Sonntag, 17. Oktober 2010

[Kurzgeschichte] Schuldgefühl

Heute mal kein Gedicht von mir, aber eine Kurzgeschichte, die ich vor einiger Zeit geschrieben habe. Viel Spaß beim Lesen!

Schuldgefühl


Aaron ist verstört. Er weiß nicht, was er tun soll. Er kaut nervös an seinen Fingernägeln und starrt auf die Dächer der gegenüberliegenden Häuser. Um ihn herum ist es still. Es herrscht eine eisige Totenstille.

Aaron steht vor dem Fenster seines winzigen Zimmers, das sich im siebzehnten Stockwerk eines Hochhauses befindet. Draußen regnet es und es scheint als zögen die dunklen Wolken direkt über ihn hinweg. Wenn jemand stirbt und es regnet danach, vermutet man, der Himmel weine. Dieses könne man nun auch behaupten, denn Aarons Mutter starb wenige Stunden zuvor.

Aarons Blick scheint leer. Seine dunklen Augen blicken starr in eine Richtung, in Richtung des Horizontes, von dem aus ihm dunkle Regenwolken entgegen kommen. Manchmal blitzt es, doch Aaron zuckt deshalb nicht zusammen. Sein Blick verharrt stattdessen starr.

Es ist dunkel in Aarons Zimmer, obwohl es erst Nachmittag ist. Aber die Schatten der dunklen Regenwolken verdrängen das Licht der Sonne. Auch in Aarons Herzen gibt es nun kein Licht mehr. Auch dieses wurde verdrängt. Es wurde verdrängt durch einen dunklen Schatten, den er selber glaubt, verursacht zu haben.

Wenige Stunden zuvor lebte seine Mutter noch. Sie war eine bildhübsche Frau mit blauen Augen und langen blonden Haaren. Sie war schlank und hatte eine sportliche Figur. Deshalb arbeitete sie früher auch als Foto- und Laufsteg-Model. Sie war zwar keine Claudia Schiffer oder Heidi Klum, aber sie bestritt einige Modenschauen und war nicht ganz unerfolgreich. Doch nun ist sie tot. Dabei war sie noch keine 35 Jahre alt.

Julia Fuchs war der Name von Aarons Mutter. Sie hatte ihn bekommen, als sie gerade 16 Jahre alt wurde. Er hatte ihre blonden Haare und blauen Augen geerbt. Sein Vater, ein Fotograf, starb noch, bevor er das Licht der Welt erblickte, an einer Überdosis Heroin. Julia hatte nicht mal ein Foto von ihm, das sie ihrem Sohn hätte zeigen können. Ihre Bekanntschaft zu ihm war nur flüchtig gewesen.

Mittlerweile ist Aaron 18 Jahre alt und selbst Model. Allerdings ist er auf keinen Laufstegen unterwegs. Stattdessen wird er für verschiedene Versandhauskataloge abgelichtet. Er ist ziemlich groß und hat kurze blonde Haare. Sein markantes Gesicht lasse es nie vermuten, dass er erst 18 Jahre alt sein solle. Regelmäßig treibt Aaron Sport. Er joggt jeden Morgen und ist in einem Fußball-Verein. Ab und an geht er auch in ein Fitness-Studio. Er besucht noch die 12. Klasse eines Gymnasiums und will nächstes Jahr sein Abitur machen, doch daran verschwendet er im Moment keinen Gedanken. Sein Leben, so wie es vorher war, solle nun schlagartig vorbei sein. Alles würde sich ändern.

Seine Nägel sind mittlerweile blutig gekaut. Er steht immer noch in seinem Zimmer vor dem Fenster und blickt starr nach draußen. Auf der einen Seite seines winzigen Zimmers befindet sich noch sein Bett und auf der gegenüberliegenden Seite steht sein Kleiderschrank. Auf den Tapeten hängen Poster von verschiedenen Schauspielerinnen und Fußballern. An der Decke baumelt eine einsame Glühbirne. Sie ist nur durch ein einziges Kabel mit der Decke verbunden, doch das Kabel sieht ziemlich dünn aus und es scheint fast so, als würde es bei dem nächsten Windstoß reißen. Die Glühbirne baumelt da oben vor sich hin und man weiß nicht, ob sie noch brennen würde. Nur die leichten Spuren von Ruß lassen darauf hindeuten, dass einmal ein Licht darin aufleuchtete.

