Sonntag, 23. Juli 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 2

Der nächste Morgen begann furchtbar, besonders für Marina. Sie hatten nämlich zwei Blöcke bei ihrem verhassten Tutoren Tiberius von Zimmenthal. Erst einmal hatten sie neunzig Minuten Literatur und ohne Pause ging es gleich weiter mit neunzig Minuten Grammatik. Andere Lehrer ließen sie zwischen zwei Blöcken zumindest kurz verschnaufen. Nicht der Wasser-Elementarist.
Marina war wohl die klügste Schülerin im ganzen Jahrgang. Sie war fleißig und strengte sich mehr an als alle anderen. Bei jeder Frage wusste sie eine Antwort und sofort waren ihre Finger oben. Doch Herrn von Zimmenthal reichte dies niemals aus.
Heute möchten wir über ein Epigramm von Gotthold Ephraim Lessing sprechen“, begann der Lehrer mit dem Literatur-Unterricht. „Da Sie ja eine ganz Schlaue sind, können Sie uns sicherlich einen kurzen Abriss über die Biografie des Dichters geben, Frau Hollenbach.“
Ohne zu zögern sprang Marina von ihrem Stuhl auf und erzählte etwas über das Leben Lessings. Robin war bewusst, dass sicherlich kein anderer Schüler auch nur ansatzweise hätten eine Antwort geben können - ihn eingeschlossen. Daher verdiente Marina den größten Respekt.

Sehr schön, Frau Hollenbach“, kommentierte von Zimmenthal ihren Monolog mit einer Überheblichkeit in seiner Stimme. „Leider haben Sie uns nicht sein genaues Geburts- und Todesdatum genannt. Nun muss ich das wohl für Sie nachholen. Sehr schade.“
Marina wollte gerade den Mund öffnen, um diese Zahlen zu ergänzen, da sie sie auch wusste, doch der großgewachsene Lehrer mit der ernsten Miene schnitt ihr das Wort ab:
Das genügt, Frau Hollenbach. Setzen Sie sich bitte wieder.“
Man konnte förmlich mitansehen, wie ihr vor Wut die Röte in die Wangen stieß. Das war nicht das erste Mal, dass er ihre Antwort nicht lobte, sondern sie auf ihre Defizite aufmerksam machte, ohne dass sie diese wieder gutmachen konnte. Sie konnte diesen Mann einfach nicht ausstehen. Aber das schien ihm egal zu sein. Er war es gewöhnt, dass kein Schüler ihn mochte.

Nach den vier Stunden war die ganze Klasse völlig fertig und erschöpft. Deshalb brauchten sie ziemlich lange, um ihre Sachen zu packen. Robin ging auf Marina zu, um ihr Mut zuzureden:
Du warst heute wieder großartig, Marina. Beachte seine Kommentare einfach nicht. Sicherlich wirst du trotzdem fünfzehn Punkte in den Fächern bekommen. Eine schlechtere Punktzahl darf er dir einfach nicht geben.“
Da wäre ich mir nicht so sicher“, entgegnete sie ihrem Freund. „Dem Kerl ist alles zuzutrauen. Ich kann machen, was ich will und dennoch reichen meine Leistungen bei ihm einfach nicht aus. Im letzten Test hat er mir so viele Sachen rot angestrichen.“
Aber du hattest doch vierzehn Punkte, oder?“
Das schon“, seufzte sie. „Aber meiner Meinung nach hatte ich die volle Punktzahl verdient. Er hat nur nach irgendwas gesucht, um mir Punkte abzuziehen.“
Plötzlich räusperte sich jemand laut im Klassenraum. Erst dann merkten die beiden, dass mittlerweile alle Schüler das Zimmer verlassen hatten und sie nur noch die einzigen neben Herrn von Zimmenthal waren, die noch da waren.
Schockiert schauten sie ihren Lehrer an. Sie wussten natürlich, dass er ihr Gespräch mitbekommen hatte. Schließlich sagte er etwas:
Frau Hollenbach, Sie denken vielleicht, dass Sie die beste Schülerin dieser Einrichtung sind. Vielleicht sind Sie das auch in diesem Jahrgang. Aber wahre Intelligenz haben ganz andere bewiesen, so wie Ihr Bruder. Glücklicherweise wird er heute hier im Haus 4E einfinden. Vielleicht können Sie sich dann endlich mal eine Scheibe von ihm abschneiden.“
Was sagen Sie da?“, hakte die junge Wasser-Elementaristin überrascht nach. „Mein Bruder kommt heute hierher?“
Sie haben mich richtig verstanden. Ich habe ihn gebeten, ein paar Wochen hier zu verweilen, um Ihrem Mitschüler etwas in Sachen des Elements Wasser beizubringen. Sie sind nicht gerade die perfekte Nachhilfe für Herrn Held, wie ich finde.“
Für mich?“, rief nun Robin dazwischen.
