Sonntag, 22. Oktober 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 13

Es war eine Überraschung, als Marina den Klassenraum mitten im Unterricht von Herr von Zimmenthal betrat. Sie war also wieder da, was besonders Robin erfreute. Er blickte die Wasser-Elementaristin lächelnd an, doch sie reagierte nicht. Stattdessen wirkte sie noch viel schüchterner als zuvor, als sie sich auf ihren Platz zubewegte.
Schön, dass Sie wieder da sind“, kommentierte der Lehrer ihre Rückkehr. „Rektor Quinn gab mir gestern bereits Bescheid, dass sie ab heute wieder am Unterricht teilnehmen würden. Allerdings erhoffte ich mir, dass Sie zumindest pünktlich sein würden.“
Natürlich musste der Fiesling wieder etwas an ihr finden, woran er nörgeln konnte. Dabei konnte das Mädchen noch nicht einmal was dafür. Sie war gerade mal fünf Minuten zuvor am Haus 4E angekommen. Sie legte nur ihre Sachen in ihrem Zimmer ab und kam sofort zum Unterricht. Doch sie konnte dem Lehrer nicht widersprechen. Dafür hatte sie keine Kraft. Die Blicke ihrer Mitschüler reichten ihr schon, da wollte sie sich nicht auf ein Machtspielchen mit dem Lehrer einlassen, den sie sowieso verlieren würde. Stattdessen bemerkte sie, wie ihre Klassenkameraden zu tuscheln begannen. Es hatte sich natürlich herumgesprochen, dass sie beim Psychologen war. Jetzt dachten einige, sie hätte einen Dachschaden.

Sie setzte sich hin und versuchte, alles zu ignorieren. Sie holte ihre Schreibsachen aus dem Rucksack und folgte dem Unterricht, ohne sich einmal zu melden. Am ersten Tag wollte sie so wenig Aufmerksamkeit wie möglich.
Allerdings ließ Herr von Zimmenthal auch dies nicht unkommentiert. Am Ende der Stunde sagte er:
Frau Hollenbach war ja heute besonders schweigsam. Ich dachte, Sie kommen erholt aus Ihrem kleinen Urlaub zurück und könnten nun umso produktiver sein. Da hatte ich mich wohl geirrt.“
Urlaub nannte er das. Dabei hatte Marina absolut anstrengende Tage bei ihren Eltern gehabt. Immer wieder musste sie beteuern, dass sie in einer guten psychischen Verfassung war und keine Suizidgedanken hatte. Auch dem Psychologen musste sie das überzeugend darstellen. Zum Glück fertigte er ein Gutachten zu ihren Gunsten an. Daher durfte sie in das Haus 4E zurückkehren.

Nach dem Unterricht ging Robin sofort auf die Wasser-Elementaristin zu und sprach sie an:
Es freut mich, dass du wieder da bist.“
Marina blickte ihn ausdruckslos an, antwortete aber nicht. Stattdessen ignorierte sie ihn und lief an ihm vorbei. Perplex blickte er dem Mädchen hinterher. Er hatte gehofft, dass sie nun wieder mit ihm sprechen würde, aber da hatte er sich getäuscht. Sie war noch immer sauer auf ihn. Das fand er sehr traurig.
Jojo sah das mit an, ging daraufhin auf seinen Kumpel zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Dann sagte er:
Das wird schon wieder.“
Meinst du?“
Sicher, ihr kriegt das wieder hin. Marina ist doch ein Teil unseres Zirkels. So leicht gibt sie das nicht auf.“
Ich hoffe, du hast recht. Die Frage ist nur, wie bekomme ich sie dazu, dass sie wieder mit mir spricht, wenn sie nicht mit mir sprechen möchte.“
Vielleicht solltest du ihr einen Brief schreiben, in dem du ihr alles erklärst“, schlug der Erd-Elementarist vor.
Das ist eine gute Idee. In dem Brief könnte ich meine Gefühle ihr gegenüber zum Ausdruck bringen. Das ist sogar das perfekte Wichtelgeschenk.“
Zwei Fliegen mit einer Klappe!“
Diese Idee ist super“, freute sich das Elementum. „Danke dir, Jojo!“
Super, dass ich dir helfen konnte. Jetzt muss ich mir nur selbst helfen. Ich möchte mit Iggy sprechen. Weißt du, wo er ist?“
Er ist auf unserem Zimmer. Geh ruhig zu ihm. Ich werde solange in den Aufenthaltsraum gehen.“
In Ordnung“, bestätigte Jojo. Dann machte er sich auf den Weg.