Aaron zieht die weißen Vorhänge zu und dreht sich um. Er blickt zur Tür, die sich auf der gegenüberliegenden Seite befindet. Er geht langsam auf sie zu, doch er bleibt zwischen Bett und Schrank mitten im Zimmer stehen und starrt gebannt auf die Tür. Er hofft, seine Mutter würde nun hereinspazieren, als sei nichts gewesen und alles sei wieder in Ordnung. Doch er wartet vergeblich. Nichts ist mehr in Ordnung.

Er geht zu seinem Bett, setzt sich hin und legt seinen Kopf in seine Hände. Er streicht sich über den Kopf und starrt mit weit aufgerissen Augen auf den Boden.

Was habe ich getan?“, denkt er sich und will am liebsten laut los brüllen, doch ihm steckt ein schwerer Kloß im Hals. Er kann sich nicht äußern. Sein Mund öffnet sich, aber nichts kommt heraus. Er kann einfach keinen Laut von sich geben. Zu sehr schmerzt es ihm in der Brust, wenn er etwas sagen möchte. Dann blickt er auf und starrt zur Decke, von der die einsame Glühbirne hängt. Plötzlich reißt das Kabel und die Glühbirne fällt zu Boden und zerbricht. Aaron schaut zu Boden und sieht dort die Scherben der zerbrochenen Glühbirne liegen. Sie würde nie wieder leuchten. Bei diesem Gedanken läuft ihm eine Träne über die Wange.

Als Aaron wieder erwacht, liegt er auf seinem Bett. Seine Beine berühren noch immer den Boden. Er muss wohl eingeschlafen sein, als er sich auf das Bett gesetzt hat. Das ist aber auch kein Wunder, denn er bekam Beruhigungsmittel von seinem Arzt. Er schaut auf seine Armbanduhr. Er muss ein paar Stunden geschlafen haben, denn es ist mitten in der Nacht. Draußen regnet es mittlerweile nicht mehr, aber es ist stockdunkel. Nur der Mond ist am Himmel zu erkennen, der ein wenig Licht spendet und Aarons Zimmer erleuchtet. Er hat starke Kopfschmerzen und fasst sich deshalb an die Stirn. Eben hat er im Traum noch einmal alles erleben müssen. Ihn plagen starke Gewissensbisse, denn er ist der festen Überzeugung, dass es seine Schuld sei, dass seine Mutter sterben musste. Ohne ihn wäre das niemals passiert.

In seinem Traum sah er noch einmal, was am heutigen Vormittag geschah. Er sah, wie seine Mutter leblos auf dem Küchenboden lag und er fassungslos daneben stand. Er musste dabei zusehen, wie seine eigene Mutter elendig krepierte. Und er konnte nichts dagegen tun. Es ist sogar noch viel schlimmer für ihn: Er glaubt fest daran, dass er die Schuld daran tragen würde.

Hätte sie ihn bloß nie kennen gelernt.

Aaron denkt zurück, an die schreckliche Zeit, die er seit zwei Jahren durchmachen musste. Seit dieser Zeit ist es nicht mehr so, wie es davor war, als seine Mutter noch nicht verheiratet war. Erst ungefähr zwei Jahre nach ihrer Hochzeit nahm das Übel seinen Lauf und es endete mit dem Tod einer Frau. Und diese Frau ist seine geliebte Mutter, die bislang für ihn seine ganze Familie darstellte.

Alles begann vier Jahre zuvor. Seine Mutter lernte einen neuen Mann kennen. Fred Kaiser war zehn Jahre älter als Aarons Mutter. Er war ein großer muskulöser Mann mit dunklem, leicht grau meliertem Haar. Als Julia ihn damals kennen lernte, trug er noch einen Schnurbart. Mittlerweile lässt er sich eher einen Dreitagebart wachsen. Julia wurde schnell von seiner charmanten Art angezogen und so heirateten die beiden nur wenige Monate nach ihrem Kennenlernen.

