Sonntag, 1. März 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 19


Es war Schlafenszeit im Haus 4E. Robin hatte sich die Zähne geputzt und packte seinen Schlafanzug, um rüber in das Verwaltungsgebäude zu gehen. Sein bester Freund Iggy fand das doof:
»Kannst du nicht wieder in unserem Zimmer schlafen, Robin? Seit Tagen ist nichts passiert. Das ist doch völlig unnötig.«

»Das sehe ich ja genauso, Iggy. Aber ich habe die Anordnung von Florian, der es natürlich auch seinem Bruder und unserer Rektorin gesagt hat. Wenn ich nicht rüber gehe, schleifen sich mich dahin.«
»Und du schläfst echt bei Herrn Argon im Zimmer?«, hakte der Rotschopf nach.
»Nein, natürlich nicht. Ich schlafe im Nebenzimmer. Da ist ein Gästebett. Zwar gibt es eine direkte Verbindung zu Herrn Argon Zimmer, aber die Tür ist immer abgeschlossen und ein Kleiderschrank steht davor.«
»Dann kannst du doch auch genauso gut hier schlafen.«
»Florian besteht darauf, dass ich direkt bei den Lehrern bin, wenn was sein sollte.«
»Und ich liege hier völlig wehrlos alleine herum«, stellte der Feuer-Elementarist sarkastisch fest.
»Man geht davon aus, dass jemand nur hinter mir her ist und dich in Ruhe lässt. Mir bereitet das ja auch Bauchschmerzen, aber was sollen wir tun?«
Iggy seufzte.
»Dann mal gute Nacht?«
Zum Abschied nickten sie sich gegenseitig zu. Dann verschwand Robin aus der Tür und Iggy warf sich die Decke über den Kopf.

Jojo hatte es wieder geschafft, seine Freundin Tara ins Haus zu schmuggeln. Er freute sich auf eine weitere gemeinsame Nacht mit ihr. Sein Herz war voller Wärme, als sie so in seinen Armen lag. Am liebsten hätte er sie nie wieder loslassen wollen.
Nach ein paar Stunden stellte die Erd-Elementaristin fest, dass der Muskelprotz endlich eingeschlafen war. Wieder stieg sie leise aus dem Bett, zog ihre Kleidung an und schlich aus dem Zimmer. Nun wusste sie ganz genau, wo sich das Zimmer des Elementums befand. Narius Dreizack hatte es ihr erklärt. Als sie vor Jojos Zimmertür stand, holte sie ihr Smartphone raus und schrieb dem dicken Lehrer eine Nachricht:

Wie sieht es aus?

Prompt kam eine Antwort:

Die Luft ist rein. Niemand ist mehr auf den Fluren. Bin eben alle abgelaufen.

Es war von großem Vorteil, einen Lehrer als Komplize zu haben. Hätte sie das beim ersten Mal schon gewusst, hätte sie den Plan sofort durchführen können.
Sie wusste, dass Robins Zimmer einen Stockwerk über Jojos war, aber auf der gegenüberliegenden Seite des Gangs lag. Sie stiegt die Treppen hinauf und ging dann nach rechts den Flur entlang. Sie zählte die Türen ab. Es war die dritte Tür von hinten auf der rechten Seite. Sie hielt ihren Kopf an die Tür und lauschte, ob sie etwas hörte. Doch es war absolute Stille.
Da sie das Elementum im Schlaf ermorden wollte, musste sie vorsichtig ins Zimmer gehen. Sein Bett sollte das rechte von den beiden sein. Sie wusste, dass er einen Zimmergenossen hatte, den sie unbedingt nicht wecken wollte. Als sie die Tür öffnete, knarrte sie.
Mist! Sie müsste mal wieder geölt werden.
Ihr fiel zunächst das linke Bett in den Blick. Darin schlief ein Junge ungestört weiter. Dann trat sie ins Zimmer und blickte zum rechten Bett. Erschrocken stellte sie allerdings fest, dass es leer war.
»Scheiße!«, rutschte es aus ihr heraus.
»Robin, bist du das?«, erklang es müde hinter ihrem Rücken. Nun war sie aufgeflogen. Blitzschnell musste sie eine Entscheidung treffen: Abhauen oder Angreifen? Sie entschied sich für Letzteres.
Sie formte in ihrer Hand einen Klumpen aus Erde und schleuderte ihn direkt in das Gesicht des Jungen.
»Autsch«, rief er und versuchte, seine Augen von dem Zeug zu befreien.
Dann drehte sich die Elementaristin um und rannte aus der Tür.
»Halt!«, rief Iggy wütend. »Was soll das?« Er sprang aus dem Bett und lief ihr Barfuß hinterher.
Sie trampelten durch die Flure, was wahrscheinlich jeden wecken würde. Als Tara die Treppe hinunter rannte, schleuderte Iggy einen Feuerball nach ihr. Doch er verfehlte sie. Leider war es so dunkel, dass er nicht erkennen konnte, wer es war.
»Bleib stehen!«
Die Erd-Elementaristin sauste aus der Tür raus in den Innenhof. Ein paar Lichter in den Fenstern gingen an. Jetzt musste sie sich beeilen. Als der Feuer-Elementarist ebenfalls zur Tür raus kam, stolperte er über eine kleine Erhebung in der Erde, was er der Angreiferin zu verdanken hatte. Damit hatte sie einen Vorsprung. Sie war schon aus dem Eingangstor des Internats draußen, als Iggy hinterher humpelte. Trotzdem öffnete er das Tor erneut und ging auf die Straße. Leider war weit und breit niemand mehr zu sehen.

