Sonntag, 13. August 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 4

In der nächsten Zeit pendelte sich Robins Tagesablauf ein und er gewöhnte sich an seine Unterrichts- und Nachhilfestunden. Auch mit Marin lief es ganz gut. Die neue Lehrerin Frau d’Air stellte sich als gute Lehrkraft heraus und Tiberius von Zimmenthal blieb der verhasste Lehrer von allen.
Anders sah es bei Marina aus, die total depressiv wirkte, wie ihre Freunde feststellten. Sie war nur noch traurig und sprach kaum. Im Unterricht strengte sie sich besonders an, um einen guten Eindruck bei Herrn von Zimmenthal zu hinterlassen, was ihr allerdings überhaupt nicht gelang. Stets waren ihre Beiträge ungenügend und dann wurde sie mit ihrem Bruder verglichen. Die Anwesenheit von Marin machte es nur noch schlimmer. Zu allem Überfluss war er nämlich zum persönlichen Assistenten des Lehrers mutiert und folgte ihm in allen Unterrichtsstunden. Dabei ergänzte er andauernd Marinas Redebeiträge und unterstützte damit den fiesen Lehrer in seinen Aussagen über das hübsche Mädchen mit der Brille.
Eines Nachmittags versuchte Robin Marina etwas aufzumuntern und suchte sie im Schulgebäude. Er fand sie in der Bibliothek, wo sie wie noch häufiger als sonst lernte, um noch besser zu werden.

Ich hätte mir gleich denken können, dass du hier bist“, sprach er sie mit völliger Inbrunst an, wobei er böse Blicke von anwesenden Mitschülern erhielt, die gerade beim Lernen waren.
Pssst!“, forderte Marina ihren Freund auf. „Du musst hier leise sein.“
Entschuldigung“, flüsterte er zur Antwort. „Ich wollte mal mit dir reden.“
Ich bin gerade am Lernen.“
Du bist schlau genug.“
Das sehen andere Leute anders“, gab sie zurück und Robin wusste, dass sie damit von Zimmenthal und ihren Bruder meinte.
Du weißt aber, dass das Schwachsinn ist“, entgegnete er ihr mit einer normalen Stimme, sodass er diesmal von anderen Schülern ein „Pssst!“ kassierte.
Ist ja gut“, flüsterte er ihnen wieder leise zu und blickte seine intelligente Mitschülerin wieder an. „Lass uns das doch bitte draußen besprechen.“
Widerwillig packte Marina ihr Zeug ein und folgte dem Sechzehnjährigen aus dem Raum. Vor der Bibliothek fing sie an, sich zu beschweren:
Warum hast du mich jetzt gestört? Ich habe noch viel zu tun. Ich muss bis morgen noch einiges zu Lessings Fabeln herausfinden.“
Aber wir besprechen doch gerade seine Epigramme“, argumentierte Robin, der stolz darauf war, dass er wusste, was gerade das Thema des Literaturunterrichts war.
Ich habe das Gefühl, dass wir aber schon bald zu den Fabeln übergehen werden und ich dann wieder vorgeführt werde, wenn ich nicht genug darüber Bescheid weiß“, entgegnete die Schülerin resigniert.
Nun muss ich dir mal was sagen, Marina“, kündigte das blonde Elementum ernst an. Sie war sehr gespannt darauf, was nun folgen würde. Da sprach er weiter:
Es stimmt, dass die beiden schon sehr viel von dir verlangen. Und du bist doch nicht auf den Kopf gefallen. Mittlerweile müsstest du erkannt haben, dass du ihnen nie Genüge leisten kannst. Der von Zimmenthal ist ein Arsch und wird dich immer vorführen, wenn du es zulässt und dich darauf einlässt. Da musst du souveräner sein. Für deinen Bruder gilt das genauso. Du kennst ihn zwar länger, aber ich hatte nun schon einige Nachhilfestunden bei ihm und weiß, wie er über dich redet. Auch ihm wirst du nicht so schnell das Gegenteil beweisen können. Also sei endlich mal selbstbewusst und gib nicht nach. Du bist die beste Schülerin im Jahrgang. Dass du nicht so schlau bist wie ein Medizin-Student oder ein Lehrer, ist meiner Meinung nach nichts Verwerfliches.“
Nach diesem langen Monolog wusste Marina keine Antwort. Sie musste tatsächlich darüber nachdenken, was ihr Robin gerade gesagt hatte. Schließlich antwortete sie:
Du hast recht. Ich bin die beste im Jahrgang und habe die besten Noten. Und egal, was ich mache, es wird nie an Marins Leistungen heranreichen, weil er in den Augen von Herrn von Zimmenthal total auf ein Podest gehoben wird. Ich darf meine Energie nicht dafür verschwenden, zu versuchen, besser zu sein als mein Bruder. Das ist vergeudete Lebensmühe.“
Endlich hast du es begriffen“, entgegnete ihr das Elementum freudig. „Und irgendwann kommt der Tag, an dem du zeigen kannst, dass du etwas besser kannst als die beiden zusammen.“
Plötzlich riss das Mädchen die Augen auf und schaute ihren Freund so an, als ob er gerade ein Wunder heraufbeschworen hatte. Da trat ihr ein Lächeln ins Gesicht.
Was ist los?“, wollte Robin verwirrt wissen.
Da schnappte sie sich seine Hand und sagte:
Komm mit!“
Sie schleifte ihn zu den Unterrichtsräumen und der blonde Jugendliche fragte sich, wohin sie ihn gerade brachte. Schließlich öffnete sie die Tür zum Musiksaal, in dem normalerweise der Musikunterricht stattfand. Dieser Raum war anders als die anderen Klassenräume. Er war zum einen größer und zum anderen hatte er eine kleine Bühne, auf dem ein beeindruckender schwarzer Flügel stand. Robin wusste, dass weitere Instrumente im Hinterzimmer des Saals aufbewahrt wurden, das Klavier aber quasi für alle offen zugänglich war.
Setz dich“, befahl Marina ihrem Mitschüler, der sich brav an einen Schülerplatz setzte. Das Mädchen hingegen setzte sich auf den Klavierhocker. Zunächst stimmte sie ein paar Tasten an. Erwartungsvoll blickte Robin das Mädchen mit der großen Nerdbrille an. Er war gespannt darauf, was nun folgen würde.
Schließlich begann sie, eine traurige Melodie auf dem Klavier zu spielen. Ihre Finger glitten leichthändig über die Tasten, was den Jungen äußerst faszinierte. Nach der Ouvertüre ließ sie sogar ihre glockenklare Stimme erklingen und sang:

Das Leben ist hart
Es schlägt mir mitten ins Gesicht
Diese höllische Achterbahnfahrt
Und am Ende ist kein Licht in Sicht
Dieses Leben ist so hart
Warum muss ich da bloß durch?
Warum hat man es mir nicht erspart?
Dann hätte ich nicht diese Furcht

Ich kann nicht mehr
Denn es ist viel zu schwer
Diese Last kann ich nicht mehr,
Ich kann sie nicht ertragen

Das Unglück der Welt
Liegt auf meinen Schultern
Fühle mich wie entstellt
Wegen dieser Foltern
Das Unglück der Welt
Liegt wie ein Stein im Herzen
Es ist das, was mich quält
Bereitet mir große Schmerzen

Ich kann nicht mehr
Denn es ist viel zu schwer
Diese Last kann ich nicht mehr,
Ich kann sie nicht ertragen

Nach jedem hoffnungsvollen Schimmer
Wird es doch wieder und wieder schlimmer
Und ich denk, ich will nimmer
Nimmer mehr
Ich kann nicht mehr
Ich kann nicht mehr

Ich kann nicht mehr
Denn es ist viel zu schwer
Diese Last kann ich nicht mehr,
Ich kann sie nicht ertragen

Als die letzten Töne der Melodie erklangen und das Mädchen ihr Stück beendete, klatschte jemand in die Hände. Aber es war nicht Robin. Beide Schüler drehten sich zur Tür und da stand Frau d’Air, die sie neben Sport und Kunst auch in Musik unterrichtete. Marina und Robin sahen, dass sie Tränen in den Augen hatte.
Wünderschön“, lobte die Luft-Elementaristin. „Das war fantastisch. Sie sind sehr talentiert, Frau 'ollenbach. Warum 'aben Sie das nie im Musikunterrischt gezeigt?“
Marina errötete bei diesen Worten.
Ich wusste auch noch nicht, wie toll du Klavier spielen kannst“, fügte der sechzehnjährige Schüler hinzu. „Und deine Stimme erst! Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut.“
Vielen Dank“, engegnete sie kleinlaut. Ihr waren diese Komplimente sichtlich unangenehm.
Darf isch fragen“, hakte die Lehrerin nach, „wer dieses Stück komponiert und geschrieben ‘at?“
Das war ich selbst“, antwortete das Mädchen schüchtern.
Ausgezeischnet!“, rief die neue Lehrerin freudestrahlend aus. „Sie sind eine Talent der Natür!“
Da merkte Robin, dass er totales Herzklopfen hatte. Die Worte der Lehrerin waren wahr. Marina hatte ein großes Talent und er wusste nicht, was alles in ihr steckte. Und jetzt verstand er auch, was sie ihm zeigen wollte: Sie war äußerst musikalisch, was ihr Bruder wahrscheinlich nicht war. Und damit hatte sie was, was sie von ihm abhob und womit Herr von Zimmenthal sie nicht mit Marin vergleichen konnte.
Robin war tief berührt von dem Lied. Es war sehr traurig und gefühlvoll. Die Zeilen brachten ihn zum Nachdenken und plötzlich sah er seine Mitschülerin mit ganz anderen Augen. Für ihn erstrahlte sie in einem ganz neuen Licht.
Aber was ist mit Aria?
Dieser Gedanke schoss ihm plötzlich durch den Kopf. Erst dann fiel ihm wieder ein, dass er eigentlich in die blonde Luft-Elementaristin verliebt war und noch eine Verabredung mit ihr offen stand. Doch in den letzten Wochen hatten sie gar nicht mehr über ihre Beziehung zueinander geredet. Es gab so viele andere Dinge in ihrem Leben und mittlerweile waren sie so richtig gute Freunde geworden. Vielleicht hatte er sie auch schon als selbstverständlich angesehen und daher keinen Flirtversuch mehr unternommen.
Jetzt hatte er ein schlechtes Gewissen, denn er wusste nicht, was gerade mit ihm passierte. Hatte er noch Gefühle für Aria? Und was war das eben mit Marina? Er war völlig verwirrt.
