Sonntag, 2. April 2017

[Er wartet auf dich] Kapitel 23

Immer wieder bekam Ruth SMS und Emails von ihren Freunden, die sie meistens ignorierte. Sie schämte sich, ihnen vor die Augen zu treten. Dass sich Vergewaltigungsopfer oft schämen, davon hatte sie früher schon gehört. Sie fand das lächerlich, da sie davon überzeugt war, dass die Opfer ja nichts dafür konnten und sich daher nicht schämen müssten. Doch jetzt war sie selbst in dieser Situation und fühlte auch so. Nur gegenüber Tobias war es anders.
Ihn lernte sie kennen, als es gerade passiert war. Als er sie zum ersten Mal sah, war sie fast komplett nackt und blutüberströmt. Vor ihm muss­te sie sich nicht verstecken, denn er war quasi live dabei. Und obwohl sie ihn noch nicht so lange kannte, vertraute sie ihm.
Daher freute sie sich, als sie am nächsten Mor­gen eine SMS von ihm bekam:

Guten Morgen! Wie geht es dir?

Besser. Danke. Ich verstehe es immer noch nicht und ich mache mir viele Gedanken, aber es geht schon wieder.

Magst du mit mir darüber sprechen? Wollen wir telefonieren?

Komm rüber. Meine Eltern sind sowieso ar­beiten.

Das ließ sich der junge Polizist nicht zweimal sagen und so stand er ein paar Minuten später in ihrer Wohnung.

Danke für die erneute Einladung“, lächelte er.
Magst du mit mir frühstücken?“
Ein Kaffee wäre gut.“
Gemeinsam gingen sie in die Küche. Er setzte sich an den Tisch, während Ruth die Kaffeema­schine anschmiss.
Das war ein Schock gestern Abend, nicht wahr?“, sprach er das Thema vorsichtig an.
Und wie“, bestätigte die Achtzehnjährige. „Das hat mich völlig verwirrt. Aber andererseits ist es gut, dass ich mehr weiß. Dann habe ich was zum Verarbeiten.“ Sie drehte sich um und zwinkerte dem jungen Mann zu, der da so in ihrer Küche saß. Er lächelte zurück.
Als sie ihm den Kaffeebecher hinstellte, schau­te sie ihn fragend an.
Was ist?“, wollte er wissen. „Habe ich einen Pi­ckel auf der Nase?“
Nein“, gab sie zurück. „Ich frage mich nur, wie alt du bist.“
Dann frag mich doch einfach. Ich bin 29.“
Ui“, verhöhnte sie ihn, „schon so alt.“
Hey“, meckerte er gespielt, „so alt bin ich noch nicht.“
Er ahnte schon, warum sie ihn das fragte. Er selbst fand den Altersunterschied zwischen ihnen beiden auch ziemlich groß. Elf Jahre lwaren das.
Alter spielt aber keine Rolle“, bestimmte sie schließlich. Das fand Tobias gut und da musste er lächeln. „Darf ich dir was zeigen?“, fragte sie ihn sodann.
Natürlich.“
Dann folge mir.“
Sie nahm ihn mit in ihr Zimmer und bat ihn, sich auf ihr Bett zu setzen. Dann kramte sie in der Schublade ihres Schreibtisches. Sie zog ein Buch heraus. Es war nicht sehr dünn, hatte aber ein großes Format.
Tobias las den Titel vor:
Ruths Backrezepte. Ach, das hast du dir dru­cken lassen?“, fragte er erstaunt.
Nein, das war meine Oma. Das sind ihre Re­zepte. Sie hieß ebenfalls Ruth.“
War sie auch Bäckerin?“, wollte er wissen.
Nein, aber sie backte privat für ihr Leben gern. Sie brachte es mir auch bei.“
Da hat sie dir ja ein wunderbares Talent weiter­gegeben. Ich habe den Kuchen, den du gestern drüben auf der Kommode stehen lassen hast, pro­biert. Fantastisch.“
Ruth errötete.
Danke!“
Dann blätterte sie durch das Kochbuch. Überall waren Rezepte für verschiedene Backwaren. So­gar ein Foto war immer dabei. Auf der letzten Seite war dann ein Foto ihrer Großmutter abgebil­det. Da war sie noch etwas jünger und hatte hell­blondes Haar. Es schien gefärbt zu sein. Sie strahlte über beide Ohren.
So war meine Oma“, erklärte Ruth. „Sie war immer gut drauf und hatte immer ein Lächeln im Gesicht.“
Du vermisst sie sehr, nicht wahr?“
Ruth stiegen die Tränen in die Augen. Und wie sie ihre geliebte Großmutter vermisste. Sie würde sie niemals mehr so lächeln sehen. Das war die Hölle für sie.
Behutsam nahm Tobias die Achtzehnjährige in die Arme. Ruth genoss diesen Augenblick und sei­ne Wärme. Sie ließ es zu. Irgendwann blickte sie auf und schaute in sein Gesicht. Tobias schaute ihr ebenfalls in die Augen. In dieser Position ver­harrten sie ein paar Sekunden. Schließlich kamen sich ihre Gesichter näher und ihre Lippen trafen sich.
Tobias drückte Ruth näher an sich und ihr Kuss wurde energischer. Auch sie zog ihn näher an sich heran. Ein Gefühl des Glücks durchströmte sie. Ir­gendwann griff er automatisch am Rücken unter ihr Shirt.
Da zuckte sie zusammen und löste sich sofort von ihm. Sie sprang auf und stand da wie erstarrt.
Das tut mir leid“, rief er sofort entschuldigend. „Das wollte ich nicht.“
Doch Ruth reagierte nicht, sondern starrte ihn nur weiterhin entsetzt an. Da stand er auf und sie zuckte erneut zusammen.
Entschuldige bitte“, wiederholte er. „Das war wahrscheinlich etwas zu schnell. Ich gehe jetzt besser.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er aus dem Zimmer und wenige Sekunden später hörte Ruth, wie die Haustür zufiel.

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