Dieser Vorfall erbrachte großes Aufsehen im Internat. Nach und nach kamen alles Schülerinne und Schüler, aber auch die Lehrkräfte auf den Hof und wollten wissen, was passiert war. Iggy erzählte es zunächst seinen Freunden, bevor er von Serafina Funke befragt wurde. Da er sich sein Fuß verletzt hatte und keine Schuhe trug, nahm sie ihn mit ins Gebäude und versorgte ihn. Dabei befragte sie ihn zu dem Vorfall.
Währenddessen schrieb Jojo Tara eine Nachricht. Er wollte von ihr wissen, wo sie war. Sie antwortete ihm, dass sie schon vor einer Weile gegangen war. Daraufhin fragte er sie direkt, ob sie etwas mit dem nächtlichen Besuch in Iggys Zimmer zu tun hatte. Doch sie stritt es ab. Sie wäre nur bei ihm gewesen und hätte sich dann irgendwann hinausgeschlichen. Ihr wäre auch niemand anderes aufgefallen.
Doch der Erd-Elementarist blieb skeptisch. Zum ersten Mal wusste er nicht mehr, ob er seiner Freundin vertrauen konnte. Iggy hatte ganz deutlich davon berichtet, von einem Erd-Elementaristen angegriffen worden zu sein. Zwar konnte er nicht genau sagen, ob es eine Frau oder ein Mann war, aber das Element konnte er mit Sicherheit nennen.
Er machte sich Vorwürfe, sie ins Haus geholt zu haben. Wenn das herauskam, würde er sicherlich richtigen Ärger bekommen. Daher entschloss er sich, nichts zu sagen. Die anderen spekulierten hingegen, ob der nächtliche Angreifer der gleiche war, der sie nach dem Clubbesuch angegriffen hatte.
Auch das war wie ein Stich in das Herz des Muskelprotzes. An diesem Abend hatte er Tara kennengelernt? Hatte sie sich nur an ihn herangemacht, um sie später zu attackieren?
Er wollte das einfach nicht glaube. Tara war seine erste große Liebe und er wollte sich nicht vorstellen, dass sie eine fiese Betrügerin war und darüber hinaus eine skrupellose Mörderin zu sein schien. Das konnte doch nicht stimmen.
Der muskulöse Schüler war froh, als die Lehrkräfte alle wieder ins Bett schickten. Er zog sich auf sein Zimmer zurück und legte sich in sein Bett. Dann zog er die Decke bis zum Hals, obwohl draußen sommerliche Temperaturen herrschten und die Nacht angenehm warm war.
Seine Gedanken flogen kreuz und quer durch den Kopf. Auf der einen Seite erinnerte er sich daran, wie er im Club das erste Mal mit Tara herumknutschte. Dann war da das Treffen bei der Wahlveranstaltung von Arno Mosel, wo sie zufällig entdeckten, dass sie beide Elementaristen waren. Die erste Nach in seinem Bett war unvergesslich. Und da war nichts vorgefallen, was ebenfalls für sie sprach.
Auf der anderen Seite wurden sie direkt nach dem Clubbesuch ausgerechnet von einem Erd-Elementaristen angegriffen. Es stellte sich heraus, dass Tara dieses Element ebenfalls beherrschte. Und nun kam es zu einem nächtlichen Angriff. Genau in der Nacht, als Tara bei ihm schlief. Man konnte von Glück sprechen, dass Robin im Verwaltungsgebäude bei den Lehrern schlief.
Was soll ich nur tun?, fragte sich der Muskelprotz.
Sein schlechtes Gewissen plagte ihn für den Rest der Nacht, sodass er nicht mehr einschlafen konnte. Stundenlang wälzte er sich im Bett hin und her. Verzweiflung machte sich immer mehr breit und er kam leider nicht zu einer Lösung.