Sonntag, 20. August 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 5

Einige Tage später hatte Robin erneut eine Nachhilfestunde bei Marinas Bruder. Als sie in der Schwimmhalle eintrafen, hatte der Sechzehnjährige diesmal seine eigenen Badeshorts an. Er wollte nicht noch einmal in das Vergnügen geraten, einen Badeslip von Marin anziehen zu müssen.
Heute machen wir eine ganz besondere Übung“, begann der Nachhilfelehrer, als sie mittem im Becken schwammen. „Du sollst eins mit dem Wasser werden.“
Und was bedeutet das?“
Das klingt vielleicht etwas revolutionär, aber deine Aufgabe wird es einfach sein, nicht zu ertrinken.“
Wie bitte?“, fragte der Junge erstaunt nach. Er traute seinen Ohren nicht. „Wie meinst du das?“
Das Wasser wird auf dir einprasseln, als gäbe es kein Morgen mehr. Und du musst es geschehen lassen, dich darauf einlassen und dich dem Wasser zugehörig fühlen.“
Und gleichzeitig darf ich nicht sterben“, seufzte das junge Elementum resigniert. Er war darauf überhaupt nicht vorbereitet und wusste aber, dass Marin von dieser Schnapsidee nicht abzubringen war.
Also Augen zu und durch!

Da fing es auch schon an. Das Wasser vibrierte plötzlich um die beiden herum. Leichte Wellen bildeten sich und Marin trieb langsam von seinem Nachhilfeschüler weg.
Entspann dich“, forderte er ihn sogar noch auf, bevor er am Beckenrand angekommen war und Robin sich nun alleine inmitten des Beckens befand.
Die Wellen wurden immer höher und der sechzehjährige Elementarist versuchte sich schwimmend in der Mitte zu halten, ohne abzudriften. Bisher fand er diese Aufgabe auch noch nicht schwer. Doch die Wellen wurden immer höher und heftiger. Irgendwann ergoß sich ein ganzer Wasserschwall über ihn und Robin wurde nach unten gerissen. Mit aller Kraft schwamm er wieder an die Wasseroberfläche und holte tief Luft.
Ihm blieb aber nicht viel Zeit, denn wieder ergoss sich eine Welle über ihn und wieder wurde er nach unten gerissen. Erneut schwamm er in Richtung Oberfläche, doch diesmal kam es ihm viel länger vor, bis er sie erreichte. Er hasste es beim Tauchen die Augen zu öffnen, doch ihm blieb nichts anderes übrig. Er spürte, wie das Chlor in seinen Augen brannte. Sein Blick war verschwommen, doch dann sah er, dass er der Oberfläche gar nicht näher kam. Er schwamm und schwamm, doch er erreichte die Luft nicht. Schließlich geriet er in Panik.
Ihm ging langsam die Luft aus und er musste einfach an die Oberfläche. Seine Schwimmbewegungen wurden intensiver und mit aller Kraft versuchte er, nach oben zu schwimmen. Doch stattdessen wurde er scheinbar sogar noch weiter in die Tiefe gezogen.
Was soll das?, dachte er sich. Was passiert hier?
Er konnte die Luft nicht mehr anhalten. Wie lange war er jetzt unter Wasser? Eine Minute? Oder sogar schon zwei? Er kriegte keine Luft mehr. Seine Lungen brannten und schließlich öffnete er seinen Mund, um nach Luft zu schnappen. Doch stattdessen schluckte er nur Wasser. Verzweifelt ruderte er mit Händen und Füßen. Würde er jetzt ertrinken? Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er versuchte, nach Hilfe zu rufen, doch stattdessen drang lediglich ein Gurgeln aus ihm heraus.
Da erst fiel ihm ein Gedanke ein. Er musste seine Kräfte einsetzen. Schon einmal wäre er fast in dieser Halle ertrunken. Doch da halfen ihm ebenfalls seine Kräfte. Er nahm all seine Kraft zusammen, die er noch hatte und konzentrierte sich. Schließlich verdrängte er das Wasser um sich herum und befand sich nun inmitten einer Luftblase.
