Sonntag, 27. August 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 6

In den nächsten Tagen hatte Robin eine ganz gute Ablenkung von seinen Problemen mit den Frauen. Klausuren mussten in fast allen Fächern geschrieben werden. Und das Lernen hierfür raubte ihm die Zeit. Oft saß er mit seinem ganzen Zirkel zusammen in der Bibliothek des Internats und grübelte über Matheaufgaben oder Lektürenhilfen. Er wollte schließlich seinen Lehrern, aber vor allem Tiberius von Zimmenthal, beweisen, dass er alles unter einen Hut bekam.
Mittlerweile war es schon Dezember und in ein paar Wochen waren Weihnachtsferien. Robins Eltern riefen an und besprachen mit ihm die Urlaubspläne. Wie in jedem Winter wollten sie die Zeit über Weihnachten und zwischen den Jahren in Österreich in einer Skihütte verbringen. Der Skiurlaub war zu einer gewissen Tradition geworden.
Das klingt ja super“, freute sich Iggy für seinen besten Freund, als er ihm davon erzählte. „Ich würde auch gerne mal Skifahren lernen. Aber meine Eltern halten nichts von Kälte. Sie würden stattdessen viel lieber in den Süden fliegen.“
Typische Feuer-Elementaristen?“, fragte der Sechzehnjährige nach.
Genau“, bestätigte der Rotschopf. „Aber du kannst mir ja wenigstens eine Postkarte aus Österreich schicken.“
Das mache ich. Aber ich muss zugeben, dass ich dieses Jahr gerne Silvester mit euch verbracht hätte.“

Jetzt wirst du aber sentimental“, lachte der rothaarige Schüler seinen Freund aus. „Du willst den Jahreswechsel mit deinen neuen Freunden verbringen. Wie süß!“
Es ist nicht nur wegen Silvester“, widersprach Robin. „Jedes Jahr verbringe ich den Jahreswechsel mit meinen Eltern in der Skihütte, was auch ganz nett ist. Aber manchmal würde ich auch gerne mit meinen Freunden feiern, denn schließlich feiere ich an Neujahr auch meinen Geburtstag.“
Ach“, wunderte sich Iggy, „du hast an Neujahr Geburtstag?“
Das wissen wir nicht genau. Ich wurde ja von meinen Eltern adoptiert. Mein genaues Geburtsdatum ist unbekannt. Aber meine Eltern fanden es ganz nett, dass ein großes Feuerwerk nicht nur das neue Jahr einleitet, sondern eben auch mein neues Lebensjahr.“
Das ist ja cool!“
Irgendwie schon, aber nicht, wenn du es nie mit deinen Freunden feierst. Und jetzt, da ich hier im Haus 4E so tolle Freunde wie euch gefunden habe, würde ich meinen Geburtstag auch mal gerne mit euch feiern.“
Das kann ich verstehen“, bestätigte Iggy. „Dann sprich doch mal mit deinen Eltern, ob du Silvester und Neujahr dieses Jahr im Internat verbringen darfst.“
Aber ihr alle werdet eure Ferien doch bei euren Familien verbringen. Zudem schließt das Internat in den Weihnachtsferien. Die Lehrer wollen bestimmt auch zu ihren Familien.“
Mist“, fluchte Iggy, „das hatte ich garnicht bedacht.“
Aber ich habe eine andere Idee“, warf das Elementum motiviert ein. „Ich lade euch einfach zu mir nach Hause ein. Ich spreche mit meinen Eltern darüber, dass ich ein paar Tage früher aus dem Urlaub nach Hause zurückkehre. Sie sollen ruhig noch länger in Österreich bleiben. Dann haben wir das Haus für uns.“
Sturmfreie Bude“, ergänzte der Junge mit den Sommersprossen lausbubenhaft.
Genau!“, stimmte Robin zu. „Das wird spitze, sage ich dir.“
Damit waren die Pläne für Silvester gefasst. Und als Marina, Aria und Jojo davon hörten, waren sie begeistert.

