ihnen diese auf den Tisch.
„Hey!“, meckerte Kai. „Kannst du das bitte auch sanfter tun?“
„Halt die Schnauze, Kai!“, blaffte sie ihren Bruder an, der entsetzt die Augen aufriss.
„Wie redest du mit mir?“
„Ich bin deine ältere Schwester. Hab ein bisschen mehr Respekt vor mir!“ Bei diesem Satz boxte sie ihm in die Schulter.
„Autsch!“, schrie er auf. „Geht es dir noch gut!“
„Mir reicht es“, brüllte die Kellnerin mit voller Lautstärke los. „Raus hier! Du hast ab jetzt Hausverbot!“
In diesem Moment sah Lorena, wie verzerrt ihr Gesicht war. Rote Äderchen traten in den Augen hervor.
Nicht auch noch sie, dachte die Fünfzehnjährige. Sie ahnte, dass hier schon wieder etwas im Busch war.
Kai wollte sich wehren, doch seine Schulkameraden hielten ihn zurück und zerrten ihn gegen seinen Willen aus der Pizzeria. Draußen fluchte er noch weiter herum.
„Was ist mit ihr los? So kenne ich sie gar nicht? Ich glaube, sie spinnt.“
„Lass es gut sein“, versuchte Lorena zu schlichten. „Vielleicht ist sie mit dem falschen Fuß augestanden und morgen sieht alles wieder ganz anders aus.“
Innerlich nahm sie sich vor, Steffi zu retten, damit sie und Kai sich wieder vertrugen. Damit nahm sie sich vor, noch einmal zur Pizzeria zu gehen und Steffi aufzusuchen. Doch zunächst galt es, Kai zu beruhigen, bevor sie sich von der Gruppe trennen konnte.