Aaron fand seinen neuen Stiefvater anfangs ganz nett. Damals war er 14 Jahre alt und leicht mit Geschenken zu beeindrucken. Sie wohnten in einem großen Haus und Aaron hatte sein eigenes riesiges Reich. Im Keller gab es einen Partyraum, worin er oft seine Freunde einladen durfte. Allgemein hatte er damals viele Freiheiten, welche sich jeder Teenager gewünscht hätte. Aus diesen Gründen dachte er nicht näher darüber nach, was Fred für ein Kerl war und ob seine Mutter glücklich mit ihm sein würde. Ihnen fehlte es jedenfalls an nichts. Für ihn war alles in Ordnung und seine Mutter erschien in seinen Augen nie unglücklich.

Im Grunde wusste Aaron nichts über seinen neuen Stiefvater. Sie unternahmen nie etwas zusammen oder führten gar ein längeres Gespräch. Aaron wusste nicht mal genau, womit Fred sein Geld verdiente. Seine Mutter erklärte ihm nur einmal, dass er Geschäftsmann wäre und gewisse Dinge, von denen er keine Ahnung hatte, verkaufen würde. Um ehrlich zu sein, interessierte es ihn auch nicht im Geringsten. Er war nur darüber froh, dass seine Mutter glücklich war und dass Fred ihn weitgehend in Ruhe ließ.

Aaron wollte nie einen Vater. Er brauchte nie einen Vater. Er kam sehr gut alleine mit seiner Mutter zu Recht und er dachte sich, dass er ja nichts vermissen könnte, was er niemals gehabt hatte. Und wenn seine Freunde früher mit ihren Vätern Fußball spielten oder andere Sachen unternahmen, durfte Aaron daran teilnehmen oder das ein oder andere mit einen von den Freunden seiner Mutter unternehmen. So vermisste er nie etwas.

Seine Mutter hatte im Laufe der Zeit einige Männerbekanntschaften, aber nie war es was Festes. Die Beziehungen dauerten höchsten zwei bis drei Monate an, wobei zwischen den Beziehungen eine viel längere Zeit verging. Julia war sehr wählerisch in Sachen Liebe. Als Model lernte sie immer viele Männer kennen, aber nur mit den wenigsten begann sie eine Beziehung. Und meistens bemerkte sie sehr schnell, dass ein Mann nicht zu ihr gepasst hätte und beendete viele Beziehungen deswegen schnell.

Doch in Fred sah sie etwas anderes. Aaron weiß nun im Nachhinein nicht mehr, was sie so faszinierte, aber es scheint, als wäre sie von ihm besessen gewesen.

Obwohl Aaron später oft den einen oder anderen Streit zwischen Fred und seiner Mutter mitbekam, blieb Julia immer bei ihrem Ehemann. Sie sagte vor der Hochzeit immer, dass sie nur einmal in ihrem Leben jemanden das Jawort geben wollen würde und dieses Mal hätte sie den Richtigen gefunden, dem sie ihr Herz schenken dürfte. Mit Fred wollte sie ihr ganzes Leben verbringen. Aus diesem Grund blieb sie bei jedem noch so großen Streit bei ihm. Sogar als er anfing sie zu schlagen, verließ sie ihn nicht. Aaron versuchte immer, sie dazu zu bringen, loszulassen und Fred endgültig zu verlassen. Doch sie wollte das nicht. So kam es dazu, dass auch er sich immer häufiger mit seinem Stiefvater stritt. Doch Aaron war nicht so schwach wie seine Mutter. Er war Fred nicht hörig und so drohte er damit, zur Polizei zu gehen, wenn er ihn nur ein einziges Mal anfassen würde. Und so hatte er auch dies alles an Julia auslassen müssen. Sie würde ja nicht abhauen oder zur Polizei gehen. Das wusste Aarons Stiefvater.

