Sonntag, 6. August 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 3

Der Mittwochmorgen fing für die fünf Jugendlichen nicht gut an. Besonders Marina ging es überhaupt nicht gut. Alle saßen sie betrübt beim Mittagessen und blieben stumm. Irgendwann durchbrach Aria die Stille:
Warum sagen sie uns das erst so spät? So viel Zeit haben wir nicht mehr.“
Anscheinend haben sie es vergessen“, versuchte Iggy als Erklärungsversuch zu liefern. „Aber wagen wir uns, mal etwas zu vergessen, dann ist der Teufel los.“
Die Rede war von einem Betriebspraktikum, welches im Januar anstand. Sie erfuhren im Fach Gesellschaftslehre von Frau Bottenberg davon. Sie mussten sich einen normalen Betrieb suchen, in dem sie im Januar kurz vor den großen Element-Prüfungen zwei Wochen lang ein Praktikum durchführen mussten. Ein folgender Bericht hatte zwar lediglich Auswirkungen auf die Note im neuen Halbjahr, aber dennoch belastete es die Jugendlichen, weil sie dann während des Praktikums für ihre erste praktische Prüfung in ihrem Element lernen mussten.

Alle stimmten wieder in ein gemeinsames Seufzen ein. Nach einer weiteren Redepause unternahm nun Robin einen Versuch, das Thema zu wechseln:
Sag mal, Marina, wie findest du das Eintreffen deines Bruders?“
Ach hör auf“, winkte sie resigniert ab. „Das ist noch so eine Tragödie.“
Warum denn das?“, wollte Aria wissen. „Verstehst du dich nicht mit ihm?“
Das ist noch untertrieben“, gab das Mädchen mit der Brille zur Antwort. „Dabei denkt er, er sei mein großes Vorbild. Aber es sind meine Eltern, die mich in seinen Fußstapfen sehen wollen. Und natürlich Herr von Zimmenthal.“
Deswegen ist er so gemein zu dir“, stellte Robin fest.
Mir tut es auch leid, dass du ihn nun ebenfalls an der Backe hast, Robin.“
Das muss dir doch nicht leidtun“, entgegnete er seiner Mitschülerin. „Du hast ihn ja nicht eingeladen.“
Hallo“, ertönte plötzlich eine männliche Stimme hinter ihnen. Die fünf Schüler drehten sich um und sahen Marin mit einem Tablett auf sie zukommen. „Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich mich zu euch setze.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er direkt neben seiner Schwester Platz. „Ich saß da drüben so ganz alleine am Tisch und dachte mir, dass ich mich doch zu meiner kleinen Schwester und meinem Nachhilfeschüler setzen könnte.“
Marina verdrehte die Augen, ohne dass es ihr Bruder mitbekam.
Du bist Marin, nicht wahr?“, sprach die Luft-Elementaristin als erste. „Mein Name ist Aria.“
Freut mich sehr“, entgegnete der Student. „Und wie heißt ihr?“ Er blickte die beiden Jungen erwartungsvoll an.
Das hier ist Jojo und ich heiße Iggy“, antwortete der Rotschopf für sie beide.
Wow, bist du groß“, staunte Marin und meinte damit den hühnenhaften Jojo. Dieser nickte nur freundlich, ohne ein Wort hinzuzufügen.
Und wie war euer Unterricht heute Vormittag?“, wollte der Student wissen, um ein Gespräch in Gang zu setzen.
Wir haben heute erfahren, dass wir im Januar ein Praktikum machen müssen“, erklärte Aria.
Oh toll!“, rief der junge Mann aus. „Das hat mir damals sehr viel Spaß gemacht, weil es ein wenig Abwechslung in den Alltag gebracht hatte. Ich hatte es damals in einer Arztpraxis ganz hier in der Nähe gemacht. Marina, du könntest doch auch mal dort anfragen“, schlug er seiner Schwester motiviert vor.
Warum das denn?“, erwiderte sie genervt.
Da lernt man viel“, antwortete er darauf.
Aber ich will doch keine Ärztin werden.“
Lass das mal nicht unsere lieben Eltern hören“, ermahnte Marin seine jüngere Schwester.
Erzürnt stand Marina plötzlich auf, schnappte sich ihr Tablett und stürmte davon.
Ja, das ist mein zickiges Schwesterherz“, erklärte der Streber Marinas Auftritt.
So kennen wir sie aber nicht“, warf Robin nun mit einem Staunen in der Stimme ein. „Wir haben sie als sehr zurückhaltend kennengelernt.“
Hahaha...“ Marin fing zu lachen an, als ob sich der blonde Schüler einen lustigen Scherz erlaubt hatte. Überrascht blickten sich die vier Jugendlichen gegenseitig an.