Genau“, bestätigte von Zimmenthal. „Der Bruder ihrer Mitschülerin kommt speziell wegen Ihnen hierher. Er kann Ihnen wirklich etwas beibringen.“
Schnell schnappte sich Marina ihren Rucksack und rannte aus dem Klassenraum. Erschrocken blickte der blonde Schüler seiner Freundin nach. Er meinte sogar, ein paar Tränen in ihren Augen entdeckt zu haben, als sie sich davonmachte. Wieder einmal hatte es der fiese Lehrer geschafft, Marina zu verletzen. Robin packte sich ebenfalls seine Sachen und rannte dem hübschen Mädchen mit der Nerdbrille hinterher.
Marina, nun warte doch!“, rief er ihr auf dem Flur hinterher, doch sie blieb nicht stehen. Er konnte nur noch sehen, wie sie auf die Mädchentoilette floh und die Tür hinter sich zuschmiss.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als zum Mittagessen zu gehen. Als er sich zu seinen anderen Freunden in die Mensa setzte, wollten sie natürlich wissen, wo Marina blieb. In Kurzfassung erzählte der Sechzehnjährige ihnen, was vorgefallen war.
Wie bitte?“, rief Aria schockiert aus. „Was ist das denn bitte für ein Mensch?“
Du hast ihn doch mittlerweile kennengelernt“, seufzte Iggy resigniert.
Aber das darf sie sich nicht bieten lassen“, beschwor das blonde Mädchen energisch. „Sie muss was gegen ihn tun. Das ist doch reine Schikane. Nicht mal uns behandelt er so mies.“
Ich weiß auch nicht, warum er sie so auf dem Kieker hat“, fügte Robin hinzu.

Das ganze Mittagessen über blieb Marina entfernt. Erst im nächsten Unterrichtsblock erschien sie wieder. Sie hatten Informatik. Wortlos setzte sie sich an ihren Computer und folgte dem Unterricht wie gewohnt. Sie starrte auf den Bildschirm und tippte hoch konzentriert alles mit, was ihnen Frau Funke diktierte. Doch Robin und die anderen konnten sehen, was für rote und verquollene Augen sie hatte.
Sie muss die ganze Mittagspause über geheult haben“, flüsterte Iggy seinem Sitznachbarn und Zimmergenossen zu.
Die Arme“, kommentierte er dies voller Mitleid.
Das kann doch nicht so weiter gehen.“
Du hast recht“, bestätigte Robin. „Wenn Herr von Zimmenthal die Wahrheit sagte, werde ich sowieso ihren Bruder kennenlernen. Vielleicht kann ich mal mit ihm reden.“
Das ist eine sehr gute Idee!“
Herr Brenner und Herr Held“, sprach Frau Funke plötzlich die beiden Jungen an, „würden Sie bitte zuhören?“
Entschuldigung!“, sprachen beide gleichzeitig und konzentrierten sich von da an auf den Unterricht.

Nach der Stunde kam die Lehrerin noch mal auf den Sechzehnjährigen zu und sprach ihn an:
Rektor Quinn erwartet Sie jetzt nach dem Unterricht in seinem Büro.“
Geht es um die Nachhilfe mit Marinas Bruder?“, hakte er interessiert nach.
Sie haben davon gehört?“
Herr von Zimmenthal deutete da heute Vormittag etwas an“, entgegnete der Jugendliche.
Dann wissen Sie ja Bescheid. Aber Herr Quinn wird Ihnen alles näher erläutern.“
Bevor er sich auf den Weg zum Büro des Schulleiters machte, nickte er Marina noch einmal verständnisvoll zu. Sie erwiderte seinen Blick mit einem zaghaften Lächeln, was ihn nicht überzeugen konnte. Sie war noch immer niedergeschlagen. Hoffentlich konnte er ihren Bruder um Rat bitten.
