Sonntag, 16. Juli 2017

[Elementum 2] Stille Wasser - Kapitel 1

Wie wird wohl unser neuer Lehrer sein?“, fragte Robin seinen Zimmergenossen und besten Freund Iggy.
Ich weiß nicht, aber ich hoffe, es wird ein netter und guter Lehrer.“
Das hoffe ich auch“, gab der blonde Sechzehnjährige zurück. Dabei dachte er daran, wie der letzte Lehrer war, der sie im Element Luft unterrichtete. Iggy stand ja auf den charmanten und jungen Herrn. Skye Hawkins stellte sich jedoch später als gemeiner Fiesling heraus, der auf Robins Kräfte eifersüchtig war und ihm deshalb an den Kragen wollte.
Robin Held war nämlich ein Elementum. Im Gegensatz zu seinen Mitschülern im Internat Haus 4E beherrschte der sportliche, blonde Junge mit den graublauen Augen alle vier Elemente. Beispielsweise konnte sein rotschöpfiger Mitbewohner mit den Sommersprossen lediglich das Element Feuer beherrschen. Er selbst aber hatte die Macht über das Feuer, das Wasser, die Luft und die Erde. Damit gehörte er zu einer Minderheit in der Welt der Elementaristen, die von der normalen Welt geheim gehalten wurde. Nichtmal Robins Adoptiveltern wussten darüber Bescheid.
Vielleicht ist er diesmal nett und zudem gutaussehend“, ergänzte Robin und zwinkerte Iggy neckend zu.

Hör auf damit“, entgegnete dieser leicht mürrisch.
Jetzt mal ehrlich, mein Freund. Du kannst endlich dazu stehen, dass du schwul bist. Ich werde dich nicht dafür verurteilen.“
Lass mich in Ruhe!“, blaffte der Rothaarige seinen Zimmergenossen an, packte seinen Rucksack und schlug die Tür hinter sich zu, als er den Raum verließ.
Jetzt habe ich ihn wohl verärgert.
Das wollte Robin wirklich nicht. Er ist erst seit ein paar Monaten im Haus 4E und Ignaz Brenner war in dieser kurzen Zeit sein bester Freund geworden. Sie hatten sich zwar wegen ihres ehemaligen Lehrers ab und an in den Haaren, aber sie haben sich immer wieder vertragen. Das hatte sie sogar noch mehr zusammengeschweißt.
Und seit diesen Auseinandersetzungen wusste der Sechzehnjährige, dass sein Kumpel eher auf Jungs als auf Mädchen stand. Er war es nämlich, der den attraktiven, jungen Lehrer stets verteidigte, obwohl sich dieser oftmals seltsam benommen hatte. Schließlich stellte sich heraus, was das für ein Fiesling war und Iggy sah das ein. Das änderte aber nichts daran, dass der rothaarige Jugendliche nun immer noch nicht zu sich stand.
Robin nahm sich von nun an vor, das Thema sein und seinen Freund damit in Ruhe zu lassen, bis er sich irgendwann selbst dazu entscheiden würde, dazu zu stehen.
Jetzt war es Zeit fürs Frühstück und dann würde der Unterricht beginnen.

