Sonntag, 2. Februar 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 17


Heute war es soweit: Jojo hatte seinen ersten Turnierkampf. Es war ein Samstagnachmittag und er tauchte pünktlich am vereinbarten Ort auf. Es war der ehemalige U-Bahn-Tunnel und einige Menschen waren schon dort. Reges Treiben herrschte, als die Leute ihre Wetten abgaben.
Der jugendliche Erd-Elementaristen war furchtbar aufgeregt. Sein Herz klopfte wie wild. Doch Karl Töpfer versuchte ihn zu beruhigen:

»Mach dir keine Sorge, mein Junge. Dein erster Gegner ist kein Todesengel. Er wird dich nicht gleich umbringen.«
Dieser Satz wirkte allerdings nicht bei Jojo.
Peters Vater brachte den Schüler hinter einen Paravent, der somit einen kleinen Bereich abtrennte.
»Hier kannst du dich umziehen«, erklärte er. »Ich würde die raten, deinen Oberkörper frei zu lassen.«
Jojo schaute skeptisch, als er das hörte. Da erklärte der Mann:
»Zum einen schindest du damit Eindruck bei den Weibern und zum anderen könnte das dein Markenzeichen werden.«
Der Muskelprotz nickte und begann, sich umzuziehen. Währenddessen ging Karl Töpfer zu seinem Gegner und sprach ebenfalls mit ihm. Jojo entschied sich tatsächlich, den Oberkörper frei zu halten. An den Beinen trug er eine golden glänzende Boxershorts. Diese trug er gerne beim Boxen, was ebenfalls ein Hobby des Jungen war. Doch in letzter Zeit hatte er diese Aktivität schleifen lassen.
Ein paar Minuten später bekam der muskulöse Achtzehnjährige Bescheid, sich in das Kampffeld zu stellen. Er atmete noch einmal tief durch und machte sich auf den Weg. Als er in die Mitte kam, wo sich die Gleisen befanden, stieg die Aufregung noch mehr an. Das Publikum jubelte und das war ein seltsames Gefühl für ihn. Nun sah er auch zum ersten Mal seinen Gegner. Es war ein Mann, der schon bestimmt auf die fünfzig zuging. Er war etwas größer als Jojo, aber nicht so breit. Er hatte trotzdem gehörig muskulöse Oberarme. Sein kantiges Gesicht wurde von einer ebensolchen Frisur umrandet. Sie erinnerte ein Wenig an die Frisur von Will Smit aus seiner damaligen Sitcom. Der Mann hatte buschige Augenbrauen und einen genauso buschigen Oberlippenbart. Er schaute ziemlich grimmig. Im Gegensatz zu Jojo trug er ein Oberteil. Auch wenn es nur ein weißes Feinripp-Unterhemd war. An den Beinen trug der Mann eine blaue, fleckige Arbeiterhose.
Dann lief Karl Töpfer zwischen die beiden Kontrahenten und leitete den Kampf ein:
»Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie zu dem ersten Kampf dieser beiden Kontrahenten in diesem Juni-Kampfturnier. Auf der rechten Seite haben wir allerdings keinen Anfänger. Der Wasser-Elementarist kam im Mai bis zum Achtelfinale. Bitte begrüßen Sie ihn mit einem kräftigen Applaus: AQUANATOR!«
Die Menge klatschte und jubelte wie wild. Als es wieder ein wenig abebbte, fuhr der Moderator mit der Vorstellung von Jojo fort. Das war für den Jugendlichen sehr aufregend.
»Auf der linken Seite haben wir einen Erd-Elementaristen, der tatsächlich heute zum allerersten Mal hier bei uns ist. Sein Körper verspricht aber schon einiges. Sein Name ist Programm: Hier ist… MUSKELBERG!«
Wieder gingen der Applaus los und er war nicht minder lauter als der vorherige. Das freute Jojo, denn er hatte befürchtet, dass er vom Publikum nicht so angenommen werden würde. Seine Sorgen waren aber unbegründet. Er war genauso ein Kämpfer wie alle anderen.
»Lasst den Kampf beginnen«, rief der Veranstalter, rannte aus dem Feld und ließ eine Glocke erklingen. Damit war der Kampf für eröffnet erklärt worden.
Aquanator zögerte keine Sekunde. Sofort schleuderte er einen Wasserstrahl auf Jojo. Dieser traf ihn direkt unvermittelt, sodass er zu Boden geschleudert wurde. Damit hatte der Schüler nicht gerechnet. Er dachte, sie würden sich erst einmal böse anblicken und im Kreis herumlaufen, bis sie den ersten Angriff vollzogen. Aber da hatte er sich geirrt.