Erschöpft schnappte er nach Luft. Gleichzeitig hielt er die Wassermassen von sich. Er blickte um sich. Überall Wasser. Er stand auf dem Grund des Beckens und konnte Marin nirgendwo erkennen. Er merkte, dass er seine Kräfte nicht mehr lange halten konnte. Also ließ er das Wasser langsam unter sich steigen - aber so, dass er nach oben getrieben wurde.
Als er oben ankam, blickte er um sich und suchte Marin. Schließlich entdeckte er ihn. Er war nicht mehr im Pool. Stattdessen stand er am Rand und beschwor das Wasser. Eine weitere Welle stürmte auf Robin zu. Kurz bevor sie wieder auf ihn einprasseln konnte, schleuderte er einen Feuerball von sich, in Richtung seines Nachhilfelehrers. Dieser wurde getroffen und zu Boden geschleudert. Kurzerhand beruhigte sich das Wasser in der Schwimmhalle.
Was soll das?“, schrie Marinas Bruder voller Wut.
Du hättest mich fast umgebracht“, wehrte sich Robin und stieg erschöpft aus dem Becken.
So ein Blödsinn! Das war eine ganz normale Lektion. Aber anscheinend war sie zu viel für dich.“
Und ob sie das war“, blaffte das junge Elementum seinen Nachhilfelehrer an. „Ich wäre beinahe ertrunken.“
Ich erklärte dir doch den Sinn der Übung. Du solltest eins mit dem Wasser werden. Hättest du dich konzentriert, hätte das auch geklappt. Aber stattdessen musstest du die Elemente Luft und Feuer einsetzen, um dich zu befreien. Du solltest eigentlich das Wasser nutzen.“
Wenn ich diese Kräfte nicht eingesetzt hätte, wäre ich jetzt tot“, verteidigte sich der Sechzehnjährige vehement.
Ach quatsch“, beschwichtigte ihn Marin. „Ich habe doch aufgepasst.“
Wenn du aufgepasst hättest, hättest du mir nicht so eine unlösbare Aufgabe gegeben.“
Die Übung war für einen Schüler in deinem Jahrgang angemessen.“
Wenn du ein richtiger Lehrer wärst, hättest du erkannt, dass dies eben nicht der Fall ist.“ Mit bösem Blick fixierte das Elementum den Studenten.
Vielleicht sollten wir für heute die Sitzung beenden. Du bist gerade zu emotional, um dich auf weitere Übungen konzentrieren zu können.“
Da bin ich diesmal deiner Meinung.“ Wütend drehte sich Robin um und machte sich auf den Weg in die Umkleidekabine.

Später klopfte der sechzehnjährige Schüler an die Tür von Tiberius von Zimmenthals Büro.
Ja bitte?“, erklang seine Stimme von innen.
Robin trat in das Büro. Noch immer war er sauer wegen des Vorfalls in der Schwimmhalle.
Ich möchte Sie darum bitten, Marin wegzuschicken und mir wieder von Marina Nachhilfe geben zu lassen.“
Der Lehrer blickte seinen Schüler mit hochgezogenen Augenbrauen an. Er erhob sich von seinem Bürostuhl und verschränkte die Arme ineinander, bevor er sprach:
Sie sprechen sicherlich von der heutigen Nachhilfestunde. Herr Hollenbach hat mich schon von ihrer Unfähigkeit unterrichtet.“
Meiner Unfähigkeit?“ Robin dachte, er hörte wohl schlecht. „Es ist eher die Unfähigkeit dieses Möchtegern-Nachhilfelehrers. Er hätte mich beinahe umgebracht.“
So ein Blödsinn“, entgegnete von Zimmenthal ruhig. „Die Übung war mit mir abgesprochen. Dies war eine ganz normale Lektion, die sie hätten bestehen können, wenn sie sich angestrengt hätten. Zudem ist Herr Hollenbach ein angehender Mediziner, der bereits einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat. Wenn nötig, hätte er die Erstversorgung mit Leichtigkeit bei Ihnen durchführen können. Aber ich bin davon überzeugt, dass es gar nicht soweit gekommen wäre. Sie übertreiben einfach maßlos.“
Sie sind doch nicht dabeigewesen“, klagte Robin den Wasser-Elementaristen an.
Ich kenne Herrn Hollenbach. Er würde nie fahrlässig handeln. Zudem habe ich Sie kennengelernt. Und bisher haben Sie nicht gerade mit herausragenden Leistungen geglänzt.“
Was soll das jetzt heißen?“, hakte der Schüler empört nach.
Sie haben noch sehr viel zu lernen und sollten sich dabei konzentrieren, Herr Held. Anstatt ihre Energie dafür aufzuwenden, irgendjemanen Vorwürfe zu machen, sollten Sie endlich anfangen, Ihre Kräfte ernstzunehmen und vor allem sich auf den Unterricht einzulassen.“ Herr von Zimmenthal klang ruhig, aber bestimmt, als er seine Worte aussprach. Dies machte Robin nur noch wütender.
Ich nehme meine Kräfte sehr ernst und bemühe mich täglich, mich weiterzuentwickeln. So etwas können Sie mir nicht vorwerfen.“
Bitte verlassen Sie jetzt mein Büro“, forderte der Lehrer den Schüler auf, ohne auf die letzte Aussage einzugehen.
Robin ballte die Fäuste vor Wut, erkannte aber, dass er so nicht weiterkommen würde. Also drehte er sich um und verließ resigniert das Büro des Lehrers. Er hätte es wissen müssen, dass man mit diesem Tyrannen nicht reden konnte. Er fragte sich nun selbst, warum er es überhaupt versucht hatte. Er würde nichts auf seinen ehemaligen Lieblingsschüler kommen lassen. Von Anfang an hatte er keine Chance gehabt. Wohl oder Übel musste er weitere Nachhilfestunden von Marinas Bruder über sich ergehen lassen.

Am Abend setzte sich Robin alleine auf eine Bank in den Innenhof des Internats. Er genoss den kalten Wind, der ihm um die Ohren wehte. Auf diese Weise versuchte er, den Kopf frei zu bekommen.
Da kam plötzlich Marina aus dem Gebäude der Mädchenschlafzimmer. Sie stapfte auf ihn zu und fragte ihn:
Darf ich mich zu dir setzen?“
Na klar“, antwortete er.
Was machst du hier so ganz allein?“
Ich muss nachdenken. Heute war ich sehr sauer auf deinen Bruder.“
Oh“, wunderte sie sich gespielt, „wie kann man denn auf mein Bruderherz sauer sein?“
Er hätte mich fast umgebracht.“
Erstaunt schaute ihn Marina an. So erzählte er ihr die ganze Geschichte. Bis zum Schluss hörte das Mädchen aufmerksam zu.
Und was sagst du dazu?“, wollte Robin von seiner Freundin wissen.
Was du erzählst, klingt sehr schlimm“, erwiderte sie nachdenklich. „Du weißt, dass ich meinen Bruder ebenfalls für einen Kotzbrocken halte. Und auch mein Tutor Herr von Zimmenthal ist nicht gerade mein Lieblingslehrer...“
Aber?“, hakte das junge Elementum nach.
Einen Mord würde mein Bruder nie begehen. Er wollte dich bestimmt nicht absichtlich ertränken.“
Du glaubst mir also auch nicht?“
Doch, natürlich tu’ ich das, Robin. Aus deiner Sichtweise muss es so passiert sein. Aber ich kenne meinen übereifrigen Bruder. Er will seine Sache nur besonders gut machen. Er möchte mal wieder der Beste sein. Und wenn er diese Lektion mit Herrn von Zimmenthal abgesprochen hatte, dann wollte er sie auch von Anfang bis Ende durchziehen. Und dabei hat er keine Rücksicht auf dich und deine Fähigkeiten genommen. Er hat dich bestimmt falsch eingeschätzt und deshalb unüberlegt gehandelt. Er hat nicht an die Konsequenzen gedacht. Aber ein Mörder ist er ganz bestimmt nicht.“
Der Sechzehnjährige seufzte. Nun klang alles ganz anders, als es sich für ihn angefühlt hatte. Aber er vertraute Marina. Sie war schlau und es stimmte, dass sie ihren Bruder besser kannte als er. Schließlich sagte er:
Vielleicht bin ich nach Skye einfach nur paranoid. Ich sehe hinter jedem Nachhilfelehrer einen potentiellen Attentäter.“
Das ist gut möglich“, bestätigte ihn die schlaue Schülerin. „Schließlich musste das alles ziemlich traumatisch für dich gewesen sein.“
Meinst du, ich brauche jetzt einen Psychiater?“, fragte er sie schmunzelnd.