Einmal zeigte Aaron seinen Stiefvater aber doch an, als er wieder einmal seine Mutter grün und blau geschlagen hatte. Danach sah sie furchtbar aus. Ihr hübsches Gesicht war grässlich entstellt, ihre Lippen waren aufgeplatzt und beide Augen waren so angeschwollen, dass sie kaum sehen konnte. Aaron erzählte alles der Polizei, doch als seine Mutter gegen Fred nicht aussagen wollte, wurde die Anklage wieder fallen gelassen.

Julia flehte ihren Sohn an, er sollte das nie wieder tun.

Es wird alles wieder gut“, versuchte sie ihm immer einzureden. Doch Aaron glaubte das nicht und wurde immer aggressiver gegen seinen Stiefvater. Doch Fred ließ sich nicht einschüchtern, da er viel muskulöser und stärker war als sein Stiefsohn. Und er wusste, dass ihm nie etwas passieren könnte, solange ihm Julia so hörig sein werde.

Wenn er gewusst hätte, dass Fred so weit gehen würde, hätte er verstärkt etwas gegen ihn getan.

Während Aaron in Richtung Badezimmer läuft, lässt er sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen und macht sich innerlich noch mehr Vorwürfe. Nicht nur die Schuld an der Tat diesen Tages solle auf seinen Schultern lasten, sondern auch noch die Schuld der vergangenen vier Jahre.

Ich hätte von Anfang etwas dagegen tun müssen.

Der Achtzehnjährige zieht sein Sweatshirt aus und beugt sich über das Waschbecken. Er dreht den Wasserhahn auf und spritzt sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht. Als er in den Spiegel schaut, merkt er, dass er sein eigenes Gesicht nicht ertragen kann. Hätte er bloß seinen Mund gehalten, wäre seine Mutter noch am Leben. Angewidert von sich selbst wendet er sich von seinem Spiegelbild ab und wischt sich mit seinem Sweatshirt das Gesicht trocken. Danach wirft er es einfach auf den Boden und geht zurück in sein dunkles Zimmer.

Die ersten Sonnenstrahlen scheinen am frühen Morgen durch das Fenster von dem kleinen Zimmer im siebzehnten Stockwerk. Vom Gewitter des vorherigen Tages ist nichts mehr zu erkennen. Aaron richtet sich von seinem Bett auf. Seine Augen sind wegen der Tränen und der Müdigkeit rot unterlaufen. Er hat die ganze Nacht kein Auge mehr zugetan. Er geht zu seinem Fenster, schiebt die weißen Gardinen zur Seite und öffnet es. Der Duft von frischem Regen steigt ihm sofort in die Nase. Er schließt seine Augen und nimmt einen kräftigen Atemzug von dieser Luft. Einen Moment lang hat er ein wohliges Gefühl im Bauch. Er kann für eine Sekunde lang das Unheil des vergangenen Tages vergessen und einfach den Morgen genießen. Doch als er die Augen wieder öffnet und er auf die Dächer der gegenüberliegenden Häuser schaut, wird ihm wieder bewusst, wo er ist. Er befindet sich an dem grauenvollen Ort, wo alles passierte. Er ist an dem Höllenschlund, wo seine Mutter gestern noch sterben musste. Nur eine Wand trennt ihn von dem Ort, wo sein Stiefvater mit einem Messer auf seine Mutter einstach. Und er hat nur zusehen können.

Vor fast zwei Monaten hatte Aaron seine Mutter überreden können, den gewissenlosen Mann zu verlassen. Erst zögerte sie noch und wollte bei ihrem Ehemann bleiben. Doch als er ihr erzählte, was er am Vortag gesehen hatte, war sie dazu entschlossen, endgültig ihren Ehemann zu verlassen.

Aaron war mit ein paar Freunden in der Disko. Als sie sich nach einer ausgelassenen Nacht verabschiedeten, schlenderte er die Straße entlang. In einer dunklen Seitengasse hörte er dann eine ihm vertraute Stimme. Es war Freds Stimme, die er ein paar Meter von ihm entfernt, wahrnahm. Da täuschte er sich ganz sicher nicht.

