Sonntag, 10. Dezember 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 19

Robin war so kaputt, dass er den ganzen Tag verschlief. Die Nacht im Wald hatte ihn total geschlaucht, sodass er erschöpft wie ein Stein durchschlief.
Als er am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich viel besser. Er streckte sich im Bett und lief dann ins Badezimmer, wo er sich eine lange Dusche gönnte. Beim Zähneputzen ertönte ein Handy im Zimmer. Das war aber nicht Iggys Weckruf. Der Rotschopf hatte nämlich ein Piepen als Weckton eingestellt, weil er bei Musik einfach nicht wach wurde. Doch jetzt ertönte für einen Moment ein Popsong. Das verwunderte Robin, doch dann fuhr er einfach mit seiner Morgenroutine fort.
Als er kurze Zeit später ins Zimmer zurückging, erschrak er. Nicht Iggy saß im Schlafanzug am Rand des Nachbarbettes, sonder Marin.
Guten Morgen“, begrüßte der Wasser-Elementarist ihn fröhlich.
Was machst du denn hier?“
Ich habe Iggys Bett übernommen. Er wollte sowieso in ein anderes Zimmer. Also haben wir getauscht. Rektor Quinn war einverstanden mit der Idee, dass ich dein persönlicher Leibwächter sein würde.“
Wie bitte?“ Robin glaubte, nicht richtig zu hören. Damit war er ganz und garnicht einverstanden. Schnell zog er sich eine Hose und ein T-Shirt an und rannte aus dem Zimmer.


Heftig klopfte er an Frau Funkes Bürotür. Sie war seine Tutorin und mit ihr wollte er unbedingt sprechen. Vielleicht konnte sie den Zimmertausch wieder rückgängig machen.
Doch die Tür öffnete sich nicht. Es war Sonntagmorgen. Wahrscheinlich war die Lehrerin noch in ihrem Privatzimmer. Aber es galt das strenge Gebot, dass die Schüer die Lehrer in ihren Wohnräumen nicht aufsuchen durften. Das konnte der junge Elementarist sogar verstehen, denn in so einem Internat hatten die Lehrkräfte sowieso kaum Freizeit. Sie waren ja jeden Tag quasi 24 Stunden im Einsatz.
Also beschloss Robin, zunächst zum Frühstück zu gehen und seine Lehrerin später aufzusuchen. Kaum hatte er sich mit seinem Tablett an einen Tisch gesetzt, saß auch schon Marin neben ihm.
Na, hast du den Schock verkraftet?“
Lass mich bitte in Ruhe, Marin.“
Was hast du denn?“, hakte der Wasser-Elementarist nach.
Ich brauche keinen Bodyguard. Ich kann alleine auf mich aufpassen.“
Das meinst du, aber du bist noch ein Anfänger, was deine Fähigkeiten betrifft.“
Ich habe meine Freunde.“
Marin lachte leicht auf.
Da fühlte sich das Elementum ertappt. Mit seinen Freunden lief es gerade ja nicht sehr gut. Marina und Iggy sprachen nicht mit ihm und Aria würde es bald auch nicht mehr tun, wenn er endgültig mit ihr Schluss machte. Da blieb nur Jojo.
Jojo!
Mein Kumpel Jojo ist ein Muskelprotz“, verlautete Robin schließlich. „Er wäre ein viel besserer Leibwächter als du.“
Joris mag sehr stark an Körperkraft sein. Aber auch er hat noch viel zu lernen, wenn es um sein Element geht.“
Damit beendete der ehemalige Schüler die Diskussion. Und Robin nahm sich nun noch dringender vor, mit Frau Funke zu sprechen.

