Sonntag, 1. September 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 24


 »Woher kommen die ganzen Schrammen?«, wollen ihre Freunde von Aria wissen, als sie ins Zimmer kamen. Die Luft-Elementaristin hatte gerade genug Zeit, um zu duschen und sich frische Klamotten anzuziehen, bevor Marina mit Iggy und Jojo in das gemeinsame Zimmer eintrafen. Aria hatte sie mit ihrem Smartphone kontaktiert und gebeten zu kommen.
     »Nicht der Rede wert«, antwortete sie kurz angebunden. »Ich hatte eine kleine Unterredung mit Brisa.«
     »Du hast dich mit ihr geprügelt?«, fragte Iggy erstaunt nach. »Ich wette, du hast sie fertig gemacht.«
     Normalerweise hätte Aria jetzt gelächelt, aber sie war nicht in der Stimmung.
     »Das ist nicht gut«, merkte Marina an. »Dafür könnte es Ärger geben und wir stecken schon genug in der Patsche.«
     »Mir reicht es jetzt aber«, wehrte sie die hübsche Blondine. »Wir müssen was tun. Wir gehen jetzt gemeinsam zu Dreizack und zwingen ihn dazu, etwas zu sagen.«
     Bei diesem Satz stürmte sie aus dem Zimmer.
     »Aria, nein!«, warnte sie die Wasser-Elementaristin, doch sie war nicht aufzuhalten. Also folgten ihr ihre Freunde.

     »Das ist unvernünftig«, wollte Marina ihr noch ins Gewissen reden, aber dann waren sie auch schon im Verwaltungsgebäude, in dem sich auch die Zimmer der Lehrer befanden. Sie stapften die Treppen hinauf und sodann den Flur entlang. Allen voran war Aria. Die anderen Drei folgten mit kurzem Abstand hinter ihr.
     Gerade wollte sie an die Tür des Lehrers klopfen, als sie seine Stimme hörte. Sie schaute ihre Freunde an und gab ihnen mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie still sein sollten. Dann bückte sie sich und hielt sich das Ohr ans Schlüsselloch. Da es schwer war, etwas zu verstehen, konzentrierte sie sich und versuchte, das Element der Luft für sich einzusetzen. Sie hielt ihre Hand gegen die Tür und befahl dem Wind, ihr die Töne herüberzuschicken. Und sodann vernahm sie das Gespräch ganz klar.
     »Wie bitte?«, sprach Narius Dreizack flüsternd. »Sie wissen, wo sich das Elementum befindet? Aber das ist doch großartig.«
     Einen Moment war Stille. Wahrscheinlich sprach die Person am anderen Ende.
     »Was? Derjenige will noch mehr Geld und jetzt haben Sie den Plan geändert? Sie werden in einer Stunde der E-Wehr verraten, wo sich der Junge befindet, damit sie den Verräter schnappen. Das kling doch gut.«
     In diesem Moment war die Luft-Elementaristin erleichtert. Zumindest würde ihr Freunde gerettet werden.
     »Habe ich Sie richtig verstanden?«, hakte der dicke Wasser-Elementarist nach. »Sie wollen, dass ich das der E-Wehr verrate? Er befindet sich in einem leeren Gebäude am Hauptbahnhof… Okay. Aber ich kann das nicht tun. Dann verdächtigen Sie doch automatisch mich… Was? Ich soll mir was einfallen lassen? Das kann ich nicht. Nein. Es tut mir leid.«
     Aria brauchte keine weiteren Informationen. Sie richtete sich wieder auf und bat ihre Freunde, ihr zu folgen. Das taten sie auch und schnell gingen sie wieder nach draußen auf den Hof.
     »Was hast du gehört?«, platzte es aus Iggy heraus. »Spuck es aus!«
     »Herr Dreizack hat eben gerade am Telefon erfahren, wo Robin ist«, antwortete Aria angespannt. »Er ist in einem leerstehenden Gebäude am Hauptbahnhof.«
     »Dann lass uns die E-Wehr informieren«, schlug Marina vor.
     »Nein«, widersprach die Luft-Elementaristin entschlossen. »Wir machen das. Lasst uns gehen!«
     Wieder stürmte die blonde Schülerin voran. Die anderen Drei zögerten, aber dann folgten sie ihr.
     Sie rannten los bis zur nächsten S-Bahn-Haltestelle. Von dort aus fuhr jede Bahn zum Hauptbahnhof. Es dauerte nur zehn Minuten, die ihnen aber wie eine Ewigkeit vorkam.
     »Das ist doch wahnsinnig«, sprach Marina mit bebender Stimme. »Warum haben wir nicht die E-Wehr informiert oder zumindest Frau Funke?«
     »Wenn Dreizack das mitbekommen hätte«, antwortete Aria ernst, »hätte er es an seinen Auftraggeber weitergeleitet und er hätte dafür gesorgt, dass Robin schneller abgemurkst wird als jemand auch nur das E in E-Wehr aussprechen kann.«
     Das klang für alle plausibel. Und sie hatten außerdem keine Zeit, allen zu erklären, auf wessen Seite Narius Dreizack wirklich stand. Ihnen glaubte ja keiner. Deshalb mussten sie selbst handeln.
