Sonntag, 1. Dezember 2019

[Elementum 5] Bebende Erde - Kapitel 9


Am Samstagvormittag kamen Robin Held und seine Schulleiterin Serafina Funke in der Thüringer Hauptstadt Erfurt an. Das Elementum war gespannt darauf, wen er dieses Mal treffen würde. Innerlich machte er sich aber die ganze Zeit bereit zu einem Kampf. Schon im Zug sah er sich stets umher. Frau Funke sagte ihm zwar, er könnte doch Musik hören, aber er lehnte es ab, sich Kopfhörer in die Ohren zu stecken. Er wollte aufmerksam bleiben, falls jemand den Zug beispielsweise entgleisen wollte oder ihn jemand hinterrücks attackieren wollte.
Doch auf dem Weg passierte nichts. Jetzt war es vielleicht doch derjenige, den sich treffen würden. Wenn es hart auf hart käme, war es die Gestalt, die sie nach dem Besuch im Club angegriffen hatte.
Direkt am Hauptbahnhof in Erfurt war ein Hotel, in dem die beiden eincheckten. Hier würden sie auch übernachten. Allerdings hatten sie keine Zeit, sodass sie lediglich ihre Taschen abstellte und sich auf den Weg Richtung Innenstadt machten.

»Lass uns laufen«, schlug die rothaarige Rektorin vor. »Es ist nicht so weit und du kannst ein bisschen was von der Stadt sehen. Erfurt ist sehr schön. Warst du schon mal hier.«
»Nein«, sagte der Siebzehnjährige knapp.
Er schaute sich tatsächlich um, denn er befürchtete hinter jeder Ecke einen Angriff. Irgendwann kamen sie an einem großen Platz vorbei, in dem die Maus und der Elefant aus der Sendung mit der Maus herumstanden.
»Hier ist der Sitz vom Kinderkanal«, erklärte Serafina Funke. »Deshalb stehen in der ganzen Stadt verteilt solche Plastiken von beliebten Figuren aus den Sendungen des Kanals herum.«
»Auch Bernd?«
»Ja, das Brot steht hier auch irgendwo.«
Robin fand das echt cool. Für einen Moment vergaß er, dass er angegriffen werden könnte und dachte an seien unbeschwerte Kindheit. Da wusste er noch nichts von Elementaristen und war auch nicht in Kämpfen verstrickt.
Sie liefen etwa zwanzig Minuten durch die Stadt, als die Rektorin auf ein Haus zeigte:
»Hier muss es sein.«
Sie klingelten und die Stimme eines alten Mannes meldete sich. Die Feuer-Elementaristin stellte sich vor und dann summte auch schon Tür. Das Treppenhaus war großzügig und es gab sogar einen Aufzug. Allerdings wohnte der Mann im ersten Stock und so entschieden sie sich für die Treppe.
An der Tür begrüßte sie dann tatsächlich ein ziemlich alter Greis, wie Robin fand. Er war klein, hatte weißes Haar und einen weißen Schnurbart. Auf der Nase trug er eine dicke, randlose Brille. Den beigen Pullover und die schwarze Cordhose, die er anhatte, schienen allerdings von einer teuren Marke zu sein.
»Hallo, mein Junge«, begrüßte er. »Schön, dich kennen zu lernen. Komm doch rein. Wir gehen rüber ins Wohnzimmer.«
Das war absolut nicht der Mann, der uns angegriffen hatte, dachte sich das Elementum.
Die Wohnung des alten Mannes war sehr groß. Das Wohnzimmer war altmodisch eingerichtet, aber es hatte Stil. Darin befanden sich eine große, braune Ledercouch mit zwei Ohrensessel im gleichen Stil. Der Wohnzimmertisch war aus Glas. An der Wand hing ein riesiger LED-Fernseher mit einem teuren Soundsystem außen herum. Außerdem hingen da noch drei Gemälde mit verzierten, goldenen Rahmen. Aus dem Wohnzimmer führte eine Flügeltour auf eine Terrasse. Robin konnte sehen, dass sich dort ein großer Gartentisch mit Stühlen, zwei weitere Liegestühle und ein gigantischer, moderner Grill befanden.
»Bitte nehmen Sie Platz«, bot der Mann den beiden Besuchern an.
»Robin«, begann Serafina Funke, »das ist Herr Helmut Holzmann. Er ist der Vorsitzende des E-Amts.«
»Noch«, warf der alte Mann ein. »Demnächst wird ein Nachfolger gewählt. Meine Zeit ist um. Ich war über 25 Jahre im Amt. Das reicht. Ich bin jetzt 85 Jahre alt und sollte mal Platz für die Jüngeren machen.«
Der blonde Jugendliche staunte und fragte:
»Sie waren über 25 Jahre im Amt? Geht das denn?«
Der Jugendliche wusste, dass es in vielen Bereichen eine maximale Anzahl von Amtsperioden gab. Wie das bei den Elementaristen ist, wusste er allerdings nicht.