Das kostet 250 Euro!“

Ist das denn auch guter Stoff?“, erwiderte eine andere, raue Stimme.

Das Zeug ist astrein! Gib mir jetzt meine Kohle!“

Aaron war geschockt. Er nahm zwar nur die Silhouetten zweier Männer wahr, doch er war sich ganz sicher, dass einer der beiden sein verhasster Stiefvater gewesen sein musste.

Plötzlich hörte er Schritte.

Bleib stehen! Gib mir mein Geld!“, schrie Fred den Schritten, die schnell auf Aaron zukamen, hinterher.

Doch gerade als das Gesicht des Mannes in das Licht einer Straßenlaterne eintrat, fiel ein Schuss. Der Mann riss dabei seine Augen weit auf. Für den Bruchteil einer Sekunde kam es ihm so vor, als hätte der Mann Aaron angestarrt und ihn um Hilfe bitten wollen. Doch er konnte keinen Ton mehr von sich geben. Stattdessen fiel er auf die Straße und vor Aarons Füßen landete ein Beutel mit weißem Pulver.

Drogen!

Weitere Schritte kamen schnell auf ihn zu. Fred hätte ihm sicher etwas angetan, wenn er entdeckt hätte, dass er alles mitbekommen hatte. Schließlich hatte er in diesem Augenblick einen Mord mit ansehen müssen. Fred schoss den Mann einfach nieder. Sofort nahm Aaron seine Füße in die Hand und rannte weg. Erst später ließ er sich noch einmal alles durch den Kopf gehen. Der Mann, der vor seinen Augen erschossen wurde, war kaum älter als er. Er trug eine schwarze Lederjacke und eine dunkle Wollmütze. Wahrscheinlich war der Mann ein Junkie, dachte sich Aaron später.

Natürlich erzählte er dieses Geschehnis sofort seiner Mutter. Julia konnte mit einem Betrüger und Lügner verheiratet sein, sie konnte mit einem Schläger verheiratet sein, sie konnte sogar die Ehefrau eines Drogendealers sein, aber sie wollte auf keinen Fall die Ehefrau eines Mörders bleiben. Das wurde ihr in diesem Moment bewusst und so packte sie schnell ein paar Sachen zusammen und zog mit ihrem Sohn kurzerhand aus dem großen Haus.

Dass dieser Kerl auch nicht davor zurück schrecken würde, seine Mutter umzubringen, das hätte Aaron in diesem Augenblick nicht gedacht. Er war ein grausamer Schläger und wohl auch ein schrecklicher Drogendealer, der seinen Job sehr gründlich erledigte und wenn nötig, einen Junkie, der nicht zahlte, nieder schoss. Aber er hätte trotzdem nicht daran gedacht, dass er seine Mutter töten würde. Schließlich versuchte er jahrelang, seinen miesen Charakter zu vertuschen, um nicht im Gefängnis zu landen. Doch diesmal rastete er völlig aus und nahm darauf keine Rücksicht mehr. Seine Ehre wurde angekratzt. Sein Stolz wurde verletzt. Und dass er das annahm, war nur Aarons Schuld. So denkt der Achtzehnjährige jedenfalls.

Aaron und seine Mutter nahmen sich, nachdem sie aus Freds Haus auszogen, diese kleine Wohnung im siebzehnten Stockwerk des Hochhauses. Etwas Besseres konnten sie auf die Schnelle nicht finden. Die Wohnung war nicht groß und auch nicht schön, aber für das Erste sollte sie reichen.

Natürlich erzählten die beiden niemanden, wohin sie zogen, denn es hätte ja dann Fred herausbekommen können. Er war ziemlich sauer und Julia wusste, wenn er sie fände, würde er sie wieder verprügeln. Auch so schon war es sehr schlimm für sie. Er belästigte sie täglich mit Anrufen auf ihrem Handy. Zuerst hatte sie seine Anrufe einfach ignoriert, doch sie wurden immer häufiger und sie erschrak bei jedem Male, bei dem das Handy losging. Schließlich besorgte sie sich eine neue Nummer. Daraufhin dachte sie, dass sie endlich Ruhe von ihm haben würde. Doch da irrte sie sich gewaltig.

Aaron blickt auf die Tauben, die sich auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses befinden. Er kann sie kaum erkennen, weil sie so weit weg sind. Er sieht nur, dass eine dieser Tauben nicht grau ist. Eine der Tauben besitzt ein weißes Gefieder. Eine weiße, wunderschöne Taube inmitten von vielen grauen Tauben. Sie ist ihm sofort ins Auge gefallen und er kann kein Auge von ihr ablassen. Es scheint ihm fast so, als würde die weiße Taube sich mit den anderen grauen Tauben unterhalten, wobei sie selbst den Mittelpunkt des Geschehens bildet. Sie erinnert ihn an seine Mutter, wie sie bei ihrer eigenen Geburtstagsfeier im letzten Jahr, als sie noch in dem großen Haus lebten, ihr weißes Sommerkleid trug und inmitten einer Menge von Männern stand, um sie zu unterhalten. Später bekam sie Schläge von Fred dafür, weil sie angeblich die Männer angemacht hätte. Aus Eifersucht schlug er sie zusammen.

Aaron dreht sich um und legt sich erneut aufs Bett. Er will versuchen etwas zu schlafen, auch wenn es ihm schwer fallen wird. Als er die Augen schließt, sieht er erneut, wie Fred zwei Tage vorher vor seiner Schule stand.

Wo ist deine Mutter?“

Das geht dich nichts an!“

Ich werde sie sowieso finden!“

Du kannst mir keine Angst machen.“

Sie wird sowieso zurück kehren zu mir!“

Das glaubst aber auch nur du ganz allein!“

Was soll das denn jetzt schon wieder heißen?“

Sie hat schon längst einen neuen, besseren Mann!“

Diesen Satz bereut Aaron immer noch. Er öffnet erneut die Augen und sein Herz rast. Er würde diesen einen Satz so gerne rückgängig machen, aber das ist nicht möglich. Er äußerte ihn und das war ein großer Fehler. Dieser eine Satz war verhängnisvoll. Dieser eine Satz führte zum tragischen Tod seiner Mutter.

Fred erschrak bei diesen Worten und verzog sein Gesicht. Aaron nickte ihm mit einem hämischen Lächeln zu, als würde er ihm sagen wollen, dass er das ruhig glauben könnte. Man konnte sofort erkennen, wie die Wut in das Gesicht seines Stiefvaters aufstieg. Sein Gesicht verzog sich zu einer teuflischen Miene. In seinen Augen brach ein loderndes Feuer aus. Er ballte die Fäuste und zog die Schultern nach oben. Aaron hatte ein Grinsen auf den Zähnen. Der Ehemann seiner Mutter drehte sich wutentbrannt um, lief zu seinem Auto und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Die Wut, die Aaron da im Gesicht seines Stiefvaters geschrieben stehen sah, war am nächsten Tag noch nicht verloschen. Ganz im Gegenteil, als er dann in ihrer Küche stand, schien er noch viel wütender gewesen zu sein. Woher er heraus bekam, wo Aaron mit seiner Mutter nun lebte, weiß Aaron immer noch nicht. Aber im Moment kann er auch darüber keinen klaren Gedanken fassen. Stattdessen sieht er noch einmal vor seinem inneren Auge, wie die gestrige Tat verlief.

Es klingelte an der Tür. Es war elf Uhr und Aaron stand in der Küche, um seiner Mutter und sich etwas zu Essen zu machen. Er kochte gerade heißes Wasser für die Nudeln auf. Seine Mutter ging zur Tür und rief ihrem Sohn dabei in die Küche zu:

Das wird wohl der Postbote sein. Ich erwarte ein Paket vom Versandhaus.“

Sie drückte auf den Türknopf und kam zurück in die Küche.

