Sonntag, 6. Mai 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 12

Drei Schattenritter haben versagt!“
König Umbra war außer sich. Er brüllte durch den Thronsaal und schlug mit der Faust auf die Armlehne. Dann rief er den letzten der vier Ritter:
„Sir Somnum! Erscheine hier!“
„Ja, Eure Majestät?“, kam es nur wenige Sekunden später von dem Ritter in der dunkelgelben Rüstung. Er hatte kurzes, zerzaustes, schwarzes Haar. Er wirkte jünger als die anderen drei Schattenritter.
„Sir Somnum, mein Ritter mit der Kraft der lähmenden Paralyse, du sollst für mich die Edelsteine finden.“
„Das werde ich tun“, antwortete der Schattenritter.
„Bitte enttäusche mich nicht wie die anderen Ritter! Bring mir zumindest einen Edelstein.“
Sir Somnum verbeugte sich tief und verließ daraufhin den Thronsaal. Er ging sofort zum Orakel, das ihm eine Zielperson nennen sollte.
Genau so wie es bei den anderen Schattenritter tat, strich die dunkle Frau über ihre Kugel und konzentrierte sich. Dann wurde auch schon ein Bild im Innern angezeigt.
„Eine Krankenschwester also“, kommentierte Sir Somnum. „Sie schnappe ich mir.“
Und dann verließ er den Raum des Orakels und überhaupt den Berg. Sofort machte er sich auf den Weg.


Lorena lag auf ihrem Bett in ihrem Zimmer und laß sich die neusten Kommentare unter ihrem letzten Bild durch. Mittlerweile hatte sie fast 10 000 Abonnenten. Sie konnte kaum glauben, dass sie scheinbar so sympathisch herüberkam. Vielleicht waren es auch nur die weißen Haare, aber das war ihr egal. Dieser kleine Erfolg schenkte ihr ein bisschen mehr Selbstbewusstsein.
Plötzlich gab es ein Krachen im Hausflur und ihr Vater fluchte lautstark. Die Fünfzehnjährige sprang sofort von ihrem Bett auf und rannte nach draußen. Als sie die Haustür öffnete und die Trepe hinunter sah, erblickte sie ihren Vater, wie er auf dem Boden lag und sich vor Schmerz krümmte.
„Papa!“, rief sie und eilte ihm zur Hilfe.
„Lorena, mein Schatz“, stöhnte ihr Vater unter Schmerzen, „ruf bitte einen Krankenwagen. Ich glaube, ich habe mir was gebrochen.“
Die Schülerin mit dem weißen Haar fackelte nicht lange, schnappte ihr Handy und rief den Notruf.

Im Krankenhaus wurde Herr Heller dann von oben bis unten auf den Kopf gestellt und untersucht. Es kam raus, dass er sich bei dem Sturz eine Rippe gebrochen hatte. Aber zur Sicherheit musste er noch ein paar Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben.
„Aber es wird schon wieder“, sagte er zu seiner Tochter zuversichtlich.
„Dafür werden wir schon sorgen“, meldete sich plötzlich eine weibliche Stimme an der Tür zum Krankenzimmer.
Lorena und ihr Vater schauten die junge Frau an, die gerade hineingetreten war. Es war eine Krankenpflegerin mit zusammengebundenen, rotbraunen Haaren. Sie war etwas pummelig, hatte aber offene und freundliche Augen.
„Ich bin Pflegerin Aylin und heute für Sie zuständig, Herr Heller.“
„Guten Tag“, gab Lorenas Vater freundlich zurück.
„Wenn Sie einen Wunsch haben, betätigen Sie einfach die Klingel und ich schau rein.“
„Vielen Dank!“
Dann verließ sie wieder den Raum und Lorena sagte:
„Sie scheint sehr nett zu sein.“
„Das glaube ich auch“, bestätigte ihr Vater.

Als sich die Fünfzehnjährige etwas später von ihrem Vater verabschiedete, sah sie im Flur, wie die Pflegerin Aylin eine alte Frau stützte und sie über den Flur geleitete. Dabei hatte sie sehr viel Geduld und immer ein Lächeln auf den Lippen, sodass die Dame ebenfalls lächelte.
Lorena bewunderte dies. Der Beruf der Kranenpflegerin wäre nichts für sie, da sie es als schwierig empfand, sich mit den Schicksalen der Kranken auseinandersetzen zu müssen. Daher waren diejenigen, die diesen Beruf ausübten, in ihren Augen wahre Helden.

Als Aylin gerade im Schwesternzimmer war und die Tabletten für einen älteren Mann richtete, hörte sie plötzlich einen Hilferuf:
„Bitte helfen Sie mir!“
Aylin rannte gleich auf den Flur und sah einen Mann mit langem schwarzen Haar, wie er auf dem Boden kniete.
„Was ist mit Ihnen?“, fragte sie, als sie auf ihn zustürzte.
„Ich habe so Schmerzen in der Brust und kriege keine Luft mehr.“
„Kommen Sie“, sagte sie und stützte den Mann, der sich langsam aufrichtete.
„Vielen Dank“, sagte er und schaute der Pflegerin tief in die Augen. „Sie sind sehr hilfsbereit.“
Aylin errötete.
„Ich hole einen Arzt.“
„Nein, schon gut, wenn ich Ihnen in die Augen sehe, geht es mir schon gleich wieder besser. Es war nur ein kurzer Schwächeanfall.“
„Wie bitte?“, hakte sie beschämt nach.
In diesem Moment nahm er ihr Gesicht in seine Hände. Sie fühlten sich kalt und hart an, aber seine Augen waren hypnotisierend. Daher ließ sie es geschehen. Und dann kam er ihren Lippen immer näher, bis er sie küsste. Sie schloss dabei ihre eigenen Augen und als sie diese wieder öffnete, war der Mann mit den langen, schwarzen Haaren wie vom Erdboden verschluckt.
„Wo sind Sie? Hallo?“
Doch niemand meldete sich.

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