Sonntag, 12. Januar 2020

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 14


Der neue Monat war angebrochen und es zeigte sich, dass der Sommer nicht mehr weit entfernt war. Die Tage wurden immer wärmer und die Schülerinnen und Schüler aus dem Haus 4E gingen schon mit kurzen Hosen und Röcken nach draußen. Die Freibad-Saison wurde außerdem eröffnet. Die beiden Mädchen Marina und Aria hatten Lust, schwimmen zu gehen. Als fragten sie die Jungs, ob sie mitkamen. Iggy und Robin waren im wahrsten Sinne des Wortes Feuer und Flamme.
Nur Jojo hatte keine Lust. Er meinte, er würde sich eventuell noch mit seiner Freundin treffen und daher lehnte er es ab, sie zu begleiten. Die anderen vier Jugendlichen gingen dann ohne ihn und wünschten ihm einen schönen Tag.
Der Muskelprotz setzte sich stattdessen mit seinem Handy auf eine Bank im Innenhof und schrieb mit Tara.
Da lief Peter an ihm vorbei. Diesmal war es ihm wohl auch zu warm und so trug er seinen Blazer über der Schulter. Sein hellgrause Shirt zierte das Logo einer sehr teuren Designermarke. An den Beinen trug er wohl als einziger eine lange, feine Anzughose und Lackschuhe.
Jojo fand den Aufzug affig.
Ohne zu fragen, setzte sich Peter neben seinen Ex-Zimmergenossen auf die Bank. Der Muskelprotz schaute irritiert.

