Sonntag, 14. Januar 2018

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 23

Es war das erste Weihnachten, das Robin ohne seine Eltern verbrachte. Jedes Jahr gab es ein leckeres Essen und viele schöne Geschenke. Der Tannenbaum wurde herrlich geschmückt und das ganze Haus dekoriert. Dies blieb dieses Jahr aus.
Zwar hatten sich die Lehrerinnen Frau Funke, Frau Bottenberg und Frau d'Air bemüht, die Mensa herzurichten, aber wirkliche Weihnachtsstimmung kam nicht auf. Es hingen einige Papiersterne von der Decke, der Tisch war mit weihnachtlichen Papierservietten ausgestattet, aber es gab beispielsweise keinen Weihnachtsbaum.
Frau Bottenberg sorgte fürs leibliche Wohl und es gab ein ausgezeichnetes Weihnachtsessen, an dem Robin, Jojo, Marin und alle Lehrkräfte teilnahmen. Und obwohl sogar Tiberius von Zimmenthal anwesend war, war die Stimmung einigermaßen fröhlich. Aber das gleiche war es dennoch nicht.
Am späten Abend gingen alle pappsatt auf ihr Zimmer zurück. Da Robin nicht so viel Lust hatte, mit Marin zu quatschen, ging er schnell unter die Dusche und sofort ins Bett. Damit war Heiligabend für ihn gegessen. Jetzt blieben noch zwei Tage und dann würde er auch schon seine geliebte Marina wiedersehen. Darauf freute er sich ungemein.

Mit diesem Gedanken schlief er sogar recht schnell ein.

Am nächsten Morgen erwachte der Sechzehnjährige ziemlich früh. Er fühlte sich matt und ihm war schwindelig. Ihm war so, als ob er einen Kater hätte, wobei es am Vortag gar keinen Alkohol gab. Da bemerkte er, dass er am Vortag für seine Verhältnisse sehr schnell eingeschlafen war. Wurde er krank? War da etwa eine Grippe im Anmarsch?
Wie benommen erhob er sich von seinem Bett und ging ins Bad. Erst als er sich Wasser ins Gesicht spritzte, ging es ihm etwas besser. Vielleicht war das Essen nicht in Ordnung. Daher wollte er wissen, ob sich Marin auch so mies fühlte.
Er kehrte ins Zimmer zurück und sah nun, dass sein Nachbarbett leer war und ein Zettel darauf lag. Verwundert nahm er ihn in die Hand und laß die Nachricht:

Wenn ihr Marin Hollenbach lebend wiedersehen wollt, dann kommen ausnahmslos alle Lehrkräfte heute Abend um 20:00 Uhr zu den folgenden Koordinaten. Wenn die E-Wehr alarmiert wird, ist der Student ist tot.

Dann waren da noch ein paar Ziffern unter dem Text, die wohl die Koordinaten angaben.
Entsetzt laß sich Robin den Zettel ein paar Mal durch. Dann zog er sich schnell seine Schuhe an und rannte ins Verwaltungsgebäude. Da scheinbar niemand in seinem Büro war, suchte er Rektor Quinns Schlafzimmer auf. Er klopfte vehement an die Tür, bis der Rektor öffnete. Zum ersten Mal sah er den älteren Herrn mit den weißen Haaren und dem weißen Rauschebart unbeherrscht:
Was wollen Sie in aller Herrgottsfrühe von mir?“
Hier“, antwortete Robin und reichte dem Schulleiter den Zettel.
Dieser laß ihn sofort durch, wobei sich seine Augen weit öffneten. Dann sagte er schließlich:
In zehn Minuten in meinem Büro. Sagen Sie bitte auch Herrn Keller Bescheid.“