Schnurstracks betrat er das Verwaltungsgebäude und klopfte an die Tür des Rektors.
Herein“, kam eine Stimme von innen. Als Robin die Tür öffnete, standen drei Männer vor ihm. Zum einen war es der Schulleiter und zum anderen sein verhasster Literatur- und Grammatik-Lehrer Tiberius von Zimmenthal. Den dritten im Bunde kannte er nicht, aber weil er fast noch so jung war wie er selbst, vermutete er, dass dies Marinas Bruder war.
Guten Tag, Herr Held“, sprach Herr Quinn freundlich. „Wir möchten Ihnen heute einen ehemaligen Schüler dieses Hauses vorstellen. Sein Name ist Marin Hollenbach. Ihnen wird der Name sicher vertraut sein.“
Hallo“, erwiderte Robin freundlich und hielt dem jungen Mann seine Hand entgegen. „Du musst Marinas Bruder sein.“
Richtig“, gab er mit einem breiten Grinsen zurück. „Freut mich, dich kennen zu lernen.“
Im Gegensatz zu seiner Schwester würde man Marin nicht gerade als Schönling bezeichnen. Er hatte zwar ebenfalls eine große Nerdbrille auf, aber seine restlichen Klamotten zeugten nicht von Stil. Er trug einen hellblauen Pollunder über einem weißen Hemd und eine schwarze Fliege am Hals. Seine Frisur wirkte sehr brav. Sein fettiges, braunes Haar wurde von einem Seitenscheitel durchzogen. Eine Strähne fiel ihm rechts über die Stirn. Sein Dreitagebart wirkte auch nicht gerade gepflegt. Dafür war er aber sehr freundlich und grinste unentwegt.
Nun meldete sich Herr von Zimmenthal zu Wort.
Herr Hollenbach war ein vorbildlicher Schüler und gehört definitiv zu den besten Abgängern dieses Instituts. Er hat das Internat letztes Jahr mit einem Schnitt von 1,0 verlassen und studiert jetzt Medizin in Heidelberg. Doch für Sie nimmt er sich ein Semester Auszeit, um Ihnen Nachhilfe im Element Luft zu geben. Ich denke, er wird Ihnen eine wertvolle Stütze sein.“
Und was ist mit Marina? Sie hat mir bisher sehr gut Nachhilfe gegeben.“
Das wird erst einmal nicht mehr nötig sein“, sprach der Lehrer weiter. „Es wird ihr nicht schaden, wenn sie sich stärker auf ihre eigenen Leistungen konzentriert. Zwar wird es ihr kaum gelingen, an die Leistungen ihres Bruders heran zu kommen, aber sie beabsichtig ja zumindest Jahrgangsbeste zu werden.“
Bei diesen Worten wäre Robin fast vor Wut geplatzt. Er schaute erwartungsvoll den Bruder seiner Freundin an. Er erhoffte sich eine angemessene Reaktion seinerseits, doch Marin grinste einfach unentwegt weiter.
Herr von Zimmenthal bemühte sich um eine Nachhilfekraft außerhalb des Internats“, warf nun der Rektor ein. „Es ist immer besser, wenn wir jemanden finden, der selbst nicht mehr hier unterrichtet wird. Leider fehlen uns die Gelder, um noch mehr Hilfskräfte speziell für Sie einzustellen. Deshalb sind wir stets darüber dankbar, wenn das jemand freiwillig und unentgeldlich übernehmen möchte.“
Also deshalb...
Nun war dem Sechzehnjährigen klar, warum er im Element Wasser eine externe Nachhilfe bekam. Bisher war es nur so, dass er manchmal an Wochenenden renommierte Elementaristen besuchte, die ihm etwas in einem kurzen Wochenendseminar beibrachten. Schon alleine die Reisen dahin waren kostspielig. Überhaupt hatte er ein Stipendium für das Internat, weil seine Eltern nichts von der wahren Ausbildung hier wussten und diese daher nicht bezahlten. Das war sehr teuer. Daher konnten nicht noch irgendwelche Nachhilfelehrer eingestellt werden. Die Lehrkräfte selbst konnten diese Zusatzbelastung ebenfalls nicht leisten. Daher machten das bislang seine Mitschüler. In den Elementen Luft und Erde würden sie dies auch weiterhin übernehmen müssen.