Nach der Mittagspause hatten sie das erste Mal Sport bei der neuen Lehrerin mit dem französischen Akzent. Sie hinterließ sofort einen guten Eindruck bei ihnen, obwohl sie einiges von ihnen forderte und der Sportunterricht recht anstrengend war. Am Ende der Stunde durften die Schüler Völkerball spielen. Doch Frau d'Air nahm Robin aus der Gruppe und fragte ihn, ob sie kurz miteinander sprechen könnten.
Selbstverständlich“, antwortete der junge Elementarist freundlich. „Was kann ich für Sie tun?“
Als isch erfahren ‘abe, dass isch ‘ier ein Elementum unterrischten würde, war es eine größe Ehre für misch. Nischt viele Menschen ‘aben das Glück, ein Elementum zu treffen.“
Ach“, wehrte Robin verschämt ab, „so besonders ist es doch auch nicht.“
Und ob“, widersprach die neue Lehrerin dem Schüler. „Es ist sogar sehr besonders. Aber dennoch wollte isch Ihnen mitteilen, dass isch Sie nischt anders behandeln werde als alle anderen Schüler. Isch werde Ihnen keinen Bonüs geben.“
Bei diesen Worten war der Sechzehnjährige ganz überrascht. Er musste kurz schlucken, bevor er antwortete:
Das habe ich auch nicht erwartet, Frau d’Air. Kein Lehrer behandelt mich anders, nur weil ich ein Elementum bin.“
Dann bin isch ja sehr berühigt. Isch ‘atte schon Angst, dass Sie einen gewissen Notenschutz ‘aben. Ich ‘örte nämlisch, dass Sie täglisch Nachhilfestunden in den Elementen bekommen.“
Das ist zwar wahr“, gab er zu, „aber dennoch darf ich die anderen Fächer nicht vernachlässigen und muss mich darin genauso anstrengen wie alle anderen. Da können Sie sicher sein.“
Die Lehrerin nickte höflich und präsentierte erneut ihr strahlend weißes Lächeln. Dann schickte sie den blonden Schüler zurück zur Gruppe.

Nach dem Unterricht machte sich Robin sofort auf den Weg in sein Zimmer, duschte und setzte sich an seinen Schreibtisch.
Heute so fleißig?“, wunderte sich sein Zimmergenosse Iggy, der ebenfalls gerade ins Bad gehen wollte, um sich den Schweiß vom Sportunterricht vom Körper zu waschen. „Die nächste Klausur steht doch erst übernächste Woche an, so viel ich weiß. Oder habe ich etwas vergessen?“
Keine Sorge“, beruhigte ihn das Elementum. „Marin hatte mir gestern aufgetragen, aufzuschreiben, was ich hinsichtlich des Wassers alles kann.“
Und du machst das?“, staunte der Rotschopf.
Ich will keinen Ärger. Die neue Lehrerin machte mir heute deutlich, dass ich nicht anders behandelt werde als alle anderen Schüler, nur weil ich ein Elementum bin. Und ich möchte nun beweisen, dass ich auch gar keinen Bonus brauche und alles irgendwie hinbekomme - sei es der normale Unterricht oder meine Nachhilfe.“
Da hast du dir ja einiges vorgenommen. Viel Erfolg!“ Mit diesen Worten verschwand er im Badezimmer und kurz darauf hörte Robin nur noch das Rauschen des Wassers unter der Dusche.