Bevor sich Jojo wieder aufrichten konnte, rannte Aquanator schon auf ihn zu und ging zum zweiten Angriff über. Wieder schossen Wasserstrahlen aus seinen Händen. Der Muskelprotz schützte sich, indem er die Erde vom Boden aufwirbelte. Sie verband sich mit Wasser und wurde zu Schlamm. Doch leider nutzte das nichts und diesmal wurde er vom diesem Schlamm getroffen.
Das Publikum raunte und fing dann an, schallend zu lachen. Jojo hatte sich lächerlich gemacht. Seine Verteidigung hatte ihn selbst getroffen, was ein übler Anfängerfehler war.
Auch der Wasser-Elementarist lachte höhnisch und hielt sich den Bauch. Das konnte der muskulöse Achtzehnjährige nicht auf sich sitzen lassen. Er löste ein Beben in der Erde aus, was den Gegner nun ebenfalls zu Fall brachte. Jojo sprang auf und hob mit Hilfe seiner Kräfte einige Steine vom Boden auf, die er auf den Mann schleuderte. Als sie ihn trafen, schrie Aquanator vor Schmerz.
Das tat Jojo für einen kurzen Augenblick leid, weswegen er inne hielt. Das nutzte sein Gegner aus und ließ einen weiteren Wasserstrahl los. Doch der Schüler reagierte dieses Mal schneller und ließ eine Wand aus der Erde vor sich wachsen. Das Wasser prallte dagegen. Dann boxte der Erd-Elementarist kräftig gegen den Erdwall, der in lauter kleine Brocken zerfiel. Diese schoss er sodann auf seinen Gegner, der ihnen schutzlos ausgeliefert war.
Jetzt musste der sogenannte Muskelberg schnell handeln, um den Kampf für sich zu entscheiden. Er stürmte auf einen kürbisgroßen Felsblock zu, schnappte ihn sich und rannte zum Wasser-Elementaristen. Er holte aus und wollte gerade damit auf ihn einschlagen. Plötzlich wurde ihm allerdings bewusst, was er damit anrichten könnt. Er würde den Mann vielleicht ernsthaft verletzen. Aquanator hob schützend seine Hände über den Kopf. Die Menge jubelte und Jojo hörte vereinzelte Stimmen heraus:
»Gib es ihm!«
»Schlag zu!«
»Hau ihn kaputt!«
»TÖTE IHN!«
Töte ihn?
Der jugendliche Erd-Elementarist wollte niemanden töten. Was sollte er nun tun?
Der Wasser-Elementarist bemerkte, dass nichts passierte und holte zum Gegenschlag aus. Mit einer Fontäne aus Wasser, schlug er Jojo den Felsblock aus der Hand. Dann trat er mit seinem Fuß gegen die Beine des Schülers, sodass er einknickte. Dann brachte er ihn mit einem festen Schlag in den Magen zu Fall. Jojo krümmte sich vor Schmerz, doch da holte der Mann mit seinem Bein aus. Er wollte ihm ins Gesicht treten. Der Achtzehnjährige reagierte schnell und ließ einen kleinen Hügel unter dem Mann wachsen, sodass er sein Gleichgewicht verlor und nach hinten stürzte.
Der Erd-Elementarist erhob sich schnell, unterdrückte den Schmerz und nutze seine Fähigkeit, um Aquanator vollständig mit Erde zu bedecken. Nur noch der Kopf schaute aus dem Boden.
»Was soll das?«, rief der Mann aggressiv.
Da beugte sich Jojo nach unten und gab dem man so eine heftige Kopfnuss, dass er ohnmächtig wurde.
Das Publikum flippte aus. Ein kräftiger Applaus galt dem Erd-Elementaristen. Die Glock ertönte erneut, Karl Töpfer kam auf den Schüler zu, schnappte sich seinen linken Arm und hob in die Lüfte. Dann rief er:
»Der Sieger dieser Runde ist… MUSKELBERG!«
Das Publikum jubelte stärker. Er hatte es geschafft. Den ersten Kampf hatte er tatsächlich gewonnen.
Karl Töpfer schaute ihn lächelnd an und sprach leise zu ihm:
»Das hast du super gemacht. Du hättest Potential, Champion zu werden, wenn du so weitermachst.«
Darüber freute sich nun auch der Muskelprotz. Er fühlte sich geehrt und wertgeschätzt. Förmlich inhalierte er den Applaus der Zuschauer und genoss jeden Augenblick. Dem Erd-Elementaristen war klar, dass er weitermachen würde. Er hatte durch diesen Sieg Blut geleckt. Zum ersten Mal nach langer Zeit glaubte er wieder an seine eigene Stärke. Vielleicht wurde er noch nicht gezeichnet, wie seine Freunde, aber dies würde schon bald passieren. Da war er sich sicher.
Ich schaffe es!