     Irgendwann fuhr die Bahn am Hauptbahnhof ein. Die Jugendlichen stiegen aus und rannten nach oben auf die Straße.
     »Und nun?«, wollte Iggy wissen. »Wie finden wir Robin?«
     »Wir müssen uns aufteilen«, schlug Marina vor.
     »Sehr gute Idee«, lobte Aria ihre Freundin für diesen Vorschlag. »Wir schwärmen in alle vier Himmelsrichtungen aus. Los, Leute!«
     Und damit rannten sie wieder los. Sie liefen durch die Straßen und suchten nach leerstehenden Gebäuden. Das war nicht so einfach, da einige Gebäude sehr alt aussahen, aber als einer von ihnen vor dem Eingang stand, merkte man, dass es bewohnt war oder dass darin irgendeine Firma saß.
     Die Zeit lief ihnen davon. Vor einer halben Stunde war das Telefonat, das Aria belauscht hatte. In einer weiteren halben Stunde würde irgendwas passieren und die Freunde konnten nur hoffen, dass es zum Positiven für Robin ausging.
     An einer Straßenecke sah Aria schließlich ein Haus mit Brettern vor den Fenstern. Das stand leer. Schnell rannte sie hin, doch sie wusste nicht, ob es das richtige war. Aber sie hatte keine Wahl und durfte nicht zögern. Sie ging zur Tür, die verschlossen war. Sie schaute sich um, dass keine Fußgänger sie beachteten. Dann holte sie aus und schlug mit einem heftigen Windstoß die Tür auf. Dann rannte sie in das Gebäude.
     Zunächst befand sie sich in einem recht dunklen Flur. Sie folgte dem Gang immer weiter. Dann ging es rechts herum und wieder gerade aus. Ihr Herz klopfte, denn sie spürte, dass sie hier richtig war.
     Plötzlich hörte sie eine Stimme und da verlangsamte sie ihre Schritte. Vorsichtig kam sie an das Ende des Ganges, welcher an einer großen Lagerhalle endete. Überall war Staub und Schmutz. Aber in der Mitte erblickte sie Robin, der an einen Stuhl mit sehr vielen Seilen festgemacht war. Er konnte sich nicht bewegen. Neben ihm stand ein Mann über vierzig, der bestimmt doppelt so groß und doppelt so breit wie Jojo war. Am Oberkörper trug er nur ein ausgeleiertes, weißes Muskelshirt und an den Beinen eine dreckige Jeans.
     »Gleich hast du es geschafft, Kleiner«, sprach der Mann mit einer kratzigen Stimme. »Dann erlöse ich dich von deinen Leiden.«
     Aria überlegte kurz und dann alarmierte sie ihre Freunde über ihr Smartphone. Doch sie musste was tun, sonst wäre es vielleicht zu spät.
     »Warum tun Sie das?«, wollte Robin von dem Bodybuilder wissen. »Erst die Aktion im Flugzeug und nun dies. Warum wollen Sie mich töten?«
     »Mein Junge, der Grund dafür ist das liebe Geld. Ich werde reich dafür entlohnt.« Dann lachte der Kerl mit seiner krächzenden Stimme laut los.
     »Sie sind ein Teufel«, beschimpfte ihn das Elementum. Da wollte der Luft-Elementarist ausholen und ihn mit der Hand ins Gesicht schlagen. Das konnte Aria nicht zulassen. Deshalb rannte sie von hinten auf den Kerl zu und schleuderte Windstöße auf seinen Rücken.
     »Autsch!«, schrie er und stürzte nach vorne.
     »Aria!«, freute sich der Siebzehnjährige, als er seine Freundin aus dem Zirkel sah.
     »Du kleine Göre«, schrie der Mann und stellte sich wieder auf. Dann holte er mit seiner Faust so aus, dass er ebenfalls einen heftigen Windstoß erzeugte. Doch Aria war flink und sprang zur Seite.
     »Achtung, Aria«, warnte sie Robin. »Er hat die Technik des Verschwindens drauf.«
     Die hübsche Blondine konnte gar nicht darüber nachdenken, da war der Bodybuilder tatsächlich verschwunden. Sie schaute sich wie wild um, aber sie sah ihn nicht. Da packte sie plötzlich etwas von hinten und warf sie durch die Luft. Sie knallte mit voller Wucht auf der Erde auf.
     »Nein!«, schrie das Elementum erschrocken.
     Als das Mädchen so auf dem Boden lag, lief der große, muskelbepackte Elementarist auf sie zu und stellte sich neben ihrem zierlichen Körper. Dann erhob er sein Bein, als ob er auf sie eintreten wollte. Allerdings hatte er die Rechnung ohne Aria gemacht. Sie rollte zur Seite, bis sie wieder auf dem Rücken war und erzeugte mit ihren beiden Händen einen Windstoß, der ihn mitten ins Gesicht traf.
     Dann sprang sie auf und wollte zu Robin rennen, doch der Bodybuilder packte sie wieder von hinten am Hals und hob sie nach oben. Sie stöhnte, weil sie keine Luft bekam.
     »Aria!«, rief Robin verzweifelt. Er spürte, dass es gleich mit ihr vorbei sein würde, wenn er nicht was tat. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich, auf das Feuer in ihm. Er sah die Technik bei Brandon Zeus, aber er wusste nicht, ob er sie beherrschen würde. Aber jetzt musste er es einfach können, denn er musste seine Mitschülerin retten. Er konzentrierte sich und tatsächlich merkte er, wie sein Körper wärmer und wärmer wurde. Schließlich war er so heiß, dass die Seile, die ihn komplett verschlangen, zu brennen begannen. Damit konnte er sich befreien. Zwar hatte er es nicht geschafft, sich komplett in Brand zu setzen, aber immerhin war ein kleiner Fortschritt zu erkennen.
     Dann sprang er vom Stuhl und warf einige Feuerbälle seinem Peiniger ins Gesicht. Dieser schrie auf und ließ Aria los.
     Das Mädchen landete auf den Knien. Sie griff sich den Hals und röchelte stark. Das Elementum kniete sich zu ihr herunter und fragte:
     »Alles in Ordnung?«
     »Geht schon«, antwortete sie und stand wieder auf.
     Doch als sie sich umschauten, war der Typ wieder verschwunden.
     »Nein, er tut es schon wieder«, warnte Robin.
     »Ruhig, Robin«, ordnete die Luft-Elementaristin an. Dann konzentrierte sie sich wieder auf die Luft um sie herum, die ihr die Geräusche ans Ohr brachten. Sie hörte schleichende Schritte, die näher kamen. Sie waren hinter ihr.
     In diesem Moment drehte sie sich ganz schnell im Kreis, verwandelte sich in einen menschlichen Tornado und nietete den Angreifer um. Dieser tauchte wieder auf und war sichtbar geworden.
     »Genial, Aria«, lobte Robin sie.
     Dann versuchte er es auch. Er drehte sich ebenfalls und verwandelte sich in einen kleinen Wirbelsturm. Auch er sauste auf den Bodybuilder los und schleuderte ihn so halb durch die Lagerhalle.
     »Ihr miesen Kinder«, krächzte er. »Euch werde ich es zeigen.«
     Er wollte wieder aufstehen, doch Robin war schneller. Er nutzte das Element der Luft und schlug mit seiner Hilfe den Stuhl über den Kopf des Mannes. Dieser sackte in sich zusammen und war sofort bewusstlos.
     »Aria! Robin!«, riefen Iggy, Jojo und Marina gleichzeitig, als sie ebenfalls in die Halle stürmten. »Da seid ihr ja.«
     Doch sie bleiben stehen, als sich die Luft in der Halle komplett aufwirbelte.
     »Was machst du da?«, fragte Aria den Siebzehnjährigen,
     »Das bin ich nicht«, antwortete er.
     Die Luft wirbelte und plötzlich erschien eine durchsichtige Gestalt mit Flügeln. Die beiden Jugendlichen erschraken, aber mittlerweile wussten sie, was das zu bedeuten hatte.
     »Eine Sylphe«, rief Marina voller Demut.
     Der Luftgeist umschwirrte Robin und Aria. Auf ihrer Brust glühte es für einen Moment. Dann verschwand das Elementarwesen schon wieder.
     Jojo, Marina und Iggy rannten auf ihre Freunde zu und umarmten sie.
     »Wir sind so glücklich, dass es euch gut geht«, jubelte Marina.
     Iggy sah den Bodybuilder auf dem Boden liegend und stupste Jojo von der Seite an:
     »Schau mal, wie massig der ist. Da hast du ja noch einiges zu tun.«
     Jojo grinste nur und schlug seinem Freund auf die Schulter.
     »Schaut mal«, sprach Aria. »Sie zog ihr Shirt etwas nach unten, um den anderen das Zeichen auf ihrer Brust zu zeigen, was dort nun erschienen war. Es war ein Dreieck, dessen spitze nach oben zeigte. Von rechts nach links führte ein Strick dadurch.
     »Ich habe es auch«, freute sich Robin, als er seinen Oberkörper entblößte. Allerdings war dies sein drittes Symbol, welches nun in der Mitte über den beiden anderen erschienen war.
     »Das ist unglaublich«, bekundete die Wasser-Elementaristen.
            Die fünf Freunde freuten sich, dass sie wieder einen Kampf überstanden hatten. Robin rief sofort Florian Argon an und lotste ihn in die Lagerhalle. Bevor der Bodybuilder sich regen konnte, wurde er festgenommen.