In der Mensa setzte sich Robin zu Iggy und seinen anderen drei Freunden, die zu seinem Zirkel gehörten. Vor kurzem hatten sie ihn gegründet und es „E-Team“ getauft. Ein Zirkel war normalerweise ein Zusammenschluss von vier Elementaristen, die jeweils ein anderes Element beherrschen konnten. Doch ein Elementum durfte ein fünftes Mitglied darstellen, womit der Zirkel ungleich mächtiger gegenüber gewöhnlichen Zirkeln war.
Es tut mir wirklich leid“, entschuldigte er sich sofort bei seinem Zimmergenossen, um den Frieden wieder herzustellen.
Was tut dir leid?“, wollte die neugierige Aria Himmel wissen. Die blonde Schönheit war Robins heimlicher Schwarm und beherrschte die Luft.
Schon in Ordnung“, wehrte Iggy schnell ab, weil er nicht näher auf das Thema eingehen wollte.
Ist was vorgefallen?“, hakte Aria erneut nach.
Nein, alles okay“, wiederholte der Rotschopf und machte deutlich, dass das Thema nun beendet war.
Heute freue ich mich auf die Schule“, begann nun Marina mit etwas Neuem.
Freust du dich nicht immer auf die Schule?“, entgegnete ihr Robin schnippisch, um sie ein wenig zu ärgern. Denn Marina Hollenbach war die absolute Streberin im Team. Sie war klug und hatte die besten Noten. Ihre langen braunen Haare hatte sie an diesem Morgen streng auf dem Kopf zusammengeknotet, sodass ihre Nerdbrille noch größer aussah und sie noch streberhafter wirken ließ. Marina beherrschte das Wasser und gab Iggy ebenfalls Nachhilfe in diesem Element.
Ha ha“, entgegnete sie ironisch, „sehr witzig.“
Der letzte im Bunde war Joris Keller, der von allen nur Jojo genannt wurde. Wie immer blieb der große, muskulöse Bursche ruhig und beteiligte sich kaum an dem Gespräch. Er war eher ein guter Zuhörer als ein Redeführer. Während die anderen sich unterhielten, schweifte sein Blick jedes Mal von einem Sprechenden zum nächsten.
Warum freust du dich denn so?“, wollte Aria wissen.
Heute ist doch der erste Tag des Lehrers mit dem Element Luft. Ich bin so gespannt, wie dieser sein wird.“
Aber heute haben wir doch gar kein Fach mit ihm“, warf Iggy ein.
Ihr nicht“, widersprach Aria. „Ich habe heute meinen Praxisschwerpunkt Luft und lerne ihn kennen.“
Neben den allgemeinen Fächern wie Mathematik oder Literatur wurden alle Schüler in ihrem Element unterrichtet, um zu lernen, es zu beherrschen. Da man anfangs glaubte, Robin wäre ein normaler Feuer-Elementarist, wurde er diesem Element zugeordnet. Später, als man erkannte, dass er ein Elementum war, überlegte man, wie man nun mit ihm verfahren würde. Schließlich blieb man dabei, dass er weiterhin der Gruppe der Feuer-Elementaristen zugeordnet war und er darüber hinaus von Mitschülern in den anderen Elementen Nachhilfe erhielt.
Dann kannst du uns später erzählen, wie er so ist“, schlug der blonde Sechzehnjährige seiner Mitschülerin vor.
Ich werde euch über alle Einzelheiten informieren.“

