Sonntag, 7. Oktober 2018

[Elementum 3] Lodernde Flamme - Kapitel 13

Wenige Tage nach Robins Auszug war auch der letzte Wachmann vom Haus 4E verschwunden. Rektor von Zimmenthal hatte dafür gesorgt, dass die E-Wehr vom Internat abgezogen wurde. Er befand ihre Anwesenheit nicht mehr für nötig.
Die vier verbliebenen Freunde des Zirkels saßen gemeinsam mal wieder im Aufenthaltsraum. Um sie herum herrschte reges Treiben. Ein paar Jungs spielten am Kicker, andere saßen vor dem Fernseher. Eine Luft-Elementaristin, die stets alleine war und scheinbar keine Freunde hatte, saß in einer Ecke und versuchte bei dieser Lautstärke zu lesen.
Marina, Jojo, Aria und Iggy saßen an einer Tischgruppe und unterhielten sich.
Kein einziger Wachmann ist nun mehr hier“, sprach Jojo.
Aber was ist, wenn Quinns Mörder doch nicht Robins Angreifer war und er wieder zurückkehrt?“, stellte Aria zur Diskussion. „Das ist schon ziemlich beunruhigend.“
Wenn das so sein sollte“, erwiderte die kluge Marina, „dann hat der Mörder es wohl kaum auf uns abgesehen.“
Was meinst du damit?“, hakte Iggy nach.

Entweder ist der Mörder der gleiche, mit dem wir am Main gekämpft haben. Dann ist er hinter Robin her und nicht hinter uns. Oder es sind zwei verschiedene. Dann hat der Mörder vielleicht sogar garnichts mit Robin oder uns zu tun und wollte nur Herrn Quinn an den Kragen.“
Du meinst also“, formulierte es der muskulöse Erd-Elementarist um, „in beiden Fällen können wir uns persönlich in Sicherheit wiegen und müssen uns keine Sorgen machen.“
Genau das meine ich“, bestätigte die kluge Wasser-Elementaristin.
Aber irgendwie beruhigt mich das nicht“, widersprach der rothaarige Feuer-Elementarist. „Mir tut Robin leid. Er wurde aus dem Internat geschmissen und ist zudem noch weiterhin in Gefahr. Vielleicht ist er das sogar sein ganzes Leben lang. Wir müssen ihm als sein Zirkel beistehen.“
Danke Iggy“, sagte Marina. „Das sehe ich genauso.“
Auch Jojo und Aria nickten zustimmend.
In diesem Moment kam ein Schüler in den Aufenthaltsraum gerannt und rief:
Alle zuhören! Rektor von Zimmenthal hat eine Ankündigung zu machen und wir sollen alle in den Innenhof kommen.“
Das wird ja hier zu einem Dauerzustand“, kommentierte Iggy sarkastisch.

Ein paar Minuten später befand sich erneut die ganze Schülerschaft samt Lehrkräften auf dem Innenhof. Es wurde ein Podest mit einem Mikrofonständer aufgebaut, auf dem der neue Schulleiter wartete, damit er endlich seine Ansprache halten konnte.
Als sich endlich alle beruhigte hatten und zuhörten, begann er:
Liebe Schülerinnen und Schüler, heute leite ich eine neue Ära im Haus 4E ein.“
Die vier Freunde waren gespannt, was nun folgen würde. Was meinte der Wasser-Elementarist damit?
Wie Sie vielleicht wissen, wurden alle Elementaristen in diesem Haus in den Klassen und in den Zimmern willkürlich zusammengeworfen. Der Sinn dahinter war, dass Toleranz und Zusammenhalt zwischen den Elementaristen verschiedener Elemente geschürt wird. Keine Gruppe eines Elements sollte eine andere Gruppe aufgrund ihrer Andersartigkeit diskriminieren.“
Die vier Freunde wussten das nicht, da sie sich darüber keine Gedanken gemacht hatten.
Leider führte dies aber dazu, dass sich die Elementaristen so gut untereinander verstanden haben, dass sie Liebesbeziehungen zu Elementaristen eines anderen Elements führten. Seit 1997 trug das Haus 4E aktiv dazu bei, dass die Gemeinschaft der Elementaristen abnahm. Viele Tausende Kinder wurden ohne elementare Fähigkeit geboren, weil ihre Eltern zwei unterschiedlicher Elemente angehören.“
Tiberius von Zimmenthal legte eine dramatische Pause ein, in der alle ihren Atem anhielten. Man hätte eine Nadel fallen hören können, so still war es.
Zukünftig möchte ich fördern, dass die einzelnen Gruppen der Elementaristen fortbestehen können. Daher werde ich die Elementaristen der vier Elemente trennen.“
Mit diesem Satz ging ein Aufruhr durch die Menge. Alle sprachen gleichzeitig los und waren entsetzt über die neue Regel.
Was soll das?“, fragte Iggy wütend. „Das kann er doch nicht machen.“
Ist er verrückt geworden?“, kam es von Aria. „Das ist ja wie Rassentrennung. So etwas geht gar nicht.“
Marina blieb als einzige ziemlich ruhig. Als die Menge wieder still war, meldete sie sich. Alle Augen fielen auf die junge Wasser-Elementaristin. Auch ihre Freunde fragten sich, was sie vorhatte.
Frau Hollenbach“, sprach der Rektor sie an, „Sie melden sich. Haben Sie eine Frage?“
Ja, Herr von Zimmenthal. Ich möchte nicht provokant klingen, aber wollen Sie uns indirekt dazu drängen, eine Liebesbeziehung mit anderen aus dem gleichen Element einzugehen?“
Ein Raunen ging durch die Schülerschaft. Das war doch eine sehr ungehörige Frage, die den Schulleiter herauszufordern schien. Dahinter steckte eine kleine Drohung: Wenn die Eltern erfuhren, dass Herr von Zimmenthal den Plan verfolgt, mehr Elementaristen-Kinder in die Welt zu setzen, klänge das so, als würde er wollen, dass die Schüler untereinander Sex haben. Dann hätte er aber die Elternschaft an der Backe.
Aber liebe Frau Hollenbach“, entgegnete Tiberius von Zimmenthal gelassen, „natürlich werde ich nach wie vor Jungen und Mädchen in den Zimmern voneinander trennen. Ich möchte lediglich die Gemeinschaft innerhalb der einzelnen Elemente fördern. Wenn Sie mir eine andere Idee dahinter unterstellen, müssen Sie aber ganz schön schmutzige Gedanken haben.“
Die Menge gröhlte bei dieser Aussage und Marina lief rot an. Sie hasste es, wenn sie schon in den einzelnen Unterrichtsstunden von dem Wasser-Elementaristen bloßgestellt wurde. Aber vor der gesamten Schülerschaft und den Lehrern war es noch mal eine ganz andere Nummer. Am liebsten wäre sie im Boden versunken.
Nun“, so fuhr der Rektor fort, „werden Ihre Tutoren Ihnen Ihr neues Zimmer mitteilen. Ab sofort werden Sie auch nicht mehr in Ihren gewohnten Klassen unterrichtet. Ihre neue Klasse wird die sein, die Sie aus Ihrem Praxisschwerpunkt kennen.“
Oh nein“, jammerte Aria. „Wir sind nicht mehr zusammen.“
Das ist unglaublich“, fügte Jojo hinzu.
Und jetzt bekommen wir auch noch neue Zimmergenossen. Darauf habe ich gar keine Lust“, sprach Iggy zuletzt.

Nach der Ansprache des Rektors stellten sich alle in Reih und Glied vor ihrem Tutor auf, um das neue Zimmer genannt zu bekommen. Als Iggy an der Reihe war, versuchte er mit seiner Tutorin Frau Funke zu sprechen:
Frau Funke, das ist doch der totale Irrsinn.“
Wir müssen den Anordnungen des Rektors Folge leisten“, antwortete die Lehrerin sichtbar resigniert.
Können Sie nichts dagegen tun?“, flehte der Rotschopf.
Leider sind auch mir die Hände gebunden. Du kannst glauben, dass ich das ebenfalls sehr schade finde. Aber die Gründe sind nachvollziehbar.“
Ich finde es nicht in Ordnung.“
Widerwillig nahm er den Zettel mit seiner neuen Zimmernummer entgegen. Nun hatte jeder eine Stunde Zeit, sein altes Zimmer zu räumen und in das neue zu ziehen. Damit brach regelrecht Chaos aus. Sachen wurden durch die Gegend geschleppt und umgeräumt. Im ganzen Gebäude war Trubel, aber die Stimmung war am Tiefpunkt. Einzelne Schüler freuten sich zwar auf die Veränderung, aber die meisten waren traurig, dass sie ihre Freunde als Zimmergenossen verloren.
Irgendwann erreichte der rothaarige Feuer-Elementarist sein neues Zimmer. Er war gespannt, mit wem er es sich von nun an teilen durfte. Als er es betrat, war sein Schulkamerad bereits im Zimmer und sortierte seine Klamotten in den Schrank ein.
Ach du bist mein neuer Zimmergenosse?“
Da drehte sich der Junge um und sah Iggy.
Hey Iggy, altes Haus!“
Hallo Patrik!“, seufzte der Rotschopf.
Iggy kannte Patrik Flint bereits aus dem Praxisschwerpunkt Feuer. Allerdings hatte er eher Abstand von ihm gesucht. Denn der Junge mit den gefärbten, kirschroten Haaren, die ihm struppig von allen Seiten abstanden, war ein Punker und Anarchist, der sich nicht gerne an Regeln hielt. Schon sein Äußeres wirkte bedrohlich. Er trug immer seine schwarze Lederjacke mit verschiedenen Sicherheitsnadeln und Totenkopf-Aufnähern. Seine Hosen waren grundsätzlich durchlöchert. Auch im Sommer trug er seine schwarzen Springerstiefel. An der rechten Augenbraue und in den Ohren hatte er Piercings. Es war nicht gerade Iggys Traum von einem Zimmergenossen.
Ich hoffe, es ist okay, dass ich das linke Bett genommen habe“, sagte Patrik.
Mir egal“, gab Iggy zurück.
Da hielt der Punker inne und schaute seinen Zimmergenossen genauer an, bis er schließlich sagte:
Du hörst dich ja fast so an wie ich. Genau das war meine Reaktion, als ich Herr von Zimmenthals neue Anordnung gehört habe. Prinzipell ist es doch egal, ob wir von den anderen Elementen getrennt werden oder nicht. Mir schreibt niemand vor, mit dem ich rummache und mit wem ich befreundet bin.“
Da war etwas Wahres dran, befand Iggy. Er würde schon einen Weg finden, mit seinen Freunden zusammen zu sein – auch mit Robin.

Marina hatte nun ebenfalls eine Wasser-Elementaristin als Zimmergenossin.
Hallo!“, begrüßte das kluge Mädchen sie. „Mein Name ist Marina.“
Ich weiß“, antwortete die andere schüchtern. „Wir haben den Praxisschwerpunkt zusammen.“
Wirklich?“, hakte Marina nach. Ihr kam das Mädchen garnicht bekannt vor.
Ich werde leicht übersehen“, erklärte die Wasser-Elementaristin.
Das konnte sich Marina kaum vorstellen, denn das zurückhaltende Mädchen war ziemlich hübsch. Ihre weiße Haut stand im Kontrast zu ihrem schwarzen Haar. So sah sie fast wie Schneewittchen aus, wenn sie noch roten Lippenstift getragen hätte. Ihre Frisur war ein Bopp, der ihr beinahe bis zu den Schultern ging. Ansonsten trug sie einen engen schwarzen Pulli, der ihr über die Oberschenkel reichte. An den Beinen trug sie eine schwarze, blickdichte Strumpfhose. Nach Marinas Meinung war ihre Mitschülerin ein klein wenig zu dünn.
Das tut mir echt leid“, entschuldigte sich Marina. „Meist bin ich so im Unterrichtsstoff vertieft, dass ich garnicht mitbekomme, was um mich herum passiert.“
Das ist schon okay.“
Wie heißt du überhaupt?“
Mein Name ist Ilayda Göksu.“
Dann fiel es Marina wie Schuppen von den Augen.
Ach du bist diejenige, die gerne alleine irgendwo sitzt und liest.“
Da musste Ilayda schüchtern lächeln.
Jetzt fällt es mir wieder ein. Schön, dich kennenzulernen.“