Nach der Schule konnte dann endlich das Wochenende für die Schüler anbrechen. Alle waren erleichtert, dass sie die Klausuren zunächst einmal überstanden hatten. Deshalb gönnten sie sich einen freien Nachmittag und ließen ausnahmsweise ihre AGs ausfallen. Sogar der muskelbepackte Jojo verzichtete auf sein Krafttraining. Gemeinsam setzten sie sich in den Aufenthaltsraum und machten sich auf der Lümmelcouch und den beiden Sesseln gemütlich.
Puh“, stöhnte Aria, „bin ich geschafft. Das war eine anstrengende Woche.“
Das kannst du laut sagen“, bestätigte Marina.
Was?“, wunderte sich das blonde Mädchen über ihre schlaue Freundin. „Für dich sind die Klausuren doch ein Klacks?“
Das glaubst aber auch nur du“, wehrte Marina diesen Vorwurf ab. „Die Lehrer haben größere Erwartungen in mich. Besonders Herr von Zimmenthal erwartet Bestleistungen von mir. Jetzt, da mein Bruder hier ist, stehe ich noch mehr unter Beschuss.“
So darfst du das nicht sehen“, warf Robin ein. „Dir sollte es egal sein, was sie erwarten. Wenn du alle Aufgaben richtig löst, dann können sie dir nur 15 Punkte geben. Mehr gibt es sowieso nicht zu holen.“
So mag das theoretisch sein“, erklärte das Mädchen mit der Nerdbrille, „aber praktisch sieht das ganz anders aus. Bei mir schauen sie noch mehr nach Kleinigkeiten.“
Jetzt übertreib’ aber nicht“, mischte sich nun Iggy in das Gespräch ein. „Das stimmt vielleicht beim Herrn von Zimmenthal. Die anderen Lehrer sind aber bestimmt fair. Da kriegst du sowieso deine Eins. Da brauchst du dir keine Gedanken machen.“
Jetzt aber mal Schluss mit den Klausuren und der Schule“, befahl Aria. „Wir haben Wochenende und wir sollten das genießen.“
Doch da trat plötzlich eine Lehrerin in den Raum. Es war Serafina Funke, die schnurstracks auf die Gruppe zulief. Verdutzt blickten die Schüler ihre Lehrerin mit dem Element Feuer an.
Guten Abend, ihr Lieben. Entschuldigt bitte die Störung. Ich weiß, es war eine anstrengende Woche und ihr habt euer Wochenende verdient. Aber leider ist es für Sie, Herr Held, noch nicht vorbei. Wir Lehrkräfte würden Sie gerne wieder wohin schicken, damit Sie Neues im Hinblick auf ihre Kräfte lernen.“
Eine neue Reise?“, hakte das junge Elementum nach.
Genau“, bestätigte die Lehrerin. „Wir möchten sie morgen früh bis Sonntagabend nach Hamburg schicken. Dort möchte jemand ihnen eine Lektion zum Element Wasser erteilen. Herr von Zimmenthal hat das für Sie arrangiert.“
Oh“, wunderte sich Robin, „ich bekomme doch hier schon exzellente Nachhilfe von Marinas Bruder.“ Dabei sprach er das Wort exzellent sehr ironisch aus.
Das mag sein“, entgegnete die Lehrerin mit den roten Locken ihrem Schützling, „aber auch Herr Hollenbach ist der Meinung, dass zusätzliche Hilfe nötig ist, um sie voranzubringen. Übrigens wird er sie auch nach Hamburg begleiten.“
Wie bitte?“, erschrak er. Auch die anderen schauten die Lehrerin schockiert an. Alle, außer Marina.
Die Familie Hollenbach stammt ja aus Hamburg. Aber mehr dazu werden Sie noch erfahren.“
Alle Blicke fielen auf Marina.
Ihr wisst doch, dass ich Hamburgerin bin“, sprach sie verwirrt, „oder etwa nicht?“
Hmpf“, grunzte Robin störrisch.