Vielleicht reicht ja auch eine Gruppentherapie“, zwinkerte sie ihm schelmisch zu.
Du meinst so eine Art Treffen anonymer Elementaristen?“
Eher ein Treffen von einer exklusiveren Gruppe: Nur für diejenigen, die sich Elementum schimpfen dürfen.“
Dann wird das aber eine sehr kleine Gruppe“, fing Robin zu lachen an. Marina stieg mit ein und beide lachten laut durch die Dunkelheit.
Dies war der erste Augenblick an diesem Tag, an dem sich der Sechzehnjährige ausgelassen fühlte. Es war sogar der erste Moment seit vielen Tagen. Lange hatte er nicht mehr so fröhlich gelacht. So anstrengend war die Zeit im Haus 4E. Neben der normalen Schule musste er lernen, mit den Kräften der Elemente umzugehen. Tag für Tag war sein Leben davon bestimmt, dazuzulernen und sich anzustrengen. Jetzt durfte er endlich mal wieder lachen.
Und dann ausgerechnet in der Gegenwart von Marina.
Was bedeutet das?
Plötzlich verstummte ihr Lachen und Robin schaute seiner Mitschülerin tief in die Augen. Marina wusste gar nicht, was gerade geschah. Sie lief im Gesicht rot an und räusperte sich.
Äh, ich gehe dann jetzt mal auf mein Zimmer“, sprach sie aufgeregt und erhob sich von der Bank.
Marina...“, fing der Junge an, doch das Mädchen wehrte ab.
Ich wünsche dir eine gute Nacht, Robin!“ Mit diesem Satz drehte sie sich um und ging zurück zum Gebäude, in dem sie dann schließlich verschwand.
Nachdenklich blieb der Sechzehnjährige allein zurück. Noch einige Sekunden blickte er die Tür an, in der Marina verschwand. Wieder einmal hatte sie es geschafft, komische Gefühle in ihm auszulösen. Das war sehr unerwartet und wieder wusste er nicht, wie er damit umgehen sollte.
Hat sie etwas gemerkt?, fragte er sich.
Und erneut hatte er ein schlechtes Gewissen Aria gegenüber, obwohl zwischen ihnen beiden eigentlich gar nichts lief. Trotzdem nahm er sich vor, mit ihr zu sprechen. Er musste das mit ihr ins Reine bringen, bevor er sich über die Gefühle gegenüber Marina weitere Gedanken machen durfte. Sobald es eine Gelegenheit gab, wollte er mit der Luft-Elementaristin reden. Vielleicht war es sowieso besser, dass sie nur Freunde waren. Schließlich gehörten sie zu demselben Zirkel. Und eine Liebesaffäre innerhalb eines Zirkels war wahrscheinlich keine gute Idee.
Das bedeutete aber auch, dass er nichts mit Marina anfangen dürfte, denn auch sie gehörte zu seinem Zirkel.
Robins Stimmung war an einem Tiefpunkt angelangt. Vor wenigen Momenten hatte er noch ausgelassen gelacht und jetzt plagte ihn Liebeskummer.
Liebeskummer? Ist es das wirklich?
Schließlich beschloss er, auch ins Bett zu gehen und die Nacht darüber zu schlafen. Vielleicht würde ein neuer Tag neue Erkenntnisse bringen.