Sonntag, 15. Oktober 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 12

Mittlerweile war bereits der Dezember angebrochen und somit die Weihnachtszeit im vollen Gange. Draußen lag zwar noch kein Schnee, aber es war ziemlich kalt. Teilweise gingen die Temperaturen in die Minusgrade – zumindest in der Nacht.
Im Gesellschaftslehre-Unterricht bei Frau Bottenberg äußerte die Lehrerin eine Idee:
Hättet ihr dazu Lust, dass wir in dieser Klasse wichteln?“
Ein Raunen ging durch den Raum, aber da meldete sich Aria.
Ja, bitte, Frau Himmel?“, forderte die Lehrerin das Mädchen auf.
Ich finde es eine super Idee. Diese Tradition ist schon lange ein Bestandteil unserer Gesellschaft und ich finde, dass wir durch die kleinen Geschenke näher zusammenwachsen. Außerdem müssen wir ja nicht so viel Geld dafür ausgeben.“
Ich stimme Ihnen da völlig zu. Hat aber jemand ein Gegenargument, warum wir dies nicht durchführen sollten?“
Keiner meldete sich, denn insgeheim fanden die meisten die Idee doch sehr schön. Und so wurde es tatsächlich in Angriff genommen. Aria unterstützte Frau Bottenberg beim Schreiben der Zettelchen. Dann wurden sie in ein kleines Körbchen gelegt und Aria ging herum, um jeden ein Zettelchen ziehen zu lassen. Sie selbst behielt heimlicherweise Robins Namen. Sie wollte ihm unbedingt eine kleine Freude machen, auch wenn die Situation zwischen ihnen noch irgendwie seltsam war. Sie hoffte, dass auch er ihren Namen ziehen würde.

Doch Robin hatte einen ganz anderen auf dem Zettel: Marina. Er war total positiv überrascht und lächelte wie ein Hunigkuchenpferd. Aria bezog es darauf, dass er tatsächlich ihren Namen gezogen hatte. Das freute auch sie und so ging sie gut gelaunt weiter.
Jojo freute sich ganz und garnicht, als er den gezogenen Zettel auffaltete:
Oh nein!“, stieß er enttäuscht aus.
Auf dem Zettel stand der Name seiner Lehrerin Frau Bottenberg. Sie hatte ja angekündigt, dass sie ebenfalls mitwichteln würde. Jetzt hatte er die Aufgabe, ihr etwas zu besorgen. Darauf hatte er überhaupt keine Lust und darüber hinaus wüsste er nicht, was er ihr überhaupt kaufen sollte.
Iggy hingegen war mit seiner Ziehung sehr zufrieden. Es war ein hübscher Erd-Elementarist aus der Klasse. Sein Name war Peter und er war dem Rotschopf schon öfter positiv aufgefallen. Peter Töpfer hatte schwarzes, volles Haar, welches ihm halb über die Stirn fiel. An den Ohren standen sie niedlich zur Seite ab. Hinzu kam sein unglaublich breites Grinsen, welches er ständig auf den Lippen hatte. Damit hatte man immer einen Blick auf seine strahlend weißen Zähne. Das Besondere an dem jungen Erd-Elementarist war allerdings sein Kleiderstil. Er trug zwar wie alle anderen Jungs in der Klasse T-Shirts und Jeans, hatte aber immer ein modisches Sakko darüber. Das wirkte ziemlich elegant. Iggy vermutete, dass er aus einem guten Hause stammte und daher quasi für jeden Anlass gewappnet sein musste. Das gefiel dem Feuer-Elementaristen. Nun musste er sich nur überlegen, was er dem Jungen schenken würde.
Als alle Schüler ihren Zettel hatten, blieb noch einer im Körbchen zurück. Das war der, der für Marina übrig blieb, wenn sie wieder zurückkommen würde. Frau Bottenberg nahm ihn an sich.