An diesem Montagmorgen begann der Unterricht ganz normal mit dem Fach „Theorie der Elemente“ bei Frau Bottenberg, einer Erd-Elementaristin. Wie der Name schon sagt, erfuhr man alles über die Macht der Elemente. Ein Unterrichtsblock dauerte neunzig Minuten. Anschließend wechstelte man zum nächsten Fach. In diesem Falle war es Mathematik bei Frau Funke, welche Robins und Iggys Tutorin war, weil sie eine Feuer-Elementaristin war. Wie Frau Bottenberg war es eine sehr nette und beliebte Lehrerin.
Um 12:00 Uhr war Mittagszeit. Wieder trafen sich die fünf Freunde in der Mensa und nahmen das eher schlechte als rechte Mittagessen zu sich. Heute gab es Bockwürste mit Sauerkraut, wahlweise Tofu-Würstchen für Vegetarier.
Warum gibt es nicht wenigstens original Frankfurter Würstchen?“, jammerte Robin. Seit er in Frankfurt auf das spezielle Internat ging, identifizierte er sich immer mehr mit dieser Stadt. Sie war ihm zwar ungewohnt groß und mit lauter hohen Wolkenkratzern, aber er genoss seine neuen Erfahrungen.
Nach dem Mittagessen war es endlich soweit und der Praxisschwerpunkt begann. Alle Luft-Elementaristen fanden sich auf dem Schulhof ein, welches der ideale Ort war, um sich mit dem Element der Luft zu beschäftigen, weil sie sich ja an der freien Luft befunden hatten.
Dahingegen siedelten sich die Wasser-Elemtaristen im Keller des Internatsgebäudes an, wo sich eine schuleigene Schwimmhalle befand. Da die Schüler lernen mussten, das Wasser zu beherrschen, war oftmals eine Menge Wasser nötig, was man irgendwo hinfließen lassen musste. Ein Pool war perfekt dafür geeignet.
Die Feuer-Elementaristen hatten derweil in der Sporthalle ihre Unterrichtsstunden, welche sich hinter dem normalen Unterrichtsgebäude befand. Dort waren die idealen Schutzbedingungen, falls ein Feuer ausbrechen sollte, denn die Halle war mit den neusten Schutzmechanismen ausgestattet.
Daneben befand sich ein großer Schulgarten mit einem schuleigenen Treibhaus. Dort wurden die Erd-Elementaristen unterrichtet, die sich vor allem mit der Natur, der Erde und den Pflanzen beschäftigten. Wenn es nicht regnete, fand der Unterricht wie bei den Luft-Elementaristen im Freien statt. Ansonsten im Treibhaus, dessen Temperaturen auf Normaltemperaturen eingestellt werden konnten, falls es nötig war.
Da heute noch relativ gutes Wetter war, obwohl es schon Anfang November war, konnte der Unterricht der Luft-Elementaristen wie gewohnt auf dem Hof stattfinden. Später im Winter mussten sie sich die Sporthalle mit den Feuer-Elementaristen teilen, was kein Problem war, weil man eine Trennwand herunterfahren konnte.
Alle Schüler des Elements Luft, insbesondere Aria, waren gespannt darauf, wer sie von nun an unterrichten würde. In Reih und Glied standen sie nebeneinander auf dem Hof und blickten erwartungsvoll auf den Eingang des Verwaltungstraktes, wo sich die Büros und sogar die Wohnräume der Lehrkräfte befanden. Schließlich trat Benedikt Quinn, der Rektor des Internats, aus der Tür, dicht gefolgt von einer zierlichen, dunkelhäutigen Frau mit langem, gewellten Haar und einem runden Gesicht. Ihre großen Augen funkelten. Ihr pinker Lippenstift fiel sofort auf und umrandeten ihre strahlend weißen Zähne. Trotz des recht windigen Wetters trug sie lediglich ein gelbes Sommerkleid.
Liebe Schülerinnen und Schüler“, sprach der graubärtige Schulleiter, „darf ich Ihnen Ihre neue Tutorin Frau Aurélie d’Air vorstellen?“
Sofort begrüßten sie alle freundlich:
Guten Morgen, Frau d’Air!“, wobei einige Schüler Schwierigkeiten mit der französischen Aussprache des Namens hatten und ihn hart wie den Artikel „der“ klingen ließen.
An die neue Lehrerin gewandt, fragte sie der Rektor:
Möchten Sie sich vielleicht der Gruppe selbst einmal vorstellen?“
Sehr gerne“, erwiderte sie mit einem niedlichen, französischen Akzent. „Mein Name ist Aurélie d’Air. Isch bin geboren im Kongo, aber aufgewachsen in Fronkreisch. Isch ‘abe studiert 'ier in Deutschland und war dann wieder ein paar Jahre im Kongo und ‘abe dort Elementaristen unterrischtet. Nun bekam isch das Angebot, wieder zu kommen nach Deutschland und hier zu unterrischten, was isch sehr gerne angenommen ‘abe. Bitte verzeihen Sie mir meine Aussprache, aber isch spresche besser Fransösisch als Deutsch. Isch ‘offe mit der Zeit zu lernen diese Sprache noch besser.“
Das werden Sie sicherlich“, bestätigte ihr der gutmütige Schulleiter. „Nun werde ich wieder in mein Büro zurückkehren und wünsche Ihnen allen viel Erfolg beim Unterricht.“
Damit verließ Quinn den Hof und die Schüler blieben mit der neuen Lehrkraft allein zurück.
Vielleischt ‘aben Sie noch ein paar Fragen an misch?“
Aria schaute sich um und erwartete, dass sich jemand meldete und nachhakte, warum Frau d’Air bei diesem Wetter lediglich ein Sommerkleid trug, während alle anderen zumindest einen dicken Pulli trugen, wenn nicht sogar schon ihre Winterjacke. Doch keiner meldete sich, also hob sie selbst die Hand.
Ja, bitte? Wie ist Ihr Name, Mademoiselle?“
Ich heiße Aria Himmel und ich möchte Sie nicht kritisieren, aber ist Ihnen nicht kalt?“
Oh“, lächelte die neue Lehrerin liebreizend und präsentierte erneut ihr perlweißes Lächeln, „es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie sisch Sorgen machen um misch. Aber isch friere nischt. Und das liegt daran, dass isch die kalte Luft um misch 'erum kontrolliere und von mir fernhalte.“
Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge. Das hatten sie alle noch nicht gehört, dass man sich die Kälte vom Leib halten konnte.
Strengt Sie das nicht an?“, hakte das weißblonde Mädchen mit den blauen Augen noch einmal nach.
Isch muss zugeben, dass isch misch erst einmal wieder daran gewöhnen muss. Im Kongo ist es sehr ‘eiß und da musste isch misch nischt um die kalte Luft sorgen. Aber in Fronkreisch und ‘ier ist es immer so kalt. Und da habe isch mir das antrainiert.“
Sehr beeindruckend“, kommentierte die Schülerin, woraufhin die Schüler zu klatschen anfingen.
Vielen Dank“, sprach Frau d’Air weiter. „Aber Sie werden das sischerlisch auch bald können.“
Und damit begann nun der Unterricht.

