Sonntag, 8. April 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 8

Zuhause bekam Lorena keine Ruhe. Ihre Gedanken kreisten um Janine und das gestohlene Kleid. Irgendwie fühlte sie sich mitschuldig, weil sie dabei war. Wie heißt es doch so schön: Mitgehangen, mitgefangen. Ihr Gewissen plagte sie.
Was soll ich nur tun?
Schließlich beschloss sie, Janine noch einmal aufzusuchen und mit ihr zu reden. Sie suchte ihre Klassenliste in den Schubladen ihres Schreibtisches. Da war nicht nur die Telefonnummer, sondern auch die Adresse verzeichnet.
Da habe ich sie. Sie wohnt nicht weit weg. Sehr gut.
Sofort machte sich die Fünfzehnjährige auf den Weg. Als sie bei Janine ankam, klingelte sie an der Tür des Mehrfamilienhauses. Die Eingangstür summte und Lorena konnte eintreten. Als sie in den zweiten Stock kam, öffnete sich eine Tür und Janine stand da. Nach wie vor trug sie das schwarze Minikleid. Ihr Gesicht war zu einer Fratze verzerrt.
„Was willst du denn hier?“, blaffte sie boshaft.
„Janine, ich möchte noch einmal mit dir reden. Was ist los mit dir? Warum hast du das Kleid geklaut?“
„Das geht dich nichts an, du blöde Kuh!“

Die Schülerin schreckte bei diesen harten Worten zurück.
„Janine...“, sprach sie leise, „so habe ich dich nicht kennengelernt.“
Da trat die blonde Schülerin in den Hausflur und baute sich vor Lorena auf. Da sah sie, dass Janine blutunterlaufene Augen hatte. Genau so, wie sie es bei der Frisörin Anielle war. Und bevor sie sich versah, knallte Janine ihrer Mitschüerin eine. Lorena flog zurück und rieb sich reflexartig die Wange. Doch nun war ihr bewusst, was mit Janine los war. Sie musste handeln.
Sie ballte ihre Faust und schlug ihrer neuen Freundin mit voller Wucht in den Bauch.
Janine schrie:
„Was soll das?“
Und dann rannte Lorena die Treppen hinunter.
„Dir werde ich es zeigen“, brüllte das blonde Mädchen im schwarzen Minikleid und folgte ihrer Mitschülerin mit schnellen Schritten.
Das hatte sich Lorena erhofft. Sie wollte ihre besessene Mitschülerin vor die Tür locken, weil dort mehr Platz war. Sie rannte nach draußen und eilte um die Ecke in eine dunkle und verlassene Seitenstraße. Hier war sie unbeobachtet. Sie umgriff ihr Amulett mit dem Diamanten und rief:
„Kräfte des magischen Diamanten!“
Erneut wurde sie von einem hellen, weißen Licht eingehüllt und verwandelte sich in eine maskierte Kämpferin im Minirock.
Da erschien Janine und nun wirkte ihr Blick noch grausamer. Die Heldin konnte mit ansehen, wie sich ihr Gesicht weiter verzerrte. Ihre Augen, ihre Nase und ihre Lippen verschwanden. Die Haut verfärbte sich weiß. Ihr blondes Haar löste sich in Luft auf. Nun stand dort eine lebendige Modepuppe in einem schwarzen Minikleid.
Sie ist zu einem Monster geworden, stellte die Superheldin fest.
Die lebende Puppe trat näher an sie heran und schien angriffslustig.
„Hör auf, Janine! Das bist nicht du! Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, dass aus einem netten, hilfsbereiten Mädchen ein derartiges Monster werden konnte. Aber ich werde dies nicht zulassen. Ich bin die unbezwingbare Kämpferin der Reinheit – Lady Diamond. Mit den Kräften der Energie besiege ich dich!“
Nach Beendigung dieser Sätze, rannte das Monster auf Lady Diamond zu und warf sich auf sie. Die Heldin fiel zu Boden und die Puppe schlug mit ihren steifen Gliedern auf sie ein. Es schmerzte, doch die Kämpferin winkelte ihre Beine an, sodass sie das Ding mit einem kräftigen Tritt von sich stoßen konnte. Leider erhob es sich schnell wieder und holte erneut zum Angriff aus. Doch Lady Diamond konnte sich wegbücken, sodass das Monster mit der Faust in die Häuserwand einschlug. Die Heldin nutzte den Moment aus und machte sich ebenfalls bereit für ihre Attacke. Sie konzentrierte sich auf ihre Energie, streckte ihre Hände aus und rief:
„Diemantensplitter!“
Viele kleine, scharfkantige Splitter flogen auf das Monster zu und rissen es zu Boden. In diesem Augenblick verwandelte es sich zurück in das Mädchen mit den blonden Haaren und den Sommersprossen. Janine war wieder die Alte. Erleichtert seufzte Lady Diamond auf.

Später saßen die beiden Mädchen in Janines Zimmer. Das blonde Mädchen hatte wieder ihre normalen Kleider an und hielt das schwarze Minikleid in ihren Händen. Sie weinte bitterlich:
„Ich wollte doch niemals etwas stehlen“, schluchzte sie.
Lorena versuchte sie zu beruhigen:
„Das warst nicht du, Janine. Ich weiß, dass du so etwas nie tun würdest.“
„Was mache ich denn jetzt bloß? Sie werden mich anzeigen.“
Lorena überlegte kurz. Dann hatte sie eine Idee.

Alleine ging sie mit dem Kleid zurück in die Boutique. Die Verkäuferin kam direkt auf sie zu.
„Was haben Sie da in der Hand?“, wollte sie wissen.
„Das ist das Kleid.“
„Wie kommen Sie dazu?“, fragte die Frau irritiert.
„Ich habe es auf der Damentoilette gefunden. Ich glaube, die Frau hatte ein schlechtes Gewissen und hat es dort liegenlassen. Vermutlich leidet sie unter einer psychischen Störung.“
Die Schülerin sah, wie die Verkäuferin über diese Worte nachdachte. Dann sagte sie:
„Das könnte eine Erklärung sein. So dreist ist noch nie jemand gewesen. Normalerweise werden die Klamotten irgendwie versteckt. Aber sie stolzierte damit erhobenen Hauptes einfach so aus diesem Laden.“
„Sehen Sie. Bestimmt war das irgendeine Kurzschlussreaktion. Und jetzt haben Sie Ihr Kleid ja wieder.“
„Vielen Dank“, sprach die Dame freundlich und nahm das schwarze Minikleid in ihre Obhut. Dann zwinkerte sie ihr zu und Lorena verabschiedete sich gut gelaunt.
Vor der Tür holte sie ihr Handy aus der Tasche und tippe eine Nachricht an Janine:

Mission erfüllt.

Prompt kam eine Antwort:

Dennoch darf ich mich nie wieder dort sehen lassen.

Lorena seufzte und schrieb eine weitere Nachricht.

Kopf hoch! Es gibt noch andere Geschäfte mit hübschen Kleidern.

Auch hierauf ließ eine Antwort nicht auf sich warten:
Danke dir! Für alles! Du bist eine wahre Freundin, Lorena. Ich bin so froh, dass ich dich habe.

Diese Nachricht zauberte ein Lächeln auf das Gesicht der Fünfzehnjährigen. Nun war wieder alles gut und sie freute sich sehr darüber.