Er beschloss, Frau d’Air und Marina alleine zu lassen und verabschiedete sich schnell. Seine Freundin konnte ihn gar nicht richtig verabschieden, da war er schon aus der Tür und auf dem Weg in sein Zimmer. Er wollte nur noch die Decke über seinen Kopf ziehen und einen klaren Gedanken fassen.
Doch leider hatte er die Rechnung ohne Iggy gemacht, der in seinem Bett lag und ein Buch laß.
Hey“, begrüßte der rothaarige Junge mit den Sommersprossen seinen blonden Zimmergenossen. „Was ist los?“
Nichts“, gab er ihm leicht gestresst zur Antwort.
Irgendwas ist doch passiert. Erzähl schon!“
Alles in Ordnung“, behauptete der Sechzehnjährige vehement.
Das nehme ich dir nicht ab“, probierte Iggy es weiterhin. „Du hast Schweißperlen auf der Stirn. Nun sag doch, was los ist.“
Wie konnte er ihn so schnell durchschauen. Sie kannten sich doch erst seit ein paar Monaten. Robin fragte sich, ob er wirklich so leicht zu durchschauen war. Völlig verwirrt warf er sich bäuchlings auf sein Bett und vergrub sein Gesicht in seinem Kissen.
Lass mich bitte in Ruhe“, flehte er.
Der Feuerelementarist legte sein Buch auf seinen Nachttisch und setzte sich auf. Er ging rüber zum Bett seines Kumpels und ließ sich bei ihm nieder.
Ach komm schon“, forderte er ihn auf. „Jetzt machst du mir Sorgen.“ Er klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken.
Mir geht es gut“, versuchte Robin seinen Mitbewohner zu beruhigen. „Ich habe nur ein bisschen Kopfschmerzen.“
Das kannst du deiner Oma erzählen“, entgegnete Iggy ihm. „So gut kenne ich dich auch schon. Warum magst du mir nicht die Wahrheit erzählen?“
Es ist mir unangenehm.“ Robin rappelte sich auf und setzte sich neben Iggy. Trotzdem legte er seinen Kopf in die Hände und atmete schwer aus.
Hat dir Aria einen Korb gegeben?“, hakte Iggy nun nach, ohne zu wissen, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte.
Neeein“, jammerte der sechzehnjährige Schüler vor sich hin.
Aber...?“, wollte Iggy weiter wissen.
Ich...“, begann er, „ich... ich habe mich in Marina verguckt.“
Was?“, stieß der Rotschopf schockiert aus. „Wie bitte? Was sagst du da? Marina?“ Er war vollkommen aus dem Häuschen.
Oh Mann“, klagte Robin.
Und was ist mit Aria? Ist sie jetzt out?“
Ich weiß es doch auch nicht.“ Der blonde Junge raufte sich die Haare, bevor er weitersprach. „Eben hat sie mir etwas auf dem Klavier vorgespielt und dabei gesungen. Da ist es geschehen.“
Was ist geschehen?“
Ich hatte plötzlich Schmetterlinge im Bauch.“
Und bist du dir nicht sicher, ob das vielleicht nur wegen des Liedes war?“
Keine Ahnung“, antwortete er. „Mir gehen gerade tausend Gedanken durch den Kopf.“
Oje, Robin...“, seufzte Iggy.
Was soll ich jetzt nur tun?“
Jetzt warte doch erst mal ab. Das war doch gerade eben. Wer weiß, vielleicht sind das nur die Hormone. Morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“
Toller Tipp“, erwiderte Robin argwöhnisch, woraufhin er seinen Kopf wieder in seinem Kissen vergrub.
Iggy musste ihn noch eine ganze Weile auf dem Rücken tätscheln, bis er sich beruhigt hatte. Schließlich versuchte er die ganze Sache vernünftig zu betrachten:
Vielleicht hast du recht und ich sollte erst einmal abwarten. Außerdem bin ich ja gar nicht mit Aria zusammen. Also habe ich keine Verpflichtungen. Und eventuell bin ich ja gar nicht in Marina verliebt.“
Genau“, bestätigte der Rotschopf die Gedanken seines Kumpels.
Daraufhin wollte er das Thema zunächst einmal auf sich beruhen lassen.

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