Nun gut“, fuhr Frau Funke fort, „ich lasse Sie jetzt wieder allein. Genießen Sie den Abend.“ Damit machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum.
Doch weiterhin blieben die Augen auf Marina gerichtet. Erwartungsvoll schauten sie ihre Freunde an.
Was wollt ihr von mir hören?“, sprach sie nun. „Es ist nicht meine Schuld, dass Marin mit Robin nach Hamburg fährt.“
Das haben wir auch nie behauptet“, entgegnete Aria bissig. „Aber hast du davon gewusst?“
Nein, natürlich nicht“, wehrte das Mädchen mit den langen braunen Haaren vehement ab.
Dann ist ja gut“, sprach Aria nun fröhlich und grinste ihre Mitschülerin freudestrahlend an.
Auch die anderen wurden wieder lockerer. Nur Robin nicht.
Jetzt sei nicht so geknickt“, forderte ihn Iggy auf. „Freu dich doch auf Hamburg. Das ist eine schöne Stadt. Und vergiss Marin.“
Ach“, entgegnete der Sechzehnjährige missmutig, „ich habe das Gefühl, als hätte ich ein Déjà-vu.“
Du meinst“, ergänzte der Rotschopf, „dein Ausflug nach Hamburg mit Skye.“
Robin nickte zustimmend.
Aria begann zu lachen, bevor sie sagte:
Du meinst, du machst schon wieder eine Reise mit einer ungewollten Begleitperson? Aber Robin, diesmal denke ich, dass dir keiner an den Kragen will. Marin ist schließlich Marinas Bruder. Nicht?“, wendete sie sich an die Wasser-Elementaristin.
Marina blieb jedoch stumm und nickte lediglich.
Ich weiß“, gab Robin schließlich nach. „Trotzdem habe ich keine Lust.“
Du wirst es überleben“, spornte Iggy seinen besten Freund an.
Was sagst du denn dazu?“, forderte Aria den stets ruhigen Jojo auf, der dem Gespräch aufmerksam folgte, aber nicht ein Wörtchen dazu sagte. Verdutzt blickte er in die Augen des Mädchens. Da fingen alle zu lachen an.
Mit ihr kann man auch ausgelassen sein, kam es Robin plötzlich in den Sinn.

Nach und nach machten sich die Jugendlichen zurück in ihre Zimmer. Sie waren müde und wollten endlich in ihre Betten. Obwohl Robin ein wahrscheinlich anstrengendes Wochenende vor sich hatte, wollte er die Situation nutzen und bat Aria, noch einen Augenblick zu warten.
Mittlerweile waren sie allein im Aufenthaltsraum. Sogar ihre anderen Mitschüler hatten das Zimmer bereits verlassen. Die Stille war seltsam, denn die beiden kannten den Raum nur voll belebt. Normalerweise tummelten sich die Schüler in der Sitzecke, stießen die Kugeln beim Billardtisch an oder spielten Brettspiele an der großen Tischgruppe. Doch jetzt war das Zimmer leer.
Du möchtest mit mir reden?“, fragte Aria neugierig nach. „Was gibt es denn?“
Es gibt etwas, das mir auf der Seele brennt“, begann Robin aufgeregt. Sein Herz pochte und seine Handflächen wurden schwitzig.
Nun rück schon damit raus!“, forderte sie ihn energisch auf.
Da fiel ihm wieder auf, was ihn so an ihr fasziniert hatte. Aria war nicht nur total hübsch, sondern auch selbstbewusst. Sie war das komplette Gegenteil von der ruhigen und zurückhaltenden Marina. Sie war stürmischer von ihrer Art her. Sie konnte den Mund aufkriegen, wenn es sein musste und ließ sich auch nichts sagen. Sie war tough.
Was ist nun?“, riss sie ihn aus seinen Gedanken. Gespannt wartete sie auf seine Worte.