Was? Du bist meine Zimmergenossin?“, schrie die schöne Luft-Elementaristin, als sie Aria sah.
Danke für die nette Begrüßung“, entgegnete Aria sarkastisch. Auch sie war nicht begeistert davon, dass ausgerechnet Brisa Zügig ihre neue Zimmergenossin sein sollte. Ein schlimmeres Los hätte sie sich garnicht vorstellen können.
Als ich hörte“, so erklärte Brisa, „dass wir nun nur noch innerhalb unseres Elements sein sollten, freute ich mich. Endlich bin ich diese primitiven Feuer-Elementaristen und spießigen Wasser-Elementaristen los. Aber nun muss ich ausgerechnet mit dir zusammenwohnen.“
Hey!“, ermahnte sie Aria. „Was willst du damit sagen? Was passt dir nicht an mir?“
Na vor allem deine Freunde. Du hängst immer mit so komischen Leuten ab?“
Hä?“ Aria kapierte nicht.
Na ja“, fuhr sie fort. „Da ist zum einen dieser kindische Typ mit den roten Haaren. Der nervt dermaßen. Dann ist da der Schrank, der zwar echt sexy Muskeln, aber scheinbar nichts in der Birne hat. Von der Streberin mit der Brille fange ich erst gar nicht an. Und glücklicherweise ist dieses eingebildete Elementum endlich weg.“
Was laberst du für einen Unsinn“, entgegnete ihr Aria aufgebracht. „Das ist alles nicht wahr, was du sagst. Du bist doch nur neidisch.“
Auf wen?“, fragte die zickige Luft-Elementaristin nach. „Das habe ich doch gar nicht nötig.“
Damit ließ sie Aria stehen und verschwand im Badezimmer.

Hallo Joris“, freute sich der neue Zimmergenosse des muskulösen Erd-Elementaristen.
Oh nein, dachte sich Jojo.
Auch er hatte das Vergnügen, mit einem ihm sehr bekannten Mitschüler zusammenzuziehen. Es war Peter Töpfer. Der schwarzhaarige Schönling, der stets ein Sakko trug, war seit einigen Wochen in Jojo verliebt. Er bekam es einfach nicht in seinen Schädel, dass der Muskelprotz erstens seine Gefühle nicht erwiderte und zweitens zudem noch heterosexuell war. Daher wollte Iggy seinem Kumpel zur Hand gehen und erzählte Peter, dass Jojo bereits eine Freundin hätte – und zwar Aria.
Ich freue mich, dass wir uns jetzt ein Zimmer teilen. Zwar muss ich nun ein wenig schauen, wohin ich meine Pflanzen stelle, aber das ist es mir wert.“
Bisher hatte Peter nämlich ein Einzelzimmer, weil es sich seine Eltern leisten konnten und er so seinem Hobby, der Züchtung von Orchideen, nachkommen konnte.
Aber warum musstest du dein Zimmer aufgeben?“
Leider ist es so, dass ausgerechnet eine gerade Anzahl an Erd-Elementaristen dieses Internat besucht. Bei den Feuer- und Luft- Elementaristen ist es anders. Da braucht jeweils einer ein Einzelzimmer, weil sie ja nach der neuen Schulpolitik nicht mehr vermischt werden dürfen. So ist kein Einzelzimmer mehr für mich übrig und ich musste mit jemanden zusammenziehen.“
Und das war zufällig ich“, sprach Jojo mehr zu sich selbst als zu seinem neuen Zimmergenossen.
Ja, ist das nicht super? Na gut, meine Eltern hatten da auch ein wenig nachgeholfen. Wenn ich schon kein Einzelzimmer mehr haben durfte, sollte ich wenigstens aussuchen dürfen, mit wem ich zusammenwohne.“
Also so ist das!
Jojo hätte es sich denken können, dass Peter dafür sorgte, dass sie beide sich ein Zimmer teilten. Der verwöhnte Blumenzüchter war ein Kind reicher Eltern und er bekam scheinbar alles, was er wollte. Und nun wollte er ganz bestimmt ihn. Das würde noch etwas geben, vermutete der Muskelprotz.