Am Nachmittag erzählte Aria natürlich alles ihren Freunden aus dem Zirkel, sodass sie ebenfalls etwas zu staunen hatten. Nun waren auch Robin, Iggy, Marina und Jojo sehr gespannt auf Frau d’Air und freuten sich auf den Unterricht mit ihr.
Schade, dass wir sie erst am Mittwoch im Fach Sport haben“, ließ Robin zähneknirschend verlauten. „Ich freue mich auf ihren französischen Akzent.“ Bei diesem Satz stieg er in ein lautes Lachen ein.
Hey“, ermahnte ihn Marina. „Sei nicht so gemein und mach dich nicht über die Defizite anderer lustig!“
Das wollte ich doch gar nicht“, protestierte der Sechzehnjährige.
Jeder hat seine Schwächen, wie jeder auch seine Stärken hat. Wahrscheinlich wirst du ihr beim Beherrschen der Luft nicht das Wasser reichen können.“
Robin, aber auch die anderen drei schauten Marina ganz verdutzt an. Sie wunderten sich über ihre Reaktion.
Ich habe doch niemanden persönlich angegriffen“, versuchte sich der blonde Schüler erneut zu verteidigen.
Marina seufzte:
Schon gut.“
Trotzdem behielt diese Situation einen kleinen Beigeschmack für die Beteiligten. Sie fragten sich, was für eine Laus Marina über die Leber gelaufen war. Sie reagierte fast so, als ob sie selbst angegriffen worden war. Aber die fünf Jugendlichen ließen das Thema damit auf sich beruhen und verschwanden zu ihren Arbeitsgemeinschaften, die nachmittags stattfanden. Nur Robin blieb mit Jojo zurück, da er noch eine Nachhilfestunde im Element Erde erhalten sollte.

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