Ich wollte mit dir über Folgendes sprechen“, startete er einen neuen Versuch. „Du kannst dich vielleicht erinnern, dass ich dir ja noch eine Verabredung schulde.“
Ach stimmt“, unterbrach sie ihn sofort. „Na endlich kommst du damit raus. Ich dachte schon, du würdest mich nie wieder darauf ansprechen. Aufgeschoben heißt ja nicht aufgehoben. Sehr gerne würde ich das mit dir nachholen.“
Völlig perplex blickte er ihr ins Gesicht. Das Gespräch nahm eine Wendung, die er nicht beabsichtigt hatte. Das weißblonde Mädchen nahm seine Hände in ihre und schaute ihm direkt in die Augen.
Nächstes Wochenende gehen wir miteinander aus. Diesmal richtig und ohne ungebetene Zwischenfälle.“
Aber...“, wollte er einwerfen, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen.
Ich weiß, dass du in letzter Zeit viel um die Ohren hattest. Nach dem ganzen Ärger mit Skye und nun mit Marinas Bruder hattest du keine Zeit für eine Verabredung mit mir. Das kann ich verstehen. Deshalb habe ich dich auch nicht mehr darauf angesprochen. Ich wusste, du würdest auf mich zukommen, sobald du wieder etwas freier im Kopf bist.“
Der Sechzehnjährige wusste gar nicht mehr, was er dazu sagen sollte. Er fühlte sich komplett überrumpelt. Er konnte Aria jetzt nicht mehr sagen, dass er eigentlich kein Interesse mehr an einem Date mit ihr hatte. Das war unmöglich. Deshalb blieb er still und überließ seiner Mitschülerin weiterhin das Wort.
Nächsten Samstag gehen wir hier in Frankfurt irgendwo schick essen und danach tanzen. So hatten wir das damals ausgemacht. Schließlich will ich dir ein paar Moves zeigen.“
Da er nur lächelte und nichts dazu sagte, fragte sie weiter:
Oder willst du lieber ins Kino?“
Nun konnte er seinen Mund nicht mehr geschlossen halten. Er musste ihr eine Antwort geben, sonst würde die Situation noch merkwürdiger werden.
Nein, das ist schon in Ordnung so. So hatten wir das damals ausgemacht.“
Super“, freute sich die Luft-Elementaristin. „Ich kann es kaum erwarten. Aber jetzt brauche ich auch mal meinen Schönheitsschlaf. Ich wünsche dir viel Spaß in Hamburg! Und dass du mir ja nicht was mit einer Braut von der Reeperbahn anfängst.“ Sie zwinkerte ihm zu, gab ihm ein Küsschen auf die Wange und verließ den Aufenthaltsraum.
Robin blieb völlig verstört zurück. Nun kam alles anders, als er es geplant hatte. Eigentlich wollte er die Sache mit Aria komplett abschließen. Nun sah es so aus, als ob er direkt in eine sich anbahnene Beziehung zu dem Mädchen geraten wäre. In der kommenden Woche hatte er ein Date mit ihr. Und bei einem Date führt das eine zum anderen. Er geriet ins Schwitzen. Was sollte er nur tun?
Er konnte die Verabredung nicht mehr absagen. Versprochen war versprochen und wurde auch nicht gebrochen. Und nach dieser Unterhaltung erst recht nicht. Denn Aria ging nun davon aus, dass er noch immer Interesse an ihr hatte. Er konnte keine Kehrtwendung mehr machen. Das war zu spät.
Ihm blieb nichts anderes mehr übrig als abzuwarten. Er nahm sich vor, erst einmal das Wochenende rumzukriegen. Danach konnte er sich immernoch weitere Gedanken über die Verabredung mit Aria machen. Jetzt hatte er zunächst eine andere ungewollte Verabredung: mit Marin.
Bedrückt begab er sich in sein Zimmer. Iggy schlief schon in seinem Bett und schnarchte leise. Kurz putzte er sich noch die Zähne, zog sich seine Schlafklamotten über und legte sich auch ins Bett. Ein anstrengendes Wochenende wartete auf ihn.