Kann ich dir irgendwie helfen?“

Nein, heute will ich dir mal was von meinen Kochkünsten zeigen, Mama.“

Da bin ich ja mal gespannt.“

Es klopfte an der Tür. Ohne zu zögern rannte Julia in den Flur und öffnete die Tür, ohne durch den Spion gesehen zu haben. Da stand er vor ihr. Ihr Ehemann und Peiniger. Und er sollte in wenigen Minuten zu ihrem Mörder werden. Sofort brüllte er los und bevor sie etwas sagen konnte, schubste er sie in die Wohnung. Er trat ungefragt herein und schlug die Tür hinter sich zu. Julia schrie. Aaron rannte in den Flur. Als er Fred sah, stellte er sich vor seine Mutter.

Ruf die Polizei, Mama! Mein Handy liegt in der Küche.“

Sofort eilte sie in die Küche. Fred ließ sich aber nicht aufhalten. Er stieß Aaron zur Seite. Er wollte seinen Stiefvater festhalten, doch er schaffte es nicht. Julia zitterte und drückte wild auf den Tasten des Handys herum. Doch Fred riss es ihr aus der Hand und schlug ihr mitten ins Gesicht.

Du Schlampe! Hast noch einen Stecher!“

Nein!“

Du Miststück! Du dachtest wohl, du kannst mich ausnehmen wie eine Weihnachtsgans und dann das Geld mit einem neuen Typen verschleudern!“

Nein!“

Besorgt er es dir denn wenigstens gut?“

Ich habe doch gar keinen…“

Halt‘ die Schnauze!“

Aaron kam von hinten und wollte ihn auf den Rücken schlagen, doch er drehte sich schnell um und schlug ihn zu Boden. Auf der Arbeitsplatte stand ein Messerset. Er packte sich das größte davon und bewegte sich auf Julia zu. Sein Gesicht war vor Zorn entstellt. Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Stirn hatte tiefe Falten geschlagen. Seine Zähne fletschte er wie ein Wolf auf der Jagd. Für Aaron stellte sich dies wie in Zeitlupe dar. Er schrie. Seine Mutter schrie. Doch Fred ließ sich nicht aufhalten. Er holte mit dem Messer aus und stach auf Julia ein. Aaron musste dies hilflos mit ansehen. Er konnte nichts dagegen tun. Mehrmals stach er auf Julia ein, bis sich ihr Körper nicht mehr bewegte und sie leblos auf dem Boden lag. Da ließ Fred das Messer fallen und drehte sich um. Auf seinem Gesicht war immer noch die Wut zu erkennen. Er ging an dem Sohn seines Mordopfers vorbei in den Flur. Nur das Zuschlagen der Tür ließ erkennen, dass er die Wohnung verlassen hatte. Aaron lief schnell zum leblosen Körper seiner Mutter und nahm sie in den Arm. Überall war Blut. Schnell nahm er sein Handy, das einen Meter von ihm entfernt auf dem Boden lag und wählte die Notrufnummer. Erst dann verlor er seine Fassung und weinte los.

Als der Krankenwagen wenige Minuten später aufkreuzte, konnte der Arzt nur noch Julias Tod feststellen.

Aaron schließt erneut die Augen und unterdrückt die Tränen, die ihm erneut entfliehen wollen. Er dreht sich auf den Bauch und vergräbt seine Augen in das Kissen. Er wusste, zu was sein Stiefvater fähig war. Er hatte schließlich einen Mord von ihm mitbekommen. Vorher war er ja auch sehr gewalttätig gegenüber seiner Mutter geworden. Warum konnte er dann nicht ahnen, dass Fred seine Mutter töten wird, wenn er etwas von einem neuen Freund hören würde. Warum hat er nicht vorher darüber nachgedacht und leichtsinnig ihm so einen Schwachsinn erzählt? Somit sorgte er dafür, dass sein Stiefvater erneut völlig die Kontrolle verlor, aber diesmal war es schlimmer als je zuvor. Auf diese Weise führte er den Mord seiner Mutter herbei. Auch wenn Fred vor dem Gesetz der Schuldige war und dafür nun viele Jahre im Gefängnis verbringen müsse, muss Aaron mit seinem eigenen Gewissen kämpfen und mit dieser Schuld leben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen