Sonntag, 4. März 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 3

Sir Acidum!“, rief der Herrscher der Dunkelheit in seinem Thronsaal im Innern des Bergs.
„Ja, mein König?“, ertönte es nur wenige Sekunden später. Der Untergebene in der dunkelroten Ritterrüstung und dem schwarzen, leicht gewelltem Haar kniete sich vor seinen Herrscher und verbeugte sich tief.
„Sir Acidum, mein Ritter mit der Kraft der ätzenden Säure, du sollst für mich die Edelsteine finden.“
„Jawohl“, antwortete der Schattenritter unterwürfig. Doch da blickte er auf und hakte nach: „Wie finde ich sie?“
Nach einer kurzen Denkpause fuhr König Umbra fort:
„Die magischen Edelsteine werden von Personen mit einer reinen Seele und einem guten Herzen angezogen. Wahrscheinlich befinden sie sich in den Körpern solcher Menschen. Sähe die Saat der Dunkelheit in ihnen und der Körper wird den Edelstein abstoßen, sodass du ihn dir nehmen kannst.“
„Verstanden, mein König. Ich werde mein Bestes geben.“
Damit erhob sich der Ritter und verließ den Thronsaal.


Sir Acidum marschierte geradewegs in die Höhle des Orakels.
„Sir Acidum, wie kann ich Euch helfen?“, säuselte sie mit einer lieblichen Stimme.
Das Orakel war eine hübsche, schlanke Dame mit schwarzen, glatten Haaren, die ihr bis zu den Füßen gingen. Sie trug ein violettes Kleid mit aufgestelltem Kragen. Ihr Blick war finster, ihre Augen wach und konzentriert. Sie saß hinter einem Tisch, auf dem eine große Glaskugel aufgebaut war. Das war ihre Kristallkugel, mit der sie Dinge sehen konnte, die andere nicht wahrnehmen konnten.
Der Schattenritter setzte sich ihr gegenüber auf einen Hocker und schaute sie erwartungsvoll an. Dann sprach er:
„Zeige mir einen Menschen mit einer reinen Seele und einem guten Herzen.“
„Sehr wohl, mein Ritter.“
Mit ihren Händen strich sie über ihre Glaskugel. Im Innern waberte dunkle Energie. Das Orakel schloss ihre Augen und konzentrierte sich. Plötzlich erschien ein Bild einer Frau im Innern der Kugel.
„Sehr interessant“, kommentierte Sir Acidum das Gesehene. „Sie hat pinkes Haar.“
Damit war sein Zielobjekt gefunden. In dieser Frau würde er die Saat der Dunkelheit sähen und vielleicht würde er so bald zu seinem ersten magischen Edelstein kommen.
Sofort machte er sich auf den Weg. Er wollte keine Zeit verlieren.

Anielle war gerade freudig damit beschäftigt, einer älteren Dame die Haare zu schneiden, als sich die Tür des Salons öffnete und eine Klingel einen neuen Kunden ankündigte.
Die Frisörin drehte sich um und sah sich den hübschen Mann mit den dunklen, leicht gewellten Haaren kurz an. Er trug einen edlen Designeranzug und sein Blick wirkte ein wenig überheblich.
„Ich bin sofort für Sie da“, kündigte Sie mit einem Lächeln an.
Der Mann nickte höflich und setzte sich auf einen Stuhl im Wartebereich. Bis auf die alte Dame war derzeit kein weiterer Kunde im Salon.
Wenige Minuten später kassierte Anielle die Frau ab und verabschiedete sie.
„So“, sagte sie, „jetzt habe ich Zeit für Sie. Waschen und Schneiden?“
„Ja“, antwortete der Herr einsilbig.
Er setzte sich mit dem Rücken zum Waschbecken, sodass er seinen Kopf nach hinten hinunterbeugen konnte. So wusch ihm die Frisörin das Haar.
„So angenehm?“, erkundigte sie sich.
„Das machen Sie wunderbar“, lobte der Herr.
Normalerweise schlossen die Kunden beim Haarewaschen ihre Augen, damit kein Shampoo hineingeriet. Doch dieser Mann war nicht so. Anielle kam es sogar so vor, als ob er sie angestrengt anstarrte. Das war ihr ein wenig unangehm.
„Ihr Haar ist außergewöhnlich schön“, sagte er schließlich.
„Vielen Dank“, entgegnete sie leicht verunsichert.
Dann führte sie den Mann zum Frisörstuhl.
„Nehmen Sie bitte Platz“, bat sie ihn. Doch er blieb stehen und blickte ihr tief in die Augen.
„Sie gefallen mir sehr“, hauchte er und sie erstarrte.
Anielle wusste nicht, wie sie reagieren sollte. In so einer Situation war sie noch nie gewesen. Zwar war der Mann ziemlich attraktiv, aber doch sehr aufdringlich. Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, zog er sie zu sich heran und gab ihr einen Kuss auf den Mund.
Da durchfuhr es sie, als ob ein Stromschlag durch ihren Körper ging. Sie schloss die Augen vor Schreck und als sie sie wieder öffnete, war der Mann verschwunden.
Was war das denn?, wunderte sie sich. So etwas hatte sie noch nie erlebt.

Sir Acidum stand nun wieder vor dem Frisörsalon und lächelte. Er hatte es geschafft und die Saat der Dunkelheit in dieser Frau gesäht. Jetzt musste er nur noch abwarten. Er war davon überzeugt, dass ihm schon bald der erste magische Edelstein gehören würde. Er war stolz auf sich.