Etwas später stand der blonde Jugendliche auch schon mit seinem neuen Nachhilfelehrer in der Schwimmhalle.
Ich finde das ja krass“, staunte er. „Bisher habe ich den Pool noch nicht gesehen. Schade, dass wir ihn nicht zum Privatvergnügen nutzen dürfen.“
Diese Institution wurde nicht zum Vergnügen aufgebaut“, ermahnte ihn Marin sofort mit ernster Stimme. „Meine Schwester war wirklich noch nicht hier mit dir?“
Nein“, antwortete Robin zögerlich. „Wir haben bisher immer draußen geübt oder auch in der Sporthalle.“
Kein Wunder, dass du noch nicht so viel drauf hast. Du musst das Wasser um dich herum haben, wenn du es richtig kennenlernen willst. Du musst es spüren. Daher werden wir uns jetzt umziehen und gleich in Badesachen hierher zurückkehren.“
Wie bitte?“ Der Sechzehnjährige glaubte, sich verhört zu haben.
Hast du ein Problem damit?“
Ich habe keine Badehose“, gab er zu bedenken.
Keine Sorge, ich habe noch eine zweite, die ich dir leihen kann.“
Bei diesem Gedanken ekelte er sich, denn ihm war sofort aufgefallen, dass Marin mit seinen fettigen Haaren nicht gerade sehr gepflegt wirkte. Da wollte er sicher nicht seine Badehose anziehen.
Kann ich nicht schnell zurück auf mein Zimmer gehen und mir meine Badehose holen?“
Das wäre jetzt pure Zeitverschwendung. Wir wollen doch gleich anfangen.“ Und damit war die Diskussion beendet.
In der Umkleidekabine überlegte er kurz, ob er lieber nackt in den Pool steigen wollte, gab aber den Gedanken wieder auf, weil er befürchtete, dass jemand in die Halle kam und ihn da so sah. Also zog er wohl oder übel Marins zweite Badehose an, die der Hose vollkommen glich, die der Student ebenfalls gerade angezogen hatte. Und diese Badehose war nicht gerade schön, denn Marin bevorzugte leider keine coolen Shorts wie Robin sie normalerweise trug. Es waren ja noch nicht mal enganliegende Pantys, die zumindest bis zum Oberschenkel reichten. Stattdessen trugen sie nun beide kleine, enge Badeslips. Robin kam sich wie sein eigener Opa vor.
Die Nachhilfestunde ging dann aber schneller vorüber als erwartet. Und obwohl Marin ihn ziemlich auf Trab hielt, strengte sich Robin so sehr an, dass er gut mithalten konnte und die Übungen erfolgreich durchführte. Sogar ein Lob bekam er am Ende der Stunde von Marinas Bruder.
Doch dann passierte etwas Peinliches. Als der Sechzehnjährige aus dem Wasser stieg, stand plötzlich Frau Funke vor ihm. Sofort errötete er und versuchte seine Badehose zu verstecken. Ihm war das vollkommen peinlich, so gesehen zu werden - und dann noch von einer Frau.
Herr Held, ich wollte Ihnen nur kurz mitteilen, dass Sie sich keine Praktikumsstelle suchen müssen. Das erledigen wir für Sie.“
Wie bitte?“ Der blonde Jugendliche schaute vollkommen verdutzt. Er wusste nicht, was er von dieser Aussage halten sollte. Gerade heute erst hatte er von der neuen Lehrerin gehört, dass er keine besondere Behandlung zu erwarten hatte. Und er selbst wollte sich beweisen, dass er das nicht nötig hatte. Und nun suchten die Lehrer ihm eine Praktikumsstelle. „Warum darf ich mir nicht selbst einen Platz suchen?“
Weil sie kein Betriebspraktikum machen werden“, antwortete die Lehrerin mit den roten Locken. „Wir möchten die Zeit nutzen, dass Sie wieder etwas über Ihre Kräfte dazulernen.“
Ach so“, atmetete er erleichtert auf. „Ich werde also wieder zu irgendeinem angesehenen Elementaristen reisen, der mir etwas beibringt.“
Genau so ist es. Wir können Ihnen aber noch nichts Genaueres sagen. Zu gegebener Zeit erklären wir es Ihnen aber.“
Robin verstand. Er bedankte sich bei seiner Tutorin und verschwand schnell in der Umkleidekabine, um seine Badehose loszuwerden. Er wollte nicht länger in dieser herumlaufen. Er nahm sich vor, das nächste Mal seine eigene mitzubringen.

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