Sonntag, 16. April 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 25

Es gingen wieder einige Tage ins Land. Ruth be­schloss, ihr Leben wieder in den Griff zu bekom­men. Sie hatte mittlerweile einen Termin bei einer Therapeutin, die am Telefon sehr freundlich klang. Ihre Eltern würden sie zu ihr fahren, doch sie wollte schon mal vorher versuchen, vor die Tür zu gehen. Ein kleiner Spaziergang war vorgesehen, bei dem ihre Eltern sie natürlich auch begleiteten.
Was die Arbeit betraf, hatte sie mit ihrem Chef in der Bäckerei gesprochen. Sie würde das kom­plette Jahr aussetzen und dann wieder im zweiten Jahr einsteigen. Bis dahin hatte sie Zeit, sich zu fangen. Das waren gute Aussichten.
Ihr nächstes Ziel war Tobias. Ihm wollte sie auch näher kommen. Derzeit beschränkte sich ihre Kommunikation auf die SMS. Sie hatte sich nicht mehr getraut, ihn morgens einzuladen, wenn die Eltern arbeiten waren. Aber er fragte auch nicht danach. In dieser Hinsicht war er ein absoluter Gentleman, der ihr tatsächlich alle Zeit ließ, die sie brauchte. Das sorgte dafür, dass sie sich noch mehr in ihn verliebte.
In einer Nacht hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste die ganze Zeit an ihn denken. Er ging ihr nicht mehr aus dem Kopf – und besonders schwer war es, weil sie wusste, dass er auf der anderen Seite ihrer Zimmerwand war. Sie verspürte Sehn­sucht. Und daher musste sie handeln.

Es war etwa drei Uhr in der Nacht. Ihre Eltern schliefen selig. Sie kramte eine große Wolldecke aus ihrem Schrank und schlich leise aus ihrem Zimmer. Als sie im Hausflur war, zog sie ganz lei­se die Tür hinter sich zu. Als sie vor der Wohnung ihres Nachbarn stand, überkam sie kurz die Angst. Doch sie schüttelte sie schnell ab. Sie dachte nur an Tobias und wollte, dass er sie in den Arm nahm.
Sie stellte sich an die Tür und klopfte. Wieder verwendete sie ihr gemeinsames Klopfzeichen: Fünfmal kurz und zweimal lang. Sie wartete. Es passierte nichts. Vielleicht schlief er. Sie versuchte es noch einmal, aber es tat sich immer noch nichts. Vielleicht schlief er.
Mist!
Was sollte sie nun tun? Sie überlegte zu klin­geln, aber das wäre zu laut gewesen. Wenn er schlief, wollte sie ihn nicht wecken. Schweren Her­zens beschloss sie, wieder zurück ins Bett zu ge­hen. Da öffnete sich die Tür und sie blickte in die Augen ihres Polizisten.
Tobias“, rief sie leise, aber glücklich aus.
Was machst du denn mitten in der Nacht hier?“
Ich vermisse dich!“
Er strahlte bei diesen Worten.
Magst du reinkommen?“
Sie zögerte, doch dann streckte er ihr seine Hand entgegen. Sie packte zu und er führte sie in die Wohnung. Sie gingen zusammen ins Schlaf­zimmer. Das kannte sie bisher noch nicht.
Hier schläfst du?“
Na ja“, antwortete er, „ob ich auf der Couch oder gleich in seinem Bett schlafe, ist egal. Ich habe mein eigenes Bettzeug mitgebracht und dann geht das schon. Und hier im Schlafzimmer bin ich dir nahe, denn du bist auf der anderen Sei­te der Wand.“
Trotz dass sie sich geschmeichelt fühlte, blieb sie starr stehen.
Fühlst du dich hier nicht wohl?“
Können wir ins Wohnzimmer gehen? Ich habe eine Decke mitgebracht. Die können wir auf dem Boden auslegen.“
Du möchtest nicht mit seinen Sachen in Berüh­rung kommen. Das kann ich verstehen.“
Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer, wo al­les so war, wie sie es das letzte Mal vorgefunden hatte. Sie legten die Decke auf den Boden und setzten sich im Schneidersitz darauf. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er nur ein weißes Shirt und Boxershorts anhatte.
Warum starrst du mich so an?“, fragte er schließlich mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
Du siehst gut aus“, gab sie neckend zurück.
Ich freue mich, dass du hier bist. Ich weiß ja, wie schwer es dir fällt.“
Solange du bei mir bist und mich festhältst, geht es schon.“
Du willst, dass ich dich festhalte?“, fragte er ungläubig.
Anstatt zu antworten, nahm sie seine Arme und zog ihn zu sich. Zaghaft erwiderte er ihre Umar­mung. Er drückte sie an seine Brust. Sie hörte sein Herzklopfen. Sie verharrten in dieser Posi­tion. Diesmal war alles perfekt. Er machte keinen Versuch, weiterzugehen als sie wollte. Auch so war er sehr zufrieden. Für einen kurzen Augen­blick waren beide sehr glücklich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen