Sonntag, 6. Januar 2019

[Elementum 3] Lodernde Flamme - Kapitel 23

Wenige Tage später durfte Iggy ins Haus 4E zurückkehren. Florian Argon hatte dafür gesorgt, dass er bis zur Urteilsverkündung freikommen durfte, während sein Zimmergenosse Patrik weiterhin in Gewahrsam blieb. Dabei fühlte sich der Rotschopf auf der einen Seite sehr erleichtert, aber auf der anderen Seite hatte er auch ein schlechtes Gewissen.

Sobald er das Internat betrat, wurde er auch schon ins Büro des Rektors gerufen. Darauf hatte Iggy überhaupt keine Lust. Und ein bisschen Angst hatte er auch. Am liebsten hätte er sich gedrückt, aber er hatte keine Chance. Der strenge Herr von Zimmenthal erwartete ihn bereits. Als sich Iggy vor ihm auf den Stuhl gesetzt hatte, durfte er sich eine saftige Standpauke anhören, die mit der Androhung des Rauswurfs aus dem Internat endetet.

Iggy war so wütend und gleichzeitig traurig, dass er sich erst einmal auf seinem Zimmer verkroch, obwohl er gerne seine Freunde wiedergesehen hätte.

Er legte sich auf sein Bett, vergrub seinen Kopf in seinem Kissen und ließ zum ersten Mal seinen Tränen freien Lauf. Bislang hatte er sie angestrengt zurückgehalten, doch nun hielt er es nicht mehr aus. Die Zeit in Haft hatte ihn total mitgenommen. Er war fix und fertig und am liebsten hätte er gerne alles rückgängig gemacht.

Doch dann dachte er an Oliver und an den Kuss. Diesen würde er nicht missen wollen. Am liebsten wäre er jetzt von seinem Freund in den Arm genommen worden. Endlich hatte er jemanden gefunden, mit dem er wirklich zusammen sein konnte. Darüber war er sehr dankbar. Er konnte nicht mehr aufhören, an ihn zu denken. Er musste ihm unbedingt sehen.

Also nahm er sein Handy in die Hand und tippte eine Nachricht an Oliver:




Ich bin wieder freigelassen worden. Wo bist du?



Eine Antwort ließ nicht lange auf sich warten.



Cool! Ich chille mit Dela im Park.



Ohne weiter darüber nachzudenken, sprang der Feuer-Elementarist auf und rannte aus dem Zimmer. Er wollte Oliver unbedingt sehen, sodass er so schnell wie möglich in den Park lief. Er wusste ja, wo ihr gewohnter Treffpunkt war. Sein Herz klopfte vor Vorfreude.

Er war nur noch einige Meter von der besagten Parkbank entfernt, als er zwei unbekannte Personen wild umschlungen wahrnahm.

Irritiert blickte sich Iggy um, ob seine beiden Freunde vielleicht auf eine andere Bank ausgewichen waren, weil dieses junge Liebespaar ihre Bank blockierte. Doch weit und breit waren sie nicht zu sehen.

Dann schaute er sich das Pärchen noch einmal an und bekam einen Schreck, als er die Tattoos des Mädchens erkannte. Zwar war ihr Haar nun schwarz gefärbt und sie hatte ihre Piercings herausgenommen, aber es war ganz klar Dela. Der Junge trug eine Baseballcap, schlichte blaue Jeans und eine Brille. Aber auch er war es: Oliver.

Für einen kurzen Augenblick schien Iggys Herz stehen zu bleiben. Da saßen Dela und Oliver auf der Bank und knutschten wild miteinander rum. Sie hatten ihren Look wahrscheinlich nur wegen der Polizei verändert, damit sie nicht erkannt wurden. Aber sie waren es.

Es brach dem Feuer-Elementaristen das Herz, als er sie so sah und am liebsten wäre er wieder in Tränen ausgebrochen. Doch er riss sich zusammen, drehte sich um und lief wieder zurück zum Internat.

So schnell hat er mich ausgetauscht, dachte sich der rothaarige Junge traurig.

Und wieder einmal wurde er von der Liebe enttäuscht. Er war davon ausgegangen, dass er dieses Mal sein Glück gefunden hatte, doch er wurde betrogen. Wie konnte er nur meinen, dass Oliver auf ihn wartete? Er wie auch Dela und Patrik genossen ihr Leben. Hier und jetzt! Sie dachten nicht an morgen.

Das musste Iggy nun auf eine harte Tour lernen, was ihn ziemlich mitnahm. Mit langsamen Schritten und gesenkten Schultern lief er wie ferngesteuert zurück zum Haus 4E. Nun das zweite Mal an diesem Tag warf er sich auf sein Bett und weinte in seine Kissen. Nur jetzt war alles noch schlimmer geworden, als es eh schon gewesen war.

Er bereute es, dass er damals so neugierig auf den bisexuellen Freund seines neuen Zimmergenossen war und ihn begleitete. Hätte er sie bloß alle nicht kennengelernt. Dann wäre er nie festgenommen und von der Liebe enttäuscht worden. Doch jetzt fühlte er sich ziemlich unglücklich. Für ihn war das ein schwarzer Tag, obwohl er freigekommen war.



Derweil fand eine Besprechung der Lehrer in Tiberius von Zimmenthals Büro statt. Sogar Narius Dreizack war gekommen.

„Heute möchte ich die weiteren Schritte mit euch planen“, eröffnete er die Unterredung. „Bald können wir mit der Ausbildung unserer kleinen Armee beginnen.“

„Sehr gut“, lobte Enjo Hott. „Kinder sind ja so leicht zu beeinflussen. Das weiß man nicht erst seit dem Roman Die Welle.“ Er lachte laut auf.

„Mit Hilfe dieser Kids werden wir die zunächst ganz Frankfurt einnehmen und schon bald die ganze Welt.“ Auch Silvia Lehmann begann auf irre Weise zu lachen.

„Doch Herr Held wird uns in die Quere kommen“, mischte sich Narius Dreizack ein. „Er hat einen gewissen Einfluss auf die Schülerschaft. Die meisten sehen ihn als Vorbild. Für die Gemeinschaft der Elementaristen ist er ein kleiner Star. Sogar Florian Argon ist ein Fan von dem Jungen.“

„Aber nicht nur das“, fügte der Schulleiter hinzu, „wenn erst einmal seine vollen Kräfte erwachen, sehen wir alt aus. Das müssen wir verhindern und ihn vorher beiseiteschaffen. Leider hat das mein Sohn nicht geschafft. Daher müssen wir es anders angehen.“

„Und hast du da schon eine Idee, Tiberius?“, fragte der Feuer-Elementarist Enjo nach.

„Darüber habe ich mir in den letzten Tagen Gedanken gemacht.“ Er legte eine kurze Gedankenpause ein, bevor er weitersprach und seinen Plan verkündete: „Narius, da kommst du wieder zum Einsatz. Du wirst unter dem Vorwand eines Ausflugs den Jungen aus der Zentrale der E-Wehr schaffen. Du wirst ihn wegen eines Biologieprojekts in den Wald führen.“

„Und dann soll ich ihn etwa abmurksen?“, hakte der Wasser-Elementarist leicht verängstigt nach.

„Keine Sorge, Narius“, fuhr Tibirius von Zimmenthal fort. „Wir anderen werden dort auf euch warten und das weitere übernehmen. Dieses Mal nehme ich es selbst in die Hand, sonst entkommt er wieder.“

Und damit war es abgemacht. Zufrieden nickten sich die Lehrer zu.