»Ja, bei uns läuft die Wahl des Vorsitzenden etwas anders ab. Wenn er einmal gewählt ist, bleibt er solange im Amt, bis jemand anderes aus dem E-Amt sein Misstrauen gegen ihn ausspricht oder der Vorsitzende von sich aus zurücktritt. Per se gibt es keine Amtsperiode.«
»Das heißt, Sie könnten noch weiterhin im Amt bleiben, wenn Sie wollten?«
»Ja, das ist richtig. Mein Vorgänger blieb bis zu seinem Tod im Amt. Das möchte ich aber nicht. Als Vorsitzender hat man viel zu tun. Meine Gesundheit spielt außerdem nicht mehr so ganz mit und ich möchte noch die paar wenigen Jahre, die mir bleiben, im Ruhestand verbringen. Vielleicht noch mal reisen oder so.«
Das verstand Robin sehr gut. Er hätte auch keine Lust, sein Leben lang zu ackern. Irgendwann war wieder Freizeit angesagt. Im Alter hatte man sich das seiner Meinung nach verdient.
Plötzlich fiel dem Jugendlichen auf, dass diese Regelung fatal war, wenn Arno Mosel die Wahl für den Vorsitz gewinnen würde. Dann dürfte er bis zu seinem Lebensende regieren. Dabei musste Robin heftig schlucken, was dem alten Mann aufgefallen war.
»Was ist los, mein Junge?«
»Ich mache mir Gedanken über die aktuellen Wahlen. Mein guter Freund Jojo war bei einer Wahlveranstaltung eines Kandidaten und hat mir berichtet, was seine Ziele sind.«
»Wen meinst du? Herrn Mosel?«
»Ganz genau«, stimmte Robin zu.
»Nun ja, ich verfolge das Ganze«, sprach Herr Holzmann weiter. »Und ich befürchte, dass wir uns gerade in einem Umbruch befinden. Ich habe eine sehr liberale Einstellung vertreten und wollte, dass man als Mensch glücklich wird und nicht als Elementarist. Doch nun wollen die Elementaristen sich wieder stärken. Das könnte zu Unruhen führen.«
»Wie meinen Sie das?«, wollte nun Serafina Funke wissen.
»Viele Elementaristen glauben, sie seien die beste Version eines Menschen und müssten sich über Menschen ohne Fähigkeiten stellen. In den letzten Jahren stiegen die Einsätze der E-Wehr rapide, in denen sie eingreifen mussten, weil Elementaristen ihre Kräfte gegen Menschen ohne Fähigkeiten eingesetzt hatten.«
»Sie meinen Gewaltverbrechen?«, hakte die Rektorin nach.
»Genau. Und dieser Herr Mosel ruft geradezu dazu auf, dass sich die Elementaristen über die anderen stellen sollen. Ich halte das für sehr gefährlich.«
»Da stimmte ich Ihnen zu«, sprach Frau Funke.
»Wie konnte es soweit kommen?«, fragte das Elementum interessiert.
»Ich muss zugeben, dass ich naiv war. Als ich gewählt wurde, wollten die Menschen Freiheit. Ich versprach sie ihnen, indem ich lancierte, dass jeder denjenigen lieben durfte, den er wollte. Ich löste die Separierung der Elemente auf und das fand auf Anklang. Doch nun stellte sich heraus, dass die Anzahl der Elementaristen dadurch schrumpfte. Mittlerweile mussten einige Internate und E-Wehrstationen beispielsweise schließen, weil es zu wenig Elementaristen gibt. Ich bin dummerweise davon ausgegangen, dass das für die Elementaristen in Ordnung war.«
»Aber jetzt wollen sie wieder größer werden«, schlussfolgerte Robin.
»Richtig. Und dafür kann ich nicht eintreten. Das ist auch ein Grund, warum ich abdanke. Es liegt mir nicht im Sinn, zu alten Traditionen zurückzukehren. Ich sehe ja, wie gefährlich es werden könnte.«
Den Siebzehnjährigen beschäftigten diese Worte. Ihm brannte eine weitere Frage auf der Seele, doch er traute sich zunächst nicht, sie zu stellen.
Helmut Holzmann fiel auf, dass er ihnen gar nichts zu trinken angeboten hatte und entschuldigte sich für die Unhöflichkeit. Normalerweise sorgte seine Frau immer für Kaffee, wenn Gäste da waren. Sie war aber extra außer Haus gegangen, damit sich die drei Elementaristen unterhalten konnten. Jetzt ging er selbst in die Küche und bereitete etwas zu. Er kam mit Kaffee und einem Teller mit ein paar Kuchenstücken zurück.
Als sie wieder beisammen saßen, sprach Robin endlich seine Frage aus:
»Wie finden Sie es denn persönlich, dass die Anzahl der Elementaristen sinkt?«
»Das ist eine gute Frage, mein Junge. Wahrscheinlich würde ich sie öffentlich niemals beantworten. Die Leute würden Tomaten nach mir werfen. Aber wir sind ja unter uns. Jetzt mal im Ernst. Mittlerweile vertrete ich da eine etwas radikale Ansicht, mit der ich mich wahrscheinlich sehr unbeliebt machen würde. Ich glaube, die Zukunft sähe rosiger ohne Elementaristen aus. Unsere Kräfte sind Waffen. Und ich bin nach all den Jahren zu der Erkenntnis gekommen, dass Waffenbesitz zu Gewalt führt und dafür möchte ich nicht stehen.«
»Da muss ich Ihnen zustimmen, Herr Holzmann«, ergänzte nun die Rektorin. »Ich möchte meinen Schülerinnen und Schülern ein Verantwortungsbewusstsein mit auf den Weg geben. Aber das schaffe ich nicht immer. Eine große Kraft birgt auch eine große Verantwortung, mit der viele nicht umgehen können. Es gibt einige schwarze Schafe, wie ich gerade im letzten Jahr feststellen musste. Mein Vorgänger wurde rücksichtslos ermordet und immer wieder wird mein Haus attackiert.«
»So ist es«, stimmte der alte Erd-Elementarist zu. »Für Schusswaffen braucht man einen Waffenschein. Für unsere Kräfte nicht. Und das ist sehr gefährlich. In dem Vierteljahrhundert, in dem ich den Vorsitz innehabe, ist viel passiert. Ich habe viele Kämpfe und Kriege mitbekommen, die Elementaristen ausgelöst haben. So viel Leid müsste nicht sein. Ich bin ein alter Mann und darf das jetzt sagen: Von mir aus sollten Elementaristen aussterben.«
Robin war etwas schockiert, dass die Erwachsenen um ihn herum so etwas äußerten. Als er in das Haus 4E kam, fand er es unglaublich, welche Kräfte ihn ihm steckten. Er entdeckte eine neue Welt, die er für super empfand. Nun sah er die Schattenseiten und auch die Erwachsenen hatten Bedenken.
»Aber jetzt Schluss mit der Politik«, ordnete der weißhaarige Mann an. »Jetzt wird trainiert. Wir sollten die Zeit nutzen, denn ich möchte dir eine Technik beibringen.«

Nach dem sie ein Stück Kuchen gegessen hatten und den Kaffee getrunken hatten, gingen die drei Elementaristen auf die Terrasse. Erst jetzt bemerkte Robin, dass sie von allen vier Seiten nicht einsichtig war. Hier konnten sie unbeobachtet sein, wenn sie ihre elementaren Fähigkeiten einsetzten.
»Stell dich mal da auf«, bat Herr Holzmann den Siebzehnjährigen.
Als sich Robin etwa drei Meter gegenüber von dem alten Mann aufstellte, begann Holzmann mit seiner Übung. Er erhob seine Hände und streckte sie nach vorne aus. Plötzlich schossen Ranken aus dem Boden unter Robin, die ihm am Oberkörper umschlossen.
»Hey!«, schrie er.
Er war gefesselt.
»Ich kann mich nicht mehr bewegen.«
»Das ist auch der Sinn der Sache. Das möchte ich dir heute beibringen.«
Die Ranken ließen wieder von Robin ab und er war total erstaunt über diese Technik. So etwas hatte er noch nicht gesehen.
»Das Besondere«, erklärte Helmut Holzmann, »an der Technik ist, dass unter dir gar keine Erde ist, sondern Beton. Hier können eigentlich keine Pflanzen wachsen.«
»Wie machen Sie das dann?«, fragte Robin.
»Ich hole die Energie trotzdem aus der Erde, auch wenn ich sie selbst nicht berühre. Es erfordert viel Training und große Konzentration. Aber dann kann man überall die Kräfte der Erde nutzen.«
»Das heißt, Sie ziehen die Energie aus der Erde, obwohl Sie nicht direkt mit ihr verbunden sind. Sie stehen auf Beton und unter uns ist noch der Keller. Dann kommt erst der Erdboden.«
»Genau«, stimmte der Erd-Elementarist zu.
»Und dann leiten Sie auch noch diese Kräfte weiter zu mir, der ebenfalls nicht auf der Erde steht.«
»Du hast das Prinzip verstanden.«
»Das werde ich nie können«, schlussfolgerte Robin resigniert.
»Doch, mein Junge. Du bist ein Elementum. In dir steckt große Kraft. Wir werden das jetzt den ganzen Tag üben. Danach weißt du zumindest ansatzweise, wie es geht.«
Der Siebzehnjährige war gespannt, ob es irgendwann bei ihm klappen würde. Aber er nahm sich vor, hart zu arbeiten und trainieren, damit er es schaffte.«