Sonntag, 22. April 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 10

Hallo, ihr Lieben! Auf der Welt gibt es sehr viele Kinder, die Hunger leiden müssen. Sie brauchen unsere Hilfe. Ich blende euch hier mal eine Spendennummer ein. Jeder Euro zählt.“
Als Lorena den Clip auf ihr Profil lud, lächelte sie der Schulsprecher an.
„Danke“, sagte er, „dass du deine Reichweite im Internet für diesen guten Zweck nutzt.“
Die Fünfzehnjährige wurde leicht rot im Gesicht. Für sie kam dieses Lob einer Liebeserklärung gleich. Mittlerweile hatte sie etwas über 8000 Abonnenten auf Instagram. Wenn nur 100 Leute ein bisschen Geld spendeten, war das ein Erfolg.
„Aber jetzt lasst uns mal den Stand aufbauen“, schlug Kai vor.
Alle packten mit an und trugen ein paar Tische und Stühle nach draußen auf den Schulhof. Janine hatte ein Poster mit einem Aufruf für den Spendenlauf erstellt. Das klebten sie vor den einen Tisch. Die hübsche Nadja hatte Listen vorbereitet, auf die sich die Schülerinnen und Schüler eintragen konnten. Der Rest des Organisationsteams war im Büro der Schülervertretung geblieben und begann damit, Firmen anzurufen, um Sponsoren an Land zu ziehen.

Doch als die Pause im Gange war, wollte sich kein Schüler so recht für den Stand interessieren.
„Warum will sich denn keiner in die Liste eintragen?“, fragte Janine etwas mürrisch.
„Ich kann es mir auch nicht erklären“, antwortete Kai. „Eigentlich dachte ich, wir seien eine hilfsbereite Schule.“
„Vielleicht brauchen sie nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung“, warf Nadja ein. Und dann erhob sie ihre Stimme und rief: „Liebe Mitschüler, kommt her und tragt euch in die Listen für den Spendenlauf ein. Die leidenden Kinder brauchen unsere Unterstützung. Seid nicht so egoistisch und zeigt Hilfsbereitschaft. Für euch sind es ein paar Runden um den Sportplatz. Für die Kinder würde es aber das Leben bedeuten.“
Mit diesen Worten überzeugte sie schließlich einige Jugendliche. Sie kamen an den Stand und trugen sich tatsächlich in die Liste ein. Kai klopfte Nadja dankbar auf die Schulter, was Lorena etwas eifersüchtig werden ließ. Sie wollte die Aufmerksamkeit des gutaussehenden Jungen.

Später schauten sich alle Beteiligten die Listen an und zählten durch, wie viele Teilnehmer sich bereiterklärt hatten.
„Nicht schlecht“, sagte Kai. „Wenn wir so weitermachen, haben wir genug Leute.“
Dann trugen sie gemeinsam wieder die Möbel ins Schulgebäude. Lorena schnappte sich gemeinsam mit Nadja einen Tisch. Noch immer war die Fünfzehnjährige nicht begeistert, dass sie die Lorbeeren beim Schulsprecher einheimste.
„Ich bin froh, dass wir doch noch einige Schüler überzeugen konnten“, sagte Nadja.
Lorena wusste nicht, was sie daraufhin sagen sollte. Sie vermutete, dass ihr Engagement nur daher kam, weil sie dem Schulsprecher nahe sein wollte. Dafür wollte sie Nadja nicht loben, obwohl sie wusste, dass es ihr Verdienst war, die Schüler überzeugt zu haben.
Da wurden Nadjas Augen glasig und sie fuhr fort:
„Wenn ich nämlich daran denke, wie viele Kinder auf der Welt Hunger leiden müssen. Sie haben nicht mal ein Stück Brot. Und wir haben so viel. Uns geht es so gut. Wir schauen dabei zu, wie sie verhungern. Diese Spendenaktion ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir müssten so viel mehr tun.“
In diesem Augenblick wurde Lorena bewusst, wie falsch sie lag. Nadja wollte tatsächlich helfen. Im Gegensatz zu ihr, trat sie dem Organisationsteam nicht bei, um Kai näher zu sein. Nun fühlte sie sich schäbig, weil sie ihrer Mitschülerin so etwas unterstellte.
„Ich finde es großartig, wie viel Herzblut du in diese Sache steckst“, lobte Lorena. „Es müsste viel mehr Menschen wie dich geben.“
„Danke“, antwortete Nadja ehrlich.

Nach der Schule war Nadja die letzte im Büro der Schülervertretung. Sie schloss die Tür gerade ab, weil sie sich auf den Heimweg machen wollte. Da stand ein Mann mit langen, schwarzen Haaren vor ihr. Er trug einen dunkelgrünen Anzug. Sogar eine Krawatte hatte er um den Hals gebunden.
„Huch“, erschrak Nadja kurz. „Wer sind Sie denn?“
„Schönen guten Tag. Ich bin Banker und habe von Ihrer Spendenaktion erfahren. Ich wollte mich als Sponsor zur Verfügung stellen.“
„Das ist aber sehr freundlich von ihnen.“
Nadja schloss die Tür wieder auf und bat den Herrn in das Büro.
„Tragen sie bitte Ihre Daten in dieses Formular ein“, forderte sie ihn auf.
Der Mann tat, wie ihm geheißen. In der Spalte für den Betrag pro Runde schrieb er 100 Euro.
„Entschuldigung“, unterbrach Nadja ihn, „in diese Spalte kommt nicht der Gesamtbetrag, den Sie spenden möchten, sondern der Betrag pro Runde, die der jeweilige Schüler läuft.“
„Ich weiß“, antwortete der Herr mit einem Lächeln.
Nadja wurde ganz rot.
„Das ist aber mehr als großzügig“, sagte sie.
„Eigentlich hatte ich auch nicht vor, so viel zu spenden. Aber bei so einer hübschen jungen Dame hätte ich ein ganz schlechtes Gewissen, wenn ich geizen würde.“
Jetzt würde die Schülerin noch verlegener. Der Mann legte den Stift auf den Tisch und kam ihr mit dem Gesicht sehr nahe.
„Ich hoffe, Ihnen damit helfen zu können“, hauchte er.
Nadja war wie erstarrt und da gab ihr der Herr mit den langen Haaren einen Kuss auf den Mund. Seine Lippen waren so weich, dass das Mädchen die Augen schloss und diese Zärtlichkeit genoss. Als sie die Augen wieder öffnete, war der Mann verschwunden.