Und tatsächlich befanden sich alle Lehrkräfte, Robin sowie Jojo kurze Zeit später im Büro des Rektors. Sie saßen um den großen Konferenztisch herum und diskutierten.
Alle Lehrkräfte sahen besorgt aus – sogar der Wasser-Elementarist Herr von Zimmenthal, der sich zuerst äußerte:
Wir dürfen dieser Drohung nicht nachkommen.“
Aber dann ist Herr Hollenbach in großer Gefahr“, warf Frau Funke ein.
Wollen Sie etwa diesem Terroristen nachgeben?“, forderte sie Herr von Zimmenthal auf. „Wir dürfen uns auf keinen Fall darauf einlassen.“
Sie haben natürlich recht, Herr Kollege“, entgegnete Rektor Quinn zähneknirschend. „Aber ich bin andererseits nicht bereit, ein Risiko einzugehen und gegebenenfalls Herrn Hollenbach zu opfern.“
Darf ich etwas einwenden?“, meldete sich nun Robin.
Alle Lehrer blickten den jungen Elementaristen neugierig an. Sie fragten sich, was er zu sagen hatte.
Ja bitte, Herr Held?“, forderte ihn Quinn auf.
Also ich glaube, mein Angreifer steckt dahinter.“
Das denke ich auch“, stimmte Frau Funke zu. „Ich glaube, darüber sind wir uns einig.“
Und nach wie vor denke ich, dass Marin selbst dahinter steckt.“
Verblüfft blickten ihn alle inklusive Jojo an.
Wie kommen Sie darauf?“, hakte Herr von Zimmenthal nach.
Ich vermute, er hat mir gestern etwas ins Glas gekippt, damit ich in der Nacht nichts mitbekomme. Als ich heute aufwachte, fühlte ich mich ganz komisch. Wahrscheinlich konnte er sich deshalb heute Nacht unbemerkt aus dem Staub machen.“
Warum sollte er seine eigene Entführung vorspielen?“, wollte nun Frau Bottenberg wissen.
Er möchte Sie von der Schule weglocken, damit er freie Bahn hat. Oder warum sollte der mögliche Entführer ausgerechnet Marin entführen? Dann hätte er doch auch mich oder Jojo oder sonstwen entführen können? Außerdem musste der Entführer schon hier in der Schule gewesen sein oder stehen keine Wachposten von der E-Wehr vor dem Tor?“
Um ehrlich zu sein, wurden sie für die Weihnachtsfeiertage entlassen“, gab der Schulleiter zu.
Robin schüttelte entsetzt den Kopf. Das wusste er nicht.
Dennoch“, sprach er weiter, „spricht alles dafür, dass Marin selbst dahinter steckt.“
Ich bin nicht überzeugt“, meldete sich nun Herr von Zimmenthal. „Herr Hollenbach ist kein böser Mensch.“
Das glaube ich auch nicht“, fügte Frau Bottenberg hinzu. Auch Frau Funke nickte. Nur Frau d'Air hielt sich zurück, aber sie kannte den ehemaligen Schüler auch noch nicht so lange.
Also gut“, mischte sich nun Herr Quinn wieder ein. „Wir unternehmen erst einmal garnichts und warten ab. Wir dürfen uns als Lehrkräfte nicht so leicht aus der Reserve locken lassen. Aber wir alle bleiben zusammen. Keiner geht alleine irgendwohin. Am besten versammeln wir uns im Aufenthaltsraum. Da ist genug Platz für uns.“
So hatte der Rektor gesprochen und alle folgten diesen Anweisungen. Robin war erleichtert, dass sie nicht auf Marin reinfielen. Er war nun von seiner Meinung vollkommen überzeugt. Jojo sagte nichts dazu.
Schweigend versammelten sie sich im Aufenthaltsraum. Frau Bottenberg schaltete den Fernseher ein und ließ einen Kanal mit einem Weihnachtskonzert laufen. Alle setzten sich irgendwohin und schwiegen. Abwarten und Tee trinken war die Divise.