Am Ende der Unterrichtsstunde machten sich die vier Freunde gemeinsam auf den Weg zum nächsten Fach. Aria war sehr beschwingt:
Ich finde es toll, dass wir wichteln. Mir macht das unheimlich Spaß.“
Das hat man gemerkt“, kommentierte Iggy.
Ich finde das ja nicht so toll“, wendete Jojo ein.
Warum hast du dich dann nicht gemeldet und was gesagt?“, fragte Aria nun gespielt beleidigt.
Ich wusste ja vorher nicht, dass ich unsere Lehrerin ziehen würde.“
Hey“, beschwerte sich die Luft-Elementaristin, „nicht verraten, wen du gezogen hast! Das zerstört den Sinn der Sache.“ Bei diesem Satz hüpfte sie davon und ließ die drei Jungs alleine. Sie wollte nicht erfahren, wen die anderen gezogen hatten, denn sie wollte sich die Überraschung nicht nehmen lassen.
Die nimmt das ja ziemlich ernst“, merkte Jojo an.
Wen hast du denn gezogen, Robin?“, wollte Iggy von seinem besten Freund wissen.
Marina.“
Oh“, war die Reaktion des rothaarigen Elementaristen.
Was ist daran so besonders?“, interessierte nun Jojo. „Wolltest du lieber Aria haben?“
Nein“, antwortete das Elementum. „Im Gegenteil, ich bin sehr zufrieden.“
Was?“, hakte der Erd-Elementarist überrascht nach. „Heißt das jetzt etwa, du stehst nicht mehr auf Aria, sondern auf Marina?“
Du bist ja ein Blitzmerker“, neckte Iggy.
Ihr erzählt mir ja auch nichts“, beschwerte sich Jojo.
Okay, dann erzähle ich es dir nun.“ Robin holte tief Luft, bevor er fortfuhr. „Ja, ich habe mich in Marina verliebt. Das kam total unverhofft. Aber ich kann es einfach nicht Aria sagen. Sie denkt, ich stehe auf sie. Deshalb ist auch Marina beleidigt und redet nicht mehr mit mir.“
Ach“, stellte Jojo entgeistert fest, „Marina steht auch auf dich?“
Das weiß ich nicht“, entgegnete das junge Elementum nachdenklich.
Wie? Das weißt du nicht? Aber wenn Marina so reagiert, muss ihr an dir etwas liegen.“
Jojo hat recht“, bestätigte Iggy.
Bei diesem Gedanken wurde es Robin warm ums Herz. Seine beiden Freunde hatten nicht Unrecht. Wenn Marina nichts für ihn empfinden würde, hätte sie nicht so eingeschnappt reagiert, als sie gehört hatte, dass er mit Aria verabredet war. Diese Schlussfolgerung machte ihn innerlich ziemlich glücklich und er fing zu grinsen an.
Jetzt musst du das nur mit Aria klären“, gab Iggy zu Bedenken. Und das brachte Robin wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Er seufzte lautstark.
Nun hatten sie den Naturwissenschaftsraum erreicht und machten sich auf eine Stunde mit Frau Funke bereit.

Am Nachmittag saßen die drei Jungs wieder gemeinsam im Aufenthaltraum und sprachen über das Wichteln. Jojo fragte seine Freunde, was er Frau Bottenberg kaufen sollte.
Vielleicht eine Schachtel Pralinen“, schlug Robin vor.
Meinst du, weil sie so dick ist?“, hakte Iggy skeptisch nach. „Das ist ganz schön gemein.“
So war das nicht gemeint“, verteidigte sich der Sechzehnjährige schnell wieder. „Aber etwas anderes fällt mir auch nicht ein.“
Vielleicht solltest du deiner Marina Pralinen kaufen“, schlug Jojo vor. „Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen.“
Für zehn Euro bekommt man zwar ganz anständige Pralinen, aber dann bräuchte ich noch Blumen und eine Karte. Sonst wirkt das nicht“, erklärte das Elementum. „Aber dafür reicht das Budget dann doch nicht aus. Es muss etwas anderes sein. Nichts Teures, aber etwas Besonderes.“
Dann solltest du etwas selbst machen“, empfohl nun der Rotschopf.
Das ist eine gute Idee“, freute sich Robin. „Du bist ein Genie.“
Nein“, wehrte Iggy ab, „ich hatte nur die gleiche Idee für mein Wichtelkind.“
Wen hast du denn gezogen?“, wollte Jojo sodann wissen. „Da bin ich gespannt.“
Entsetzt schaute der rothaarige Junge seinen Kumpel an und wurde schlagartig rot im Gesicht.
Nun sag schon“, forderte er erneut auf.
Iggy konnte nun nicht mehr ausweichen und musste wahrheitsgemäß antworten:
Ich habe Peter gezogen.“
Peter?“, hinterfragte der Erd-Elementarist verwirrt. „Bist du schwul oder was?“ Bei dieser Frage lachte Jojo laut los. Er dachte, er hatte einen super Witz gerissen.
Stattdessen wurde Iggy sauer und schaute ihn böse an. Jojo erwartete, dass sein Kumpel es abstritt und schaute ihn erwartungsvoll lächelnd an. Doch der Rotschopf kniff seine Augen nur weiter zusammen, stand auf und verließ beleidigt den Raum.
Was war denn das?“, fragte Jojo nun ein wenig verstört.
Du hast einen wunden Punkt getroffen“, erklärte Robin. „Du solltest ein wenig auf seine Gefühle Rücksicht nehmen.“
Ist er wirklich schwul?“
Er ist sich da selbst noch nicht hunderprozentig sicher, aber ich denke schon. Wir hatten da schon selbst die ein oder andere Auseinandersetzung. Er ist nicht geoutet, also sollten wir ihn nicht darauf ansprechen.“
Ups“, entfuhr es Jojo peinlich berührt. „Das ist mir jetzt unangenehm. Ich wollte ihn deshalb nicht aufziehen. Ich habe nichts gegen Schwule.“
Mach dir keine Gedanken. Iggy ist zwar schnell mal eingeschnappt, aber man kann mit ihm reden. Er ist eben ein kleiner Hitzkopf, was wahrscheinlich seinem Element zu verdanken ist. Aber glücklicherweise kühlt er auch schnell wieder ab. Sprich einfach das nächste Mal mit ihm. Das wirst du schon wieder hinbiegen. Da bin ich mir sicher.“
Puh! Heute habe ich ganz schön viel Neues erfahren. Erst die Sache zwischen Aria, Marina und dir und dann noch das mit Iggy.“
Du solltest öfter mal mehr reden. Dann würdest du das alles mitbekommen.“
Ich bin doch eher der Beobachter“, wehrte sich der hühnenhafte Junge.
Dann hast du aber nicht so genau hingeschaut“, kritisierte Robin spaßeshalber.
Beide fingen zu lachen an.