Sonntag, 15. März 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 20


Elma Mosel war außer sich vor Wut. Sie lief in ihrem Wohnzimmer auf und ab. Am liebsten hätte sie ein Glas zerschlagen. Arno Mosel wollte sie beruhige:
»Setz dich doch, meine Liebe.«
»Ich will nicht sitzen«, murrte sie. »Wir haben unsere Flitterwochen extra nach hinten verschoben, damit du deinen Wahlkampf machen kannst und wir genug Zeit haben, um das Elementum bis dahin loszuwerden. Und dann geht alles in dir Hose.«
»Noch ist nichts verloren«, versuchte ihr Ehemann es erneut.

»DAS ALLES IST IHRE SCHULD«, schrie sie den dicken Mann, der im Sessel saß und vor Angst transpirierte.
Es war der Lehrer Narius Dreizack. Herr und Frau Mosel hatten ihn zu sich eingeladen, weil sie von ihm hören wollten, warum der Plan nicht funktioniert hatte. Von Tara Jordan wussten sie nur, dass das Elementum nicht in  seinem Bett lag. Narius Dreizack behauptete, ebenfalls so überrascht gewesen zu sein wie sie. Ihm hatte niemand gesagt, dass Robin seit einigen Nächten im Verwaltungsgebäude bei den Lehrkräften schlief. Deshalb konnte die Erd-Elementaristin ihn auch nicht vorfinden und töten.
»Es tut mir leid«, entschuldigte sich der dicke Mann kleinlaut.
»Warum wussten Sie es nicht?«, wollte die reiche Exfrau von Tiberius von Zimmenthal wissen. »Sie schlafen doch im selben Gebäude.«
»Er kam wohl immer erst hinüber, wenn ich schon längt in meinem Bett lag. Sie wissen doch, wie die Jugendlichen so sind. Bis in die Puppen sind sie noch wach.«
»Sie müssen gefälligst aufmerksamer sein«, raunte Elma Mosel. »Oder wozu brauchen wir Sie da noch?«
Da mischte sich ihr Ehemann ein:
»Wenn man es Ihnen nicht gesagt hat, Herr Dreizack, wird man Ihnen wohl nicht trauen. Ich befürchte, man hat sie durchschaut.«
Der dicke Wasser-Elementarist tupfte sich die schweißnasse Stirn mit einem Taschentuch trocken. Dann seufzte er und entgegnete:
»Meine Kolleginnen und Kollegen sprechen nicht sehr viel mit mir. Sie gehen mir eher aus dem Weg. Ich erfahre nur Dinge, die von beruflichem Belang sind. Bei allem anderen klammern Sie mich aus. Ich denke, man glaubt den Jugendlichen, dass ich mit Tiberius von Zimmenthal zusammengearbeitet habe. Allerdings bezweifle ich, dass sie einen Zusammenhang zu Ihnen sehen.«
»Das will ich auch hoffen«, stellte Elma Mosel mit fester Stimme klar.
»Und wie geht es jetzt weiter?«, hakte Dreizack unterwürfig nach.
»Das wissen wir noch«, antwortete Herr Mosel. »Wir werden Sie informieren, wenn wir Ihre Hilfe benötigen.«
»Und nun verschwinden Sie«, befahl seinen Ehefrau.
Der dicke Lehrer stand schnell auf und rannte quasi fast schon aus dem Haus. Als er draußen war, atmete die Wasser-Elementaristin tief durch.
»Ich werde noch wahnsinnig«, sagte sie. »Er geht uns immer durch die Lappen.«
»Meine Liebe, wir kriegen ihn schon noch. Mach dir darüber keine Sorgen.«