Später hatte er auch endlich die Möglichkeit dazu. Er fand sie schließlich in ihrem Büro vor.
Was kann ich für Sie tun, Herr Held?“
Ich möchte mit Ihnen über meinen neuen Zimmergenossen sprechen.“
Marin Hollenbach?“, fragte die Feuer-Elementaristin nach.
Genau. Ich möchte nicht, dass er ein Zimmer mit mir teilt.“
Herr Quinn hat dies entschieden. Er erachtet es als eine gute Idee, wenn er Ihnen zur Seite steht, falls erneut jemand versucht, Sie anzugreifen.“
Aber muss das sein? Und warum ausgerechnet er?“
Er ist ein talentierter Elementarist, der die Schulausbildung abgeschlossen hat“, antwortete sie. „Außerdem wäre es doch ziemlich unangebracht, wenn eine Lehrkraft in Ihrem Zimmer unterkommen würde“, versuchte Frau Funke zu scherzen.
Aber ich brauche doch gar keinen Leibwächter“, argumentierte das Elementum.
Das sieht Herr Quinn ein bisschen anders. Zwar werden morgen zwei Männer von der E-Wehr vor den Toren des Internats postiert, aber innerhalb des Gebäudes könnten Sie auch Unterstützung gebrauchen.“
Frau Funke“, sprach er auf seine Lehrerin ein, „das ist absolut keine gute Idee.“ Er stockte kurz, entschloss sich aber dann dennoch, seine Vermutungen zu äußern. „Ich vermute, dass Marin der Angreifer ist. Ein Wasser-Elementarist war das und Marin ist einer.“
Herr Held, ich weiß, dass Sie seit der Sache mit Herrn Hawkins sehr misstrauisch sind. Aber Herr Hollenbach ist kein Bösewicht. Dafür legt Herr Quinn seine beiden Hände ins Feuer. Herr von Zimmenthal übrigens auch.“
Robin atmete kurz ein und aus. Er musste sich selbst beruhigen, bevor er fortfuhr:
Bei Herrn Hawkins hatte ich auch recht. Und dieses Mal habe ich wieder ein schlechtes Gefühl. Bitte!“
Na gut“, sagte die Lehrerin schließlich. „Ich werde noch einmal mit dem Rektor sprechen.“
Danke!“
Aber gehen Sie lieber davon aus, dass Sie sich mit ihrem neuen Zimmergenossen abfinden müssen.“
Das waren keine guten Aussichten. Dennoch gab er die Hoffnung nicht auf. Für ihn war es eine Horrorvorstellung, mit Marin ein Zimmer teilen zu müssen. Irgendwie musste er Iggy wieder dazu kriegen, zurückzukehren.

Also machte er sich auf die Suche nach seinem eigentlich besten Freund. Er wusste ja, wo sich Marins altes Zimmer befand. Also versuchte er es zuerst dort. Doch er hatte kein Glück. Dann ging er zum Aufenthaltsraum. Auch dort war der Rotschopf nicht zu finden. In der Bibliothek sah er ebenfalls vergeblich nach. Wo war er nur?
Schließlich zog er sein Handy aus der Hosentasche und schrieb eine Nachricht an Jojo:

Hast du eine Ahnung, wo Iggy ist?

Er musste nicht lange auf eine Antwort warten:

Er ist hier bei mir im Zimmer. Wir chillen ein bisschen.

Na super... Nun waren die beiden wieder zusammen wie ein Herz und eine Seele. Langsam merkte er, dass er doch wieder eifersüchtig wurde. Iggy hatte sich einen neuen besten Freund gesucht und ihn in Jojo gefunden. Dabei hatte er doch gerade etwas Schlimmes mit dem Muskelprotz durchgemacht. Er dachte, das hätte sie zusammengeschweißt, aber nun musste er feststellen, dass Jojo und Iggy mehr Zeit miteinander verbrachten.
Dagegen musste er etwas tun. Also machte er sich auf den Weg zu Jojos Zimmer und klopfte an. Als Jojo die Tür öffnete, schnaufte Iggy genervt.
Entschuldigt bitte die Störung“, begann Robin enthusiastisch, „aber ich wollte doch noch mal mit dir sprechen, Iggy.“
Kein Interesse“, gab der rothaarige Elementarist mit ernster Stimme zurück.
Das kannst du mir nicht antun“, flehte Robin schließlich. „Du musst mir bitte eine Chance geben.“
Da stand Iggy auf und schob sich am Elementum vorbei durch die Tür.
Wir sehen uns, Jojo“, verabschiedete er sich und lief davon.
Mit traurigem Blick blieb der Sechzehnjährige zurück. Aufmunternd klopfte ihm Jojo auf die Schulter.