Sonntag, 10. September 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 8

Als Robin am nächsten Morgen langsam die Augen öffnete, erschrak er. Er war in Marinas Zimmer eingeschlafen. Das wollte er nicht. Er hatte nun ein schlechtes Gewissen. Hoffentlich hatte man ihn nicht entdeckt.
Leise schlich er sich aus dem Zimmer und auf Zehenspitzen wollte er zurück ins Gästezimmer laufen. Doch an der Wendeltreppe hörte er erneut die Stimmen seiner Gastfamilie. Marin sprach zu seinen Eltern:
Wir müssen etwas unternehmen, bevor sich Marina etwas antut.“
Robin traute seinen Ohren nicht. Was ging da vor?
Woher hast du diesen Text?“, wollte Muriel von ihrem Sohn wissen.
Ich fand ihn am Klavier im Musikraum. Den hat Marina dort vergessen. Sie hat den Text geschrieben.“
Muriel las vor:
Ich kann nicht mehr, denn es ist viel zu schwer. Diese Last kann ich nicht mehr, ich kann sie nicht ertragen.“
Oh nein!“, rief Marius aus.

Und ich denk, ich will nimmer, nimmer mehr“, las Marinas Mutter weiter.
Seht ihr“, sprach Marin weiter. „Sie hat Suizidgedanken.“
Du meinst, sie will sich umbringen?“, rief Muriel erschrocken.
Das ist unmöglich“, protestierte Marius. „Aber doch nicht unsere Tochter.“
Marin widersprach:
Sie kann wohl den Druck nicht mehr standhalten. Ihr fällt es schwer, die guten Leistungen zu halten. Daher kann sie nicht mehr weiterleben. Ihr müsst sie aus dem Haus 4E holen und zu einem Psychologen bringen.“
Meinst du wirklich?“
Robin wusste nicht, was er denken sollte. Das war doch nicht wahr. Marina hat diesen Song nicht geschrieben, weil sie Selbstmordgedanken hatte. Sie konnte einfach nur nicht mehr damit umgehen, wie sie von Tiberius von Zimmenthal behandelt wurde. Deshalb wollte sie sich doch nicht gleich umbringen. Marin erzählte seinen Eltern Schwachsinn.
Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob er es richtig stellen sollte. Doch er behielt es zunächst für sich und schlich sich schnell auf sein Gästezimmer. Er würde es Marina heute Nachmittag erzählen, damit sie vorgewarnt war und es ihren Eltern erklären konnte.

Am Nachmittag kamen Marin und Robin wieder im Internat an. Er machte die ganze Zeit über gute Miene zum bösen Spiel. Er wartete darauf, endlich mit Marina sprechen zu können.
Am Tor vom Haus 4E verabschiedete sich Robin schnell von Marin. Er eilte auf sein Zimmer, legte seine Tasche ab und machte sich auf der Suche nach Marina. Eigentlich war es nicht erlaubt, sich als Junge im Mädchentrakt herumzutreiben. Aber er musste es einfach Marina erzählen.
Er klopfte an ihre Tür. Doch niemand öffnete. Vielleicht war sie in der Schwimmhalle. Schnell stieg er die Kellertreppen hinab zum Pool. Er betrat die Halle und tatsächlich sah er das Mädchen im Wasser. Sie machte ihre Bahnen, ohne auf ihn zu achten. Sie war ganz in ihrem Element. Wie ein Delfin schwamm sie umher. Es sah sehr geschmeidig aus. Robin beobachtete sie fasziniert und er war völlig in Gedanken versunken, bis Marina ihn bemerkte. Sie stieg aus dem Wasser und der Sechzehnjährige erstarrte. Sie sah wunderschön aus in ihrem royalblauen Bikini. Sie hatte eine perfekte Figur. Ihre Brille hatte sie nicht auf, sodass er zum ersten Mal in ihre wunderschönen Augen blicken konnte. Die Haare hatte sie zu einem Knoten zusammengesteckt.
Das Mädchen schnappte sich ihr Handtuch und lief schnurstracks auf Robin zu. Er freute sich und fing sofort an, loszuplappern:
Hallo Marina! Schön, dich wiederzusehen. Ich muss mit dir sprechen. Etwas ist bei dir zuhause passiert. Oder besser gesagt, ich habe ein Gespräch mitangehört.“
Marina kam näher auf ihn zu. Doch ihr Blick ging durch ihn hindurch. Schließlich lief sie an ihm vorbei, ohne auf ihn zu reagieren. Perplex drehte er sich um.
Was ist los?“, wollte er wissen. „Warum sprichst du nicht mit mir?“
Ohne sich umzudrehen, antworte sie mit kühler Stimme:
Sprich doch einfach mit Aria. Du hast ja ein Date mit ihr. Da habt ihr bestimmt viel Zeit für Gespräche.“
Damit verschwand sie aus der Tür und ließ Robin einfach stehen. Ihm war völlig vor den Kopf gestoßen und er wusste nicht, wie ihm geschah. Sie wusste von der Verabredung mit Aria und das hatte sie verletzt. Jetzt wollte sie nicht mehr mit ihm reden. Wie konnte das nur passieren?

Als Robin wieder auf seinem Zimmer zurückgekehrt war, war auch Iggy dort. Seufzend schmiss sich der Sechzehnjährige auf sein Bett.
Hey Alter“, begrüßte ihn der Feuer-Elementarist. „Was geht? Wie war es in Hamburg?“
Katastrophal“, antwortete der Sechzehnjährige knapp.
So übel?“, hakte Iggy nach. Da raffte sich Robin auf und setzte sich an den Bettrand.
Eigentlich war die Lektion super. Ich habe sie mit Bravur gemeistert und etwas Neues gelernt.“
Das klingt doch fantastisch“, beglückwünschte ihn der Rotschopf. „Also warum so betrübt?“
Marina spricht nicht mehr mit mir. Sie ist sauer, weil ich eine Verabredung mit Aria habe.“
Oh“, zögerte Iggy. „Das klingt nicht gut. Aber warum hast du auch ein Date mit Aria? Ich dachte, du stehst mittlerweile auf Marina.“
Ich hatte das Aria schon viel früher versprochen. Und da konnte ich nicht mehr absagen. Das ist absolut dumm gelaufen.“
Ach Robin, dann musst du das klären.“
Wie denn, wenn Marina gar nicht mehr mit mir reden möchte?“
Vielleicht solltest du das erst einmal mit Aria klären, bevor du etwas mit Marina anfängst. Du musst für klare Verhältnisse sorgen.“
Robin wusste, dass sein bester Freund recht hatte.
Wie konnte er immer nur in so etwas reingeraten? Irgendwas lief da in seinem Leben gründlich schief.

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