Sonntag, 25. Februar 2018

[Lady Diamond 1] Kapitel 2

Deprimiert von den Vorfällen in der Schule lief Lorena langsamen Schrittens nach der Schule nach Hause. Das Wetter war schön. Die Sonne schien. Doch das brachte ihr dennoch keine gute Laune. Sie beschloss heute einen Umweg durch den Park zu machen. Vielleicht brachten sie lachende Kinder und zwitschernde Vögel auf andere Gedanken.
Doch leider musste sie immer wieder an ihre fiesen Schulkameraden denken. Dabei konnte sie doch nichts für die weiße Strähne. Sie nahm sie noch mal in die Hand, wie sie es an diesem Tag schon sehr oft getan hatte und hielt das weiße Haar vor ihre Augen.
Soll ich sie mir doch abschneiden?, fragte sich Lorena selbst. Sie wollte nicht mehr gehänselt werden oder gar überhaupt in der Schule irgendwie auffallen. Warum hatte sie nicht gleich heute Nacht die Schere doch in die Hand genommen?
„Sehr coole Idee“, sagte plötzlich eine freundliche Frauenstimme neben ihr. Lorena blickte zur Seite und sah eine junge Frau mit knallpinken, kurzen Haaren auf einer Bank sitzen. Sie lächelte sie an.

„Was meinen Sie?“, fragte Lorena irritiert.
„Deine weiße Strähne“, antwortete die Frau. „Weiß und Grau sind gerade voll im Trend.“
„Äh danke“, stotterte die Fünfzehnjährige peinlich berührt.
„Hast du sie dir selbst gefärbt?“, mochte die Frau wissen.
„Äh...“, zögerte Lorena, „... nein. Das ist nicht gefärbt.“
„Ehrlich?“, antwortete die Frau überrascht. „Du hast in deinem Alter schon eine weiße Strähne?“
„Ja“, antwortete das Mädchen bekümmert.
„Hey! Lass den Kopf nicht hängen. Das sieht doch nicht so schlecht aus. Ehrlich.“
Misstrauisch schaute Lorena die junge Frau an.
„Setz dich doch zu mir. Ich heiße Anielle.“
Einen kurzen Augenblick zögerte die Fünfzehnjährige, aber dann setzte sie sich tatsächlich neben Anielle.
„Du musst wissen, ich bin Frisörin. Deshalb ist mir die Strähne gleich aufgefallen. Ich dachte, sie sei perfekt gefärbt. Bei deinen dunklen Haaren ist das nämlich nicht so leicht. Du trägst aber keine besonders ausgefallene Frisur.“
Fragend blickte Lorena ihre Sitznachbarin an.
„So war das nicht gemeint. Ich dachte nur, wenn du beim Frisör warst, hättest du einen anderen Haarschnitt. Doch bei dir fällt dein Haar einfach so den Rücken hinab. Da ist kein besonderer Schnitt zu erkennen. Also ging ich davon aus, dass du dir die Strähne selbst gefärbt hast. Tut mir leid.“
Endlich bemühte sich die Schülerin um eine Antwort:
„Schon gut. Ich hatte heute Nacht einen schlimmen Albtraum. Als ich aufwachte, hatte ich diese weiße Strähne.“
„Ist nicht wahr!“, rief Anielle erstaunt. „Von so was habe ich schon gehört, aber bisher ist mir noch nie jemand begegnet, dem das wirklich passiert ist. Das ist ja der pure Wahnsinn.“
„Ich finde es nicht so wahnsinnig toll. Jetzt werde ich in der Schule gehänselt.“
„Was? Das darf doch nicht wahr sein. So weiße Haare sind doch total angesagt. Deine Mitschüler haben keine Ahnung.“
„Mag sein, aber ich will sie mir jetzt trotzdem einfach nur abschneiden“, entgegnete Lorena der Frisörin resigniert.
„Nein, das darfst du nicht. Das ist nicht gut. Dann färbe dir die Strähne lieber, als sie abzuschneiden. Das sähe sonst total komisch aus. Wenn du willst, färbe ich sie dir kostenlos. Komm einfach bei mir im Frisörsalon vorbei.“
Anielle griff in ihre Handtasche und zog eine Visitenkarte heraus, die sie Lorena überreichte.
„Danke, das ist nett von dir.“
„Nichts zu danken. Und jetzt Kopf hoch! Das wird schon wieder. Und überleg es dir noch mal. Weiß ist echt im Trend. Die anderen werden das noch früh genug merken und dann bist du die Trendsetterin schlechthin.“
Bei diesem Satz musste Lorena sogar lächeln. Es war eine gute Entscheidung, durch den Park zu laufen. So war sie dieser freundlichen Frisörin begegnet, was dazu geführt hatte, dass die Fünfzehnjährige sich nun ein bisschen besser fühlte.