»Was soll das?«, schnauzte er ihn an.
»Ich wollte doch nur wissen, wie es meinem Freund Jojo so geht?«, verteidigte er sich mit einem ironischen Unterton.
»Ich. Bin. Nicht. Dein. Freund.«, spuckte Jojo Wort für Wort aus. »Hatte ich dir das nicht deutlich gemacht?«
»Ach, mein Lieber, sei doch nicht so aggressiv«, erwiderte der Junge mit den perlweißen Zähnen überfreundlich. »Obwohl«, unterbrach er sich selbst, »eigentlich ist das total sexy.«
»Hör auf!«, befahl der Muskelprotz seinem Mitschüler. »Ich habe eine Freundin. Hast du das noch immer nicht kapiert?«
»Na und? Das hat doch nichts zu bedeuten. In der Vergangenheit hatte es sich ja bereits gezeigt, dass dies nur von kurzer Dauer ist.«
Jojo glaubte, er hörte nicht recht. Was maß sich dieser Kerl an?
»Du hast überhaupt keine Ahnung«, entgegnete gereizt. »Tara ist meine Frau fürs Leben. Ich liebe sie wirklich und will für immer mit ihr zusammen sein.«
»Das ist doch ein Witz«, lachte Peter. »Sie ist doch fast doppelt so alt wie du? Du könntest ihr Sohn sein. In Vergleich zu ihr bist du ein Kind.«
»Sie ist nur zwölf Jahre älter als ich.«
»Dann eben große Schwester, Tante oder so was. Es ist ekelhaft.«
Jetzt wurde der muskulöse Erd-Elementarist erneut wütend gegenüber seines Mitschülers?
»Was fällt dir ein, das zu beurteilen? Das geht dich nichts an. Außerdem solltest gerade du keine Vorurteile haben. Es gibt auch Menschen, die es ekelhaft finden, wenn zwei Jungs sich küssen.«
Das hatte gesessen. Nun war auch Peter sauer. Seine Augen wurden regelrecht zu Schlitzen. Nun musste er reagieren:
»Jojo, ich weiß, wie schwach du dich fühlst. Denkst du, du bist dieser Frau gewachsen? Sie ist eine Frau von dreißig Jahren, die mit beiden Beinen im Leben steht. Du bist noch Schüler ohne einen Job und ohne ein Einkommen. Was kannst du ihr bieten?«
Jojo wollte schon etwas erwidern, aber Peter fuhr einfach fort:
»Bist du ihr wenigstens in deinen elementaren Kräften gewachsen? Sie hat doch viel mehr Erfahrung als du. Wahrscheinlich bist du in ihren Augen ein Schwächling.«
Das traf Jojos wunden Punkt. Er öffnete seinen Mund, wusste aber nicht, was erwidern könnte. Innerlich war er sich nicht sicher, ob er in seinem Element stärker war als sie. Sie war so selbstbewusst im Gegensatz zu ihm. Wahrscheinlich beherrschte sie das Element perfekt. Und er hatte nicht einmal ein ganzes Schuljahr Unterricht darin. Außerdem wurde er nicht gezeichnet. Das wäre der Beweis, wie stark seine elementaren Fähigkeiten waren. So hatte er keine Ahnung.
Peter merkte, wie sein ehemaliger Mitbewohner mit sich selbst rang. Dies nutzte er aus und machte ihm einen Vorschlag:
»Wenn du wirklich stärker werden willst, kann ich dir helfen.«
Jojo hielt inne. Misstrauisch blickte er den Jugendlichen mit den schwarzen Haaren an und sagte:
»Was meinst du?«
»Ich sage dir nun etwas, was du unbedingt geheim halten musst.«
 »Das ist doch wieder ein hinterhältiger Trick von dir.«
»Willst du nun mächtiger werden oder nicht?«, fragte Peter nachdrücklich.
»Okay, schieß los! Ich höre dir ausnahmsweise zu.«
»Hast du schon einmal von Kampfturnieren gehört?«
»Robin hatte mal mit einer Kämpferin aus England zu tun. Aber in Deutschland ist das doch streng verboten.«
»Das ist richtig«, stimmte Peter zu. »Aber mein Vater veranstaltet geheime Turniere im Untergrund. Dort treten die stärksten Kämpfer in der ganzen Umgebung an. Wenn du da mitmachst, wirst du bestimmt stärker.«
»Aber ich bin ein Schüler«, erwiderte der Muskelprotz skeptisch.
»Das ist egal. Hauptsache du bist volljährig. Wenn du gut bist, kannst du sogar Geld dabei verdienen und deiner Freundin mal was gönnen. Na, wie hört sich das an?«
Am liebsten hätte Jojo gleich abgelehnt. Er wollte sich nicht in solche Sachen hineinziehen lassen. Wenn er erwischt werden würde, würde er wahrscheinlich aus dem Internat fliegen und im schlimmsten Fall ins Gefängnis der E-Wehr landen. Andererseits war es eine verlockende Methode, stärker zu werden. Die anderen seines Zirkels hatten auch durch Kämpfe ihr Symbol auf der Brust erlangt. Vielleicht würde es bei ihm ebenfalls auf diese Weise klappen. Zudem hatte sein ehemaliger Zimmergenosse nicht ganz Unrecht. Er konnte Tara einen Kaffee spendieren und sie vielleicht mal zum Eis einladen. Aber mehr war nicht drinnen. Er hätte sie gerne mal in ein schickes Restaurant ausgeführt oder ihr Schmuck geschenkt. Das Taschengeld von seinen Eltern, was er monatlich zugeschickt bekam, reichte dafür bei weitem nicht.
Nachdem er so hin und her überlegte, antwortete er schließlich:
»Also gut. Du hast mich überzeugt. Ich möchte es mal ausprobieren.«
»Super«, freute sich Peter. »Mein Vater sucht immer nach unverbrauchten, neuen Kämpfern. Aber er darf nicht wissen, dass du den Tipp von mir bekommen hast und dass du auch Schüler hier bist. Er denkt sonst, du könntest alles auffliegen lassen.«
»In Ordnung.«
»Und du brauchst einen Decknamen. Das alles ist sehr anonym. Hast du schon eine Idee?«
»Ich weiß nicht…«
»Muskelberg«, kam es aus Peter herausgeschossen. »Das passt zu dir.«
»Muskelberg«, wiederholte Jojo. »Ja, das hört sich gut an.« Der Name klang wie Musik in seinen Ohren. Nun hatte er Hoffnung, dass er es wirklich schaffen könnte, stärker zu werden. Das würde ihn zu einem neuen Selbstbewusstsein und Männlichkeit führen, dass er damit Eindruck bei seiner Freundin schinden konnte. Bei diesen Gedanken musste der Erd-Elementarist sogar lächeln.
»Ich gebe dir die Geheimnummer meines Vaters«, versprach Peter. »Dann ruf ihn mal an. Er wird dir alles weitere erklären und dich ganz bestimmt mal einladen.«
Der muskulöse Schüler bedankte sich und gab Peter die Hand. Dieser erwiderte den Handschlag und fühlte sich gut. Nun hatte seinen Schwarm wieder auf seine Seite gezogen Er war nicht mehr sauer auf ihn und das beflügelte ihn richtig. Er tänzelte quasi auf dem Weg in sein Zimmer und summte dabei fröhlich. Vielleicht würde ja doch noch mal was zwischen den beiden laufen.