Er klopfte an Iggys Zimmertür und wartete darauf, dass er hereingebeten wurde. Dann ging er durch die Tür.
Iggy saß am Schreibtisch über einem Lehrbuch. Er drehte sich um und blickte Jojo misstrauisch an.
Kann ich dir helfen?“, fragte er ihn mit einem leicht verärgerten Unterton.
Ich möchte nur kurz mit dir sprechen und mich bei dir entschuldigen.“
Ja?“ Der Rotschopf hob interessiert seine Augenbrauen. Er war gespannt, was jetzt kommen würde.
Ich habe kein Problem damit, dass du schwul bist“, sagte der muskulöse Junge schließlich.
Da zuckte Iggy zusammen und wurde knallrot im Gesicht.
Ich meine, wenn du schwul sein solltest“, verbesserte sich Jojo schnell. Er wollte seinem Freund nicht auf den Schlips treten.
Wer hat dir denn diesen Quatsch erzählt?“, wollte der rothaarige Elementarist kleinlaut wissen.
Robin hat es mir gesagt.“
Was?“, brüllte Iggy los. Er war außer sich. Er erhob sich vom Stuhl und knallte beide Fäuste auf die Tischplatte. „Wie kommt dieser Idiot dazu?“
Iggy“, versuchte Jojo ihn zu beschwichtigen, „es ist wirklich nicht schlimm.“
Der Rotschopf kniff seine Augen zusammen. Er war wie erstarrt. Er wusste nicht, was er jetzt sagen sollte. Auf der einen Seite war er nun auf Robin wütend, auf der anderen Seite schämte er sich und wäre am liebsten im Erdboden versunken.
Oder ist es nicht wahr?“, hakte Jojo leise nach. Er wollte seinen Freund nicht noch mehr verunsichern.
Doch eine Antwort blieb aus. Iggy konnte nichts dazu sagen. Er schwieg ein paar Augenblicke, bis er sich endlich ein wenig fassen konnte. Dann bat er Jojo:
Würdest du mich bitte allein lassen?“
Bist du immernoch sauer auf mich?“
Kurzes Schweigen. Dann kam die Anwort:
Nein, nicht auf dich. Mach dir keine Sorgen. Ich brauche nur etwas Zeit für mich alleine.“
Jojo machte einen Schritt auf Iggy zu und klopfte ihm von hinten leicht auf den Rücken. Dann sagte er:
Falls du jemanden zum Reden brauchst, bin ich für dich da. Egal, um was es geht. Du bist mein Kumpel und ich mag dich.“
Mit diesen Worten verabschiedete er sich und verließ das Zimmer. Nun war Iggy wieder alleine. Er wusste nicht, was er denken sollte. Er war nun völlig vor den Kopf gestoßen. Was hatte Robin da nur angestellt? Er fragte sich, ob er es noch jemandem erzählt hatte. Das wollte er auf keinen Fall. Er würde zum Gespött des Internats und vielleicht sogar gemobbt werden.
Irgendwann kam dann auch Robin ins Zimmer. Er war ziemlich gut drauf und bemerkte garnicht, wie sauer Iggy auf ihn war.
Ich bin so froh, dass Marina wieder da ist“, plapperte er los. „Und dank Jojo habe ich nun auch eine Idee für ein Wichtelgeschenk für sie. Ich werde ihr einen Brief schreiben, in dem ich meine Gefühle für sie ausdrücke. Dazu werde ich noch einen kleinen Herzanhänger besorgen. Das sollte perfekt sein.“
Iggy blieb an seinem Schreibtisch sitzen und reagierte nicht. Das bemerkte Robin noch nicht mal. Er war völlig in einem anderen Film und rechnete gar nicht damit, dass sein bester Freund mal wieder auf ihn sauer sein könnte.
Nur die Sache mit Aria muss ich endgültig beenden. Das nehme ich mir bis dahin auch noch vor. Vielleicht haben Marina und ich dann eine Chance.“
Robin warf sich rücklings auf sein Bett, schnappte sich sein Kissen und umarmte es. Er träumte vor sich hin und nahm überhaupt nicht von Iggys Laune Notiz. Für ihn gab es für den Moment nur noch Marina.
Irgendwann hielt es der Rotschopf nicht mehr aus. Er stand auf und verließ das Zimmer, ohne sich zu verabschieden. Aber noch nicht einmal das bemerkte Robin, weil er so in Gedanken versunken war.

Iggy brauchte frische Luft, um wieder ein wenig klarer zu sehen. Daher ging er auf den Schulhof. Dort sah er zufällig, dass sein Wichtelkind Peter mit ein paar anderen Schülern dastand und sich unterhielt. Am liebsten wäre er dorthin gegangen, um ihn besser kennenzulernen. Doch er traute sich nicht.
Da erschien plötzlich Jojo an seiner Seite:
Du beobachtest ihn.“
Iggy errötete und versuchte, etwas dazu zu sagen. Doch mehr als ein Stottern brachte er nicht heraus.
Er steht auf Blumen“, erklärte der Erd-Elementarist. „Am liebsten mag er Orchideen.“
Woher weißt du das?“, wollte Iggy wissen. Er war völlig verdutzt.
Das äußerte mal sein Zimmergenosse im Praxisschwerpunkt. Er hat sogar ein paar Orchideen auf dem Zimmer.“
Unwillkürlich musste der rothaarige Elementarist grinsen. Irgendwie fand er den Gedanken ganz amüsant. Zudem war das nicht unbedingt ein Hobby, was viele Jungs mit ihm teilten. Das machte ihn verdächtig.
Lächelnd schaute Iggy seinen großen Freund an.
Danke“, sagte er schließlich.
Nichts zu danken“, entgegnete Jojo nickend.
Beide lächelten sich freundschaftlich an. Für Iggy war es nun so, als ob die beiden ein Geheimnis miteinander teilten. Und irgendwie fühlte es sich beruhigend an, dass er nicht mehr so allein damit dastand. Trotzdem war er noch sauer auf Robin. So schnell würde er ihm das nicht verzeihen.