Sonntag, 11. August 2019

[Elementum 4] Heiße Luft - Kapitel 21


Ilayda war mittlerweile aus dem Krankenhaus entlassen worden, doch ihre Traurigkeit und Verbitterung waren leider nicht verschwunden. Marina wollte etwas daran ändern und so suchte sich wieder das Gespräch mit ihr. Sie hatte auch einen Plan, wie sie dieses Mal nicht von ihr weggeschickt werden würde. Hierfür brauchte sie nur das Buch, in dem das Ritual beschrieben war, das sie zusammen mit ihrem Zirkel durchführen wollte. Sie hatte es natürlich von zuhause mitgenommen. Ilayda verbrachte gerne ihre Freizeit über den Büchern und deshalb saß sie ganz oft in der Bibliothek des Internats. Und das war die Chance.
     Eines Nachmittags war es wieder soweit. Die schüchterne Schülerin, deren Kräfte derzeit inaktiv waren, saß an einem Tisch in der Bibliothek und war in einem Roman vertieft. Marina versteckte sich hinter einem Bücherregal und beobachtete das Mädchen. Marina konnte nur ahnen, dass Ilayda mit diesem Hobby versuchte, aus der Realität zu flüchten. Das kannte sie nur zu gut. Und diesmal hatte es die Türkin echt nötig, da sie in einer sehr schlimmen Situation war.
     Marina schlich leise zu ihr hin und setzte sich ebenfalls an den großen Holztisch. Allerdings ließ sie einen Stuhl zwischen Ilayda und sich frei. Glücklicherweise ließ sie sich nicht ablenken und las einfach weiter. Da schob Marina das Buch aufgeschlagen in Ilaydas Richtung. Irgendwann sah das Mädchen auf und blickte verwirrt auf die Seiten. Dann schaute sie hoch und blickte in Marinas Gesicht.

     »Was willst du?«, zischte sie.
     »Ich will dir helfen«, flüsterte Marina beruhigend.
     »Lass mich in Ruhe!«, befahl die Türkin nun etwas lauter.
     »Schau dir bitte noch einmal die Seiten an.«
     Ilayda ließ sich überreden und schaute erneut in das Buch. Nun verstand sie. Doch Marina merkte, dass sie zögerte.
     »Nein, das ist zu gefährlich. Ich will das nicht tun.«
     »Es ist die einzige Chance, dass du deine Kräfte wieder erlangst. Bitte lass es uns versuchen.«
     »Wenn es nicht klappt, ertrinke ich«, argumentierte die türkische Elementaristin.
     »Pssst!«, kam es nun von einem anderen Tisch her. Eine Mitschülerin fühlte sich anscheinend genervt.
     »Lass uns rausgehen und darüber sprechen«, schlug Marina vor.
     Ilayda wollte zunächst nicht, doch dann gab sie nach und folgte ihrer ehemaligen Mitbewohnerin.
     Draußen setzten sie sich an der frischen Luft auf eine Bank. Nur ein paar andere Mitschüler trieben sich derzeit da herum und quatschten miteinander.
     Dann fuhr Marina fort:
     »Ilayda, du musst mir glauben, dass mir das alles wirklich schrecklich leid tut. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass unser Ritual so dermaßen schief geht. Bisher hatten die Rituale alle recht gut geklappt.«
     Die Türkin blickte ihr Gegenüber skeptisch an, als sie weiter erklärte:
     »Meine Freunde und ich vermuten, dass es nur nicht geklappt hat, weil Robin fehlte. Er ist unser fünftes und stärkstes Mitglied. Dieses Mal würde er mitmachen und daher gehen wir davon aus, dass nichts schief geht.«
     »Und wenn doch?«, hakte das Mädchen mit der hellen Haut und dem schwarzen Bob nach.
     »Daran möchten wir gar nicht erst denken. Es wird klappen. Versprochen!«
     Ilayda zögerte und man sah ihr an, dass sich mit sich selbst rang. Schließlich sagte sie:
     »Also gut. Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren. Es ist meine letzte Chance, mein Leben in den Griff zu bekommen, sonst bin ich verloren.«   
     Für Außenstehende mag sich das überdramatisch anhören, da man ja auch ohne elementare Fähigkeiten ein schönes Leben führen konnte. Aber Marina kannte traditionelle Elementaristen-Familien und gerade Wasser-Elementaristen war es oft wichtig, dass sie ihr Element in Ehren hielten. Daher gab es unter ihnen prozentual gesehen die meisten Elementaristen, die jemanden mit ihrem eigenen Element heirateten. Denn wenn zwei Elementaristen mit unterschiedlichen elementaren Fähigkeiten ein Kind zeugten, würde das Kind keine Kräfte haben.
     Marina war erleichtert, das Ilayda nun endlich zugestimmt hatte. Sie bedankte sich rechtherzlich und sagte ihr, dass sie alles vorbereiten würde. Sobald es soweit war, würde sie Bescheid bekommen.

Derweil wollte Robin an der Technik des Verschwindens arbeiten. Er erzählte Aria davon, die total begeistert war. Nun war sie ebenfalls interessiert daran, diese Technik zu erlernen. Da sie gerade kein Hochhaus parat hatten, auf dem sie üben konnten, schlug die Luft- Elementaristin das Dach der Sporthalle vor.
     »Das war echt eine gute Idee«, sagte Robin, als sie oben ankamen. Und sie mussten dafür nicht mal ins Gebäude. Sie nutzen ihre elementaren Kräfte, um sich auf das Dach zu hieven. Robin konnte ja schon ein wenig schweben und dann zog er die schlanke Blondine mit sich.
     »Und wie funktioniert das jetzt?«, wollte Aria neugierig wissen.
     »Es hat viel mit dem Atem und der Konzentration zu tun. Man muss quasi eins mit der Luft werden.«
     »Das hört sich ja ziemlich spirituell an.«
     Und das war es auch. Beide setzen sich in den Schneidersitz auf dem Boden. Robin leitete seine Mitschülerin an, doch er sagte auch, dass er schon die ganzen Ferien über geübt hatte. Deshalb hatte er sicherlich einen Vorsprung.
     »Nicht nur das«, entgegnete ihm Aria. »Du bist ein Elementum und von Natur aus viel besser als ich. Wenn du deine Kräfte irgendwann richtig beherrschst und loslässt, ist es fast so, als ob eine Atombombe hier hochgehen würde.«
     »Ernsthaft?«, hakte der Siebzehnjährige nach. »Das klingt aber sehr gefährlich.«
     »Daher lernst du ja, mit deinen Fähigkeiten umzugehen. Du schaffst das schon.«
     Den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend verbrachten sie da oben. Irgendwann entdeckten die Lehrer Narius Dreizack und Gerit Argon die beiden da oben.
     »Was machen sie denn da?«, wollte der dicke Wasser-Elementarist wissen.
     »Ich bin stolz auf Robin. Er trainiert wohl gerade die Technik, die ihm die Elementaristin aus London gezeigt hatte. Aria Himmel unterstützt ihn anscheinend dabei.«
     Das fand Dreizack so interessant, dass er sofort in sein Zimmer lief und Elma von Zimmenthal alarmierte.
     »Endlich«, sprach sie durch das Telefon, »ist es soweit. Unsere Pläne können durchgeführt werden. Ich schicke gleich meinen Super-Elementaristen ins Haus 4E.« Dann lachte sie hämisch, bis sie auflegte.
     Robin und Aria ahnten nichts davon, dass sie gleich Besuch auf dem Dach bekommen würden. Langsam ging die Sonne unter, aber die beiden ließen sich nicht beirren. Arias Gedanken schweiften zwar umher, denn sie war nicht gerade sehr geduldig. Ihr fiel es unheimlich schwer, so still dazusitzen und sich zu konzentrieren. Sie wusste, dass sie keinen Erfolg haben würde, wenn sie sich nicht zusammenriss. Und so machte sie einfach weiter.
     Es dauerte keine halbe Stunde mehr, da befand sich auch schon eine weitere Person auf dem Dach neben den beiden Schülern des Internats. Doch diese Person war nicht sichtbar. Niemand hätte ahnen können, dass sie so schnell noch jemanden kennenlernen würden, der die Technik von Wendy Cloud beherrschte. Aber es war einer von Elma von Zimmenthals Super-Elementaristen und Robin bereits ein Begriff. Er war ihm nämlich schon einmal begegnet.
     Marina und Robin saßen sich weiterhin gegenüber, als ein starker Wind aufzog. Aria vermutete, dass es vielleicht zur Übung gehörte und ließ sich, genau wie das Elementum, nicht beirren. Und in einem plötzlichen Augenblick verschwand Robin.
     Da konnte Aria nicht innehalten. Sie sprang auf und rief:
     »Robin! Du hast es geschafft! Du hast es tatschlich hingekriegt!«
     Doch sie bekam keine Antwort. Sie drehte sich im Kreis, um nach ihrem Freund zu suchen, aber er war einfach nicht mehr zu sehen.
     »Okay, es reicht«, sprach sie in die Luft hinein. »Du kannst wieder auftauchen. Ich habe es kapiert. Du kannst es.«
     Aber es tat sich weiterhin nichts.
            »Robin? Robin?«, rief sie. Das tat sie ein paar Minuten und als ihr Mitschüler noch immer nicht auftauchte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Panik stieg in ihr auf. Schnell rannte sie los und sprang vom Dach. Mit Hilfe eines Windstoßes konnte sie ihre Landung auf dem Boden abfedern. Sie musste Hilfe holen.