Sonntag, 21. Juni 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 27


Es war der letzte Schultag angebrochen. Heute gab es die Jahreszeugnisse und anschließend würden die Schülerinnen und Schüler nach und nach das Haus 4E verlassen, um über den Sommer zu ihren Familien zurück zu kehren.
Leider würde das Internat aber wohl zukünftig weiterhin von Männern der E-Wehr bewacht werden, da nach wie vor Gefahr bestand. Offiziell wurde der nächtliche Angreifer nicht geschnappt und deshalb wurde daran nichts geändert.

Robin war das Hauptziel und ausgerechnet er lebte bei Adoptiveltern, die keine Ahnung von der Existenz der Elementaristen hatten. Während alle anderen Schülerinnen und Schüler bei ihren Familien unterkamen, die ebenfalls elementare Fähigkeiten hatten, war das Elementum quasi ganz allein, falls jemand ihn attackieren würde. Also beschloss Florian Argon, Robins Haus heimlich von der E-Wehr überwachen zu lassen. Das fand der Siebzehnjährige überhaupt nicht gut, aber er hatte keine Wahl. Florian Argon versprach ihm, dass seine Eltern nichts davon mitbekommen würden.
An diesem Tag hatten die Schülerinnen und Schüler nur einen Unterrichtsblock – also eine Doppelstunde. Herr Dreizack war es, der die Zeugnisse verteilte, was die fünf Freunde nicht so toll fanden. Jede schlechte Note wurde kommentiert:
»Da musst du aber in Mathe noch einen Zahn zulegen« oder »Wie schlecht kann man denn in NaWi sein?«
Das war allen in der Klasse unangenehm, nur Brisa lachte diejenigen hämisch aus.
Als der dicke Lehrer vor Marina stand und ihr ein makelloses Zeugnis voller Einser überreichte, schnaufte er verächtlich:
»Streberin.«
Trotzdem war die Wasser-Elementaristin seht stolz auf sich. Auch die anderen waren zufrieden mit ihren Leistungen.

Nach dem Unterricht setzten sich die fünf Freunde ein letztes Mal vor ihrer Abreise in den Aufenthaltsraum.
»Könnt ihr es glauben? Das Schuljahr ist um«, sprach Aria fröhlich.
»Das ist echt krass«, ergänzte Iggy. »Wir kommen jetzt schon in die zwölfte Klasse.«
»Das ist unglaublich«, fügte Marina hinzu. »Wir haben in diesem Schuljahr so viel erlebt, sodass es rasend schnell zu Ende gegangen ist.«
»Trotzdem komme ich mir so vor, als ob wir uns schon eine Ewigkeit kannten«, sprach Robin und lächelte alle seine Freunde glücklich an.
Marina hatte eine Erklärung dafür:
»Wahrscheinlich liegt es daran, dass wir gemeinsam Höhen und Tiefen erlebt haben und uns deshalb so schnell so gut kennengelernt haben. Denkt nur mal an den Tod von Rektor Quinn, Robins Entführung und die ganzen Kämpfe, die wir überstanden haben.«
Alle nickten stumm und wussten, dass die Wasser-Elementaristin recht hatte.
»Mal sehen, was uns nächstes Jahr erwartet«, sagte Robin.
»Ich befürchte, es wird nicht so leicht«, seufzte die Luft-Elementaristin. »Heute Morgen wurde bekanntgegeben, dass Arno Mosel die Wahl haushoch gewonnen hat. Er ist der neue Vorsitzende des E-Amts.«
Iggy stöhnte:
»Bitte nicht…«
»Das bedeutet, es wird sich einiges ändern«, mutmaßte die kluge Wasser-Elementaristin. »Da wird einiges auf uns zu kommen.«
»Aber wenn wir zusammen halten, schaffen wir alles«, bekräftige das Elementum. »Davon bin ich überzeugt.«
»Ja«, sprachen alle im Chor.
»Lasst uns darauf einschlagen«, fügte Robin hinzu und streckte seine Hand nach vorne aus.
Die anderen taten es ihm gleich und legten ihre Hände auf seine. Dann riefen sie gemeinsam:
»Wir schaffen es!« und warfen ihre Hände in die Lüfte.

Marina war die erste, die abgeholt wurde. Ihr Bruder Marin war mit dem Auto gekommen.
»Werden wir uns in den Sommerferien sehen?«, wollte sie von ihrem Freund wissen.
»Komm mich besuchen«, schlug Robin vor. »Dann lernst du meine Eltern kennen.«
»Sehr gerne«, antwortete sie und gab ihm einen langen Kuss. Dann stieg sie in Marins Auto und fuhr davon.
Als nächstes ging Iggy. Der Rotschopf hatte ein Zugticket nach Köln und kam mit seinem roten Rollkoffer über den Hof.
»Mach’s gut, Alter«, verabschiedete er sich von seinem besten Freund.
Dann umarmten sie sich freundschaftlich.
Bevor der Feuer-Elementarist das Tor hinter sich schloss, rief ihm Robin noch etwas hinter her:
»Iggy, du bist gut, so wie du bist. Vergiss das nicht.«
Der rothaarige Jugendliche antwortete lediglich mit einem Zwinkern und einem schiefen grinsen. Dann war er weg.
Aria war total aufgeregt, dass die Sommerferien bevorstanden. Sie tanzte regelrecht über den Innenhof.
»Wie kommst du nach Hause?«, wollte der Siebzehnjährige von ihr wissen.
»Ich fahr gar nicht direkt nach Hause. Meine Eltern machen gerade Urlaub in Italien. Ich fliege ihnen hinterher. Ich fahre gleich mit dem Taxi zum Flughafen.«
»Wie cool! Dann viel Spaß dort.«
Die beiden umarmten sich und die hübsche Blondine tänzelte weiter Richtung Tor. Dann drehte sie sich noch einmal um und winkte Robin fröhlich zu. Er erwiderte es und dann war auch sie draußen.
Als letztes musste das Elementum sich von Jojo verabschieden. Er trug zwei Koffer und eine große Reisetasche in seinen Händen, als er aus der Tür des Jungentraktes kam. Sein Gepäck sah sehr schwer aus.
»Was nimmst du denn so alles mit?«, fragte Robin neugierig.
»Ohne meine Hanteln überlebe ich keinen Sommer«, antwortete Jojo grinsend. Dann stellte er das Gepäck ab und umarmte seinen Kumpel.
»Hey! Du erdrückst mich«, jammerte Robin gespielt.
»Entschuldigung«, entgegnete der Erd-Elementarist und ließ ihn wieder runter. »Ich muss direkt los. Meine Eltern haben mich gerade angerufen. Sie stehen hier vorm Haus 4E im Halteverbot. Also schöne Ferien!«
»Das wünsche ich dir auch, Muskelberg
»Hey!«, beschwerte sich der Achtzehnjährige und klopfte seinem Kumpel auf die Schulter. Dann schnappte er sich seine Koffer und die Tasche und eilte aus dem Tor.
Jetzt war Robin nur noch einer der wenigen im Haus 4E. Er musste auf einen Mann von der E-Wehr warten, der ihn nach Hause fahren würde. Dieser Elementarist war auch gleichzeitig dafür zuständig, die ortsansässige E-Wehr bei Robin im Ort auf den neusten Stand zu bringen und alle Unterlagen des Falls abzugeben.
Der Siebzehnjährige hatte überhaupt keine Lust dazu, aber er hatte keine Wahl. Er wäre lieber alleine gereist, um alle Eindrücke des letztes Jahres zu verarbeiten. Im Zug hatte man immer so schön Zeit zum Nachdenken. Doch das blieb ihm vergönnt.
Robin blickte sich noch mal um und schaute auf die Wände des Internats und über den Innenhof. Fast ein ganzes Jahr hatte er hier verbracht und das hatte sein Leben komplett verändert. Vorher war er ein ganz normaler Schüler an einer ganz normalen Schule. Jetzt beherrschte er die Kräfte der Elemente, wurde von irgendwelchen üblen Typen gejagt und bestritt gefährliche Kämpfe gegen starke Elementaristen.
Gleichzeitig war er aber auch froh darüber, ein solches aufregendes Leben führen zu dürfen. Langweile kam dabei niemals auf. Außerdem hatte er super Freunde gefunden, die er nie mehr missen wollte. Das war etwas ganz Besonderes.
Er war gespannt darauf, was ihn im zweiten Schuljahr im Haus 4E erwarten würde. Wahrscheinlich würden weitere Gefahren auf ihn warten, aber er war sich sicher, auch viele schöne Dinge erleben zu werden. Er wünschte sich lediglich, dass niemand zu Schaden kam und keiner mehr sterben musste.
Nachdem er eine Viertelstunde so auf dem Hof stand und umherblickte, kam auch endlich der E-Wehrmann. Robin flitzte schnell hoch in sein Zimmer, holte seinen Koffer und stieg dann zu ihm ins Auto.
Bevor das Fahrzeug startete, blickte das Elementum zum letzten Mal aus dem Fenster auf das Eingangstor des Internats. Sodann startete der Motor und auch der Siebzehnjährige fuhr in Richtung Heimat. Damit waren auch für ihn die Sommerferien angebrochen.