Es war etwa 20:30 Uhr am Abend. Man merkte, dass alle sehr nervös waren. Nun war die Frist bereits eine halbe Stunde verstrichen. Entweder hatte Robin recht und somit Marin nicht nachgegeben oder der junge Student war bereits Fischfutter.
Plötzlich flog ein Stein durchs Fenster. Glas zersplitterte und Herr von Zimmenthal rief:
Achtung!“
Alle duckten sich weg. Da lag nun der Stein mitten im Raum. Durch das zerbrochene Fenster wehte kalter Wind. Da sah Robin, dass ein Beutel an dem Stein befestigt war. Vorsichtig krabbelte er zu dem Stein.
Vorsicht!“, forderte Frau Funke ihn auf.
Das Elementum nahm den Beutel in die Hand und schaute hinein. Ein weiterer Zettel war darin, doch darauf waren rote Flecken. Blut.
Oh nein“, riefen Frau Bottenberg und Frau d'Air fast gleichzeitig.
Da ist noch etwas in dem Beutel“, sagte Robin völlig irritiert. Er kippte den Beutel auf dem Boden aus und ein Finger fiel heraus.
Alle hielten den Atem an.
Schließlich ging Herr von Zimmenthal auf Robin zu, nahm ihm den Zettel ab und laß vor:
Ich gebe Ihnen noch eine letzte halbe Stunde. Um 21:00 Uhr an den Koordinaten oder nicht nur seine Finger fehlen am Ende an seinem Körper.“
Das darf nicht wahr sein“, rief Frau Bottenberg erneut entsetzt. Dabei schlug sie sich die Hände vor den Mund.
Glauben Sie immernoch, Herr Hollenbach steckt selbst dahinter?“, fragte Herr von Zimmenthal das junge Elementum herausfordernd. Doch Robin war so geschockt, dass er darauf nicht reagieren konnte.
Nun durfte nicht lange gefackelt werden. Rektor Quinn forderte seine Kollegen auf, ihn zu begleiten. Jojo und Robin sollen sich derweil irgendwo auf dem Gelände verbarrikadieren. Eventuell war der Angreifer noch immer im Haus 4E.
Aber wir dürfen keine Zeit mehr verlieren.“
Damit war die Sache beschlossen.

Bevor die Lehrkräfte sich auf den Weg machten, mussten die beiden Jugendlichen ihrem Rektor in sein Büro folgen.
Ich zeige Ihnen jetzt ein Geheimversteck, in dem Sie bleiben, bis wir zurückkehren.“
Rektor Quinn schob den Teppich auf dem Boden zur Seite und eine Falltür zeigte sich.
Wow!“, kommentierte Robin.
Der Schulleiter öffnete die Klappe und bat die beiden Schüler, nach unten zu gehen.
Wenn wir in einer Stunde nicht zurück sind, alarmieren Sie die E-Wehr. Sie holt sie dann da raus.“
In Ordnung“, bestätigte Jojo, der als einziger von ihnen beiden in der Lage war, noch etwas zu sagen.
Machen Sie sich keine Sorgen. Niemand wird sie da unten finden. Nur die Lehrkräfte kennen dieses Geheimversteck.“
Irgendwie beruhigte das den Sechzehnjährigen immernoch nicht. Aber nun konnte er nicht mehr widersprechen.

Als die Falltür wieder zufiel, schaltete Jojo das Licht an. Sie befanden sich in einer Art Bunker. Die Wände, der Boden und die Decke waren aus Stahl. In dem Raum befand sich eine Bank und ein Schrank – beide ebenfalls aus Metall. Als Jojo in den Schrank hineinsah, entdeckte er ein paar Flaschen Wasser und ein paar Packungen mit Knabberzeug.
Dieser Bunker ist wohl nicht für einen Bombenangriff gebaut worden“, erklärte der Erd-Elementarist. „Hier soll man wohl nur für eine gewisse Zeit ausharren müssen.“
Ersticken werden wir nicht“, sagte Robin schließlich, weil er einen Luftschacht entdeckte. „Immerhin.“
Dann holte er sein Handy aus der Hosentasche und sah, dass er tatsächlich Empfang hatte. Sofort wählte er Marinas Nummer, die auch recht schnell ranging.
Hallo, Robin! Wie läuft es im Haus 4E?“
Ihre Stimme klang fröhlich, doch Robin konnte ihre Stimmung nicht erwidern:
Hier läfut es drunter und drüber. Dein Bruder wurde scheinbar entführt. Die Lehrer sind gerade auf der Rettungsmission.“
Oh nein!“, spieh sie entsetzt aus.
Jojo und ich verstecken uns gerade hier in einem geheimen Bunker.“
Ernsthaft?“
Ich vermute immernoch, es ist eine Falle.“
Und wer steckt deiner Meinung nach dahinter?“
Ich vermute immernoch, dass Marin das selbst inszeniert.“
Was?“
Du weißt, was er für einer ist“, sprach er auf seine Freundin ein.
Ja, Marin ist ätzend“, bestätigte das Mädchen. „Du weißt, ich kann meinen Bruder nicht leiden. Aber das würde er dennoch niemals tun. Glaube mir, er ist nicht der Angreifer.“
Ich würde mir wünschen, dass du recht hast.“
Robin, ich mache mich sofort auf den Weg zu euch. In ein paar Stunden bin ich da.“
Damit legte die Wasser-Elementaristin auf. Robin dachte sich innerlich, dass es bis dahin bestimmt schon vorbei war.