Im Haus 4E wurden derweil wieder erhöhte Sicherheitsmaßnahmen unternommen. Die fünf Freunde sahen mit an, wie sich die Männer von E-Wehr überall verteilten. Das kannten sie ja schon, denn es war nicht das erste Mal in diesem Schuljahr, dass das Internat so unter den Schutz der E-Wehr gestellt wurde. Florian Argon war dafür verantwortlich. Als er von dem nächtlichen Überfall hörte, leitete er sofort alles in die Wege. Gegenüber Robin äußerte er, dass er froh war, ihn dazu gedrängt zu haben, im Gebäude der Lehrkräfte zu schlafen. Das Elementum hingegen wollte ihn wieder dazu bewegen, die Schuldigen bei Elma Mosel zu suchen, aber erneut sah der Feuer-Elementarist keinen Grund dafür.
Die Freunde waren bei Marina und Aria im Zimmer und schauten durchs Fenster. Sie beobachteten das rege Treiben wehmütig.
Nur Jojo saß mit einem schlechten Gewissen auf einem der beiden Schreibtischstühle. Er dachte noch immer über die ganze Sache nach. Er hatte mit Tara am Morgen danach telefoniert, aber sie blieb bei ihrer Aussage. Sie behauptete glaubwürdig, nichts damit zu tun gehabt zu haben. Sie liebte ihn angeblich so sehr und war nur deshalb im Haus. Als er eingeschlafen war, verließ sie das Internat. Sie sagte, sie musste schon lange weg gewesen sein, als jemand in das Zimmer seines Freundes einstieg.
Doch der Erd-Elementarist war sich trotzdem unsicher. Er glaubte seiner Freundin, aber die Zufälle waren einfach zu hoch. Er haderte mich sich selbst. Sollte er mit seinen Freunden sprechen oder es lieber für sich behalten?
»Seht ihr«, unterbrach Marina die Stille. »Das meinte ich. Schon wieder schweben wir alle in Gefahr, weil ein Elementarist uns nachts überfallen hat. Wie kann das nur sein? Warum muss jemand seine Fähigkeiten für solche Zwecke missbrauchen?«
Aria seufzte.
»Hauptsache wir tun das nicht«, stellte sie fest. »Wir müssen uns versprechen, nur Gutes mit unseren Kräften anzurichten.«
Bei diesen Worten errötete Jojo. Zum Glück merkten seine Freunde nicht, wie sehr er sich schämte. Zum einen hatte er Angst, dass er mit Schuld an dieser Sache war und eine böse Elementaristin ins Haus ließ. Zum anderen dachte er an den illegalen Kampf, den er gewonnen hatte und die weiteren Kämpfe, die bevor standen. Das war nicht gerade eine sinnvolle Art, seine Fähigkeiten einzusetzen. Es war eher das Gegenteil: eine gewaltvolle Art, die Schmerzen und Leid verursachten.
Er packte sich seine Hände ins Gesicht und merkte, dass Verzweiflung in ihm aufstieg. Es fühlte sich an, als ob er keine Luft mehr bekam. Er begann zu zittern und der Schweiß auf seiner Stirn brach aus. Bevor es die anderen bemerkten, sprang er vom Stuhl und rannte aus der Tür.
Die vier anderen Freunde drehten sich gleichzeitig um.
»Was war denn das?«, fragte Iggy.
»Was ist in Jojo gefahren?«, fügte Aria hinzu.
Robin zuckte mit den Schultern und antworte:
»Keine Ahnung. Vielleicht muss er dringend auf die Toilette.«

Als Jojo sein Zimmer erreichte, ging er ins Bad und drehte den Wasserhahn an. Er schöpfte sich mit den Händen Wasser ins Gesicht und atmete tief durch.
Ich muss mich beruhigen.
Sobald er zurück in seinem Zimmer war, klingelte sein Handy. Zunächst dachte er, Tara würde ihn anrufen. Aber es war eine unterdrückte Nummer. In diesem Moment wusste er, dass Karl Töpfer dran war. Er nahm den Anruf an und sagte:
»Hallo?«
»Muskelberg, ich bin es.«
»Ja?«
»Morgen ist dein nächster Kampf. Doppelte Gage, wenn du gewinnst. Sei pünktlich.«
Damit legte der Veranstalter schnell wieder auf.
Jojo hatte nicht einmal die Chance, abzulehnen. Er überlegte, ob er wirklich kämpfen wollte oder die Sache wieder sein ließ.
Was soll ich tun?
Er rannte in seinem Zimmer auf und ab. Irgendwann raufte er sich die Haare. Seine Unsicherheit packte ihn und durchzog sein ganzes Körper. So kannte er sich selbst nicht einmal. Er war immer ein in sich ruhender Mensch gewesen und jetzt hatte sein Leben eine Bahn eingeschlagen, wobei er die Kontrolle verlor. Sein Plan war es doch gewesen, stärker zu werden. Momentan hatte er eher das Gefühl, noch schwächer zu werden. Er musste was unternehmen und alles wieder in den Griff kriegen.
Er setzte sich auf den Bettrand und beruhigte sich langsam. Mit geschlossenen Augen atmete er langsam ein und langsam wieder aus. Das wiederholte er mehrfach.
Schließlich beschloss er etwas: Am nächsten Tag würde er Peters Vater persönlich sagen, dass er nicht mehr kämpfen würde. Danach würde er Tara aufsuchen und sie zu Rede stellen. Er wollte das Leben wieder bei den Hörnern packen und alles hinbiegen, was er durcheinander gebracht hatte. Normalität sollte wieder einkehren und sein schlechtes Gewissen ihn verlassen.
Genau so werde ich es machen.