Sie müssen ja nicht gleich heute mit der Nachhilfe beginnen, aber vielleicht möchten Sie sich ja kennenlernen“, schlug der älterliche Schulleiter freundlich vor. „Vielleicht machen Sie einen kleinen Spaziergang zum Main.“
Sehr gerne“, bestätigte Marin, der weiterhin vor sich hergrinste.

Schließlich verließen die beiden das Schulgelände durch das große Tor und liefen in Richtung Main.
Ich freue mich darauf, dir Nachhilfe zu geben“, begann Marin ein Gespräch. „Es ist so eine große Ehre, mit einem Elementum zu tun zu haben.“
Machst du es deswegen?“, wollte Robin wissen, wofür er aber lediglich einen verdutzten Gesichtsausdruck zur Antwort bekam.
Wie meinst du das?“
Na ja“, fuhr der Sechzehnjährige fort, „nicht jeder kann es sich leisten, ein Semester im Studium auszusetzen.“
Also da musst du dir keine Gedanken machen. Auch wenn ich an der Uni bin, arbeite ich nicht. Unsere Eltern sind recht wohlhabend und finanzieren mir alles. Als ich Ihnen erzählte, dass ich gefragt wurde, dir Nachhilfe zu geben, sagten sie, dass ich das unbedingt tun sollte. Ein Semester kann ich verschmerzen. Das Medizinstudium dauert sowieso sehr lange. Aber ein Elementum zu unterstützen, darf nicht jeder.“
Bisher hat mich deine Schwester sehr gut unterstützt.“
Das wissen meine Eltern auch und daher waren sie sehr stolz darauf, dass nun auch ihr zweites Kind diese Chance bekommt.“
Wow“, staunte der blonde Jugendliche, „ich bin wohl wirklich was ganz Besonderes.“
Das kann man wohl laut sagen“, bestätigte Marin grinsend. „Zudem war ich gerne hier im Internat. Die Zeit hier war großartig. Was ich alles lernte, ist unbeschreiblich.“
Lernte...?“
Genau! Solche Erfahrungen macht man nur einmal im Leben. Und jetzt darf ich wieder hier sein.“
Robin konnte dies nicht ganz nachvollziehen.
Und warum wirst du dann nicht Lehrer? Dann kannst du hier später unterrichten und noch länger hier sein?“
Marinas Bruder überlegte kurz, bevor er darauf antwortete:
Es klingt vielleicht gierig, aber als Lehrer verdient man doch nichts. Außerdem genießt man als Arzt ein viel höheres Ansehen. Mit meinen Noten wurde ich in Heidelberg mit Kusshand angenommen.“
Robin rollte mit seinen Augen, was er natürlich vor seinem neuen Nachhilfelehrer verbarg.
Und was sagst du zu Herrn von Zimmenthal?“
Dieser Mann ist einfach großartig. Er ist der beste Lehrer, den ich je hatte.“
Wie bitte?“ Robin traute seinen Ohren nicht.
Ich weiß. Die meisten können ihn nicht leiden, aber ich kam immer super mit ihm aus. Und er hat wirklich ein großes Wissen. Von ihm kann man viel lernen.“
Aber findest du nicht, dass es mies ist, was er über deine Schwester sagt?“
Marina ist so dünnhäutig. Sie soll sich nicht so anstellen und lieber auf ihn hören. Ihre Noten könnten wirklich noch besser sein.“
Das Elementum wusste nicht, wie er reagieren sollte. Am liebsten hätter er dem Brillenträger die Meinung gegeigt. Doch er riss sich zusammen und erwiderte lediglich:
Sie hat überall vierzehn oder fünzehn Punkte!“
Warum hat sie nicht überall fünfzehn Punkte?“, war Marins plumpe Antwort. Der blonde Jugendliche dachte bald, er fiele vom Glauben ab. Marin klang fast so, als ob er von Tiberius von Zimmenthal eine Gehirnwäsche erhalten hatte. Er war richtig platt.
Wann sollen wir denn mit der Nachhilfe am besten anfangen?“, fragte Marin weiter, ohne das Thema weiterhin zu vertiefen.
Kopfschüttelnd antwortete Robin einfach mit:
Morgen...“
Sehr gut! Am besten du fasst mir mal bis dahin schriftlich zusammen, was du bisher hinsichtlich des Elementes Wasser alles kannst.“
Ihm ging dieser Streber jetzt schon auf die Nerven.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen